Menschenbilder (25)
Dienstag, 01. November 2011, 06:56 Uhr
Aus dem Ende November erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
ehem. Kreisvorsitzender der Partei Die Linke
Ich bin gelernter DDR-Bürger mit Neubauwohnung, Trabi und Schrebergarten, sagt Rainer Bachmann. Und der am 21.01.1947 in Werther geborene Diplom Staatswissenschaftler hat den Kreis Nordhausen mitgestaltet, hatte verantwortungsvolle Positionen inne und traf Entscheidungen. Der plötzliche Zusammenbruch des ersten Arbeiter- und Bauern-Staates auf deutschem Boden führte für ihn gerade auf Grund seiner früheren Tätigkeiten zu zum Teil sehr widersprüchlichen Erfahrungen. Er erlebte hautnah mit, wie unterschiedlich sich Menschen ihm gegenüber als Vertreter einer untergegangenen Gesellschaftsordnung verhalten.
Der Sohn eines Kontrolleurs in der IFA und einer Kaufmännischen Angestellten erlernte in der IFA den Beruf eines Motorenschlossers und qualifizierte sich anschließend zum Werkzeugmacher. Nach einiger Zeit wurde er als Werkzeugmacher Mitarbeiter der Technologischen Versuchs- und Entwicklungsabteilung TVE und absolvierte zeitgleich ein Ingenieurstudium auf dem Gebiet des Maschinenbaus an der heutigen Fachhochschule Schmalkalden.
Obwohl Rainer Bachmann Westverwandte hatte und zur Bundesrepublik durchaus auch positive Einstellungen vertrat, ergab sich für ihn durch die Einflüsse von Lehre und Beruf zunehmend eine andere politische Sicht der Dinge. Als junger Mann wurde er Mitglied der SED und fühlte sich als Grenzsoldat vom Herbst 1966 bis Frühjahr 1968 an der Berliner Mauer unmittelbar mit den Gefahren von der anderen Seite konfrontiert.
Im Jahre 1976 wurde er Mitarbeiter in der Abteilung Finanzen beim Rat des Kreises Nordhausen und war hier unter anderem für das Bankwesen und für das Staatliche Eigentum im Kreis mit zuständig. Unter letzteres fiel auch die Verwaltung des Grundbesitzes ehemaliger Einwohner, die zur damaligen Zeit in westlichen Ländern lebten. Da Rainer Bachmann in seiner Arbeit auch die kreisgeleiteten, sowie halbstaatlichen Betriebe hinsichtlich der ordnungsgemäßen Abführung ihrer überschüssigen Einnahmen an den Staatshaushalt betreute, wusste er auch um die zentralen Widersprüche der DDR-Wirtschaft: Einerseits mussten wir im Rahmen der Revision überprüfen, ob die Kennziffern, d.h. die Mittelaufteilung auf die betriebseigenen Fonds und die Abführung an den Staat eingehalten wurden, andererseits stellten wir immer wieder fest, dass es verbreitet an den vom Ministerrat beschlossenen Kennziffern bzw. Kapazitäten mangelte. Geld hingegen hatten die Betriebe genug.
Trotz der sichtbaren Probleme war es auch für Rainer Bachmann üblich, in den an den Vorsitzenden des Rates des Kreises und den Rat des Bezirkes weitergemeldeten Plananalysen einen positiven Eindruck zu erzeugen, ohne die tatsächlichen Zustände konkret und mit mehr Nachdruck beim Namen zu nennen. Unter dem Spannungsfeld von Vorgaben und tatsächlicher Situation entstand ein großer Rechtfertigungsdruck gegenüber den jeweiligen übergeordneten Stellen. Der Finanzfachmann bricht in diesem Zusammenhang eine Lanze für den damaligen Vorsitzenden des Rates des Kreises, Klaus Hummitzsch, weil er den auch auf ihm aus Erfurt und von der SED Kreisleitung ausgeübten Druck kaum nach unten, d.h., zum Beispiel an Rainer Bachmann, weitergab.
