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nnz-Betrachtung zu einer mißratenen Debatte

Tötet das Corona-Virus die Vernunft?

Sonntag, 09. August 2020, 10:00 Uhr
Schon längst geht es nicht mehr um Wissenschaft und Vernunft in der Aufarbeitung der Coronakrise, sondern wie gegenwärtig in allen konträr diskutierten Themenfeldern nur noch um gut und böse, die richtige oder falsche moralische Haltung. Anstatt sich mit Ideen zur Normalisierung des Lebens zu beschäftigen, wird um die Teilnehmerzahlen von Demos gefeilscht

Nur neblige Aussichten in Berlin? (Foto: oas)

Waren es 17 000 oder doch 1,7 Millionen Menschen, die am letzten Samstag in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gingen? Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen, die Dimension des Hoch- und Runterschätzens zeigt jedoch, wie unversöhnlich und feindlich sich die Lager gegenüberstehen. Und wie sich der Unmut in der Bevölkerung anstaut. Während die einen glauben, jegliche Zusammenkunft von über drei Personen ohne Mundschutz und Mindestabstand könne zum Ausbruch einer „zweiten Welle“ führen, fragen die anderen immer offener, wann denn die „erste Welle“ nun eigentlich kommt. Interessant ist es zu beobachten, wie bedingungslos und unkritisch sich die Leitmedien der Berliner Republik auf die Seite der verordneten Einschränkungen stellen und alle Zweifler in das rechte, verschwörerische und sowieso irgendwie immer „böse“ Lager abschieben wollen. Dort wo Trump, Putin, Orban und die ganzen anderen Hassobjekte der Journalisten schon warten. Dabei spielt es für die Meinungsmacher keine Rolle mehr, ob diese Kritiker der aktuellen Gesundheitspolitik der Merkel-Regierung anerkannte Wissenschaftler und Koryphäen ihres Fachgebietes sind oder tatsächlich nur Spinner.

Sich aus den veröffentlichten Fallzahlen zu den Corona-Infektionen ein eigenes Bild zu machen bleibt jedem von uns selbst überlassen. Es gibt dafür zahlreiche Möglichkeiten im Internet. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, denn Zahlen können sich nicht wehren, wenn sie in politisch gefällige Zusammenhänge der einen oder anderen Seite gebracht werden. (Siehe dazu unseren Beitrag vom Freitag).

Wenn von bislang reichlich 216 000 erfassten Infizierten (Stand 8.8. 11 Uhr) in Deutschland 194 000 als genesen eingestuft werden, so ist das eine erfreulich hohe Zahl. Demgegenüber stehen die mehr als 9 250 Toten, die im Zusammenhang mit der Pandemie zu beklagen sind. Hoffen wir, dass es den gemeldeten rund 15 000 momentan Infizierten gut geht.

Leider bleibt der Prozentsatz derer unerforscht, die keinerlei Symptome einer Erkrankung zeigen, obwohl sie infiziert sind. Oder über Antikörper verfügen und sich gar nicht erst infizieren werden. Auch eine gezielte Untersuchung oder statistische Begleitung von Hotspot-Fällen wird nicht durchgeführt oder kommuniziert. Was ist denn beispielsweise aus den über 1 000 Infizierten im nordrhein-westfälischen Tönnies-Schlachthof geworden? Wie viele sind an der Seuche verstorben, wie viele konnten in Krankenhäusern gerettet werden? Wie viele der Schlachthofarbeiter sind nach 14 Tagen wieder auf Arbeit gegangen, ohne jegliche Symptome entwickelt zu haben? Aus Untersuchungen einer solchen geballten Infiziertenanzahl könnten doch wenigstens Hochrechnungen zur statistischen Wirkungsweise des Virus generiert werden. Vielleicht sogar Hoffnung verbreitet werden?

Was für Auswirkungen hatten die Anti-Corona-Parties in Berlin? Waren da nicht Tausende ohne Mundschutz und Sicherheitsabstand unterwegs auf Booten im Kanal? Oder auf den Straßen bei Demonstrationen der Black-Life-Matters-Bewegung? Was ist aus den Hunderten Infizierten in Erstaufnahmeeinrichtungen in Göttingen und Suhl geworden? Wie viele Kranke konnten dort gerettet werden, wie viele fielen dem Virus zum Opfer?

