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Menschenbilder (29)

Freitag, 23. Dezember 2011, 06:53 Uhr
Aus dem Ende dieses Jahres erschienenen reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Dipl.-Ing. (FH) Uwe Merx

Wipperdorfer Agrargesellschaft mbH & Co KG

„Lass uns hier nicht im Stich“, sagten die Mitarbeiter der 1991 gegründeten Agrargenossenschaft Wipperdorf drei Jahre später zu Uwe Merx, nachdem der damalige Leiter der Tierproduktion bei der Umsetzung seiner Visionen von einer gesunden und leistungsfähigen Tierproduktion massiv behindert worden war und kündigte: „Investitionen in diesen Bereich wurden nicht getätigt. Außerdem reduzierte man die Zahl der in der Tierproduktion eingesetzten Mitarbeiter“, denkt er zurück. Die mehr als 60 Angehörigen des landwirtschaftlichen Betriebes befiel unter der damaligen Unternehmensleitung Angst um ihre Existenz. Sie sprachen dem damaligen Vorstand ihr Misstrauen aus und fragten Uwe Merx, ob er die Fortführung des Betriebes übernehmen wolle.

„Meine Bedingung war die Umwandlung der bisherigen Agrargenossenschaft in eine zeitgemäße Rechtsform, schließlich eine Agrargesellschaft mbH & Co KG, was auch geschah“, sagt er.
Heute ist die Wipperdorfer Agrargesellschaft ein hervorragend aufgestelltes Unternehmen mit einem funktionierenden und gleichberechtigten Nebeneinander von Pflanzen- und Tierproduktion: Auf 1.700 Hektar wird Ackerbau betrieben und in den Ställen stehen 1.400 Milchkühe, Färsen und Kälber. Jede Kuh gibt im Durchschnitt 10.000 Liter Milch pro Jahr. Undenkbar war das zu DDR-Zeiten, die der am 06.08.1960 in Bleicherode geborene Unternehmer in weniger guter Erinnerung hat.

Vor rund 120 Jahren waren seine Vorfahren nach Kehmstedt gekommen. Seine Großeltern väterlicherseits, Anna und Otto Merx, bewirtschafteten 10 Hektar Land und betrieben im Haupterwerb eine Stellmacherei. Eine besonders große Bedeutung für seine persönliche Entwicklung hatte auch sein Großvater mütterlicherseits Richard Breyer, der an der Seite seiner Ehefrau Hedwig Breyer als Tischler tätig war. Beide waren Vertriebene aus Schlesien, die auch dort bereits eine Tischlerei betrieben. Uwe Merx wuchs in einem Mehrgenerationenhaus auf, in dem seine Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits sowie seine eigene Familie zusammenwohnten.

Der heutige Diplomingenieur erhielt früh ein Gefühl für die landwirtschaftliche Arbeit, saß mit seinem Großvater schon um fünf Uhr morgens auf dem Kutschbock, um Futter für die Tiere zu holen.

Dem Vorbild seines Großvaters väterlicherseits entsprechend, absolvierte Uwe Merx in Waltershausen eine Lehre zum Möbeltischler, obwohl er sich auch sehr gern in der Landwirtschaft beruflich entwickelt hätte: Doch die Folgen der Zwangskollektivierung schreckten ihn und seine Eltern ab: „Sie hatten die permanente Misswirtschaft in der LPG vor Augen. ‚Du wirst kein Landwirt‘, sagten sie.“ In seinem Lehrbetrieb fühlte er sich auf Grund gleichförmiger Tätigkeiten alsbald unterfordert und wurde bereits als Auszubildender einer Gesellengruppe zugeteilt. Nach dem er ausgelernt hatte, wechselte er zu einem Bleicheröder Betrieb, vermisste aber auch dort das handwerklich-individuelle Arbeiten.