Anfang der 80-er Jahre wurde er zum stellvertretenden Abteilungsleiter Finanzen berufen und war damit nunmehr vor allem für interne Angelegenheiten wie Kader und Personal verantwortlich. Während dieser Zeit (1977 bis 1982) qualifizierte er sich im Organisierten Selbststudium (OS) an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft Babelsberg zum Diplom Staatswissenschaftler. Folgender denkwürdige Satz eines Professors ist ihm aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben: ‚Es muss nichts politisch entschieden werden, sondern stets nach den geltenden rechtlichen Bestimmungen.‘ Das machte ich zu meiner Maxime, sagt der Nordhäuser.
Rainer Bachmann bricht in diesem Zusammenhang eine Lanze für das System der Schlichtung von Streitigkeiten in der DDR. Im Unterschied zur heutigen Zeit mussten z.B. Entscheidungen im Baurecht nicht über viele Jahre und viele Instanzen langwierig und aufwändig erstritten werden. Als beispielsweise bei der Bebauung der Nordhäuser Innenstadt die Bagger vor Ablauf der Einspruchsfrist zu früh loslegten, erhielten die Betroffenen unbürokratisch und schnell Entschädigungen vom Staat, sagt er.
Besonders ab 1986, der Nordhäuser war mittlerweile persönlicher Referent von Klaus Hummitzsch, wurde er immer wieder mit Nachbarschaftsstreitigkeiten und Eingaben aller Art, vielfach auch zur permanenten Wohnungsnot, als Streitschlichter konfrontiert. Weil die diesbezüglichen Entscheidungen des Vorsitzenden des Rates des Kreises vielfach Gesetzeskraft hatten, verging selten viel Zeit bis zu einer wirksamen Entscheidung. In der neuen Funktion war Rainer Bachmann auch für den Entwurf von Reden für Klaus Hummitzsch, für die Koordinierung von dessen Terminen und für die Koordinierung der einzelnen Fachbereiche des Rates des Kreises mit zuständig.
Ende der 80-er Jahre besuchte der Nordhäuser die Bezirksparteischule. 1988 kandidierte er für den Kreistag und wurde mit acht Gegenstimmen für seinen Wahlkreis Wolkramshausen gewählt. In der Folge erhielt er eine Berufung als Mitglied des Rates des Kreises für Finanzen und Preise. Er wurde Chef der Abteilung Finanzen und war nun zugleich politisch für die Sparkassen und Banken und für das bereits erwähnte staatliche Eigentum verantwortlich.
In den Jahren 1988 und 1989 registrierte auch Rainer Bachmann eine Zuspitzung der bereits bestehenden Probleme. Der Mangel an Kapazitäten für die Betriebe nahm bedrohliche Ausmaße an. Auch die Versorgungssicherheit der Bevölkerung mit den Waren des täglichen Bedarfes nahm weiter ab. Auf einer Veranstaltung in Ellrich 1989 wurde der Kommunalpolitiker plötzlich mit Menschen konfrontiert, die Kerzen in ihren Händen hielten. Einige von ihnen verglichen die DDR mit Hitlerdeutschland und wollten das System abschaffen. Das trieb mir auf der Rückfahrt die Tränen in die Augen, denkt er zurück. Und: Ich wusste um die Probleme, stellte mich aber auf der Veranstaltung hinter unsere Ordnung.
Als die Menschen der DDR über Ungarn den Rücken kehrten, wurde er mit der Erfassung der von ihnen zurückgelassenen Wohnungen, Häuser sowie des in ihnen vorhandenen Inventars beauftragt. Das Politbüro hatte verfügt, dass der freigewordene Wohnraum dem Wohnungsmarkt zuzuführen und Einrichtungsgegenstände dem Möbel- und Antikhandel zu übergeben sind. Ich fragte mich oft, was in den Menschen vorging, die all das zurücklassen, erinnert er sich. Für Rainer Bachmann zählen die Begegnungen mit den Verwandten der Geflüchteten und die Begehungen der zurückgelassenen Wohnungen und Häuser zum schwärzesten Kapitel seiner Berufsjahre.
