Ein Gespräch mit Superintendent Andreas Schwarze
Sag, wie hältst du's mit der Religion?
Freitag, 23. Dezember 2016, 09:10 Uhr
Der heilige Abend ist das größte Fest des Jahres, seit Wochen, Monaten schon angekündigt, vorbereitet, präsentiert. Dass es sich dabei um ein religiöses Fest handelt, ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht gänzlich in den Hintergrund gerückt. Welche Rolle der Glaube heute spielt, darüber hat sich die nnz mit dem Superintendenten der evangelischen Kirche im Südharz, Andreas Schwarze unterhalten...
Der evangelischen Kirche steht ein ereignisreiches Jahr bevor, der Beginn der Reformation, der Thesenanschlag Luthers, der die Welt erschüttern sollte, jährt sich zum 500. Mal.
Die Rolle, die Glauben und Kirche in der Gesellschaft und im Alltag der Menschen spielen, hat sich im Laufe dieses halben Jahrtausends fundamental verändert.
Zu Luthers Zeiten wurde so gut wie jeder Mensch, der hierzulande das Licht der Welt erblickte, getauft und damit Christ. Eine Wahl hatte man nicht wirklich. Taufe, Konfession, Beichte, die Eucharistie, die Trinität – alles Selbstverständlichkeiten des Alltags, Fixpunkte im Leben des Einzelnen, der Gesellschaft und des Staates. Könige und Kaiser beriefen sich auf Gottes Gnade, der einfache Mann hoffte auf selbige und bangte, wie manch hoher Herr auch, um sein Seelenheil.
Wo immer eine Kirche steht, da war früher auch ein Pfarrer zu finden, das war fast so sicher wie das Amen in derselbigen. Der Herr Pfarrer kannte seine Leute, heute sei man weiter weggerückt, erzählt Schwarze, die Seelsorger sind meist für mehrere Gemeinden zuständig und müssten, wie in vielen anderen Berufen auch, ein straffes Zeitmanagement an den Tag legen. Das Bild habe sich gewandelt, wichtig sei, dass das angemessen geschehe, dass man Seelsorger und Theologe bleibe, sagt der Superintendent.
Superintendent Andreas Schwarze im Gespräch mit der nnz (Foto: Angelo Glashagel)
Neu ist die Entwicklung indes nicht, die Aufteilung der Pfarrbereiche, die Parochie hat schon im 19. Jahrhundert eingesetzt. Was mit der Aufklärung seinen Anfang genommen hat, ist heute zu voller Blüte gelangt. Die Kirche hat ihr Monopol verloren, die Wege die einem hierzulande auf dem Weg zu Selbstfindung und Seelenheil zur Verfügung stehen, sind vielfältig und gesellschaftlich akzeptiert. Für viele Menschen sei man heute ein Anbieter unter vielen, sagt Schwarze. Nach dem Ende des Sozialismus, da hatte es in den Pfarrhäusern die Hoffnung gegeben dass die Menschen nach Jahren der Repression alles Religiösen in den Schoß der Kirche zurückkehren würden. Die Hoffnung wurde enttäuscht.
Kirchen seien auch heute noch wichtige Trostorte für viele Menschen, gerade auch in diesen Tagen. Wer in sich Erschütterungen spüre, wer in der Stille und im Gebet Halt suche um sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen, für den müsse man offen stehen, erklärt Schwarze. Dabei gehe es gar nicht so sehr darum, dass der Einzelne zu Gott findet, sondern zuerst sich selbst wiederfindet. Die Kirche soll nicht nur für die Gläubigen da sein, sondern für alle. Es gibt Phasen im Leben, da tritt die Kirche in den Hintergrund. Und es gibt unverfügbare Momente im Leben in denen einem etwas nahe geht. In solchen Grenzsituationen braucht es einen solchen Ort, einen Trostort. Die Kirche ist im Volk und irgendwann braucht sie jemand. Der eine heute, der andere morgen und übermorgen vielleicht man selbst.
Er sei dankbar dafür, dass man seinen Glauben heute wieder frei ausüben und leben könne, erzählt der Superintendent. Die Religion suche das Verbindende, zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander. Dass das auch zwischen den Religionen gehe, habe man dieser Tage in der Berliner Gedächtniskirche, zum Gottesdienst in Gedenken an die Opfer des Anschlages auf dem Berliner Breitscheidplatz, sehen können. Ein terroristischer Islam gehört nicht zu Deutschland und nicht in die Welt, sagt der Superintendent, wenn er den Frieden suchen will, sind wir uns an diesen Stellen sehr nah. Aufgabe sei es daher auch, das Verbindende zu finden und Lebensräume zu ermöglichen und zu gestalten. Dort wo man das will, gelingt das auch.
