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Mo, 10:18 Uhr
09.11.2009

nnz-Forum: Schund

Ende Juni diesen Jahres hatte die nnz über das bevorstehende Erscheinen des neuen Buches von Christoph Nix berichtet. Jetzt gibt es dazu eine Bemerkung im Forum der nnz.


"Es gibt nicht die von mir geschilderte Stadt", schreibt Herr Nix im Nachwort. Aber damit die getroffenen Raben auch wirklich krächzen ("zwitschern" lässt Nix sie am Ende des Buches), nennt er die nahen Umgebungspunkte dennoch beim Namen: die Raketenproduktionsstätte KZ Mittelbau Dora, der Kyffhäuser, Bad Frankenhausen. Für die ganz Begriffsstutzigen ist das Nordhäuser Theater jedoch auch auf dem Umschlag abgebildet.

"Das Gleiche gilt für die hier geschilderten Menschen", schreibt Herr Nix im Nachwort: aber Inszenierungen oder Personen, auf die Herr Nix stolz ist oder in deren Nähe zu rücken er aus anderen Gründen nicht verzichten kann, werden dann doch beim echten Namen genannt: "Der Bettelstudent", "Dantons Tod", "The Wall", Peter Palitzsch, Armin Petras.

"Dies ist eine Erzählung, (...) alles ist erfunden", schreibt Herr Nix im Nachwort. Als Nordhäuser identifiziert man trotzdem problemlos Personen, Biographien, Orte und Geschehnisse: (Aschen-) Brenners Tabakladen, Buchhaus Rose, der "Socken", die Geschichte um den Pachtvertrag des Theatercasinos, die Wandschmierereien, die Proteste gegen unselige Inszenierungen.

Grund des unentschlossenen Spagats zwischen Nix' realer Abrechnung mit seiner Nordhäuser Vergangenheit, Selbstbeweihräucherung und Selbstmitleid einerseits und andererseits das vehemente Statement, angeblich nur Erfundenes zu präsentieren, dürfte das eindimensionale Feindbild des Bürgermeisters und Kulturdezernenten "Schuch" sein. In diese Figur stopft Nix alles an Gegenwind, was ihm seinerzeit in Nordhausen um die Ohren blies.

Somit ist nicht zuletzt Nix' unredlicher Wankelmut, nun seine Memoiren darstellen, oder doch nur eine beliebige Geschichte um ein ostdeutsches Theater der Nachwendezeit erzählen zu wollen Schuld daran, dass "Rabenjagd" hart an die Grenze zur Heuchelei rückt.

Was erzählt "Rabenjagd- Eine Theatergeschichte" nun aber jemanden, der Nordhausen weder kennt, noch den die Hintergründe der Fabel interessieren? Demjenigen Leser präsentiert Nix die Geschichte um einen grundguten, etwas blauäugigen, aber immer nur Bestes wollenden Intendanten, der von allen Menschen in Stadt, Stadtrat und Theater hintergangen und gehasst wird für Dinge, an denen er keinerlei Schuld trägt wie schlechtes Regietheater oder Etat-Überschreitungen. Ungeliebt und unverstanden selbst bei anderen Intendanten trifft der gute Wessi auf seine Nemesis,
den bösen Ossi.

Der hat eine Stasi-Vergangenheit inklusive Verrat am eigenen Sohn, mauschelt mit anderen Stadträten, sieht im Wessi eine Bedrohung und wird daher von Odins sprechenden Raben in den Wahnsinn getrieben, bis er sich eine Ritterrüstung anzieht und auf den Intendanten mit einem Schwert losgeht.

Das klingt abstrus, das ist es auch, und die handwerklichen Schwächen der Erzählung von Entschuldigung, Schuld und Schuldzuweisung machen es nicht besser. Keine Figur der Geschichte lebt, kein Protagonist erhält Tiefe, alles bleibt oberflächlich angerissen, nichts wird etabliert oder entwickelt, jedermann ist Abziehbild und Behauptung. Nebenfiguren tauchen auf, geben inhaltslose Sätze von sich ("ich liebe Leder") und sind sofort wieder verschwunden.

Die im Klappentext gestellte Grundsatzfrage, warum zwei Raben als Marx und Engels auf die Welt kommen, wird lapidar mit einem "er war ein Spaßvogel" beantwortet. An dieser Stelle des dünnen Buches hat man sich an derlei Substanzlosigkeit aber bereits gewöhnt und bewundert nur noch Nix' Courage, die Erzählung mit einem Heinrich-Heine-Zitat zu beginnen.

Wenn am Ende nicht einmal der Autor selbst weiß, wie er die Geschichte abschließen soll und aus Ratlosigkeit seinen Intendanten einfach als dritten Raben davonfliegen lässt (nach Sardinien, nicht nach Kassel), bleibt auch der Leser nach 111 Seiten verwirrt zurück und fragt sich, was er da eigentlich gerade gelesen hat? Schund.
Ronald Winter
Autor: nnz/kn

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