Seinen persönlichen Umdenkungsprozess datiert er auf die Zeit nach der berühmten Demonstration der Nordhäuser auf dem Bebelplatz. Ich begann die Statistik über das konfiszierte Eigentum nach oben zu verändern, weil die betroffenen Menschen Angst um den Besitz ihrer Angehörigen hatten, sagt er. Eine Anzeige wegen Veruntreuung im Jahre 1990 gegen ihn wurde wegen fehlender Schuld eingestellt.
Im Frühjahr des Jahres wurde Rainer Bachmann vom noch amtierenden Vorsitzenden des Rates des Kreises mit der Unterstützung der Währungsunion im Kreis Nordhausen beauftragt. In demselben Jahr erteilte er örtlichen Betrieben Ausfuhrgenehmigungen, obwohl dies gesetzlich nicht gestattet war. Ich war zwar SED-Mitglied, habe aber auch Gutes getan, schmunzelt er. Und: Unter den damaligen Betriebsdirektoren und heutigen Unternehmern habe ich noch heute Freunde.
1990 wurde er von Klaus Hummitzsch auch mit dem Aufbau des Finanzamtes Nordhausen beauftragt, zu dessen Vorsteher Rainer Bachmann schließlich berufen wurde. Die entsprechende Urkunde erhielt er vom Finanzminister Romberg, der der De-Maiziere-Regierung angehörte. In engem Kontakt zur Finanzbehörde Erfurt unter dem damaligen Ministerpräsidenten Duchac, teilte er das Personal entsprechend den geforderten Strukturen, Fähigkeiten und Kompetenzen ein.
Während sich Rainer Bachmann an die fairen Gespräche mit Landrat Claus zu seiner Vergangenheit durchaus gern erinnert, kamen die diesbezüglichen Äußerungen des neuen Nordhäuser Bürgermeisters Dr. Manfred Schroeter für ihn einem Schlag gleich: ‚Legen sie so schnell wie möglich ihr Amt nieder, weil alle alten Funktionsträger ausgewechselt werden müssen. Wenn Sie nicht selber handeln, dann machen wir das‘, habe dieser zu ihm gesagt. Rainer Bachmann beklagt, dass alle damaligen Vorsteher Thüringer Finanzämter mit SED-Parteibuch gehen mussten, alle mit CDU-Parteibuch hingegen hätten bleiben dürfen.
Er räumte seinen Posten und bewarb sich anschließend beim Thüringer Finanzministerium als Amtsvorsteher, erhielt aber keine Antwort. Schließlich erhielt er ein Angebot für eine Tätigkeit als Sachgebietsleiter im Finanzamt Sondershausen. Weil aber eine Bürgerinitiative wegen der Einstellung alter Kader protestierte, sollte er nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Dagegen intervenierte der Nordhäuser mit Erfolg: Wir können Sie leider nicht kündigen, wurde ihm mündlich mitgeteilt. Auf der untersten hierarchischen Ebene eines Finanzamtes erhielt er schließlich eine Stelle als Umsatzsteuersonderprüfer.
Auf Grund der damaligen Turbulenzen um seine Person betrachtet Rainer Bachmann die Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden des Bezirkspersonalrates im Bereich der Oberfinanzdirektion mit den Stimmen von Finanzamtsmitarbeitern aus ganz Thüringen (1993 bis 2003) mit einer gewissen Genugtuung. In der Folgezeit kam es vor, dass ihm Vertreter des Thüringer Finanzministeriums gegenüber saßen, die ihn einst kündigen wollten. Übrigens sind heute Dr. Manfred Schroeter und Rainer Bachmann trotz unterschiedlicher politischer Anschauungen per Du.
