Der Schuster soll bekanntlich bei seinen Leisten bleiben. Wo das im alten Handwerk heute noch der Fall ist, da blickt der Schuhmacher nicht selten nach Ellrich, denn hier werden seit nunmehr 150 Jahren Schuhleisten hergestellt, mit traditionellen Methoden und moderner Technik…
150 Jahre Tradition - in Ellrich werden seit 1876 hölzerne Schuhleisten gefertigt (Foto: agl)
Im Jahr 1876 zieht es Mathias Spenlé in den Südharz. Der Tüftler mit dem französischem Akzent im Namen stammt aus dem Elsass und hat eine Erfindung im Gepäck, die er hier, mit den großen Buchenwäldern direkt vor der Haustür, zum Einsatz bringen will. Bei der Gerätschaft handelt es sich um eine Schuhleistenfräsmaschine, die eine linke wie eine rechte Leiste gleichzeitig herstellen kann, also genau die Art von technischer Innovation, nach der Industrialisierung und Gründerzeit verlangen. Ein Grund, warum unser Vorfahre nach Ellrich gekommen ist, war eine fortschrittliche Eisengießerei in der Nachbarschaft, die seine Maschine auf fertigen konnte. Der erste und wichtigere Grund war aber die Rotbuche, erzählt Matthias Reichhardt, Geschäftsführer der Spenlé GmbH in 6. Generation.
Geschäftsführer Matthias Reichhardt führt den Familienbetrieb in 6. Generation (Foto: agl)Reichhardt selbst hält sich eigentlich lieber im Hintergrund, aber wenn es um das Familien-Handwerk geht, kommt er gerne ins Erzählen. Ich habe an den 150 Jahren nur einen kleinen Anteil, worauf ich aber Stolz bin, ist unsere Kontinuität im Produkt. Wir sind dem Holz immer treu geblieben, damit steinalt geworden. Namhafte Mitbewerber, die wir einmal hatten, sind in den vergangenen 30 Jahren nach und nach verschwunden, wir sind die Letzten in unserem Metier, die noch übrig sind. Zumindest in dieser Größe, erzählt der Leistenfabrikant.
Schuster bleib bei deinen Leisten
Ellricher und Südharzer werden sich, wie die meisten Menschen, wohl eher seltener Gedanken über ihr Schuhwerk machen, oder wissen, wie es gefertigt wird. Was also ist eine Leiste? Grob gesagt, eine vorgefertigte Grundform, um die herum der Schuster seinen Schuh baut. In der modernen Großproduktion geschieht das meist mit Kunststoff und Kleber, das alte Handwerk, das noch mit Holz und Nadel arbeitet, ist aber nicht verschwunden. Unsere Kunden sind Manufakturen, die noch nähen statt kleben. Das sind dann natürlich deutlich teurere Schuhe, die dann aber auch fast ein Leben lang halten. Außerdem liefern wir viel an Orthopädietechniker, die für ihre Kunden individuell angefertigte Orthesen und Einlagen fertigen müssen, erzählt Anja Rasch, die seit acht Jahren im Betrieb ist und im Leben nicht gedacht hätte, das sie sich einmal mit hölzernen Schuhleisten auskennen würde.
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Auch nach anderthalb Jahrhunderten ist und bleibt Spenlé ein Familienbetrieb, knapp 20 Mitarbeiter beschäftigt man, die trotz des heutzutage etwas exotisch anmutenden Gewerbes alle Hände voll zu tun haben. Es wird konstruiert, gesägt, gefräst und geschliffen, mit Maschinenpräzision und Augenmaß. Wir fertigen 100 bis 150 Artikel am Tag und rund 25.000 im Jahr. Das nötige Rohmaterial für die nächste Jahresproduktion wartet schon im Lager und trocknet. Auch das macht heute außer uns eigentlich niemand mehr, berichtet Reichhardt, wie schon der Urahn setze man dabei auch auf moderne Technik. Die erste CNC-Fräse hatten wir hier schon um 2000 herum stehen, da war die Technik noch gar nicht ausgereift. Heute haben wir mehrere moderne Maschinen, 3D-Drucker und digitale Konstruktionsprogramme. Wir sind gut aufgestellt und in dem, was wir tun, Marktführer in Deutschland. Was uns ein wenig Sorgen bereitet, ist der Fachkräftemangel. Aber nicht bei uns, sondern in der Orthopädietechnik. Wenn dort Geschäfte aufgegeben werden, weil man keinen Nachwuchs mehr findet, dann trifft das am Ende auch uns, erzählt der Geschäftsführer.
