Thüringer Archivpreis geht nach Nordhausen
Auszeichnung für das Gedächtnis der Stadt
Montag, 20. Oktober 2025, 19:45 Uhr
Wer seine Vergangenheit nicht kennt, kann seine Zukunft nicht gestalten, heißt es. Die Bewahrung des Vergangenen und der Zugang zum Bewahrten gehört zu den Kernaufgaben eines Stadtarchivs. Besonders hervorgetan hat sich dabei das Nordhäuser Archiv, das heute für seine umtriebigen Bemühungen um den Erhalt des historischen Gedächtnisses der Stadt ausgezeichnet wurde...
Ein alter Foliant aus der Himmelgartenbibliothek, der auch Dank des Stadtarchivs heute wieder sicher verwahrt und frei zugänglich ist (Foto: Stadt Nordhausen, nnz-Archiv)
Wer das Langzeitgedächtnis der Stadt Nordhausen sucht, der muss im Neuen Rathaus ein paar Treppenstufen hinabsteigen und sich in die alten Katakomben der ehemaligen Sparkasse begeben. Hier wacht Stadtarchivar Dr. Wolfram Theilemann mit seinem Team über eine Myriade an Kisten, Schränken und Kartons voller Dokumente, die auf ihre Art das Leben in der Stadt nachzeichnen.
Vieles ist zeitgenössisch, wenn sich in der Stadt etwas tut - von der Genehmigung eines Bauvorhabens bis zum Stadtratsbeschluss oder dem neuesten Plakat des Rolandsfestes - dann wird der Vorgang archiviert um nachvollziehbar zu bleiben. Diese hoheitliche Aufgabe gehört zur staatlichen Pflicht, sie dient aber neben dem alltäglichen Bedarf einer Verwaltung in ihrem Wesen auch dem Erhalt des kulturellen und historischen Gedächtnisses.
In dem Moment, in dem ein Dokument Eingang in das Archiv findet, wird es selbst zur geschichtlichen Quelle und mag in der Zukunft Historikern, Heimat- und Familienforschern zur Erhellung des Dunkels der Vergangenheit dienen.
Wohin wendet man sich, wenn der Wohnort alter Anverwandschaft ermittelt werden soll? Wenn es um das Schicksal eines NS-Opfers geht? Wenn man erforschen will, wie die Staatssicherheit in Nordhausen gearbeitet hat? Was es mit dem Lindwurm der Reichsstadt auf sich hatte, wo und wie die Nordhäuser im Mittelalter gelebt haben oder wie es den Menschen nach der Bombardierung 1945 erging? Man wählt den Weg in das Archiv. Nicht immer wird man sofort fündig, das Stadtgedächtnis hat durch Feuer und Zerstörung über die Jahrhunderte schwer gelitten, mit Sachkenntnis und engagierter Neugier gelingt es dem Archivteam hin und wieder, selbst solche Lücken wieder zu schließen.
Neben den hauptamtlichen Mitarbeitern um Dr. Theilemann hat das Archiv über die Jahre eine engagierte Gruppen aus ehrenamtlichen Helfern und ehemaligen Kollegen um sich geschart (Foto: agl)
Die Kellerkinder
Eine Stadt ohne ordentlich geführtes Archiv ist wie ein Mensch der an Demenz leidet., wird Laudator Thomas Müller, Leiter der Traditionsbrennerei und daselbst Historiker, heute anlässlich der Verleihung des Thüringer Archivpreises an Dr. Theilemann und Team sagen. Er selbst habe das Archivwesen lieben gelernt, als er zur Geschichte der Nordhäuser Brennereien auf Spurensuche ging. Wie viele Brennereien gab es? Die Literatur sagte: 67. Im Archiv fand Müller derweil einen bösen Brief des 68. Brenners, der sich mit den anderen überworfen hatte. Die Arbeit im Archiv, so Müller, führe von der Vermutung zur Sicherheit, dem Mythos des allgemein Angenommen kann mit Fakten begegnet werden.
