Philip Oeser gestorben
Sonntag, 13. Januar 2013, 19:16 Uhr
Der Künstler Philip Oeser, der als Helmut Müller am 1. Juni 1929 in Nordhausen in der Familie des Buchhändlers Karl Müller am Schurzfell 17 geboren wurde, ist am 3. Januar 2013 in Weimar-Taubach mit 83 Jahren gestorben. Dazu eine Betrachtung von nnz-Autorin Heidelore Kneffel...
Das ist ein großer Verlust, denn er gehörte mit Gerhard Altenbourg und A. T. Mörstedt einer Künstlergeneration an, die die Qualität der Kunst aus Thüringen in die Lande trugen. Deshalb habe ich mit anderen Kunstfreunden bedauert, dass man bis heute im Kunsthaus in Nordhausen keine Ausstellung von ihm zeigte.
Darum sind die Mitglieder des Fördervereins Dichterstätte Sarah Kirsch in Limlingerode dankbar, dass sie ab März 2003 eine Ausstellung im Geburtshaus Sarah Kirschs mit 13 Arbeiten von ihm zeigen konnten. Die Ausstellung fand aus Anlass des 450. Todestag Lucas Cranach d. Ä. statt. Sarah Kirsch war anwesend und las aus ihren neusten Gedichten. Sie sah sich Oesers Radierungen und die Collagen als Materialdrucke intensiv an und informierte sich bei dem Laudator aus Halle, dem Theologen Dr. Martin Rehahn, darüber.
Einige Arbeiten zeigten als verfremdete Kunstzitate Details aus Werken von Albrecht Dürer und Lucas Cranach d. Ä., was die Kirsch besonders ansprach. Das waren Das tote Rasenstück im Regen, das die Mitglieder für ihre Kunstsammlung erwarben, Das große Rasenstück bei Frankenhausen als Hinweis auf die Schlacht im Bauernkrieg bei Bad Frankenhausen, Melancholiefragment III und Zerstörte Cranach-Venus VI.
Rehan wies bei der Ausstellungseröffnung auf die Themen und Inhalte des Künstlers hin, der aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein konnte. Sie lassen sich durch Stichworte wie Eros und Tod, Vergeblichkeit und Vergänglichkeit, Flüchtigkeit und Verlust umreißen. Ein Grundthema ist vielleicht das Leiden an der Zeit, für das die Alten das Wort Melancholie fanden. So wundert es nicht, dass Oeser auf deren bekannteste bildkünstlerische Darstellung Bezug nimmt, auf Albrecht Dürers Meisterstich Melancholie von 1514.
Der Kunst der Renaissance war der Künstler noch unter seinem Geburtsnamen Helmut Müller intensiv als Restaurator am Angermuseum in Erfurt nahe gewesen und seit 1964 als Hauptrestaurator, später Chefrestaurator an den Staatlichen Kunstsammlungen zu Weimar. Damals heiratete er die Kunsthistorikerin Renate Krumbach und nahm, da er sich als eigenständiger Künstler etablieren wollte, 1965 das Pseudonym Philip Oeser an. Ab 1977 beginnt seine freiberufliche Arbeit als Künstler.
Da in Limlingerode seit der Hauseröffnung Ende 2002 die Briefe aus Lange Reihe 11 als Computerdrucke entstanden, liegt die Rede Rehahns mit mehreren Reproduktionen Oesers in der Bibliothek vor.
Druck (Foto: Archiv Kneffel)
Auch einen gelungenen Katalog über Oeser gibt es in Limlingerode, denn 2003 wurde der Band 8 der Reihe Künstler in Thüringen, Assemblagen, Collagen, Monotypien, Materialausdrucke, Copygraphien, Tagebuchauszüge 1954-1964, Teilwerkverzeichnis 1991-2002 mit Beiträgen von Kai Uwe Schierz und Cornelia Becker-Lamers über ihn herausgegeben, den der Künstler uns mit einer Widmung schenkte. Es gab dazu Ausstellungen auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt und in der Kunsthalle in Erfurt. Auch das Schlossmuseum in Sondershausen stellte ihn im Frühjahr 2005 aus.