In vierzehn Tagen werden wir hoffentlich wissen, welche Auswirkungen die „Anti-Corona“-Demo unter den 17 000 (oder auch mehr) Teilnehmern und diversen Journalisten aller Couleur in Berlin hatte. Wie viele von ihnen müssen inzwischen auf Intensivstationen betreut werden oder sind schon verstorben?

Einige der Demonstranten sollen ja nun auch viel Zeit bekommen, ihre womöglich Infektion auszukurieren, denn laut alternativen Medien beginnen die ersten Arbeitgeber, Angestellte zu entlassen, die dort dabei waren. Der Fall des deutschen Basketball-Nationalspielers Joshiko Saibou dürfte lediglich das prominenteste Beispiel sein.

In einem Landkreis wie Nordhausen, wo es praktisch seit Monaten keine Infektionen mehr gibt, fällt es den Bewohnern immer schwerer, an die Notwendigkeit der Beschränkungen im öffentlichen Leben zu glauben. Doch auch hier sind die Fronten, wie an unseren Kommentaren deutlich abzulesen ist, klar abgesteckt: die einen halten jede weitere Lockerung für unverantwortlich, die anderen den Status quo für übertrieben und unerträglich.

Die große Politik verbreitet weiterhin keine Prognosen und wartet sehnsüchtig auf einen Impfstoff. Niemand der Damen und Herren will einen Fehler begehen oder auch nur in den Verdacht geraten, durch leichtfertige Entscheidungen oder Äußerungen einer weiteren Verbreitung des Virus Vorschub zu leisten oder die eigene Wiederwahl zu gefährden.

Was aber sind leichtfertige Entscheidungen? Wäre es leichtfertig, den Kulturbetrieben, der Gastronomie, der Tourismus- und Veranstaltungssparte mit der regionalen Situation angepassten Lockerungen wieder mehr Spielraum zu ermöglichen? Ganzen Branchen durch mehr Großzügigkeit die Existenzchancen zu erhalten? Die Lebensqualität nicht nur physisch sondern auch psychisch durch Hoffnung weckende Erleichterungen zu steigern?

Vieles deutet darauf hin, dass der Impfstoff gegen den Virus erst kommen wird, wenn wir vermutlich schon mit COVID-20 oder COVID-21 beschäftigt sind. Ob sich aber bis dahin alle staatlichen Restriktionen aufrecht erhalten lassen? Oder gar, wie von Teilen der CDU gefordert, in Bezug auf das Demonstrationsrecht noch verschärft werden? Das bleiben weiter spannende Fragen.

Spätestens nächstes Jahr setzt wieder ein bundesweiter Wahlkampf um das Kanzleramt an der Spree ein. Auch wenn es beim Urnengang zu keinen großen Überraschungen oder Veränderungen im Machtgefüge kommen wird, bleibt doch das Gerangel um Listenplätze und Posten in den beherrschenden Parteien bestehen. Die Stimmung in der Bevölkerung wird dann wieder sensibler aufgenommen werden als heute, da man in der Sommerpause einfach abwartet, was passiert. Gewöhnlich hagelt es ja in Wahlkampfzeiten Zugeständnisse und Versprechungen, wenn es dem eigenen Machterhalt dient. Welches Lager an Wählern ist aber dann das größere? Das der Befürworter, so wie uns Meinungsumfragen Glauben machen wollen, oder doch das Lager der Skeptiker und Genervten von einer unflexiblen, kurzsichtigen Politik.

In Thüringen soll der Urnengang der Wählerinnen und Wähler ja sogar schon im kommenden Frühjahr steigen und könnte erste praktische Aufschlüsse zur Gemütslage der Bevölkerung geben. Vorausgesetzt, die Meinungen der Parteien unterscheiden sich in dieser Frage überhaupt und es rollt nicht gerade eine zweite oder dritte Welle von Coronaviren über das Ländle.
Olaf Schulze
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