Im Ozean der öffentlichen Aufmerksamkeit wird das Archivwesen nur selten an die Oberfläche gespült, man arbeitet im Stillen. Das Image der Kellerkinder hafte den Archiven an, sagt Dr. Theilemann schon zu seinem Amtsantritt vor rund 13 Jahren und schickte sich an, dieses Bild zu ändern. Physisch sitzt man all die Jahre später zwar immer noch buchstäblich im Keller, hat aber viel dafür getan, die Archivarbeit an die Oberfläche zu tragen. Unter anderem ging man die Digitalisierung der alten Adressbücher an, erfasste mittelalterliche Kirchenbücher, sowie Sterbelisten und Personenstandsregister - allesamt unschätzbare Ressourcen für Nachforschungen aller Art - und vernetzte sich mit den Thüringer Kollegen wie auch der Nordhäuser Öffentlichkeit. Für viel Aufmerksamkeit sorgte die Rückführung der Himmelgartenbibliothek, die heute gut gesichert und zugänglich im Bürgerhaus lagert und manch interessanten Einblick für das tiefere Verständnis der Geschichte bereit hält.
Die Auszeichnung erhielt das Archiv aus den Händen des Staatssekretärs für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Prof. Teichert (Foto: agl)
Echte Pionierarbeit hat man in der Erfassung der Nordhäuser Siegelsammlung geleistet. Den Altvorderen war das Siegeln, was der Moderne Unterschrift und amtlicher Stempel sind und die Vielfalt für eine über ihre Geschichte hinweg doch eher überschaubare Stadt wie Nordhausen ist enorm. Rund 9.000 Siegel umfasst die städtische Sammlung, ein Bestand der händisch von ein paar Archivarbeitern, und seien sie noch so motiviert, nur schwer aufzuarbeiten ist. Die Nordhäuser gingen deswegen andere, moderne Wege. Mit der Unterstützung neuester Technik und allen voran der Hilfe der interessierten Bürgerschaft wurde die Sammlung systematisch gereinigt, konservatorisch gesichert, inventarisiert, fotografiert, verpackt und der Allgemeinheit auf digitalem Weg öffentlich zugänglich gemacht. Die angewandte Methodik darf als Vorbild für andere Archive dienen, die sich ähnlichen Mammutaufgaben gegenüber sehen.
Heraus ans Licht
Die Auszeichnung, die man für das stete Engagement und die herausragende Archivarbeit heute durch den Thüringer Landesverbandes im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare erhielt, mache ihn sprachlos, sagte Dr. Theilemann, ein Umstand der für den Nordhäuser Archivar eher ungewohnt ist. Der größte Dank gelte den Kolleginnen und Kollegen, sowohl im Haus wie auch in den anderen Archiven der weiteren Region und dem Geschichts- und Altertumsverein, dem man so nahe steht, dass der es sich heute nicht nehmen ließ, zur Feier des Tages das kalte Buffett zu spendieren. In schweren Zeiten habe man oft genug eine Klagemauer gefunden, erzählt Theilemann, aber auch die Kraft weiter zu machen, etwa wenn sich die Natur selbst in Form eines Wurms durch die alte Lex Naturalis - das Naturgesetz - fraß.
Die Auszeichnung sei ein großer Erfolg und gleichsam eine große Ehre, ließ sich Oberbürgermeister Kai Buchmann vernehmen, aber auch Verpflichtung. Nach Jahren der Provisorien könne man die Verluste von einst nicht länger vor sich hertragen, die verbliebenen Archivalien sollten nicht länger vernachlässigt werden und die Archivarbeiter ordentliche Arbeitsbedingungen erhalten. Konkret heißt das, dass in den kommenden Monaten ein Umzug vorbereitet werden muss: das Stadtgedächtnis wird den feuchten Keller im Neuen Rathaus im laufe des nächsten Jahres hinter sich lassen und in die Räumlichkeiten der Post ziehen. Von einem Dasein als Kellerkinder kann dann wirklich keine Rede mehr sein und vielleicht finden im Lichte der neuen Behausung auch neue Interessierte und Forscher ihren Weg in das Nordhäuser Archiv und zur Geschichte ihrer Stadt.