Bis 2005 war der Nordhäuser als Sachbearbeiter tätig. Dann ging er in Altersteilzeit, seit 2009 genießt er das Rentnerleben. Genießen bedeutet dabei aber auch ehrenamtliche Aktivität: Seit 2003 ist er Sprecher bzw. Kreisvorsitzender der Partei Die Linke, seit 2009 auch Stadtrat und dort Vorsitzender des Ausschusses für Rechnungsprüfung und Beteiligungsverwaltung. Seit mehreren Legislaturperioden gehört er dem Kreistag und fungiert als Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses. Somit konnte ich auf beide kommunale Ebenen im Finanzbereich positiven Einfluss nehmen, sagt er.
Zweimal war Rainer Bachmann Direktkandidat seiner Partei für den Landtag. Einmal erhielt er genau 5555 Stimmen (zweitbestes Ergebnis im Landkreis) und verpasste den Einzug nur ganz knapp.
Seit 41 Jahren ist er mit der Lehrerin Gerlinde Bachmann verheiratet. Seine Tochter Jacqueline (geb. 1969) bescherte dem Paar bereits drei Enkel. Zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt er den Spaziergang mit Hündin Siska und die Betätigung in seinem Garten. Wie schon in der DDR, bewohnt er noch immer eine Genossenschaftswohnung.
Im neuen System muss man sich stärker um die Schwachen der Gesellschaft kümmern. Deswegen engagiere ich mich ehrenamtlich für das Allgemeinwohl, sagt er.
Selbstkritisch räumt er ein, dass er zu spät erkannt habe, wie dramatisch die Situation in der DDR tatsächlich war und dass die Menschen, die im Herbst 1989 auf die Straße gingen, zunächst überwiegend eine bessere DDR und keine neue Ordnung wollten. Diese Erkenntnisse kamen mir zu langsam, sagt er.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnzDiplom Staatswissenschaftler Rainer Bachmann
ehemaliges Mitglied des Rates des Kreises für Finanzen und Preiseehem. Kreisvorsitzender der Partei Die Linke
Ich bin gelernter DDR-Bürger mit Neubauwohnung, Trabi und Schrebergarten, sagt Rainer Bachmann. Und der am 21.01.1947 in Werther geborene Diplom Staatswissenschaftler hat den Kreis Nordhausen mitgestaltet, hatte verantwortungsvolle Positionen inne und traf Entscheidungen. Der plötzliche Zusammenbruch des ersten Arbeiter- und Bauern-Staates auf deutschem Boden führte für ihn gerade auf Grund seiner früheren Tätigkeiten zu zum Teil sehr widersprüchlichen Erfahrungen. Er erlebte hautnah mit, wie unterschiedlich sich Menschen ihm gegenüber als Vertreter einer untergegangenen Gesellschaftsordnung verhalten.
Der Sohn eines Kontrolleurs in der IFA und einer Kaufmännischen Angestellten erlernte in der IFA den Beruf eines Motorenschlossers und qualifizierte sich anschließend zum Werkzeugmacher. Nach einiger Zeit wurde er als Werkzeugmacher Mitarbeiter der Technologischen Versuchs- und Entwicklungsabteilung TVE und absolvierte zeitgleich ein Ingenieurstudium auf dem Gebiet des Maschinenbaus an der heutigen Fachhochschule Schmalkalden.
Obwohl Rainer Bachmann Westverwandte hatte und zur Bundesrepublik durchaus auch positive Einstellungen vertrat, ergab sich für ihn durch die Einflüsse von Lehre und Beruf zunehmend eine andere politische Sicht der Dinge. Als junger Mann wurde er Mitglied der SED und fühlte sich als Grenzsoldat vom Herbst 1966 bis Frühjahr 1968 an der Berliner Mauer unmittelbar mit den Gefahren von der anderen Seite konfrontiert.