Im Jahre 1983 bewarb er sich als Betriebstischler mit Erfolg bei der damaligen LPG Wipperdorf. Aber auch dort befiel ihn zunächst Frustration: Denn eine Tischlerei gab es für ihn in Wipperdorf nicht: ‚Dort, wo der Kohlenhaufen liegt, könnte mal Ihre Tischleier stehen‘, ließ man ihn stattdessen wissen.

Er wurde für Tätigkeiten jedweder Art eingesetzt, sozusagen als „Mädchen für alles“. Holz-, Dach- und Maurerarbeiten bestimmten seinen Berufsalltag. Auch musste er Schafe treiben und Trecker fahren. Erst nach seiner Armeezeit 1984 konnte er auf dem LPG-Gelände eine Werkstatt nutzen: allerdings „mit primitivster Ausstattung“, wie er sagt.

Bei der Führung der LPG trug Uwe Merx den Spitznamen „Schwarzmaler“, weil er sich einmischte und vor allem mit Kritik an den desolaten Verhältnissen in der Tierproduktion nicht hinter den Baum hielt. ‚Warum wird diese Kuh gequält?‘, fragte er zum Beispiel und ‚Warum wird hier so wenig gearbeitet, wo es doch so viel zu tun gäbe? ‘ Er teilt die Mitarbeiter der damaligen Zeit in „gleichgültige, interessenlose Menschen ein und in jene, die in die LPG Grundvermögen eingebracht hatten und daher engagierter waren. Auch störten ihn das autoritäre Gebaren und die Privilegien seiner Vorgesetzten und er nahm sie aufs Korn. „Ich passte mit meiner Unangepasstheit nicht in ihre Schubladen“, fasst er die damalige Situation zusammen.

Einen begonnenen Meisterlehrgang beendete er nicht, weil man ihn lediglich als Industriemeister, nicht aber als von ihm angestrebter Handwerksmeister abschließen lassen wollte. „Die hatten Angst, dass ich gehe und mich selbstständig machte“, sagt er dazu. Es kam zu Aussprachen: ‚Wenn Sie einen anständigen landwirtschaftlichen Beruf erlernt hätten, dann stünden Ihnen hier alle Türen offen!‘, ließ man Uwe Merx wissen, der sich als Handwerker stets wie das sprichwörtliche ‚fünfte Rad am Wagen‘ gefühlt hatte.

Doch er beschritt den von ihm gewünschten Weg und beendete 1986 mit Erfolg eine Ausbildung als Facharbeiter für Tierproduktion. Aus der geplanten Qualifikation zum Diplomagraringenieurökonom im Fernstudium wurde jedoch erst 1992 nach einem Ergänzungsstudium nach bundesdeutschem Recht etwas. „Als wir 1990 kurz vor dem Diplom standen, schockierte man uns mit der Mitteilung, dass wir unser Studium nicht beenden könnten. Alles bisher Gelernte sei ungültig“, sagt er. Doch die anschließenden Proteste der Studenten hatten Erfolg. Ausgestattet mit viel Fachwissen schloss Uwe Merx zwei Jahre später sein Ingenieurstudium ab. Während dieser Zeit führte er bereits die Milchproduktion der LPG Wipperdorf als kommissarischer Vorsitzender.

Noch kurz vor dem Fall der Mauer gingen seine Vorgesetzten von seinem Eintritt in die SED aus, womit sie bei ihm jedoch auf Granit bissen.

Als die LPG nach der Wende mit weiteren wirtschaftlichen Problemen konfrontiert wurde, war deren alte Leitungsebene bereits nicht mehr im Amt. „Die Situation war katastrophal: So kam es zu Zwangsverkäufen der vorhandenen Schweine- und Schafproduktion“, erinnert er sich. In dieser Situation stellte sich Uwe Merx vor seine Kollegen und wurde 1991 zum Kommissarischen LPG-Vorsitzenden gewählt. Ohne Erfahrung, wie er einräumt.