Was ist über seine Zeit in Nordhausen bekannt? Als Sohn eines Buchhändlers geboren, war ihm das Lesen in die Wiege gelegt. Rehahn sagte in Limlingerode: Wie die Landschaft, in die er geboren wurde, für die Entstehung seines Werkes wesentlich ist, so sind es noch mehrere prägende Ereignisse und Erfahrungen aus dieser Zeit. Eine solche … war die lange Arbeitslosigkeit des Vaters wegen der Weltwirtschaftskrise, ebenso aber die tolerante, feinsinnige geistige Atmosphäre seines Elternhauses. Nach dem Besuch der Schule beginnt er 1943 eine kaufmännische Lehre. Im April wird seine Heimatstadt Nordhausen in einem sinnlosen und barbarischen Luftangriff durch englische Bomber zerstört …
Neben der Traumatisierung der Überlebenden gehörte der Verlust an Kulturgütern und damit auch der Identitätsverlust für die Nachgeborenen zu den Folgewirkungen … auch die Wahrnehmung des nahe bei Nordhausen liegenden KZs Dora-Mittelbau wirken noch Jahrzehnte im Schaffen Oesers nach. Der junge Mann ist bei den Enttrümmerungsarbeiten in seiner Heimatstadt tätig und auch bei den Demontagearbeiten im Außenbereich des ehemaligen KZ. Vorher hatte sich die Familie nach der Zerstörung in einem Stollen des Mittelwerk-Dora aufgehalten.
Ins Tagebuch schreibt er 1946: Ich will Maler werden. Seit 1947 ist er Mitglied im Kunstzirkel des Künstlers Martin Domke im Judenturm. Er besucht auch die private Kunstschule der Künstlerin Renate Niethammer, 1913 in Nordhausen geboren. Ihm wird nach der Teilnahme an einem Laienkunstwettbewerb des Kulturbundes die Hochschulreife bestätigt und er geht mit seinem Lehrer Domke an die Staatliche Hochschule für Baukunst und bildende Kunst in Weimar. Seine Kommilitonin ist Marlies Pape, aus der bekannten Nordhäuser Malzfabrikantenfamilie stammend.
Die beide werden ein Paar und heiraten 1954. Da studieren beide an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Charlottenburg, denn Weimar war 1951 geschlossen worden und Marlies Pape bekommt wegen ideologischer Gründe keine weitere Studienmöglichkeit in der DDR. Einen tiefen Einschnitt in sein Leben erfährt er 1959. Seine Frau stirbt bei der Geburt des Kindes, das auch nicht überlebt. Er kehrt Ende 1959 in das Haus seiner Schwiegereltern Pape im Altendorf 28 zurück und lebt und arbeitet dort in einem unbeheizbaren Dachbodenarbeitsraum bis ins Jahr 1961.
In sein Tagebuch schreibt er: Gestern Besuch von W. Müller, der mir zusagte, daß ich in seinem Atelier in der Windlücke arbeiten kann. Ich freue mich auf die Veränderung. Wolfgang Müller, sein Freund in Nordhausen, war dann als Lehrer für Kunsterziehung in Nordhausen tätig und arbeitete auch künstlerisch.
Das Blockhausatelier in der Windlücke wird repariert und ausgebaut. Er arbeitet an Vogel- und Muschelmotiven, fertigt farbige Tuschzeichnungen an als Entwürfe für den Holzschnitt, den Linolschnitt und die Radierung. In Nordhausen trifft er auch Ilse Spangenberg, die mit ihm gemeinsam in den Kunstschulen Domke und Niethammer ausgebildet worden war und mit ihm in Weimar studierte, dann in Dresden die Kunstausbildung fortsetzte. Er liest viel, hört Musik und hofft, dass er nach Berlin kommen würde, wohin er neue Arbeiten eingereicht hat.
Die Antwort: Die Arbeiten waren nicht derart, daß sieden künstlerischen Auffassungen, die der Verband in seiner ideologischen Konzeption vertritt, entsprach ... Im Atelier in der Windlücke wird eingebrochen, Papier, Spirituskocher und Werkzeug gestohlen. Müller bewirbt sich in Erfurt als Restaurator und beginnt dort 1961.
Letztendlich wird Weimar sein Wohn- und Arbeitssitz, wo er sich 2000 mit seiner zweiten Frau ein Haus in Weimar-Taubach baut, in dem er bis zuletzt lebte und trotz krankheitsbedingter Einschränkung weiter an seiner hochsensiblen Druckgrafik arbeitete.