Im Jahre 1976 wurde er Mitarbeiter in der Abteilung Finanzen beim Rat des Kreises Nordhausen und war hier unter anderem für das Bankwesen und für das Staatliche Eigentum im Kreis mit zuständig. Unter letzteres fiel auch die Verwaltung des Grundbesitzes ehemaliger Einwohner, die zur damaligen Zeit in westlichen Ländern lebten. Da Rainer Bachmann in seiner Arbeit auch die kreisgeleiteten, sowie halbstaatlichen Betriebe hinsichtlich der ordnungsgemäßen Abführung ihrer überschüssigen Einnahmen an den Staatshaushalt betreute, wusste er auch um die zentralen Widersprüche der DDR-Wirtschaft: Einerseits mussten wir im Rahmen der Revision überprüfen, ob die Kennziffern, d.h. die Mittelaufteilung auf die betriebseigenen Fonds und die Abführung an den Staat eingehalten wurden, andererseits stellten wir immer wieder fest, dass es verbreitet an den vom Ministerrat beschlossenen Kennziffern bzw. Kapazitäten mangelte. Geld hingegen hatten die Betriebe genug.
Trotz der sichtbaren Probleme war es auch für Rainer Bachmann üblich, in den an den Vorsitzenden des Rates des Kreises und den Rat des Bezirkes weitergemeldeten Plananalysen einen positiven Eindruck zu erzeugen, ohne die tatsächlichen Zustände konkret und mit mehr Nachdruck beim Namen zu nennen. Unter dem Spannungsfeld von Vorgaben und tatsächlicher Situation entstand ein großer Rechtfertigungsdruck gegenüber den jeweiligen übergeordneten Stellen. Der Finanzfachmann bricht in diesem Zusammenhang eine Lanze für den damaligen Vorsitzenden des Rates des Kreises, Klaus Hummitzsch, weil er den auch auf ihm aus Erfurt und von der SED Kreisleitung ausgeübten Druck kaum nach unten, d.h., zum Beispiel an Rainer Bachmann, weitergab.
Anfang der 80-er Jahre wurde er zum stellvertretenden Abteilungsleiter Finanzen berufen und war damit nunmehr vor allem für interne Angelegenheiten wie Kader und Personal verantwortlich. Während dieser Zeit (1977 bis 1982) qualifizierte er sich im Organisierten Selbststudium (OS) an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft Babelsberg zum Diplom Staatswissenschaftler. Folgender denkwürdige Satz eines Professors ist ihm aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben: ‚Es muss nichts politisch entschieden werden, sondern stets nach den geltenden rechtlichen Bestimmungen.‘ Das machte ich zu meiner Maxime, sagt der Nordhäuser.
Rainer Bachmann bricht in diesem Zusammenhang eine Lanze für das System der Schlichtung von Streitigkeiten in der DDR. Im Unterschied zur heutigen Zeit mussten z.B. Entscheidungen im Baurecht nicht über viele Jahre und viele Instanzen langwierig und aufwändig erstritten werden. Als beispielsweise bei der Bebauung der Nordhäuser Innenstadt die Bagger vor Ablauf der Einspruchsfrist zu früh loslegten, erhielten die Betroffenen unbürokratisch und schnell Entschädigungen vom Staat, sagt er.
Besonders ab 1986, der Nordhäuser war mittlerweile persönlicher Referent von Klaus Hummitzsch, wurde er immer wieder mit Nachbarschaftsstreitigkeiten und Eingaben aller Art, vielfach auch zur permanenten Wohnungsnot, als Streitschlichter konfrontiert. Weil die diesbezüglichen Entscheidungen des Vorsitzenden des Rates des Kreises vielfach Gesetzeskraft hatten, verging selten viel Zeit bis zu einer wirksamen Entscheidung. In der neuen Funktion war Rainer Bachmann auch für den Entwurf von Reden für Klaus Hummitzsch, für die Koordinierung von dessen Terminen und für die Koordinierung der einzelnen Fachbereiche des Rates des Kreises mit zuständig.