Angelo Glashagel
Autor: red
Ein alter Foliant aus der Himmelgartenbibliothek, der auch Dank des Stadtarchivs heute wieder sicher verwahrt und frei zugänglich ist (Foto: Stadt Nordhausen, nnz-Archiv)
Wer das Langzeitgedächtnis der Stadt Nordhausen sucht, der muss im Neuen Rathaus ein paar Treppenstufen hinabsteigen und sich in die alten Katakomben der ehemaligen Sparkasse begeben. Hier wacht Stadtarchivar Dr. Wolfram Theilemann mit seinem Team über eine Myriade an Kisten, Schränken und Kartons voller Dokumente, die auf ihre Art das Leben in der Stadt nachzeichnen.
Vieles ist zeitgenössisch, wenn sich in der Stadt etwas tut - von der Genehmigung eines Bauvorhabens bis zum Stadtratsbeschluss oder dem neuesten Plakat des Rolandsfestes - dann wird der Vorgang archiviert um nachvollziehbar zu bleiben. Diese hoheitliche Aufgabe gehört zur staatlichen Pflicht, sie dient aber neben dem alltäglichen Bedarf einer Verwaltung in ihrem Wesen auch dem Erhalt des kulturellen und historischen Gedächtnisses.
In dem Moment, in dem ein Dokument Eingang in das Archiv findet, wird es selbst zur geschichtlichen Quelle und mag in der Zukunft Historikern, Heimat- und Familienforschern zur Erhellung des Dunkels der Vergangenheit dienen.
Wohin wendet man sich, wenn der Wohnort alter Anverwandschaft ermittelt werden soll? Wenn es um das Schicksal eines NS-Opfers geht? Wenn man erforschen will, wie die Staatssicherheit in Nordhausen gearbeitet hat? Was es mit dem Lindwurm der Reichsstadt auf sich hatte, wo und wie die Nordhäuser im Mittelalter gelebt haben oder wie es den Menschen nach der Bombardierung 1945 erging? Man wählt den Weg in das Archiv. Nicht immer wird man sofort fündig, das Stadtgedächtnis hat durch Feuer und Zerstörung über die Jahrhunderte schwer gelitten, mit Sachkenntnis und engagierter Neugier gelingt es dem Archivteam hin und wieder, selbst solche Lücken wieder zu schließen.
Neben den hauptamtlichen Mitarbeitern um Dr. Theilemann hat das Archiv über die Jahre eine engagierte Gruppen aus ehrenamtlichen Helfern und ehemaligen Kollegen um sich geschart (Foto: agl)
Die Kellerkinder
Eine Stadt ohne ordentlich geführtes Archiv ist wie ein Mensch der an Demenz leidet., wird Laudator Thomas Müller, Leiter der Traditionsbrennerei und daselbst Historiker, heute anlässlich der Verleihung des Thüringer Archivpreises an Dr. Theilemann und Team sagen. Er selbst habe das Archivwesen lieben gelernt, als er zur Geschichte der Nordhäuser Brennereien auf Spurensuche ging. Wie viele Brennereien gab es? Die Literatur sagte: 67. Im Archiv fand Müller derweil einen bösen Brief des 68. Brenners, der sich mit den anderen überworfen hatte. Die Arbeit im Archiv, so Müller, führe von der Vermutung zur Sicherheit, dem Mythos des allgemein Angenommen kann mit Fakten begegnet werden.