Die Mitgliederversammlung fasste einen Liquidationsbeschluss, woraufhin die eingesetzten Liquidatoren die Insolvenz empfahlen. „Der Hauptgrund für die Insolvenz war die Überschuldung. Aber es kamen viele Gründe zusammen, die diesen Schritt nötig machten“, erklärt er. In dieser Situation nahm Uwe Merx Verhandlungen mit der früheren LPG Pflanzenproduktion Wipperdorf bezüglich einer Vereinigung auf, wurde aber abgewiesen. Doch da hatten sie die Rechnung ohne den kommissarischen LPG-Vorsitzenden gemacht: „Wir pachteten nun selbst Flächen früherer Mitglieder an und setzten die Pflanzenproduktion damit unter Druck“, sagt er. 1993 hatte er sein Ziel erreicht: Tier- und Pflanzenproduktion wurden zusammengelegt, und ein gemeinschaftliches Unternehmen aus der Taufe gehoben. Als Leiter der Tierproduktion wollte Uwe Merx die Milchproduktion in eine neue, moderne Zeit führen.

Doch sein Vertrauen in die Agrargenossenschaftsführung wurde enttäuscht: „Man kaufte uns aus der Insolvenz auf und vermied jedwede Investition in die Tierproduktion“, sagt er. Die Konsequenz, die der Diplomingenieur für sich zog, wurde eingangs dieses Textes beschrieben. Nach dem Vertrauensbeweis der 33 Mitarbeiter und dem Rechtsformwechsel 1995 gelangte die Wipperdorfer Agrargesellschaft mbH & Co KG endlich in ruhigeres, da wirtschaftlich ausgeglicheneres Fahrwasser. „Wir haben eine hochmoderne Produktion aufgebaut und alle stehen zueinander und zum Betrieb. Und noch nie haben die Beschäftigten ihr Geld nicht oder zu spät bekommen. Endlich bin ich zufrieden“, sagt er.

Schwerpunkte sind nach wie vor die Milchproduktion, außerdem der intensive Ackerbau. In der jüngsten Zeit treibt die Agrargesellschaft auch die Nutzung erneuerbarer Energien voran. So betreibt sie eine Biogasanlage und installierte auf ihren Dächern Fotovoltaikanlagen.

Die Ehefrau von Uwe Merx, Iris Merx (geb. 1961), ist in dem landwirtschaftlichen Betrieb für die Tierproduktion verantwortlich. Ihre gemeinsame Tochter Karolin entschied sich, so der Unternehmer mit einem weinenden Auge, nicht für eine beruflichen Entwicklung in der Landwirtschaft: Sie arbeitet als Lehrerin in Halle (Saale). Mit Stolz blickt das Paar auf seine Enkelin Sophia (6 Monate).

Neben seinem Engagement für die Wipperdorfer Agrargesellschaft ist Uwe Merx auch der Einsatz für seinen Heimatort Kehmstedt ein Herzensanliegen. Zum 1. Juli 2010 übernahm er das Amt des Bürgermeisters, wozu er sich durch die Entwicklung der Gemeinde in den Jahren zuvor motiviert fühlte: Mit den Worten „Es geht mir vor allem anderen um die Menschen. Der Zusammenhalt zwischen ihnen muss erhalten werden und die erreichte Lebensqualität darf nicht verloren gehen“, benennt er seine wichtigste Zielstellung.

Einen Ausgleich zu seinem von vielen Verpflichtungen ausgefüllten Alltag findet Uwe Merx in der Natur: Seit 1986 übt er in seiner Heimatgemeinde Kehmstedt das Waidwerk aus und betont, dass er seine Aufgabe als Jäger vor allem in der Naturbeobachtung und im Naturschutz sieht. Die Erhaltung von Landschaftsstrukturen wie z.B. Brachflächen und Gebüschen zur Förderung von Hase, Rebhuhn und anderen Tieren, ist ihm ein besonders wichtiges Anliegen.

Zudem beschäftigt sich der Landwirt mit der Zucht von ausgewählten Hühner- und Kaninchenrassen.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnz

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