Die zum Teil blutigen Auseinandersetzung und Konflikte, welche die Reformation in ihrer Wucht mit sich brachte, hielten Jahrhunderte an. Die Konfessionen des Islam bekämpfen einander seit über einem Jahrtausend. Eine Reformation wie sie das Christentum erlebt habe, brauche der Islam aus seiner Sicht nicht, meinte Andreas Schwarze. Was die Christenheit verändert habe sei vielmehr die Aufklärung gewesen. Wir mussten uns, mit Kant gesprochen, aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien. Wir mussten uns neu erfinden und lernen, nicht die Hände in den Schoß zu legen und uns stattdessen unseres eigenenVerstandes zu bedienen.
Da ist ein Grundgefühl, das man bei allen Veränderungen und Dunkelheiten des Lebens die verlässliche Zusage hat die einem mit der Taufe ins Herz gelegt ist: man kann nicht aus der Gnade Gottes fallen. Es ist eine Weite im ganzen Menschen, in allen Kleinigkeiten, die einem hilft sich nicht von den Dingen gefangen nehmen, sich von Beziehungen nicht lähmen zu lassen. Auch das ist Christ-sein. Auch in einem Jahr, das viel Unfriede gebracht habe, breite sich die Freude Gottes aus. Aus ihr heraus müsse man es schaffen das Leben zu gestalten.
Angelo Glashagel
Autor: redDer evangelischen Kirche steht ein ereignisreiches Jahr bevor, der Beginn der Reformation, der Thesenanschlag Luthers, der die Welt erschüttern sollte, jährt sich zum 500. Mal.
Die Rolle, die Glauben und Kirche in der Gesellschaft und im Alltag der Menschen spielen, hat sich im Laufe dieses halben Jahrtausends fundamental verändert.
Zu Luthers Zeiten wurde so gut wie jeder Mensch, der hierzulande das Licht der Welt erblickte, getauft und damit Christ. Eine Wahl hatte man nicht wirklich. Taufe, Konfession, Beichte, die Eucharistie, die Trinität – alles Selbstverständlichkeiten des Alltags, Fixpunkte im Leben des Einzelnen, der Gesellschaft und des Staates. Könige und Kaiser beriefen sich auf Gottes Gnade, der einfache Mann hoffte auf selbige und bangte, wie manch hoher Herr auch, um sein Seelenheil.
Kirche im Südharz
Heute sehe man sich als Kirche 70 bis 80 Prozent Kirchenfernen gegenüber, sagt Andreas Schwarze, Superintendent und damit Chef des evangelischen Kirchenkreises Südharz. Rund 22.500 Mitglieder haben die 16 Pfarrbereiche noch. Die Zahlen seien aber nicht das erste, worauf er schaue. Die Kirche kann vieles sein – das Gebäude vor Ort, die Landeskirche oder die kirchliche Leitung. Für mich ist sie das, was vor Ort in den Gemeinden tatsächlich passiert, unabhängig davon ob daran 30 oder nur 3 Menschen beteiligt sind.Wo immer eine Kirche steht, da war früher auch ein Pfarrer zu finden, das war fast so sicher wie das Amen in derselbigen. Der Herr Pfarrer kannte seine Leute, heute sei man weiter weggerückt, erzählt Schwarze, die Seelsorger sind meist für mehrere Gemeinden zuständig und müssten, wie in vielen anderen Berufen auch, ein straffes Zeitmanagement an den Tag legen. Das Bild habe sich gewandelt, wichtig sei, dass das angemessen geschehe, dass man Seelsorger und Theologe bleibe, sagt der Superintendent.
Superintendent Andreas Schwarze im Gespräch mit der nnz (Foto: Angelo Glashagel)
Neu ist die Entwicklung indes nicht, die Aufteilung der Pfarrbereiche, die Parochie hat schon im 19. Jahrhundert eingesetzt. Was mit der Aufklärung seinen Anfang genommen hat, ist heute zu voller Blüte gelangt. Die Kirche hat ihr Monopol verloren, die Wege die einem hierzulande auf dem Weg zu Selbstfindung und Seelenheil zur Verfügung stehen, sind vielfältig und gesellschaftlich akzeptiert. Für viele Menschen sei man heute ein Anbieter unter vielen, sagt Schwarze. Nach dem Ende des Sozialismus, da hatte es in den Pfarrhäusern die Hoffnung gegeben dass die Menschen nach Jahren der Repression alles Religiösen in den Schoß der Kirche zurückkehren würden. Die Hoffnung wurde enttäuscht. Trostorte in der Mitte der Menschen
Auf dem Abstellgleis der Geschichte ist man aber auch nicht gelandet. Während anderswo der Verkauf und die Umfunktionierung von Gotteshäusern Schlagzeilen machen, investiert die evangelische Kirche in Nordhausen. Die altehrwürdige Altendorfer Kirche wird dieser Tage um einen Anbau erweitert, als Höhepunkt des großen Jubiläumsjahres soll das Haus als neue Jugendkirche eingeweiht werden. Involviert sind dabei fünf junge Gemeinden in der Region. Wir möchten jungen menschen ein zu Hause und einen Raum geben, in dem sie ihre Ausdrucksform des Glaubens suchen, in dem sie Gemeinde sein können, erklärt Andreas Schwarze.Kirchen seien auch heute noch wichtige Trostorte für viele Menschen, gerade auch in diesen Tagen. Wer in sich Erschütterungen spüre, wer in der Stille und im Gebet Halt suche um sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen, für den müsse man offen stehen, erklärt Schwarze. Dabei gehe es gar nicht so sehr darum, dass der Einzelne zu Gott findet, sondern zuerst sich selbst wiederfindet. Die Kirche soll nicht nur für die Gläubigen da sein, sondern für alle. Es gibt Phasen im Leben, da tritt die Kirche in den Hintergrund. Und es gibt unverfügbare Momente im Leben in denen einem etwas nahe geht. In solchen Grenzsituationen braucht es einen solchen Ort, einen Trostort. Die Kirche ist im Volk und irgendwann braucht sie jemand. Der eine heute, der andere morgen und übermorgen vielleicht man selbst.
