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Blut unterm Vollmond

Dienstag, 15. August 2006, 13:02 Uhr
Nordhausen/Thale (nnz). Es gibt Geschichten, deren tragischer Ausgang hinlänglich bekannt ist. Wenn sie dennoch immer wieder ein Publikum finden, dann sind es gute Geschichten. Olaf Schulze besuchte eine solche im Harzer Bergtheater.


Der junge Shakespeare hatte es nicht leicht. Bereits im zarten Alter von 18 Jahren musste er heiraten, seine wesentlich ältere Geliebte war im 3. Monat schwanger. Vielleicht erinnerte sich der gestandene Theatermann später daran, als er die italienische Renaissance-Vorlage zweier jung und unglücklich Verliebter zum wohl beeindruckendsten Liebesstück der Weltliteratur umdichtete.

Die tragisch endende Handlung um „Romeo und Julia“ im mittelalterlichen Verona passt auf kaum eine Bühne so gut, wie in das Harzer Bergtheater, wo sich Hubert Eckardt in diesem Sommer des Klassikers annahm. Eckardt vertraut aber nicht allein der überwältigenden Kulisse dieser einzigartigen Naturbühne, sondern er bedient sich eines ebenso schlichten wie wirkungsvollen Schachzuges, um seine Inszenierung zum Erfolg zu führen.

Das Liebespaar wird von zwei gerade 18-jahrigen Eleven gespielt, die sich in ihrer ehrlichen Naivität und Spontaneität als wahre Glücksfälle für die Aufführung herausstellen. Beide harmonieren prächtig miteinander und sind mitunter in ihrem Spiel meilenweit vom Rest des Ensembles entfernt. Genau das muss Eckardts Intention gewesen sein, denn so führt er uns deutlich die brachiale Wucht der ersten Liebe vor Augen, die Romeo und Julia trifft.
Anne-Sophie Krautstengels Julia ist ungeduldig, überrascht und um eine Neuorganisation ihres so plötzlich veränderten Lebens bemüht. Fragend versucht sie zweifelnd und zunehmend verunsichert das Geschehen in den Griff zu bekommen, aber sie hat genau so keine Chance, wie der innerlich zerrissene Romeo.

Nico Jantosch spielt anfangs einen forschen, machohaften Burschen, der von der Liebe zu seiner Julia emotional vollständig überrollt wird und sich nicht mehr zurechtfindet. So ist es nicht verwunderlich, dass der schlaue Plan des gewitzten Franziskanermönchs Lorenzo (von Matthias Mitteldorf souverän und vielschichtig interpretiert) am Faktor Mensch scheitert und zum blutigen Finale voller Missverständnisse führt. Auch die liebevollen Bemühungen der couragierten Amme Julias (Christiane Wascher-Jantosch als stets präsente und hellwache Gouvernante) ändern daran nichts. Grausam quittiert das Schicksal die sinnlose Fehde der Häuser Montague und Capulet und auch der mit harter Hand regierende Prinz Escalus ( Werner Schwarz) liegt am Ende in seinem eigenen Blut.

In Hanne Eckardts schönen Renaissance-Kostümen sterben vorher schon die Hitzköpfe Mercutio und Tybalt, ohne dass die verfeindeten Familien irgendwelche Lehren daraus ziehen. Besonders Klaus Heydenbluth gelingt es als Mercutio eindringlich, all die Ignoranz, Bosheit und Arroganz herauszuarbeiten, der es bedarf, um immer wieder neu den Hass zu schüren.

Alles in allem ein unterhaltsamer Abend über den Dächern von Thale, wo zu Beginn ein Regenbogen wie gemalt in der Landschaft steht, am Ende dann ein runder Vollmond auf die Zuschauerreihen scheint, als wollte er uns sagen: 'Seht ihr, so kann’s gehen, wenn Missgunst und Neid regieren, da bleibt die Liebe auf der Strecke’.

Hoffentlich bleibt nicht eines Tages das Harzer Bergtheater auf der Strecke. Seit Jahren kämpft hier eine kleine engagierte Truppe um Direktor Mario Jantosch mit einem vielseitigen Spielplan um den Erhalt dieser größten deutschen Naturbühne. Die engagierte und spielfreudige Inszenierung von Shakespeares „Romeo und Julia“ hätte jedenfalls deutlich mehr Zuschauer verdient gehabt.
Autor: osch

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