nnz-online
25 Jahre Altstadtsanierung

Die Altstadt ist lebenswert geworden

Freitag, 26. August 2016, 08:50 Uhr
Könnte man heute 25 Jahre in der Zeit zurückspringen, man würde die Nordhäuser Altstadt kaum wieder erkennen. Vor einem Vierteljahrhundert machte man sich daran, den Stadtkern zu retten. Gestern bekam man im Bürgerhaus einen guten Überblick über das, was heute in der Altstadt geschieht und noch geschehen soll...

25 Jahre Altstadtsanierung (Foto: Angelo Glashagel) 25 Jahre Altstadtsanierung (Foto: Angelo Glashagel)

Angefangen hat es mit Sicherungsmaßnahmen, Rettungsaktionen eigentlich, denn die Zeit des Sozialismus war alles andere als spurlos an der Nordhäuser Altstadt vorübergegangen. In 40 Jahren DDR gingen dem historischen Stadtkern mehr Gebäude verloren als im zweiten Weltkrieg, ein entsprechend bitteres Bild bot die Altstadt nach der Wiedervereinigung.

Mario Manolow kann sich noch sehr genau daran erinnern, wie es damals war. Seit 25 Jahren ist der Herr bei der Stadtverwaltung für die Sanierung der Altstadt zuständig. Angefangen habe man in den 90er im Bereich Bäckerstraße, Gumpertstraße und der Barfüßerstraße. Entgegen dem allgemeinen Trend in anderen Städten habe man die städtische Bausubstanz damals in den Hintergrund gestellt, erzählt Manolow, und vor allem Privatinitiativen unterstützt. Das größte Projekt war damals der Umbau des Badehauses, kein Neubau auf der "grünen Wiese", sondern eine Erweiterung des Alten. Aber es gab auch Rückschläge - die Nordseite der Bäckerstraße, genauer das Gelände der alten Dombrauerei, ist bis heute eine Brache.

Das Interesse der Bürgerschaft war eher verhalten - es mag am Sommer gelegen haben (Foto: Angelo Glashagel) Das Interesse der Bürgerschaft war eher verhalten - es mag am Sommer gelegen haben (Foto: Angelo Glashagel)
Die 2000er Jahre standen ganz im Zeichen der Landesgartenschau. Die konzentrierte sich zwar auf den Petersberg über "Begleitmaßnahmen" flossen aber auch 21 Mio. Euro in das Umfeld, ein Teil davon auch in die Altstadt. Insgesamt kamen der Altstadt in 25 Jahren 55 Mio. Euro allein aus der Städtebauförderung zu Gute, erzählt Manolow.

Prägend war vor allem die Neugestaltung des Kornmarktes, so Manolow. In diesen Tagen sind es die Großprojekte wie Flohburg, Bürgerhaus und Blasiikirchplatz, die bestimmend sind auf dem Weg zur neuen, alten Stadt.

Und doch zeigen sich an vielen Stellen immer noch die Zeichen von Vernachlässigung, Alter und Verfall. Doch die Lücken, sie schwinden langsam. Im Georgenquartier, an der Rosenmühle und in der Pfaffengasse hat sich in den letzten Monaten viel getan und auch im Altendorf und der Alten Post sind die Handwerker zu Gange.

Im Zentrum des gestrigen Abends stand denn auch nicht das Jubiläum als solches, sondern die Projekte, die zur Zeit das Bild der Altstadt verändern. Obwohl das Interesse der Nordhäuser Bürgerschaft, das Wetter mag da eine Rolle gespielt haben, nicht gerade überragend war, ließen es sich die Bauherren und Architekten nicht nehmen, ihre Visionen vorzustellen.

