Hagelstange-Lesebuch
Mittwoch, 30. November 2011, 13:18 Uhr
Am 14. November 2011 wurde im Tabakspeicher in Nordhausen die von der Stadt herausgegebene Publikation Rudolf Hagelstange, der Schriftsteller und Dichter aus Nordhausen am Harz - Ein Lesebuch vorgestellt. Hagelstange wurde am 14. Januar 1912 in Nordhausen geboren. In lockerer Folge soll in der nnz das Buch den Lesern nahe gebracht werden...
In Rudolf Hagelstanges Essaysammlung "Menschen und Gesichter", 1982 bei List erschienen, wird in "Auf den Spuren der Terpsichore (Yvonne Georgi)" eine große Tänzerin, Choreographin und Ballettmeisterin des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Hagelstange schrieb über sie in der ihm eigenen sehr persönlichen Art, in der immer deutlich wird, was der von ihm vorgestellte Mensch an unverwechselbaren Eigenschaften besitzt, die auch für den Leser anregend sein könnten. Man spürt, was den Autor zu der beschriebenen Person hinzog. Auch dieser Essay steht in dem erwähnten Lesebuch. Yvonne Georgi wurde 1903 in Leipzig geboren und verstarb 1975 in Hannover. Eigentlich sollte sie Bibliothekarin werden, doch dann wurde die Siebzehnjährige bei einer Pantomimenaufführung im Haus einer Freundin als Bewegungstalent entdeckt und das Tanzen ließ sie nicht mehr los.
Wenn man sich über das Leben der Georgi informieren will, muss man sich dem Ausdruckstanz zuwenden. So bezeichnet man den in Deutschland um 1910 entwickelten freien, expressiven Tanz, der sich gegen die akademischen Gesetzmäßigkeiten des klassischen Balletts entwickelte, das man als unnatürlich empfand. Es war das Bestreben, die individuelle Weltsicht durch einen auf natürlicher Körperbewegung beruhenden Tanz zum Ausdruck zu bringen.
Die erste bedeutende Vertreterin war Isadora Duncan (1878-1927). Sie lehnte jegliche Regelung der Bewegungsabläufe ab und erklärte "auf Geheiß ihrer Seele zu tanzen". Rudolf von Laban (1879-1958), aus Ungarn gebürtig, entwickelte ein System natürlicher, harmonischer Körperbewegungen, das Grundlage der ausdrucks-tänzerischen Bewegungssprache wurde. Der berühmte Tänzer, Choreograph und Tanztheoretiker schuf während des Ersten Weltkrieges auf dem Monte Verità im schweizerischen Ascona eine Bewegungsschule.
Er lernte Emile Jaques-Dalcroze (1865-1950) kennen, dem er nach Hellerau bei Dresden folgte. Dieser, ein aus der Schweiz stammender Komponist und Musikpädagoge, gilt als Begründer der rhythmisch-musikalischen Erziehung. Laban schuf dann in Hamburg seine Laban-Schule. Die zahlreichen Absolventen trugen seine Methode erfolgreich in deutsche und europäische Städte. Eine der berühmtesten Laban-Schülerinnen war Mary Wigman (1886-1973). Ihre Tanzschöpfungen nahmen großen Einfluss auf diese Tanzrichtung.
Kehren wir zu Yvonne Georgi zurück. Sie geht nach Entdeckung ihrer Tanzbegabung nach Hellerau an die Dalcroze-Schule, wechselt aber bald nach Dresden in die Schule der Wigman. Anschließend wird sie in Gera die jüngste Ballettmeisterin in Deutschland. Es folgt Hannover, wo die Georgi in drei unterschiedlich langen Etappen entscheidend das Tanz- und Ballettleben prägte. 1932 siedelte sie vorläufig und 1936 ganz nach Amsterdam über, kehrte aber nach dem Krieg als Ballettmeisterin nach Hannover zurück. Immer war es ihr Anliegen, modernen und klassischen Tanz zu einer Synthese zu führen.
