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RENATE GERHARDT WAR:

Pflegemutter für Schwalben, Segler, Meise

Samstag, 08. August 2015, 13:03 Uhr
Renate Gerhardt schaffte es: Drei junge Mauersegler und eine kleine Kohlmeise, die allesamt aus dem Nest gefallen und noch völlig flugunfähig waren, päppelte sie groß. Kürzlich erfolgte ihre Entlassung aus der „Pflegestation“. Die zweier Mehlschwalben steht bevor...

Gern nehmen die Schwälbchen die Gaben aus der Hand ihrer Pflegemutter. (Foto: Kurt Frank) Gern nehmen die Schwälbchen die Gaben aus der Hand ihrer Pflegemutter. (Foto: Kurt Frank)

Salza. Die flache Hand als Startrampe ausgestreckt, erhoben sich die Mauersegler in die Lüfte und entschwanden. Die Kohlmeise fühlt sich jetzt im Garten der Gerhardts wohl. Nur zwei Mehlschwalben sind noch in Betreuung. Die Küche ist ihr Bereich. Die Rentnerin hat sie mit Zweigen dekoriert. Als Start- und Ruheplatz für die kleinen Nützlinge.

Ihr Leben verdanken die kleinen Federbällchen eigentlich Renates Enkeltochter Anna Cieslak. Die 18-Jährige fand sie in der Johannes-Kleinspehn-Straße. Anna ist sehr tierlieb und brachte es nicht übers Herz, die hilflosen Wesen ihrem Schicksal zu überlassen. Ohne menschliche Hilfe wäre es deren sicherer Tod.

Die kleine Kohlmeise und die Mehlschwalben hatten erst ansatzweise Federn angesetzt, als die Jugendliche sie fand. Anrufe in Vogelschutz-und Auffangstationen brachten keinen Erfolg. Die waren mit Kinderstuben aller Art völlig ausgebucht und überlastet zugleich. Gute Ratschläge hatten sie allerdings parat.

Enkeltochter Anna wäre so gern Tierpflegerin geworden. Ein bei Jugendlichen offenbar gefragter Beruf, wie sich bei Anrufen in zoologischen Gärten deutschlandweit zeigte. Überall waren die Anfragen höher als der Bedarf. Jetzt will Anna Kinderkrankenschwester werden. Die Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen aber bleibt.

Anna Cieslaks Hand diente dem jungen Mauersegler als Startrampe. (Foto: Kurt Frank) Anna Cieslaks Hand diente dem jungen Mauersegler als Startrampe. (Foto: Kurt Frank)
Warum verließen die halbwüchsigen Vögel überhaupt so frühzeitig das Nest? Anna Cieslak machte sich kundig, recherchierte auch im Internet. Die Hitzeperioden, erfuhr sie, hätten sie aus ihren sicheren Wohnstuben getrieben. Über 80 Grad herrschten in Nestern mit Sonnenbestrahlung. Für die Jungvögel eine Qual.

Was tun mit den kleinen Dingern? Wiederum war es Anna, die sich bemühte,ein Erfolg versprechendes Fütterungskonzept zu finden. Sie konsultierte Experten, Tierärztin Susanne Gothe, bemühte das Internet. Heimchen, eine kleine Grillenart, erwiesen sich bei allen Zöglingen als Lieblingsspeise. Alle zwei bis drei Stunden war Fütterung. Rund um die Uhr. Mit Geduld und Geschick weckte Renate Gerhardt deren Appetit. Die Kleinen sperrten alsbald die Schnäbel auf.

Die Kohlmeise war am pflegeleichtesten. Schnell wuchs ihr Federkleid. Bei den Mauerseglern, übrigens nicht mit den Schwalben verwandt, und den Mehlschwalben bedurfte es schon etwas mehr Geduld. Die Futter-Vorräte in einheimischen Zoohandlungen reichten nicht, um den Bedarf der hungrigen Schnäbel zu decken. Das Internet half.

Mit Grillen in unterschiedlichen Größen. Allerdings, so hieß es, würden Mauersegler die Beinchen der Grillen nicht besonders mögen, weshalb sie zu entfernen waren. Renate Gerhardt frostete die Insekten ein, brachte sie in ein Gefäß, schüttelte es, und die Prozedur war erledigt.

Fallen Jungvögel aus dem Nest oder Feinden zum Opfer, sei das eine natürliche Auslese, heißt es. Für Renate Gerhardt und Enkeltochter Anna ist der Tod jedes dieser kleinen Mücken-, Fliegen- und Raupenfänger ein Verlust.

Mit Telefonaten, Recherchen im Internet, Futterbeschaffung und allem Drum und Dran kamen die Vogelretter auf über 200 Euro an Pflege-Kosten. Das war ihnen allemal der Aufwand wert, zumal die heimische Vogelwelt immer seltener und noch zu wenig getan werde, um ihnen geeignete Nistmöglichkeiten zu bieten.
Kurt Frank
Autor: red

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