Es wäre nicht das erste Tief, dass man überwindet. Der Blick in die Geschichte hat auch seine schwierigen Kapitel, erzählt Reichhardt. Dass man in der DDR dem Holz treu bleiben konnte, lag auch daran das die deutlich teureren Alternativen aus Kunststoff auf Basis von Rohöl hergestellt werden und das wollte man im Arbeiter- und Bauernstaat lieber an anderer Stelle eingesetzt wissen. Auf der anderen Seite steht die Verstaatlichung, die auch den vergleichsweise kleinen Traditionsbetrieb Anfang der 70er Jahre traf. Das war die letzte, große Welle der Enteignungen, unser Werk wurde damals an die VEB Schuhdesign Erfurt angegliedert. Nach der Wende stand der Betrieb dann vor dem Aus und mein Großvater hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und die letzten Pfennige zusammengekratzt, um die Firma aus der Treuhand zu bekommen. In der technischen Entwicklung, bei der wir eigentlich immer dran geblieben sind, hatte sich diese 20 Jahre nichts getan. Die 90er Jahre haben wir damit verbracht, das wieder aufzuholen, erzählt Matthias Reichhardt.
Neben der Produktion von Schuhleisten, Schuhspannern und Einlagenformen kamen die OT-Teile, passgenaue Modelle für Orthoprothesen. Die werden zum Beispiel gebraucht, wenn Hilfsmittel zur Haltungskorrektur für Kinder gefertigt werden sollen. In den Regalen finden sich deswegen nicht nur hölzerne Leisten, sondern auch Köpfe, Torsi, Füße, Arme, Beine und ein komplett realisiertes Modell eines hölzernen Menschen. In der Regel werden solche Schalen als Positivformen aus Gips oder Hartschaum angefertigt. Wir haben in der eigenen Produktion ein bisschen experimentiert und schließlich festgestellt, dass die Leute fast immer zum Holz greifen, wenn es dasselbe kostet. Die Haptik ist viel besser, der Rohstoff ist nachhaltig, kommt direkt aus der Region, das Produkt ist sauber und kann leicht entsorgt werden. Die Vorteile überwiegen deutlich und das sieht auch die Kundschaft, wenn der Preis stimmt, berichtet Reichhardt.
Seit 150 von 1150 Jahren gehört Spenlé zu Ellrich, beim Festumzug zum Jubiläum durfte man da natürlich nicht fehlen und brachte diese extra große Leiste mit, die von Björn Steinmüller gefertigt wurde (Foto: agl)
Der alte Betrieb ist also nicht nur bei seinen Leisten geblieben. Wie ein exotisches Mauerblümchen, dass am Rande der modernen Industrie überlebt hat, wirkt Spenlé auf den Betriebschef denn auch nicht, man sei vielmehr die stolze, alte Eiche, die der Zeit getrotzt hat. Und so mag man es auch in Ellrich sehen, Spenlé gehört zur Geschichte der Stadt und zum großen 1150. Stadtgeburtstag und dem Festumzug war man natürlich mit von der Partie und präsentierte dem Publikum eine XXL-Schuhleiste, die Björn Steinmüller mit Motorsäge und Flex geschaffen hat.
Einen direkten Einblick in das Wirken und Schaffen des Traditionsbetriebes kann man Ende dieser Woche gewinnen, wenn bei Spenlé zum Tag der offenen Tür geladen wird. Am Freitag, dem 04. September, öffnet das Werk in Große Bahnhofstraße 39 ab 11 Uhr seine Tore. Angelo Glashagel