Ende der 80-er Jahre besuchte der Nordhäuser die Bezirksparteischule. 1988 kandidierte er für den Kreistag und wurde mit acht Gegenstimmen für seinen Wahlkreis Wolkramshausen gewählt. In der Folge erhielt er eine Berufung als Mitglied des Rates des Kreises für Finanzen und Preise. Er wurde Chef der Abteilung Finanzen und war nun zugleich politisch für die Sparkassen und Banken und für das bereits erwähnte staatliche Eigentum verantwortlich.
In den Jahren 1988 und 1989 registrierte auch Rainer Bachmann eine Zuspitzung der bereits bestehenden Probleme. Der Mangel an Kapazitäten für die Betriebe nahm bedrohliche Ausmaße an. Auch die Versorgungssicherheit der Bevölkerung mit den Waren des täglichen Bedarfes nahm weiter ab. Auf einer Veranstaltung in Ellrich 1989 wurde der Kommunalpolitiker plötzlich mit Menschen konfrontiert, die Kerzen in ihren Händen hielten. Einige von ihnen verglichen die DDR mit Hitlerdeutschland und wollten das System abschaffen. Das trieb mir auf der Rückfahrt die Tränen in die Augen, denkt er zurück. Und: Ich wusste um die Probleme, stellte mich aber auf der Veranstaltung hinter unsere Ordnung.
Als die Menschen der DDR über Ungarn den Rücken kehrten, wurde er mit der Erfassung der von ihnen zurückgelassenen Wohnungen, Häuser sowie des in ihnen vorhandenen Inventars beauftragt. Das Politbüro hatte verfügt, dass der freigewordene Wohnraum dem Wohnungsmarkt zuzuführen und Einrichtungsgegenstände dem Möbel- und Antikhandel zu übergeben sind. Ich fragte mich oft, was in den Menschen vorging, die all das zurücklassen, erinnert er sich. Für Rainer Bachmann zählen die Begegnungen mit den Verwandten der Geflüchteten und die Begehungen der zurückgelassenen Wohnungen und Häuser zum schwärzesten Kapitel seiner Berufsjahre.
Seinen persönlichen Umdenkungsprozess datiert er auf die Zeit nach der berühmten Demonstration der Nordhäuser auf dem Bebelplatz. Ich begann die Statistik über das konfiszierte Eigentum nach oben zu verändern, weil die betroffenen Menschen Angst um den Besitz ihrer Angehörigen hatten, sagt er. Eine Anzeige wegen Veruntreuung im Jahre 1990 gegen ihn wurde wegen fehlender Schuld eingestellt.
Im Frühjahr des Jahres wurde Rainer Bachmann vom noch amtierenden Vorsitzenden des Rates des Kreises mit der Unterstützung der Währungsunion im Kreis Nordhausen beauftragt. In demselben Jahr erteilte er örtlichen Betrieben Ausfuhrgenehmigungen, obwohl dies gesetzlich nicht gestattet war. Ich war zwar SED-Mitglied, habe aber auch Gutes getan, schmunzelt er. Und: Unter den damaligen Betriebsdirektoren und heutigen Unternehmern habe ich noch heute Freunde.
1990 wurde er von Klaus Hummitzsch auch mit dem Aufbau des Finanzamtes Nordhausen beauftragt, zu dessen Vorsteher Rainer Bachmann schließlich berufen wurde. Die entsprechende Urkunde erhielt er vom Finanzminister Romberg, der der De-Maiziere-Regierung angehörte. In engem Kontakt zur Finanzbehörde Erfurt unter dem damaligen Ministerpräsidenten Duchac, teilte er das Personal entsprechend den geforderten Strukturen, Fähigkeiten und Kompetenzen ein.
