Bucheckermassen können tödlich sein
Mittwoch, 02. November 2011, 06:34 Uhr
Dr. Jutta Parnieske-Pasterkamp von der Nordhäuser FH hat in ihrem Wetterrückblick auf den Monat Oktober die riesigen Mengen an Bucheckern und Eicheln angesprochen, die in diesem Jahr herangereift sind. Der aufmerksame Beobachter wird vielleicht bemerkt haben, dass diese Erscheinung nicht mehr wie früher im Schnitt alle 7 Jahre auftritt, sondern in immer kürzeren Abständen. Anschaulich lassen sich an ihr gleich mehrere gefährliche Folgen des Klimawandels und damit unserer Wirtschaftsweise erläutern...
Schön anzusehen, aber bedenklich - Zapfenmassen bei einer noch jungen Blaufichte in Wipperdorf
Hierzu ein paar ökologische Hintergründe: Der eingespielte Rhythmus mal höherer und dann wieder niedrigerer Mengen gebildeter Früchte bewirkt zum einen eine Steuerung der Bestandsgrößen jener Tiere, die die genannten Früchte fressen und zum Zweiten eine Absicherung der generativen, also geschlechtlichen Fortpflanzung der Bäume. Wenn in jedem Jahr in etwa gleich viele Früchte gebildet werden würden, würden sich die Tierpopulationen (z.B. Rötelmäuse, Eichelhäher, Schwarzwild) zahlenmäßig daran anpassen. Für die Keimung und damit für die Entwicklung junger Bäume blieben kaum noch Früchte übrig.
Treten jedoch nur ab und zu Massen an Bucheckern und Eicheln auf, können sich die genannten Tierarten nicht schnell genug vermehren um sich an diese günstigen Erbährungsmöglichkeiten anzupassen. Die bereits vorhandenen Tierbestände aber sind nicht in der Lage, alle vorhandenen Früchte zu verspeisen. Für die Fortpflanzung der Bäume bleibt demzufolge zumindest aller paar Jahre genügend Samenmaterial übrig, was der Arterhaltung dient.
Früher bezeichnete man derartige Jahre wie 2011 mit Bucheckermassen als Vollmastjahre, weil die Bauern ihren gesamten Haus-Schwein-Bestand in die Wälder zur Mast treiben konnten und diesen dort satt bekamen.
Die Häufung derartiger Ereignisse wie in den letzten Jahreen ist aber eine Konsequenz aus bedenklichen menschlichen Eingriffen und hat ihrerseits weitere ökologische Konsequenzen:
Zum einen zeigen sie einen erhöhten Stresslevel der Bäume an. Denn vor allem nach trockenen Frühjahren, die es den Bäumen schwer machen, Holzzuwachs zu gerieren, werden große Mengen an Bucheckern und Eicheln gebildet. Diese Über-Menge geht zu Lasten der Blattmasse an den Bäumen und sorgt für eine weitere Schwächung. Erhöhte Krankheitsanfälligkeit kann die Folge sein. Die Fichte ist z.B. nach trockenen Frühjahren kaum in der Lage, ausreichend Harz zur Bekämpfung des Borkenkäfers zu bilden. Die Folgen kennen wir: Tote Wälder innerhalb weniger Wochen.
Wenn trockene Frühjahre, wie eben als Folge des Klimawandels, immer häufiger auftreten, geraten ganze Wald-Bestände in existenzielle Gefahr. In Sachsen wurde beobachtet, dass sich die Buche von den trockenen Frühjahren 2007 und 2009 bis heute nicht erholt hat. Was aber, wenn wir solche Frühjahre bald in jedem Jahr bekommen sollten? Immerhin ist die Buche unsere Hauptbaumart.
Aber auch dem Menschen drohen unittelbare Gefahren, wenn es all zu oft, wie in den letzten Jahren, Massenentwicklungen von Bucheckern, Eicheln und Zapfen gibt:
Verfolgen wir die Kette also weiter: Klimawandel führt zu Hitze-Frühjahren, diese zu vielen Bucheckern und zu geschwächten Bäumen, aber auch zu einer Unzahl wohl gemästeter Rötelmäuse: Diese wiederum sind Überträger des Hanta-Virus, welches beim Menschen u.a. die Nierenfunktion bedroht, und sie ist Zwischenwirt für den potentiell beim Menschen tödlichen Fuchs-Bandwurm. Nach Vollmastjahren erkranken im Folgejahr erfahrungsgemäß mehr Waldarbeiter und Jäger an der Hanta-Infektion, die nur symptomatisch behandelt werden kann.
Dass sich der Fuchs-Bandwurm weiter ausbreitet, ist allgemein bekannt. Er wurde zum einen durch die Ausrottung der Tollwut gefördert, deren Folge ein Anstieg der Fuchspopulationen ist. Noch mehr Rötelmäuse infolge des Klimawandels könnten für einen weiteren Schub sorgen. Als Träger der Finnen des Fuchsbandwurms und Beute für den Fuchs spielen Rötelmäuse eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung dieses gefährlichen Parasiten.
