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Zeitreise in die Vergangenheit

Samstag, 01. Februar 2014, 08:13 Uhr
In diesem Beitrag hält Horst Rasemann einmal eine Retrospektion in die Vergangenheit bereit. An Hand der Dörfer der Verwaltungsgemeinschaft „Hainleite“ Kleinfurra und Rüxleben, erfuhr er durch Recherchen und durch seine Kindheitserinnerungen, wie zum Beispiel die Vorfahren die Ernte einbrachten und viel Wissenswertes über schon fast vergessene Berufe unserer Ahnen...


Dabei lässt er sich von den Leitspruch des großen Nordhäuser Schriftstellers und Dichters Rudolf Hagelstange (1912- 1984), des Schöpfers des „Venezianischen Credos“, leiten, der sagte: „Man tut dem Neuen kein Unrecht, wenn man das Alte nicht vergisst!“

Immer wieder hört man: „Die Vergangenheit ist in!“ Ritterturniere, veranstaltet in unseren alten ehrwürdigen Burgen, locken immer mehr Besucher an. „Harry Potter“ und die „Wanderhure“, stürmen die Bestsellerlisten. Nicht zu vergessen, die ungarische Königstochter Elisabeth, der Thüringen ein ganzes Jahr widmete. Was fasziniert uns so am Vergangenen? Der Welt unserer Altvorderen? Vielleicht ist es das „ Anderssein“ in einer Zeit, in der Ziele, Gedanken und Alltagsleben so ganz anders sind, als in der Jetztzeit.

Eine bewegende Geschichte haben auch die Dörfer unserer Verwaltungsgemeinschaft „Hainleite“ aufzuweisen. Von den Bergeshöhen unserer Heimat bietet sich dem Betrachter das anmutige, eindrucksvolle Bild der Dörfer am Nordhang der Hainleite und des Wippertales, gefügt in voller Schönheit, im Kranze der Wiesen und Felder.

Lieber Leser, lassen sie uns einmal eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen. Sie führt uns zurück in eine Epoche, wo alle Arbeiten, die der Ackerbau von unseren Ahnen verlangte, mit der Hand verrichtet werden musste, denn Maschinen, wie sie heute im Gebrauch sind, gab es damals noch nicht. Aber es lag über dieser oft schweren Arbeit ein zarter Hauch von frommer Andacht und friedvoller Gemütlichkeit, die dem heutigen Geschlecht bei aller Hast mehr und mehr abhanden gekommen ist.

So bestimmten in der Getreideernte nicht moderne Mähdrescher und Strohräumkomplexe das Erntebild, sondern in mühevoller Arbeit arbeiteten Schnitter mit ihren Sensen und Binderinnen mit der Sichel gemeinsam in gebückter, kräftezehrender Haltung auf den Feldern. Da wurde das Getreide mit der Sense geschnitten, aus den Strohhalmen Seile geflochten, mit der Sichel die abgeschnittenen Ähren aufgenommen und auf die Seile gelegt, sowie anschließend zu Garben zugebunden. Diese stellte man dann zum trocknen zu sogenannten Puppen bzw. Hocken auf das Feld auf. Bei günstigem Wetter und im getrockneten Zustand wurden dann die Garben auf Leiterwagen, die Pferde oder Kühe zogen, aufgegabelt und in die Scheune oder sofort an die Dreschmaschine gefahren.

Seit Jahrhunderten erbrachte der immer willige Ackerboden das, was den Menschen ernährte, erneuerten sich Generationen, wuchsen, wandelten und veränderten sich Lebensweise und Struktur bis in unsere Tage modernster und hoher Ansprüche an das Leben.

Doch lieber, geneigter Leser, lassen sie uns einmal zurückblicken auf die früheren nun schon fast vergessenen Berufe unserer Väter und Großväter in unseren Dörfern, die wir Älteren unter uns noch kennen, die aber schon fast der Vergessenheit anheim gefallen sind. Da ist die Transmission in der Tischlerwerkstatt. Hinter der Kreissäge hatte die Drehbank, gänzlich von feinen Sägespänen bedeckt, ihr Altenteil bezogen.

Hier drechselte der kunstsinnige Meister allerlei Holzzierrat im Sinne des damals herrschenden Jugendstils aber auch zur Weihnachtszeit gern gekaufte Nussknacker oder für die Kinder Spielzeug. In der Werkstatt roch es nach frischem bearbeiteten Holz. Nahezu ein ganzes Zeitalter ist seitdem vergangen. Wohl ist der Tischlerberuf im Dorfleben noch aktuell, aber ihm verwandte Berufe wie Drechsler und Stellmacher hat das Zeitliche bereits gesegnet.

Handwerkliches Spezialistentum, in gemütlicher Atmosphäre zu Hause, man denke an die bekannte Romangestalt Wilhelm Raabes, Hans Unwirsch, im Schustermilieu, ist längst modernen Produktionsmethoden gewichen. Heute sind dererlei Werkstätten verwaist, entfremdet, wenn nicht gar abgerissen. Und wie bestimmten diese ehrsamen Berufe einst das Dorfbild! Da rauschten über die Holzschaufeln des Mühlrades die von der Wipper abgeleiteten Wasser.