Während sich Rainer Bachmann an die fairen Gespräche mit Landrat Claus zu seiner Vergangenheit durchaus gern erinnert, kamen die diesbezüglichen Äußerungen des neuen Nordhäuser Bürgermeisters Dr. Manfred Schroeter für ihn einem Schlag gleich: ‚Legen sie so schnell wie möglich ihr Amt nieder, weil alle alten Funktionsträger ausgewechselt werden müssen. Wenn Sie nicht selber handeln, dann machen wir das‘, habe dieser zu ihm gesagt. Rainer Bachmann beklagt, dass alle damaligen Vorsteher Thüringer Finanzämter mit SED-Parteibuch gehen mussten, alle mit CDU-Parteibuch hingegen hätten bleiben dürfen.
Er räumte seinen Posten und bewarb sich anschließend beim Thüringer Finanzministerium als Amtsvorsteher, erhielt aber keine Antwort. Schließlich erhielt er ein Angebot für eine Tätigkeit als Sachgebietsleiter im Finanzamt Sondershausen. Weil aber eine Bürgerinitiative wegen der Einstellung alter Kader protestierte, sollte er nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Dagegen intervenierte der Nordhäuser mit Erfolg: Wir können Sie leider nicht kündigen, wurde ihm mündlich mitgeteilt. Auf der untersten hierarchischen Ebene eines Finanzamtes erhielt er schließlich eine Stelle als Umsatzsteuersonderprüfer.
Auf Grund der damaligen Turbulenzen um seine Person betrachtet Rainer Bachmann die Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden des Bezirkspersonalrates im Bereich der Oberfinanzdirektion mit den Stimmen von Finanzamtsmitarbeitern aus ganz Thüringen (1993 bis 2003) mit einer gewissen Genugtuung. In der Folgezeit kam es vor, dass ihm Vertreter des Thüringer Finanzministeriums gegenüber saßen, die ihn einst kündigen wollten. Übrigens sind heute Dr. Manfred Schroeter und Rainer Bachmann trotz unterschiedlicher politischer Anschauungen per Du.
Bis 2005 war der Nordhäuser als Sachbearbeiter tätig. Dann ging er in Altersteilzeit, seit 2009 genießt er das Rentnerleben. Genießen bedeutet dabei aber auch ehrenamtliche Aktivität: Seit 2003 ist er Sprecher bzw. Kreisvorsitzender der Partei Die Linke, seit 2009 auch Stadtrat und dort Vorsitzender des Ausschusses für Rechnungsprüfung und Beteiligungsverwaltung. Seit mehreren Legislaturperioden gehört er dem Kreistag und fungiert als Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses. Somit konnte ich auf beide kommunale Ebenen im Finanzbereich positiven Einfluss nehmen, sagt er.
Zweimal war Rainer Bachmann Direktkandidat seiner Partei für den Landtag. Einmal erhielt er genau 5555 Stimmen (zweitbestes Ergebnis im Landkreis) und verpasste den Einzug nur ganz knapp.
Seit 41 Jahren ist er mit der Lehrerin Gerlinde Bachmann verheiratet. Seine Tochter Jacqueline (geb. 1969) bescherte dem Paar bereits drei Enkel. Zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt er den Spaziergang mit Hündin Siska und die Betätigung in seinem Garten. Wie schon in der DDR, bewohnt er noch immer eine Genossenschaftswohnung.
Im neuen System muss man sich stärker um die Schwachen der Gesellschaft kümmern. Deswegen engagiere ich mich ehrenamtlich für das Allgemeinwohl, sagt er.
Selbstkritisch räumt er ein, dass er zu spät erkannt habe, wie dramatisch die Situation in der DDR tatsächlich war und dass die Menschen, die im Herbst 1989 auf die Straße gingen, zunächst überwiegend eine bessere DDR und keine neue Ordnung wollten. Diese Erkenntnisse kamen mir zu langsam, sagt er.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