Heidelore Kneffel
Copyright der Grafiken von Philip Oeser bei VG Bild-Kunst Bonn
Autor: redDas ist ein großer Verlust, denn er gehörte mit Gerhard Altenbourg und A. T. Mörstedt einer Künstlergeneration an, die die Qualität der Kunst aus Thüringen in die Lande trugen. Deshalb habe ich mit anderen Kunstfreunden bedauert, dass man bis heute im Kunsthaus in Nordhausen keine Ausstellung von ihm zeigte.
Darum sind die Mitglieder des Fördervereins Dichterstätte Sarah Kirsch in Limlingerode dankbar, dass sie ab März 2003 eine Ausstellung im Geburtshaus Sarah Kirschs mit 13 Arbeiten von ihm zeigen konnten. Die Ausstellung fand aus Anlass des 450. Todestag Lucas Cranach d. Ä. statt. Sarah Kirsch war anwesend und las aus ihren neusten Gedichten. Sie sah sich Oesers Radierungen und die Collagen als Materialdrucke intensiv an und informierte sich bei dem Laudator aus Halle, dem Theologen Dr. Martin Rehahn, darüber.
Einige Arbeiten zeigten als verfremdete Kunstzitate Details aus Werken von Albrecht Dürer und Lucas Cranach d. Ä., was die Kirsch besonders ansprach. Das waren Das tote Rasenstück im Regen, das die Mitglieder für ihre Kunstsammlung erwarben, Das große Rasenstück bei Frankenhausen als Hinweis auf die Schlacht im Bauernkrieg bei Bad Frankenhausen, Melancholiefragment III und Zerstörte Cranach-Venus VI.
Rehan wies bei der Ausstellungseröffnung auf die Themen und Inhalte des Künstlers hin, der aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein konnte. Sie lassen sich durch Stichworte wie Eros und Tod, Vergeblichkeit und Vergänglichkeit, Flüchtigkeit und Verlust umreißen. Ein Grundthema ist vielleicht das Leiden an der Zeit, für das die Alten das Wort Melancholie fanden. So wundert es nicht, dass Oeser auf deren bekannteste bildkünstlerische Darstellung Bezug nimmt, auf Albrecht Dürers Meisterstich Melancholie von 1514.
Der Kunst der Renaissance war der Künstler noch unter seinem Geburtsnamen Helmut Müller intensiv als Restaurator am Angermuseum in Erfurt nahe gewesen und seit 1964 als Hauptrestaurator, später Chefrestaurator an den Staatlichen Kunstsammlungen zu Weimar. Damals heiratete er die Kunsthistorikerin Renate Krumbach und nahm, da er sich als eigenständiger Künstler etablieren wollte, 1965 das Pseudonym Philip Oeser an. Ab 1977 beginnt seine freiberufliche Arbeit als Künstler.
Da in Limlingerode seit der Hauseröffnung Ende 2002 die Briefe aus Lange Reihe 11 als Computerdrucke entstanden, liegt die Rede Rehahns mit mehreren Reproduktionen Oesers in der Bibliothek vor.