Im Ozean der öffentlichen Aufmerksamkeit wird das Archivwesen nur selten an die Oberfläche gespült, man arbeitet im Stillen. Das Image der Kellerkinder hafte den Archiven an, sagt Dr. Theilemann schon zu seinem Amtsantritt vor rund 13 Jahren und schickte sich an, dieses Bild zu ändern. Physisch sitzt man all die Jahre später zwar immer noch buchstäblich im Keller, hat aber viel dafür getan, die Archivarbeit an die Oberfläche zu tragen. Unter anderem ging man die Digitalisierung der alten Adressbücher an, erfasste mittelalterliche Kirchenbücher, sowie Sterbelisten und Personenstandsregister - allesamt unschätzbare Ressourcen für Nachforschungen aller Art - und vernetzte sich mit den Thüringer Kollegen wie auch der Nordhäuser Öffentlichkeit. Für viel Aufmerksamkeit sorgte die Rückführung der Himmelgartenbibliothek, die heute gut gesichert und zugänglich im Bürgerhaus lagert und manch interessanten Einblick für das tiefere Verständnis der Geschichte bereit hält.
Die Auszeichnung erhielt das Archiv aus den Händen des Staatssekretärs für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Prof. Teichert (Foto: agl)
Echte Pionierarbeit hat man in der Erfassung der Nordhäuser Siegelsammlung geleistet. Den Altvorderen war das Siegeln, was der Moderne Unterschrift und amtlicher Stempel sind und die Vielfalt für eine über ihre Geschichte hinweg doch eher überschaubare Stadt wie Nordhausen ist enorm. Rund 9.000 Siegel umfasst die städtische Sammlung, ein Bestand der händisch von ein paar Archivarbeitern, und seien sie noch so motiviert, nur schwer aufzuarbeiten ist. Die Nordhäuser gingen deswegen andere, moderne Wege. Mit der Unterstützung neuester Technik und allen voran der Hilfe der interessierten Bürgerschaft wurde die Sammlung systematisch gereinigt, konservatorisch gesichert, inventarisiert, fotografiert, verpackt und der Allgemeinheit auf digitalem Weg öffentlich zugänglich gemacht. Die angewandte Methodik darf als Vorbild für andere Archive dienen, die sich ähnlichen Mammutaufgaben gegenüber sehen. Heraus ans Licht
Die Auszeichnung, die man für das stete Engagement und die herausragende Archivarbeit heute durch den Thüringer Landesverbandes im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare erhielt, mache ihn sprachlos, sagte Dr. Theilemann, ein Umstand der für den Nordhäuser Archivar eher ungewohnt ist. Der größte Dank gelte den Kolleginnen und Kollegen, sowohl im Haus wie auch in den anderen Archiven der weiteren Region und dem Geschichts- und Altertumsverein, dem man so nahe steht, dass der es sich heute nicht nehmen ließ, zur Feier des Tages das kalte Buffett zu spendieren. In schweren Zeiten habe man oft genug eine Klagemauer gefunden, erzählt Theilemann, aber auch die Kraft weiter zu machen, etwa wenn sich die Natur selbst in Form eines Wurms durch die alte Lex Naturalis - das Naturgesetz - fraß.
Die Auszeichnung sei ein großer Erfolg und gleichsam eine große Ehre, ließ sich Oberbürgermeister Kai Buchmann vernehmen, aber auch Verpflichtung. Nach Jahren der Provisorien könne man die Verluste von einst nicht länger vor sich hertragen, die verbliebenen Archivalien sollten nicht länger vernachlässigt werden und die Archivarbeiter ordentliche Arbeitsbedingungen erhalten. Konkret heißt das, dass in den kommenden Monaten ein Umzug vorbereitet werden muss: das Stadtgedächtnis wird den feuchten Keller im Neuen Rathaus im laufe des nächsten Jahres hinter sich lassen und in die Räumlichkeiten der Post ziehen. Von einem Dasein als Kellerkinder kann dann wirklich keine Rede mehr sein und vielleicht finden im Lichte der neuen Behausung auch neue Interessierte und Forscher ihren Weg in das Nordhäuser Archiv und zur Geschichte ihrer Stadt.
Angelo Glashagel








