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Der „arme“ Kandidat

Montag, 21. Juni 2004, 09:21 Uhr
Nordhausen (nnz). Viele Menschen aus dem Südharz wollen am kommenden Wochenende gewählt werden. Wenn Sie jetzt denken, nur die Wähler haben Streß, dann haben Sie weit gefehlt. Die nnz veröffentlicht den (nicht ganz ernst gemeinten) Hilferuf einen Kandidaten für den Nordhäuser Stadtrat.


Liebe Wähler,
wissen Sie eigentlich, welche Schwierigkeiten ein Kandidat hat, um sich bei Ihnen ins rechte Licht zu rücken? Neben seinem Bild muß er dazu noch ein möglichst kluges Motto präsentieren, das über seine Person etwas Treffendes aussagt. Ich habe so meine Schwierigkeiten, was ich da wählen könnte.

Als erstes fiel mir ein: „Ich bin der richtige!“ Mit dieser Aussage habe ich einmal eine junge Maid gewonnen, mich zu heiraten. Es hatte geklappt Die Ehe besteht heute noch. Die Aussage könnte natürlich auch noch etwas peppiger sein, etwa „Hoppla, jetzt komme ich – wenn ihr wollt!“ Na ja, noch nicht ganz überzeugend.

Oft ist es gut, wenn man sich auf Bekanntes stützt, etwa auf das kulturelle Erbe. Das Kinderlied „Wollt ihr fröhliche Handwerker sehen“, legt doch nahe: „Wollt ihr einen fröhlichen Stadtvertreter sehen, müßt ihr mir die Stimme geben!“. Besser wäre ja noch „müßt ihr bei mir drei Kreuze machen !“ Das wäre für mich sicherer, reimt sich aber leider nicht. Einen besseren Reim bekomme ich hin, wenn ich an dem alten Kindergebet ansetze, das sicher noch viele kennen: „Ich bin klein, mein Herz ist rein...“.

Da ich nun nicht mehr klein bin, etwa so: „Ich bin groß, hab Mumm im Schoß, wenn ihr wollt, dann leg ich los !“ Ich finde, das bringt meine Energie gut zum Ausdruck. Aber meine Frau meint doch, das könnte falsch verstanden werden, das mit dem Schoß, auch wenn es sich reimt. Ich sollte mich doch mehr auf mein Alter beziehen.

Ich bin ja auch nicht mehr der jüngste und in vielen Ländern wird die Weisheit des Alters hoch geachtet. Also „Weißes Haar – reifer Geist“, kommt das an? Oder: „Alte ins Ehrenamt !“, die haben Zeit, die repräsentieren fast die Mehrheit des Volkes und haben noch eine gute Schulbildung gehabt. Aber man muß den Jungen doch auch ihre Chance lassen.

Außerdem fehlt bei allem bisher die Ausrichtung auf kommunale Ziele, was doch auch wichtig ist, also ran: „Als älterer Abgeordneter kämpfe ich für mehr Toilettenanlagen !“ (Die Jungen müssen ja nicht so oft und besprühen ohnehin alle Wände)

Nachdem nun die Neue Mitte gut ausgestaltet wurde, ist mein weiteres Kampfziel: „Auch die Unterstadt muß angehoben werden!“, ich meine natürlich strukturell und kulturell, wie man immer sagt, wenn man noch nicht genau weiß, wie das geschehen soll. Ach, aber natürlich brauche ich auch die Wähler der Oberstadt.

„Ich bin für den Erhalt der Seniorenzentren!“ – das ist schön überregional, aber auch sehr speziell. „Mein Herz schlägt für Kleingärtner und Siedler !“ – wäre das nicht ein prima Motto?

Vielleicht sollte man die richtigen zentralen Probleme anpacken: „Wir brauchen mehr Kinder, Wirtschaft und Geld!“ Das geht an die Wurzeln. Das fetzt. Allerdings ist das Wie dabei ausgespart. Also, ein Versuch: „Holt mehr Touristen in die Stadt – die uns befruchten können!“ Touristen sind ja selbst ein Wirtschaftsfaktor, sie bringen auch Geld, wenn sie unsere Rostbratwürste essen. Ob sie mehr Kinder bewirken können, weiß ich nicht, da bin ich zu weit weg von den Aktionsfeldern. Aber unsere Hebammen würden sich schon freuen.

Weitere Hebel: „Für ein sich selbst tragendes Theater“, oder „Für eine geringere Kreisumlage!“ Na, man soll keine Illusionen verbreiten. Gern würde ich etwa werben: „Auch Vertreter anderer Parteien müssen Lottomittel verteilen dürfen !“ Sie verstehen schon, was ich meine.

Ja, die Probleme sind schon kompliziert Manchmal möchte ich meinen Mitbürgern und Wählern nur zurufen: „Ostler, bleibt optimistisch, wir haben schon Schlimmeres überlebt !“ oder: „Laßt uns die Probleme mit Humor angehen, sie sind kompliziert genug!“

Liebe Wähler, können Sie nun verstehen, wie kompliziert es ist, sich bei Ihnen gut zu empfehlen? Es gibt so viel anzuführen, aber man muß sich für ein Motto entscheiden.
Es grüßt Sie, Ihr Kandidat

PS: Aufgeschrieben wurden diese Zeilen von Prof. Manfred Baumann aus Nordhausen, der für den Stadtrat kandidiert.
Autor: nnz

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