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Steht die Mauer doch noch?

Donnerstag, 15. Juli 2004, 09:20 Uhr
Nordhausen (nnz). Innerdeutsche Streitigkeiten. Warum das Verständnis zwischen Ost- und Westdeutschen noch immer fehlt? Dieser Frage ist die Autorin Sybille Reinke de Buitrago in einem Buch nachgegangen. Für die nnz gibt sie einen Einblick in die derzeitige „deutsche Seele“.


Wohl die meisten Deutschen, wie auch Nicht-Deutschen, sehen heute das vereinte Deutschland als gegeben. Die Mauer steht nicht mehr und das Land ist seit 1990 politisch und geographisch wieder eins. Doch ist die Mauer nur noch Geschichte? Sind auch die Menschen auf beiden Seiten vereint? Die Antwort dazu ist nein. Denn wichtige Differenzen in Kultur und Identität, ja sogar in der Sprache existieren noch zwischen Ost- und Westdeutschen – leider sind sie auch immer noch, zum größten Teil, ununtersucht geblieben. Aber nicht darüber reden wollen hilft nicht. Dadurch verhärten sich die Unterschiede nur – und das ist gefährlich.

Während viele Ostdeutsche und Westdeutsche heute auf der jeweils anderen Seite leben und arbeiten, so ist doch der größte Teil auf der eigenen Seite geblieben. Denn da ist man unter sich. Was im Westen aber niemand begriffen hat und was noch nie ein Thema breiter öffentlicher Diskussion war, sind die Gefühle, die Ängste und der Frust, mit denen die Ostdeutschen tagtäglich umgehen müssen, aber oft nicht können. Eine Reise in den Osten ist meist eine Reise in eine andere Welt, wenn man nur die Augen öffnet. Die Menschen auf beiden Seiten reden über andere Dinge, beschäftigen sich mit anderen Gedanken, haben andere Werte und Wahrnehmungen. Vielleicht sind Westdeutsche aber nicht in der Lage, die Unterschiede dort wahrzunehmen. Gerade weil sich für sie nichts einschneidend verändert hat, haben sie wenig Empathie mit ihren östlichen Mitbürgern. Doch diese Dynamik entwickelt sich weiter entlang einer Spirale. Die Ostdeutschen fühlen sich allein gelassen, betrogen und als Bürger zweiter Klasse. Manche von ihnen reagieren aggressiv, andere resigniert. Westdeutsche können die Reaktionen nicht nachvollziehen und nennen Ostdeutsche undankbar, faul und/oder gewaltbereit.

Viele Ostdeutsche ziehen sich bei solchen Kommentaren zurück in ihre Nische und sehen die eigenen Wahrnehmungen über Westdeutsche als arrogant und egoistisch wieder einmal bestätigt. In dieser Weise denken beide Seiten schlecht von einander, man will sich auch nicht unbedingt mehr begegnen und gibt dem anderen keine echte Chance. Viele Ostdeutsche wehren sich gegen die vollständige Übernahme durch das westdeutsche System in ihrer Umgebung und stärken den Zusammenhalt zu ihrer eigenen Gruppe. Die meisten Ostdeutschen wollen auch ihre eigenen Werte behalten und geben diese natürlich an ihre Kinder weiter. So bleibt die Teilung in der Gesellschaft bestehen.

Also was müssen wir tun, um unsere Gesellschaft wirklich zu vereinigen? Es ist unabdingbar, die existierenden Differenzen in der Identität und Kultur konstruktiv zu erforschen. Ost- und Westdeutsche müssen beginnen, „...die Menschen auf der anderen Seite mit einer Einstellung des Lernens und der Kuriosität zu begegnen, anstatt mit Urteil und Kritik.“ Nur wenn die ostdeutsche Identität nicht länger ignoriert oder sogar angezweifelt wird, können Ostdeutsche sich voll im (west)deutschen System entwickeln.

Das ist eine enorme Herausforderung für unsere Gesellschaft. Die Art und Weise, wie wir uns ihr stellen, wird sich nicht nur auf die Entwicklung des Landes auswirken und die aktuellen Probleme beeinflussen. Denn es betrifft nicht nur Deutschland: je besser wir diese Herausforderung meistern, um so aktiver werden wir auch die Entwicklung der Europäischen Union mitgestalten können. Also lasst uns über die Ost- und Westdeutschen offen sprechen, was uns unterscheidet und vereint, und wo wir voneinander und miteinander lernen können.
Sybille Reinke de Buitrago
Weitere Einblicke verschafft das Buch: Innerdeutsche Streitigkeiten. Warum das Verständnis zwischen Ost- und Westdeutschen noch immer fehl. ISBN 3-8325-0331-5, Logos Verlag Berlin.
Autor: nnz

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