Er sei dankbar dafür, dass man seinen Glauben heute wieder frei ausüben und leben könne, erzählt der Superintendent. Die Religion suche das Verbindende, zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander. Dass das auch zwischen den Religionen gehe, habe man dieser Tage in der Berliner Gedächtniskirche, zum Gottesdienst in Gedenken an die Opfer des Anschlages auf dem Berliner Breitscheidplatz, sehen können. Ein terroristischer Islam gehört nicht zu Deutschland und nicht in die Welt, sagt der Superintendent, wenn er den Frieden suchen will, sind wir uns an diesen Stellen sehr nah. Aufgabe sei es daher auch, das Verbindende zu finden und Lebensräume zu ermöglichen und zu gestalten. Dort wo man das will, gelingt das auch.
Dialog und Ökumene
Die evangelische Kirche und mit ihr das Christentum als Ganzes haben, historisch betrachtet, auch alles andere als eine reine Weste. Die Verantwortung für die Spannungen der eigenen Geschichte könne man nicht wegschieben, meint Andreas Schwarze. Der Dialog zwischen Katholiken und Protestanten etwa hat erst das zweite vatikanische Konzil, im Jahr 1963,eröffnet. 2017 soll ein Jahr der ökumenischen Gemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten werden. Das ist genau der richtige Weg. Dabei wissen wir auch um unsere Unterschiede und die werden sich nicht in einem Einheitsbrei auflösen., so der Superintendent. Jeder habe seinen Ort, Gemeinschaft ist trotzdem möglich.Die zum Teil blutigen Auseinandersetzung und Konflikte, welche die Reformation in ihrer Wucht mit sich brachte, hielten Jahrhunderte an. Die Konfessionen des Islam bekämpfen einander seit über einem Jahrtausend. Eine Reformation wie sie das Christentum erlebt habe, brauche der Islam aus seiner Sicht nicht, meinte Andreas Schwarze. Was die Christenheit verändert habe sei vielmehr die Aufklärung gewesen. Wir mussten uns, mit Kant gesprochen, aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien. Wir mussten uns neu erfinden und lernen, nicht die Hände in den Schoß zu legen und uns stattdessen unseres eigenenVerstandes zu bedienen.
Christ sein im 21. Jahrhundert
Die Herausforderungen, denen sich die Kirche gegenübersieht, seien andere als in den vergangenen Jahrhunderten. Heute müsse es darum gehen Kirche erlebbar und erfahrbar zu gestalten. Die Zeiten in denen das Christentum von Europa aus die Welt missionieren wollte, sind vorbei. Die Mission finde heute vor Ort, in der Region statt. Dies geschehe nicht mit Macht, Kraft und Waffengewalt, sondern dadurch, dass man sein Christ-sein in einer Umgebung selber erkennbar lebt, die nur noch wenig vom christlichen Leben weiß. Vieles sei im 20. Jahrhundert verloren gegangen, Symbolik und Bedeutung die selbstverständlich waren, etwa von Christbaum und -Stern als Zeichen des offenen Paradieses. Heute suche man nach Wegen, wie man die Menschen wieder in ihrem Alltag erreiche. Gott gehe mit den Menschen mit, durch Jesus der selbst Mensch geworden ist, durch Zeit und Leben bis heute. In den alten Geschichten, gerade auch der Weihnachtsgeschichte, könne man immer wieder das Eigene entdecken. Wäre das nicht der Fall, so wären sie nur ein Kulturgut unter vielen.Da ist ein Grundgefühl, das man bei allen Veränderungen und Dunkelheiten des Lebens die verlässliche Zusage hat die einem mit der Taufe ins Herz gelegt ist: man kann nicht aus der Gnade Gottes fallen. Es ist eine Weite im ganzen Menschen, in allen Kleinigkeiten, die einem hilft sich nicht von den Dingen gefangen nehmen, sich von Beziehungen nicht lähmen zu lassen. Auch das ist Christ-sein. Auch in einem Jahr, das viel Unfriede gebracht habe, breite sich die Freude Gottes aus. Aus ihr heraus müsse man es schaffen das Leben zu gestalten.
Angelo Glashagel