Vielleicht kann dieser Beitrag ein wenig helfen, sich nicht einfach nur über die vielen Bucheckern, Eicheln und Fichtenzapfen zu freuen. Ihre Massenentwicklung zeigt eine menschgemachte, allmähliche Entgleisung fein austarierter Gleichgewichte an. Das, was der Mensch seinem einzigen Planeten seit 150 Jahren um eines zweifelhaften Wohlstandes willen antut, ist ein gefährliches Experiment mit ungewissem Ausgang. Dabei ist ja das Buchecker-/Klima-Zusammenspiel nur eines von unzähligen, deren Beeinflussung wir in unserem eigenen Interesse möglichst unterlassen sollten.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzSchön anzusehen, aber bedenklich - Zapfenmassen bei einer noch jungen Blaufichte in Wipperdorf
Hierzu ein paar ökologische Hintergründe: Der eingespielte Rhythmus mal höherer und dann wieder niedrigerer Mengen gebildeter Früchte bewirkt zum einen eine Steuerung der Bestandsgrößen jener Tiere, die die genannten Früchte fressen und zum Zweiten eine Absicherung der generativen, also geschlechtlichen Fortpflanzung der Bäume. Wenn in jedem Jahr in etwa gleich viele Früchte gebildet werden würden, würden sich die Tierpopulationen (z.B. Rötelmäuse, Eichelhäher, Schwarzwild) zahlenmäßig daran anpassen. Für die Keimung und damit für die Entwicklung junger Bäume blieben kaum noch Früchte übrig.
Treten jedoch nur ab und zu Massen an Bucheckern und Eicheln auf, können sich die genannten Tierarten nicht schnell genug vermehren um sich an diese günstigen Erbährungsmöglichkeiten anzupassen. Die bereits vorhandenen Tierbestände aber sind nicht in der Lage, alle vorhandenen Früchte zu verspeisen. Für die Fortpflanzung der Bäume bleibt demzufolge zumindest aller paar Jahre genügend Samenmaterial übrig, was der Arterhaltung dient.
Früher bezeichnete man derartige Jahre wie 2011 mit Bucheckermassen als Vollmastjahre, weil die Bauern ihren gesamten Haus-Schwein-Bestand in die Wälder zur Mast treiben konnten und diesen dort satt bekamen.
Die Häufung derartiger Ereignisse wie in den letzten Jahreen ist aber eine Konsequenz aus bedenklichen menschlichen Eingriffen und hat ihrerseits weitere ökologische Konsequenzen:
Zum einen zeigen sie einen erhöhten Stresslevel der Bäume an. Denn vor allem nach trockenen Frühjahren, die es den Bäumen schwer machen, Holzzuwachs zu gerieren, werden große Mengen an Bucheckern und Eicheln gebildet. Diese Über-Menge geht zu Lasten der Blattmasse an den Bäumen und sorgt für eine weitere Schwächung. Erhöhte Krankheitsanfälligkeit kann die Folge sein. Die Fichte ist z.B. nach trockenen Frühjahren kaum in der Lage, ausreichend Harz zur Bekämpfung des Borkenkäfers zu bilden. Die Folgen kennen wir: Tote Wälder innerhalb weniger Wochen.
Wenn trockene Frühjahre, wie eben als Folge des Klimawandels, immer häufiger auftreten, geraten ganze Wald-Bestände in existenzielle Gefahr. In Sachsen wurde beobachtet, dass sich die Buche von den trockenen Frühjahren 2007 und 2009 bis heute nicht erholt hat. Was aber, wenn wir solche Frühjahre bald in jedem Jahr bekommen sollten? Immerhin ist die Buche unsere Hauptbaumart.
Aber auch dem Menschen drohen unittelbare Gefahren, wenn es all zu oft, wie in den letzten Jahren, Massenentwicklungen von Bucheckern, Eicheln und Zapfen gibt:
Verfolgen wir die Kette also weiter: Klimawandel führt zu Hitze-Frühjahren, diese zu vielen Bucheckern und zu geschwächten Bäumen, aber auch zu einer Unzahl wohl gemästeter Rötelmäuse: Diese wiederum sind Überträger des Hanta-Virus, welches beim Menschen u.a. die Nierenfunktion bedroht, und sie ist Zwischenwirt für den potentiell beim Menschen tödlichen Fuchs-Bandwurm. Nach Vollmastjahren erkranken im Folgejahr erfahrungsgemäß mehr Waldarbeiter und Jäger an der Hanta-Infektion, die nur symptomatisch behandelt werden kann.
Dass sich der Fuchs-Bandwurm weiter ausbreitet, ist allgemein bekannt. Er wurde zum einen durch die Ausrottung der Tollwut gefördert, deren Folge ein Anstieg der Fuchspopulationen ist. Noch mehr Rötelmäuse infolge des Klimawandels könnten für einen weiteren Schub sorgen. Als Träger der Finnen des Fuchsbandwurms und Beute für den Fuchs spielen Rötelmäuse eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung dieses gefährlichen Parasiten.
Vielleicht kann dieser Beitrag ein wenig helfen, sich nicht einfach nur über die vielen Bucheckern, Eicheln und Fichtenzapfen zu freuen. Ihre Massenentwicklung zeigt eine menschgemachte, allmähliche Entgleisung fein austarierter Gleichgewichte an. Das, was der Mensch seinem einzigen Planeten seit 150 Jahren um eines zweifelhaften Wohlstandes willen antut, ist ein gefährliches Experiment mit ungewissem Ausgang. Dabei ist ja das Buchecker-/Klima-Zusammenspiel nur eines von unzähligen, deren Beeinflussung wir in unserem eigenen Interesse möglichst unterlassen sollten.
Bodo Schwarzberg