Als Rudolf Hagelstange die große Tänzerin kennen lernte, besaß der Tanz für ihn bereits seit Jahren Bedeutung. Verfolgen wir diese Spur.
Im Nordhäuser Adressbuch von 1926/27 erfahren wir über eine Hilde (Mathilde) Naumann, die in der Riemannstraße 9 wohnt, dass sie Tänzerin und Gymnastiklehrerin ist, Mitglied im deutschen Gymnastikbund und im Laban-Verband. In ihrer Schule für Gymnastik und Tanz unterrichtet sie nach den Methoden Rudolf von Labans. Am 15. Juli 1926 heiratete die Naumann den Dr. jur. Theodor Nebelung, der am 18. 11. 1899 in Nordhausen in der Verlegerfamilie Nebelung geboren worden war.
Sie selbst stammte aus Ellrich, wo sie am 4. 8. 1903 zur Welt kam, ihr Vater war der Amtsrichter Naumann, die Mutter Anna war eine geborene Ruthenberg. Diese wohnte als Witwe in Nordhausen in der Blödaustraße 12, wo auch ihre Tochter bis zu ihrer Verheiratung lebte und Tanzunterricht an alle Altersgruppen erteilte.
Die Naumann war in der Südharzstadt auch durch einen Künstler bekannt, den Maler und Grafiker Friedrich Dornbusch (1879-1962), denn er schuf um 1923 kurz vor seinem Weggang nach Berlin einen aus sechs Radierungen bestehenden Grafikzyklus »Hilde Naumann«. Die ausdrucksstarken Blätter, dem Symbolismus verpflichtet, zeigen den Tanz dieser Frau als Ausdruck des Seelenlebens! Dornbuschs Radierungen befinden sich in der Kunstsammlung der Stadt Nordhausen und werden in der am 14. Januar 2012 beginnenden Kunstausstellung Rudolf Hagelstange – Kunst und Literatur gezeigt. Da
Die Nordhäuser Bürger, also auch der heranwachsende Hagelstange, "allezeit herzlich theaterlustig" waren, und man annehmen kann, dass die Naumann auch öffentlich im Theater auftrat, ist der Ausdruckstanz also spätestens seit den 1920er Jahre hier bekannt.
In der bereits erwähnten Riemannstraße 9 befanden sich auch die Übungsräume der Naumann. Nach der Eheschließung mit Dr. jur. Theodor Nebelung trug sie den Doppelnamen Nebelung-Naumann. Er war Redakteur der "Nordhäuser Zeitung", Teilhaber und Geschäftsführer der Firma Theodor Müller (Verlag der "Nordhäuser Zeitung"). Die Nebelungs waren in Nordhausen eine angesehene Familie. Nach einem besonders bekannten Mitglied wurde die Wilhelm-Nebelung-Straße benannt.
Hagelstange arbeitete von 1936–1938 als Volontär an dieser Zeitung. 1936 lernte er die Tänzerin Carola Dittel kennen, als er einen Beitrag über das Theater schreiben sollte. Sie ist dort seit der Spielzeit 1936/37 als Tänzerin und Tanzmeisterin engagiert. Geboren wurde sie 1912 in Nordhorn, wuchs dann in Kassel auf, wo sie die Schule für Bühnentanz und Gymnastik besuchte und 1930 sehr erfolgreich beendete. Nach Engagements an den Bühnen in Solothurn-Biel und in Zittau kam sie nach Nordhausen.
Im Oktober 1939 heirateten Carola Dittel und Rudolf Hagelstange. Ihre Tanzkarriere endete nach der Spielzeit 1939/40, sie widmete sich den während des Krieges geborenen Kindern. Im Herbst 1946 verließ die Familie die sowjetische Besatzungszone gen Westen. 1948 zog sie an den Bodensee nach Unteruhldingen. Carola Dittel-Hagelstange starb am 22. Februar 2002 in Meersburg, Hagelstange am 5. August 1984 in Hanau.
