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Wie eine Wiedergeburt

Samstag, 10. März 2012, 08:39 Uhr
Wir hatten gestern bereits kurz über die Veranstaltung "Leben am Limit" mit Reinhold Messner berichtet. Mitten im begeisterten Publikum saß auch Bodo Schwarzberg, der an dieser Stelle seine Eindrücke über einen Mann liefert, der beim Scheitern mehr gelernt hat als beim Erfolg...

Leben am Limit - Reinhold Messner (Foto: nnz) Leben am Limit - Reinhold Messner (Foto: nnz)

„Mit dem Handeln nehmen die Sorgen und Ängste ab und lösen sich schließlich auf“, sagte die Südtiroler Bergsteigerlegende Reinhold Messner über den Beginn seiner schließlich gescheiterten Nordpolexpedition gemeinsam mit seinem Bruder. Und: „Ich habe beim Scheitern stets mehr gelernt, als bei meinen Erfolgen. Man sollte es immer wieder auf neue Art versuchen, sein Ziel anzugehen, nur dann hat man die Chance auf Erfolg.“

Es war nicht nur ein Abend über seine Achttausenderbesteigungen, über die Antarktisdurchquerung und jene der Wüste Gobi, sondern auch der des oftmals philosophischen Rückblicks auf ein Leben auf der Basis von Extremen, vom tief in ihm verwurzelten Wunsch nach Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung und Selbstständigkeit.

An erster Stelle jedoch stand für Reinhold Messner der Wunsch, einen Bogen über sein Leben als das eines der besten und bekanntesten Bergsteiger und Abenteurer der Welt zu spannen, angefangen bei den vom Felsklettern in den Dolomiten geprägten Jugendjahren, über die Besteigung seines ersten Achtausenders Nanga Parbat (8.125 m) 1970, über die bis dahin physiologisch für undenkbar gehaltene Besteigung des Mount Everest (8.850 m) ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff 1978, die Durchquerung von Antarktis und Grönland bis hin zu seinem „15. Achttausender“, dem Messner Mountain Museum MMM als sein großes Alterswerk.

Leben am Limit - Reinhold Messner (Foto: nnz) Leben am Limit - Reinhold Messner (Foto: nnz)

Immer wieder brachte er direkt oder indirekt das Überschreiten von Grenzen zur Sprache, was wohl stets eine seiner Grundmotivationen war und ist: Unmögliches zu denken, zu planen, anzusteuern, dieses schließlich zu erreichen um dann überlegt gleich zum nächsten Ziel durchzustarten – und das oft weniger gegen innere als vielmehr äußere Widerstände, die er mehrfach Kritiker und auch „Gegner“ nannte. Das konnten ganz einfach Wetter- und Eisverhältnisse sein, wie die, die das Erreichen des Nordpols verhinderten, aber auch jene Menschen, die ihm eine Mitschuld am Tod seines Bruders am Nanga Parbat im Jahre 1970 gaben.

Die unbewiesenen Anschuldigungen waren bekanntlich 1999 endgültig vom Tisch, nachdem Günter Messners Überreste auf der Rupal-Seite des Berges gefunden worden waren, also auf jener, über die auch Reinhold Messner vom Gipfel abgestiegen war. Er hatte ihn also nachweislich nicht beim Aufstieg, wie seine Gegner behaupteten, zurückgelassen, um unbedingt allein den Gipfel zu erreichen. „Seinen Bruder zu verlieren, ist das Schlimmste, was es gibt“, sagte er. Und das beschäftigt ihn auch noch heute, 42 Jahre später. In allen drei Vorträgen, die ich von ihm hörte, thematisierte er die wohl dramatischste seiner Expeditionen.

Und schließlich sprach er gestern in Nordhausen von jenen Menschen, die der Meinung sind, dass er sich mit seinen fünf Museen finanziell überheben würde.

Finanziell überhoben hätte er sich beinahe mit der Solo-Besteigung des Mount Everest, die ihn nach eigener Aussage 250.000 D-Mark kostete und für die er die bis dahin praktizierte „Selbstverschwendung“ aufgeben und sogar seinen Porsche verkaufen musste.

Leben am Limit - Reinhold Messner (Foto: nnz) Leben am Limit - Reinhold Messner (Foto: nnz)

Von den vielen Abenteurern, von denen sich Reinhold Messner zu eigenen Vorhaben inspirieren ließ, gewährte er dem Briten Ernest Shackelton einen besonders breiten Raum seines Vortrages. Aus Respekt vor jenem Mann, der in der Antarktis sein Schiff verlor, die Mannschaft auf Elefant-Island zurückließ um per Ruderboot Hilfe zu holen, und dies nach Monaten auch noch schaffte, durchquerte er 1989/90 mit Arved Fuchs den eisigen Kontinent.

„Das Zurückkommen von einer Expedition ist wie eine Wiedergeburt“, beschrieb er eines seiner wichtigsten Gefühle und er sprach davon, dass das Verinnerlichen der unterwegs gewonnenen Erfahrungen und Eindrücke stärker ausgeprägt ist, als das Verinnerlichen jener im durchschnittlichen menschlichen Alltag gewonnenen.

2014 wird der Südtiroler 70 Jahre alt. „Mit dem Prozess des Alterns klarzukommen, ist nicht leicht“, reflektierte er am Ende seines Vortrags seine gegenwärtige Situation und benannte das Teilen seiner Erfahrungen mit seinen Mitmenschen, vor allem in Form des Messner Mountain Museums und seiner Vorträge als seinen aktuellen Lebensinhalt.

Übrigens hat Reinhold Messner für sein Alter auf ganz besondere Weise vorgesorgt. Weil er auf das europäische Wirtschaftssystem nicht vertraut, habe er einen Bauernhof zur kompletten Selbstversorgung aufgebaut, vollkommen autark mit Yaks als Nutztiere und damit unabhängig vom Euro. „Wenn in Europa alles zusammenbricht, werden wir mit unserem Hof so wie vor zwei- oder dreihundert Jahren überleben können“, zeigte er sich überzeugt.

Rund 900 Menschen ließen sich von dem weltbekannten Abenteurer in seine Welt entführen und nahmen die Gelegenheit wahr, seine Bücher zu kaufen und/oder signieren zu lassen. Auch ein kurzes Gespräch mit ihm war durchaus möglich.

Für mich, der ich Reinhold Messner bereits von zwei anderen Vorträgen kenne, fällt das Urteil eindeutig aus: Jener in der Nordhäuser Ballspielhalle war sein bester, seine Brillanz als Erzähler fesselte die Zuhörer nach meiner Beobachtung in nie gekannter Weise. Und er hat uns Erfahrungen mit auf den Weg gegeben, die nicht nur in den Bergen oder in den Weiten Grönlands hilfreich sein können.

Ein Dank geht von der nnz an dieser Stelle auch an alle, die es möglich machten, dass Reinhold Messner nicht nur in Hamburg oder Berlin zu erleben war, sondern eben auch in Nordhausen. Vor allem aber ist dieser Vortrag auch der "Sturheit" von Helmut Peter zu verdanken, der viele "Strippen" im Hintergrund zog, damit fast 1.000 Menschen einen unvergesslichen Abend erfahren durften.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz

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