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Ein Besuch beim Technischen Hilfswerk Nordhausen

Mehr als eine Feuerwehr in Blau

Freitag, 15. November 2019, 13:30 Uhr
Wenn es kracht, kommt die Polizei. Wenn es brennt kommt die Feuerwehr. Und wenn es einmal ganz hoch hergeht, dann rückt auch das Technische Hilfswerk aus. Der Einsatzbefehl kommt aber nicht nur bei großen Katastrophen, wie die nnz bei einem Besuch im Nordhäuser Ortsverband des THW erfahren hat...

Steven Nicolai beim Fuhrpark des Nordhäuser THW in Hesserode (Foto: Angelo Glashagel) Steven Nicolai beim Fuhrpark des Nordhäuser THW in Hesserode (Foto: Angelo Glashagel)

Es gibt Momente, da kommt auch die Feuerwehr mit ihrer Technik nicht weiter. Für solche Fälle gibt es in Deutschland seit 1954 das "THW", das Technische Hilfswerk. Die Institution des Bundes kann deutschlandweit 80.000 Ehrenamtliche Helfer aus 660 Ortsverbänden ins Feld führen, wenn Not am Mann ist.

Bei Groß-Einsatzlagen wie Hochwasserkatastrophen sind die gewichtigen blauen Einsatzfahrzeuge der Helfer regelmäßig zu sehen. Doch es muss nicht immer das "Rieseninferno" sein, sagt Steven Nicolai, angehender Zugtruppfüher im Nordhäuser Ortsverband. "Wir kommen dann, wenn die Feuerwehr einmal nicht mehr weiterkommt oder mehr Einsatzkräfte gebraucht werden. Das kann zum Beispiel eine Straßenräumung nach einem Sturm sein, wie wir es zum Beispiel mit dem Erdrutsch bei Netzkater erlebt haben."

Oder auch bei Evakuierungen. Insgesamt 17 Stunden waren Nicolai und Kollegen am vergangenen Mittwoch im Einsatz. Im Bereich 4 half man bei der Räumung, evakuierte eine Intensivpflegeeinrichtung, ging in den "Häuserkampf" und klingelte sich durch das Einsatzgebiet, sorgte in der Nacht für Licht und koordinierte sich mit den anderen Kräften über das Lagezentrum.

Steven Nicolai ist seit seinem 17. Lebensjahr dabei, anderen Menschen helfen zu können, das habe ihn angezogen. Den letzten Ausschlag für das THW gab dann einer der öffentlichen Auftritte und die Präsentation der eindrucksvollen Technik.

In der Ausstattung muss sich das THW nicht hinter den Feuerwehren, seien sie nun freiwillig oder hauptamtlich, nicht verstecken. Im Gegenteil. Wo andere Einsatzkräfte spezialisiert sind und vor allem die Erstrettung sicher stellen müssen, ist der technische Fuhrpark des THW auf Breite ausgelegt und soll möglichst viele verschiedene Szenarien abdecken können. Oft hat man deswegen leistungsfähigeres Material, als die Kollegen in Rot. Das Pumpensystem der Nordhäuser schafft gut 8.000 Liter Wasser pro Minute, in größeren Ortsverbänden gibt es Anlagen, die auch 20.000 Liter und mehr schaffen können, wenn es sein muss, erzählt Nicolai. Die Luftkissenhebelsysteme der Feuerwehr können ein Auto oder einen Lkw anheben, das THW bekommt mit ihrer Technik sogar einen Zug aus dem Gleis gehoben.

Jeder Ortsverband verfügt über mindestens eine Bergungsgruppe und einen Spezialzug. Bei den Nordhäusern ist das die Beleuchtung. Auch hier schaffen die größeren Systeme eindrucksvolles, mit einem modernen "Beleuchtungsballon" kann man ohne weiteres die Fläche eines Fußballfeldes erhellen.

Mit 54 Mitgliedern, einem Altersdurchschnitt von knapp über 30 Jahren und 25 einsatzfähigen Helfern ist man in Nordhausen nicht schlecht aufgestellt, doch die Situation könnte besser sein, meint Detlef Schmidt, der THW-Chef vor Ort. Das Hilfswerk befindet sich bundesweit in der größten Umstrukturierung der letzten Jahre, ganze Züge und Fachgruppen werden neu organisiert. Aus der "Bergung 2" wird die "Nachsorge". Das bedeutet mehr und neuere Technik für die Einsatzkräfte, aber eben auch einen höheren Personalbedarf.

Und der muss ehrenamtlich gedeckt werden, bundesweit ist nur ein Prozent des THW-Personals hauptamtlich beschäftigt. Wer zum THW kommt, der kann viel machen. Wo man am Ende eingesetzt werden will, ob im Stab oder "an der Einsatzfront", das bleibt jedem selbst überlassen. Aber: man muss auch viel lernen. Sechs bis 12 Monate dauert es, bis man die "Basics" kennen gelernt hat, erzählt Nicolai, danach folgt die Grundausbildung. Für erfahreneres Personal werden Fortbildungen, Lehrgänge und Crashkurse organisiert. "Unser großes Fahrzeug im Bergungszug bringt 16 Tonnen plus Anhänger auf die Waage, das fahren sie nicht mal eben einfach so", erzählt der Zugtruppführer und auch der Umgang mit Schneidwerkzeug, Pumpe oder Lichtmast will gelernt sein.

Fünfzig Stunden im Jahr sind Pflicht, bei Einsätzen werden die Mitglieder in der Regel von ihrem Arbeitgeber freigestellt und der Verdienstausfall kompensiert.

Der Aufwand lohnt sich, nicht nur weil es neben der Arbeit auch mal ums Vergnügen geht und man gemeinsame Ausflüge unternimmt oder mit der Jugendgruppe unterwegs ist. "Nehmen Sie so einen Einsatz wie den in der vergangenen Woche: ich muss nicht in einer Sammelunterkunft sitzen und ausharren, sondern kann aktiv etwas tun, kann rausgehen und helfen. Das ist ein gutes Gefühl. Und es gibt viel Abwechslung, jeder Einsatz ist anders.", erzählt Nicolai.

In den kommenden Wochen wollen er und seine Kollegen ihre Arbeit weiter nach außen tragen, denn anders als in Regionen, in denen größere Einsatzlagen häufiger vorkommen, sei das THW im Südharz nicht in der Breite bekannt. Das gilt sowohl für die verschiedenen Einsatzgebiete der ehrenamtlichen Helfer, als auch für ihre Rechte im Straßenverkehr. "Das Hilfswerk hat diesselben Sonderwegerechte, wie alle anderen Einsatzfahrzeuge, nur scheinen das viele Leute nicht zu wissen.", erzählt Nicolai. Wer also im Rückspiegel ein großes, blaues Fahrzeug mit Blaulicht auf sich zukommen sieht: bitte Platz machen, hier sind Rettungskräfte unterwegs.
Angelo Glashagel
Autor: red

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