Den Anfang machte Oliver Wönnmann, Chef des Kurbelwellenherstellers FeuerPowertrain. Eigentlich habe man die Altstadt "nicht auf den Schirm" gehabt, erzählte Wönnmann, man wolle aber auch in der Stadt einen gewissen Fußabdruck hinterlassen. Weil man eigentlich nicht in der Baubranche ist, sei der Blick auf eine kleine, feine Ecke gefallen, die für Wönnmann und Feuer nebenher "handlebar" war - die Georgengasse. Hinter der Flohburg sind die Arbeiten an den Wohnhäusern inzwischen fast abgeschlossen. Mit ihren Spitzdächern fügen sie sich in das Bild der Gegend ein und passen sich dem Museum an. Die Zielgruppe seien junge Familien zwischen 30 und 52 Jahren gewesen, sagt Wönnmann, das Interesse sei groß gewesen.

Der erste Bauabschnitt der Schärfgasse ist so gut wie beendet (Foto: Angelo Glashagel) Der erste Bauabschnitt der Schärfgasse ist so gut wie beendet (Foto: Angelo Glashagel)

Es wird nicht das letzte mal sein, das die Worte "junge Familien" und "große Resonanz" an diesem Abend fallen. Glaubt man den Bekundungen der Investoren, dann reißen sich die Interessenten geradezu um Wohnraum in der Altstadt. Nick Bröder, der die Pfaffengasse 5-8 auf Vordermann bringen will, sagte er habe die ersten Anfragen bekommen "bevor auch nur ein Spatenstich gemacht wurde". In der Alten Post, die von Axel Heck mit viel Aufwand zum Wohnhaus umgebaut wurde, sind von 18 Wohnungen noch drei zu haben. Auch an der Rosenmühle sind die ersten Familien bereits eingezogen, die große Nachfrage habe ihn selbst überrascht, erzählte Architekt Tobias Winkler.

"Die Altstadt ist Lebenswert geworden", so die Erklärung Oliver Wönnmanns. Und mit den Menschen würden auch die Geschäfte zurückkehren, so die Hoffnung, Fleischer, Bäcker und dergleichen. Aber es sind nicht nur die jungen Leute, die man im Blick hat. Nick Bröder, die Städtische Wohnungsbaugesellschaft mit der Schärfgasse und nicht zuletzt die Caritas wollen Wohnraum auch für ältere Menschen in der Altstadt schaffen. Barrierefrei, oder doch wenigsten Barrierearm, sind hier die Schlagworte. Die Caritas, die in der Kranichstraße ein Seniorenheim betreibt, will den Bereich nördliche Bäckerstraße in Angriff nehmen und einen Verbund aus drei Gebäudekomplexen errichten, die altersgerechtes Wohnen und ambulante Betreuung ermöglichen.

Von außen soll die Fassade den Charakter der traditionellen Einzelbebauung vermitteln, inklusive Klinkerfassade. Die Verbindung von alter und neuer Architektur ist, gerade im historischen Kern einer Stadt, immer ein Thema. Wer nicht mit Bedacht und einem Auge für diese Symbiose baut, läuft Gefahr für Bausünden zu sorgen, die auf Jahre hinaus das Bild eines Straßenzuges prägen können. Erfreulicherweise scheinen alle Bauherren dieser Tage darauf zu achten, eben das zu vermeiden.

Von der historischen Bausubstanz bleibt da manchmal nicht mehr als die Fassade, aber immerhin. Denn nicht selten lässt sich ein kompletter Abriss nicht vermeiden. So wird das Gebäude Altendorf 30 weichen müssen, der Schaden an der Bausubstanz war einfach zu groß, erklären die Architekten am Abend. Die SWG musste in der Schärfgasse ein Gebäude abreißen und auch aus der geplanten Öffnung des Mühlgrabens wird vorläufig nichts. Um den geschlossenen Wasserkreislauf zu realisieren hätte man komplizierte Filter- und Pumpsysteme einbauen müssen, die Pläne seien aber nicht gänzlich ad acta gelegt.

Die Altstadt, so scheint es, ist auf einem guten Weg. Wenn noch einmal 25 Jahre ins Land gehen, werden es vielleicht allein Fotos sein, die noch an die Narben des 20. Jahrhunderts erinnern.
Angelo Glashagel
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de