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eine kleine Nachbetrachtung

Wie aus dem Bilderbuch

Montag, 22. Juni 2020, 22:15 Uhr
Die Nordhäuser haben schon viele Evakuierungen über sich ergehen lassen von denen manche besser und manche schlechter liefen. Der heutige Reigen gehört definitiv zu ersteren Erfahrungen, die Manöverkritik dürfte positiv ausfallen. Ein paar Kuriositäten am Rande gab es aber am Ende doch noch...

Am Nordhäuser Theater wurde heute ein weiterer Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg erfolgreich entschärft (Foto: agl)
Was war das für ein Drama im vergangenen November. Die größte Evakuierung der jüngeren Geschichte, unendlich lange Stunden bis endlich, mitten in der Nacht, das erlösende Signal kommt: Bombe erfolgreich entschärft.

Im Vergleich dazu (und selbst mit Blick auf die Evakuierung vor gut zwei Wochen) darf man heute wohl festhalten, dass hier mehr Licht als Schatten war. Die betroffenen Mitbürger haben, bis auf zwei kleine und offensichtlich schnell aufgelöste Probleme, mitgezogen und die Evakuierung konnte ohne große Verzögerung vonstatten gehen. Auch am Fundort lief alles wie am Schnürchen, knapp eine halbe Stunde nach Ende der Evakuierung war der Spuk vorbei. Ein Einsatz wie aus dem Bilderbuch, der kaum neun Stunden gedauert hat. Das haben wir schon anders erlebt.

Der Dank gilt wie immer zuerst denen, die ihr Leben aufs Spiel setzen um uns von der Altlast des Krieges zu befreien, den Sprengmeistern der Firma Tauber um Andreas West. Aber auch den zahlreichen Einsatzkräften, die für eine vergleichsweise zügige Räumung des Sperrgebietes gesorgt und die Menschen in den Evakuierungszentren betreut haben. Und er gilt den Nordhäusern, die heute gezeigt haben, wie es gehen kann wenn alle mitspielen.

Das Resümee fällt also in der ersten Nachbetrachtung positiv aus. Ein paar Kuriositäten am Rande hatte der heutige Tag aber dennoch zu bieten. So stieß man nun bereits zum zweiten mal in Folge auf eine amerikanische Fliegerbombe. Verwunderlich, wo es doch die britische Royal Air Force war, die Nordhausen am 3. und 4. April 1945 bombardierte. Sprengmeister West hat eine Erklärung: die amerikansiche Bombe ist aus einem britischen Flugzeug gefallen. "Tatsächlich haben die Bomben unterschiedliche Aufhängungen, zwei oben und eine unten. Sowohl die Amerikaner als auch Briten konnten die Bomben des jeweils anderen mitnehmen und abwerfen".

Der Erhaltungszustand der Bombe war ungewöhnlich gut (Foto: agl)
Kuriosität Nummer Zwei: der Sprengkörper war in erstaunlich gutem Zustand. Lediglich die Unterseite ist mit Rost überzogen, der Rest hat die Jahrzehnte in trockener Erde ohne große Verwitterungsspuren überstanden. Schriftzüge und Markierungen an der Oberseite sind noch deutlich zu erkennen, darunter auch das "Produktionsdatum" der Bombe, die im Januar 1945 vom Band gegangen sein muss. Ein derartiger Erhaltungszustand ist ein seltener Anblick, selbst für die Profis der Firma Tauber. Bevor der Sprengkörper im gesicherten Container verschwand, machte Andreas West noch einen Vorschlag: die 120 Kilogramm Sprengstoff werden von den Experten entfernt und die leere Hülle als Erinnerungsstück und Mahnmal an die Stadt übergeben.

Auch wenn dies sicher nicht das letzte Artefakt des Krieges gewesen sein dürfte, das aus dem Nordhäuser Untergrund geholt wird, einen so "schicken" Blindgänger findet man vielleicht sobald nicht wieder. Die Idee des Herrn West sollte man in der Stadtverwaltung also ruhig einmal in Betracht ziehen.
Angelo Glashagel
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