Heidelore Kneffel
Autor: nnzRudolf Hagelstange und der Tanz
In dem Lesebuch steht Rudolf Hagelstanges Gedicht Die Geburt der Terpsichore. Sie ist in der griechischen Mythologie eine der neun Musen und für das Tanzen verantwortlich, denn ihr Name bedeutet »Freude am Tanz«, »Die Reigenfrohe«, »Die Tanzfreudige«. Wie ihre Musen-Schwestern stammt sie vom Göttervater Zeus und der Mnemosyne ab, der griechischen Göttin der Erinnerung und des Gedächtnisses. Terpsichores Attribut ist die Leier.In Rudolf Hagelstanges Essaysammlung "Menschen und Gesichter", 1982 bei List erschienen, wird in "Auf den Spuren der Terpsichore (Yvonne Georgi)" eine große Tänzerin, Choreographin und Ballettmeisterin des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Hagelstange schrieb über sie in der ihm eigenen sehr persönlichen Art, in der immer deutlich wird, was der von ihm vorgestellte Mensch an unverwechselbaren Eigenschaften besitzt, die auch für den Leser anregend sein könnten. Man spürt, was den Autor zu der beschriebenen Person hinzog. Auch dieser Essay steht in dem erwähnten Lesebuch. Yvonne Georgi wurde 1903 in Leipzig geboren und verstarb 1975 in Hannover. Eigentlich sollte sie Bibliothekarin werden, doch dann wurde die Siebzehnjährige bei einer Pantomimenaufführung im Haus einer Freundin als Bewegungstalent entdeckt und das Tanzen ließ sie nicht mehr los.
Wenn man sich über das Leben der Georgi informieren will, muss man sich dem Ausdruckstanz zuwenden. So bezeichnet man den in Deutschland um 1910 entwickelten freien, expressiven Tanz, der sich gegen die akademischen Gesetzmäßigkeiten des klassischen Balletts entwickelte, das man als unnatürlich empfand. Es war das Bestreben, die individuelle Weltsicht durch einen auf natürlicher Körperbewegung beruhenden Tanz zum Ausdruck zu bringen.
Die erste bedeutende Vertreterin war Isadora Duncan (1878-1927). Sie lehnte jegliche Regelung der Bewegungsabläufe ab und erklärte "auf Geheiß ihrer Seele zu tanzen". Rudolf von Laban (1879-1958), aus Ungarn gebürtig, entwickelte ein System natürlicher, harmonischer Körperbewegungen, das Grundlage der ausdrucks-tänzerischen Bewegungssprache wurde. Der berühmte Tänzer, Choreograph und Tanztheoretiker schuf während des Ersten Weltkrieges auf dem Monte Verità im schweizerischen Ascona eine Bewegungsschule.
Er lernte Emile Jaques-Dalcroze (1865-1950) kennen, dem er nach Hellerau bei Dresden folgte. Dieser, ein aus der Schweiz stammender Komponist und Musikpädagoge, gilt als Begründer der rhythmisch-musikalischen Erziehung. Laban schuf dann in Hamburg seine Laban-Schule. Die zahlreichen Absolventen trugen seine Methode erfolgreich in deutsche und europäische Städte. Eine der berühmtesten Laban-Schülerinnen war Mary Wigman (1886-1973). Ihre Tanzschöpfungen nahmen großen Einfluss auf diese Tanzrichtung.
Kehren wir zu Yvonne Georgi zurück. Sie geht nach Entdeckung ihrer Tanzbegabung nach Hellerau an die Dalcroze-Schule, wechselt aber bald nach Dresden in die Schule der Wigman. Anschließend wird sie in Gera die jüngste Ballettmeisterin in Deutschland. Es folgt Hannover, wo die Georgi in drei unterschiedlich langen Etappen entscheidend das Tanz- und Ballettleben prägte. 1932 siedelte sie vorläufig und 1936 ganz nach Amsterdam über, kehrte aber nach dem Krieg als Ballettmeisterin nach Hannover zurück. Immer war es ihr Anliegen, modernen und klassischen Tanz zu einer Synthese zu führen.