Allein Kleinfurra und Rüxleben besaßen je eine Wippermühle. Bäcker gab es zu meiner Kindzeit in beiden Ortschaften insgesamt fünf, ein Schneider, drei Schuster, zwei Stellmacher, zwei Schmiede, drei Fleischereien, ein Klempner, drei Sattler, vier Gaststätten, drei Gärtnereien, zwei Mahler, zwei Dachdecker, zwei Friseure, fünf Krämerläden, eine Poststelle, ein Kohlenhandel, Holzfuhrleute, Zimmermeister, Fuhrgeschäfte, Baubetrieb, viele Bergleute, Pendler die in Nordhausen oder in Sondershausen arbeiteten, ein Tierarzt und noch
einige andere Berufe. Hausschlächter waren es vier.

Diese schlachteten bei den Einwohnern die von diesen nebenbei großgefütterten Hausschweine in der Winterzeit, gingen aber in den meisten übrigen Tagen des Jahres ihren ehrenwerten Berufen nach wie Maurer, Landwirt, Gastwirt, Fuhrmann. Eine Tankstelle gab es gegenüber der gutbesuchten und weithin über die Dorfgrenzen bekannten Gaststätte „Zum Zoll“. Sie war ein beliebter gastronomischer Treffpunkt, verfügte über einen großen Saal der oft zu Tanzveranstaltungen und Versammlungen genutzt wurde.

Zeitreise in die Vergangenheit (Foto: Archiv Rasemann) Zeitreise in die Vergangenheit (Foto: Archiv Rasemann)

Ein Gartenlokal und eine Kegelbahn komplettierte das Ensemble. Unsere Väter und Großväter sprechen heute noch mit Begeisterung von dieser Gaststätte. Aber auch in den umliegenden Dörfern hatte sie einen guten Nimbus. Vis-a`-vis stand früher, auf den jetzigen Parkplatz ein großes Bauerngehöft, eine alte Ulme und eine Tankstelle. (siehe Foto) Das Foto zeigt die ehemalige Gaststätte „Zum Zoll“ während des Abrisses im März 1989.

Neben den einheimischen Glockenton, der vom Kirchturm über Dächer und der nahen Dorfflur schwang, gehörte der weithin vernehmbare rhythmisch helle Klang, dieses Ping! Ping!- aus der Schmiede geradezu in die altdeutsche Dorfszenerie. Es bedurfte keiner besonderen Gewerkehinweisschilder, der Bretterstapel im Garten, schlanke Eschen- und Birkenschäfte an der Werkstattwand gelehnt, flackerndes Schmiedefeuer, der Schemel voller Hufnägel, sie waren sicherlich Werbung genug.

Und dann die so oft geübten Handgriffe wie das Aufziehen der Reifen auf Wagenräder, was Schnelligkeit und Geschick sowie tätige Mithilfe auch von Familienangehörigen erforderte. Dazu der beißende Horngeruch verbrannter Huf-Eindrücke beim beschlagen der Pferde, die sich unauslöschlich eingeprägt haben. Dorfwerkstätten, waren sie nicht auch Zentren dörflichen Lebens? Zur Winterzeit, wenn die Feldarbeit im allgemeinen ruhte, waren beispielsweise Schmieden, Tischlereien, Stellmachereien willkommene Treffpunkte mitteilsamer Landleute. Funkenflug, Hammerschlag auf klingendem Amboß, Zischen von glühendem Eisen im Wasserbad waren genauso altvertraute Werkstattgeräusche wie das Kreischen der Kreissäge oder das Gleiten des Hobels über raues Holz.

Die Handwerker ließen sich gern auf die Finger sehen, waren sie doch allesamt treue Kunden, die sich bei ihnen ein Stelldichein gaben. Wie alte biblische Weisheit davon kündet, dass ihre Werke ihnen nachfolgen, sind Name und berufliche Tätigkeit begrifflich nach wie vor eng miteinander verbunden. Die Berufsbezeichnung dominiert oft über alle Namen: „Der Müller“, „Der Tischler“, „Der Bergmann“ usw., die Angehörigen der älteren Generation wissen immer noch jederzeit, wer mit dem Berufsnamen gemeint ist. Aber auch die achtungsvolle Anrede: „Meister Schiedung“, „Meister Koch“, „Meister Thun“, „Meister Pfeil“, „Meister Einicke“, um nur einige Beispiele für Kleinfurra und Rüxleben zu nennen, herrschte allgemein vor. „Name und Art“, sie gereichten unseren Altvorderen gewisslich zur Ehr.

Die Vergangenheit zeigt, dass alles in Bewegung ist, nichts bleibt wie es war, nichts kehrt zurück, nichts ist unendlich. Das ist im Großen so, wie im Kleinen. Die Entwicklung verläuft immer in Wellen. Sterne erglühen, leuchten hell, um wieder zu erlöschen und im Dunkel zu versinken. Manchmal lassen sie eine Spur zurück, die bis heute weiterleuchtet.
Horst Rasemann
Autor: red

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