Druck (Foto: Archiv Kneffel)
Auch einen gelungenen Katalog über Oeser gibt es in Limlingerode, denn 2003 wurde der Band 8 der Reihe Künstler in Thüringen, Assemblagen, Collagen, Monotypien, Materialausdrucke, Copygraphien, Tagebuchauszüge 1954-1964, Teilwerkverzeichnis 1991-2002 mit Beiträgen von Kai Uwe Schierz und Cornelia Becker-Lamers über ihn herausgegeben, den der Künstler uns mit einer Widmung schenkte. Es gab dazu Ausstellungen auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt und in der Kunsthalle in Erfurt. Auch das Schlossmuseum in Sondershausen stellte ihn im Frühjahr 2005 aus. Was ist über seine Zeit in Nordhausen bekannt? Als Sohn eines Buchhändlers geboren, war ihm das Lesen in die Wiege gelegt. Rehahn sagte in Limlingerode: Wie die Landschaft, in die er geboren wurde, für die Entstehung seines Werkes wesentlich ist, so sind es noch mehrere prägende Ereignisse und Erfahrungen aus dieser Zeit. Eine solche … war die lange Arbeitslosigkeit des Vaters wegen der Weltwirtschaftskrise, ebenso aber die tolerante, feinsinnige geistige Atmosphäre seines Elternhauses. Nach dem Besuch der Schule beginnt er 1943 eine kaufmännische Lehre. Im April wird seine Heimatstadt Nordhausen in einem sinnlosen und barbarischen Luftangriff durch englische Bomber zerstört …
Neben der Traumatisierung der Überlebenden gehörte der Verlust an Kulturgütern und damit auch der Identitätsverlust für die Nachgeborenen zu den Folgewirkungen … auch die Wahrnehmung des nahe bei Nordhausen liegenden KZs Dora-Mittelbau wirken noch Jahrzehnte im Schaffen Oesers nach. Der junge Mann ist bei den Enttrümmerungsarbeiten in seiner Heimatstadt tätig und auch bei den Demontagearbeiten im Außenbereich des ehemaligen KZ. Vorher hatte sich die Familie nach der Zerstörung in einem Stollen des Mittelwerk-Dora aufgehalten.
Ins Tagebuch schreibt er 1946: Ich will Maler werden. Seit 1947 ist er Mitglied im Kunstzirkel des Künstlers Martin Domke im Judenturm. Er besucht auch die private Kunstschule der Künstlerin Renate Niethammer, 1913 in Nordhausen geboren. Ihm wird nach der Teilnahme an einem Laienkunstwettbewerb des Kulturbundes die Hochschulreife bestätigt und er geht mit seinem Lehrer Domke an die Staatliche Hochschule für Baukunst und bildende Kunst in Weimar. Seine Kommilitonin ist Marlies Pape, aus der bekannten Nordhäuser Malzfabrikantenfamilie stammend.
Die beide werden ein Paar und heiraten 1954. Da studieren beide an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Charlottenburg, denn Weimar war 1951 geschlossen worden und Marlies Pape bekommt wegen ideologischer Gründe keine weitere Studienmöglichkeit in der DDR. Einen tiefen Einschnitt in sein Leben erfährt er 1959. Seine Frau stirbt bei der Geburt des Kindes, das auch nicht überlebt. Er kehrt Ende 1959 in das Haus seiner Schwiegereltern Pape im Altendorf 28 zurück und lebt und arbeitet dort in einem unbeheizbaren Dachbodenarbeitsraum bis ins Jahr 1961.
In sein Tagebuch schreibt er: Gestern Besuch von W. Müller, der mir zusagte, daß ich in seinem Atelier in der Windlücke arbeiten kann. Ich freue mich auf die Veränderung. Wolfgang Müller, sein Freund in Nordhausen, war dann als Lehrer für Kunsterziehung in Nordhausen tätig und arbeitete auch künstlerisch.
Das Blockhausatelier in der Windlücke wird repariert und ausgebaut. Er arbeitet an Vogel- und Muschelmotiven, fertigt farbige Tuschzeichnungen an als Entwürfe für den Holzschnitt, den Linolschnitt und die Radierung. In Nordhausen trifft er auch Ilse Spangenberg, die mit ihm gemeinsam in den Kunstschulen Domke und Niethammer ausgebildet worden war und mit ihm in Weimar studierte, dann in Dresden die Kunstausbildung fortsetzte. Er liest viel, hört Musik und hofft, dass er nach Berlin kommen würde, wohin er neue Arbeiten eingereicht hat.
Die Antwort: Die Arbeiten waren nicht derart, daß sieden künstlerischen Auffassungen, die der Verband in seiner ideologischen Konzeption vertritt, entsprach ... Im Atelier in der Windlücke wird eingebrochen, Papier, Spirituskocher und Werkzeug gestohlen. Müller bewirbt sich in Erfurt als Restaurator und beginnt dort 1961.
Letztendlich wird Weimar sein Wohn- und Arbeitssitz, wo er sich 2000 mit seiner zweiten Frau ein Haus in Weimar-Taubach baut, in dem er bis zuletzt lebte und trotz krankheitsbedingter Einschränkung weiter an seiner hochsensiblen Druckgrafik arbeitete.
Heidelore Kneffel
Copyright der Grafiken von Philip Oeser bei VG Bild-Kunst Bonn