Als Rudolf Hagelstange die große Tänzerin kennen lernte, besaß der Tanz für ihn bereits seit Jahren Bedeutung. Verfolgen wir diese Spur.
Im Nordhäuser Adressbuch von 1926/27 erfahren wir über eine Hilde (Mathilde) Naumann, die in der Riemannstraße 9 wohnt, dass sie Tänzerin und Gymnastiklehrerin ist, Mitglied im deutschen Gymnastikbund und im Laban-Verband. In ihrer Schule für Gymnastik und Tanz unterrichtet sie nach den Methoden Rudolf von Labans. Am 15. Juli 1926 heiratete die Naumann den Dr. jur. Theodor Nebelung, der am 18. 11. 1899 in Nordhausen in der Verlegerfamilie Nebelung geboren worden war.
Sie selbst stammte aus Ellrich, wo sie am 4. 8. 1903 zur Welt kam, ihr Vater war der Amtsrichter Naumann, die Mutter Anna war eine geborene Ruthenberg. Diese wohnte als Witwe in Nordhausen in der Blödaustraße 12, wo auch ihre Tochter bis zu ihrer Verheiratung lebte und Tanzunterricht an alle Altersgruppen erteilte.
Die Naumann war in der Südharzstadt auch durch einen Künstler bekannt, den Maler und Grafiker Friedrich Dornbusch (1879-1962), denn er schuf um 1923 kurz vor seinem Weggang nach Berlin einen aus sechs Radierungen bestehenden Grafikzyklus »Hilde Naumann«. Die ausdrucksstarken Blätter, dem Symbolismus verpflichtet, zeigen den Tanz dieser Frau als Ausdruck des Seelenlebens! Dornbuschs Radierungen befinden sich in der Kunstsammlung der Stadt Nordhausen und werden in der am 14. Januar 2012 beginnenden Kunstausstellung Rudolf Hagelstange – Kunst und Literatur gezeigt. Da
Die Nordhäuser Bürger, also auch der heranwachsende Hagelstange, "allezeit herzlich theaterlustig" waren, und man annehmen kann, dass die Naumann auch öffentlich im Theater auftrat, ist der Ausdruckstanz also spätestens seit den 1920er Jahre hier bekannt.
In der bereits erwähnten Riemannstraße 9 befanden sich auch die Übungsräume der Naumann. Nach der Eheschließung mit Dr. jur. Theodor Nebelung trug sie den Doppelnamen Nebelung-Naumann. Er war Redakteur der "Nordhäuser Zeitung", Teilhaber und Geschäftsführer der Firma Theodor Müller (Verlag der "Nordhäuser Zeitung"). Die Nebelungs waren in Nordhausen eine angesehene Familie. Nach einem besonders bekannten Mitglied wurde die Wilhelm-Nebelung-Straße benannt.
Hagelstange arbeitete von 1936–1938 als Volontär an dieser Zeitung. 1936 lernte er die Tänzerin Carola Dittel kennen, als er einen Beitrag über das Theater schreiben sollte. Sie ist dort seit der Spielzeit 1936/37 als Tänzerin und Tanzmeisterin engagiert. Geboren wurde sie 1912 in Nordhorn, wuchs dann in Kassel auf, wo sie die Schule für Bühnentanz und Gymnastik besuchte und 1930 sehr erfolgreich beendete. Nach Engagements an den Bühnen in Solothurn-Biel und in Zittau kam sie nach Nordhausen.
Im Oktober 1939 heirateten Carola Dittel und Rudolf Hagelstange. Ihre Tanzkarriere endete nach der Spielzeit 1939/40, sie widmete sich den während des Krieges geborenen Kindern. Im Herbst 1946 verließ die Familie die sowjetische Besatzungszone gen Westen. 1948 zog sie an den Bodensee nach Unteruhldingen. Carola Dittel-Hagelstange starb am 22. Februar 2002 in Meersburg, Hagelstange am 5. August 1984 in Hanau.
Heidelore Kneffel



