Wanderung Seesen-Brocken-Eisleben
Sturm, Regen, Schlamm, Kälte und Wildschweine
Dienstag, 28. Oktober 2025, 08:17 Uhr
Nur beim sommerlichen 1. Harz-Hunderter Extrem im Jahre 2005 regnete es mit 21 Stunden noch länger als bei der aktuellen Ausgabe der Tour. Diese aber geht als wetterseitig chaotischster Harz-Hunderter in die mehr als 20-jährige Veranstaltungsgeschichte ein. Wanderleiter Bodo Schwarzberg berichtet...
Das Wort "extrem" ist natürlich hinsichtlich seiner Aussagekraft stets relativ. Beim Harz-Hunderter Extrem sind die Streckenlänge von 147 Kilometern das relativ extreme, oder das im Vergleich zu beliebten Massen-Hundertern extrem niedrige, da freiwillige Startgeld und die auf Dutzende km fehlenden "Verpflegungsstellen".
Manchmal ist auch das Wetter relativ extrem. Bis 2022 fand die Wanderung im Sommer statt und damals war oft das schwüle Sommerwetter relativ extrem, das sich ab um 2020 durch den dann fehlenden Wald noch stärker, als in den Jahren mit Wald auswirkte. Und nun hatten wir beim deswegen in den Herbst verlegten 19. Harz-Hunderter Extrem trotzdem wieder RELATIV extremes Wetter: Extrem war es sicher vor allem, weil wir es im Gegensatz zu hunderten anderen Harz-Wanderern an diesem Wochenende nicht nur zwei oder drei, sondern rund 37 Stunden ertragen und dabei weit wandern mussten bzw. wollten. Extrem war, damit verbunden, sicher auch die Anzahl der notwendigen Kleidungswechsel, das wetterbedingt häufige Anhalten zwecks Aus- und Einpackens von Schirmen oder Regenbekleidung, der Wechsel von Auskühlen und Erwärmen und so weiter.
Ich würde sagen, der 19. Harz-Hunderter Extrem hat seinen Namen diesmal relativ zu Recht. Als wir am vergangenen Sonnabend gegen 6 Uhr am Bahnhof Seesen starteten, war noch nicht abzusehen, was dann kam. Denn die Wetter-Apps kündigten zu diesem Zeitpunkt nicht so große Regenmengen und vor allem keinen Dauerregen an. Nur die Windvorhersage stimmte mit der in den folgenden 37 Stunden vorgefundenen Realität weitestgehend überein. Dass es jedoch praktisch während der gesamten Tour, also auch im Ostharz windig bis stürmisch sein würde, ahnten wir auch nicht wirklich.
Unterhalb Torfhaus (km 35) fing es zu regnen an, was sich bis zum Brocken weiter verstärkte. Laut Vorhersage gab es auf dem Brocken Windböen bis 90 km/h, und die HSB-Züge dampften hinauf, also war der Sturm nicht als Orkan eingestuft. Auf dem wolkenverhangenen Gipfelplateau stemmten sich einige Wanderer gegen den Wind; ganz normales Brockenwetter also, wie oft mit einem gewissen alpinen Einschlag. Wir machten nach 48 Kilometern eine kurze Pause im 1736 erbauten Wolkenhäuschen, der wahrscheinlich ältesten Schutzhütte des Harzes.
Das Eckerloch empfing uns eher als Eckerlochbach mit viel fließendem und in kleinen Wasserfällen von Stein zu Stein plätscherndem Wasser. Bei den meisten von uns waren die Klamotten und auch die Schuhe längst bis auf die Haut durchnässt. Schirme waren wegen der hohen Windgeschwindigkeiten zunächst nicht ihrem Verwendungszweck entsprechend verwendbar.
Das vielleicht größte körperliche Problem, das uns beschäftigte, war neben der Müdigkeit während der durchwanderten Nacht die auf Grund der durchnässten Kleidung in Verbindung mit dem starken Wind drohende Auskühlung vor allem im Brockengebiet. Einige joggten ein Stück zwecks Wärmegewinn durch Regen und Sturm, andere zogen nach dem Zwiebelschalenprinzip ein weiteres T-Shirt unter die Regenjacke. Ging es dann ein längeres Stück bergauf, begann man dann zu schwitzen. Dann wurde wieder eine Schale entfernt, bis man wieder fror. Und so weiter.
In Schierke kehrten und kauften wir ein, ein wenig konnte die Bekleidung abtrocknen. Es folgte eine rund zwölfstündige Wandernacht, ohne dass uns das regen- und windreiche Wetter allzu lange verlassen hätte.
Der Regen hielt sich mit Unterbrechungen standhaft zwischen Torfhaus und Trautenstein (km 72), also mit Pause gerechnet bis dahin ca. 10 Stunden.
In Trautenstein hatten wir gegen 23 Uhr eine kleine Einkehr im Hotel und Restaurant Druidenstein. Die Inhaber und Betreiber öffneten extra für uns vier Wanderer, so dass wir unsere Sachen ein wenig trocknen und den Flüssigkeitsspiegel auffüllen konnten. Die wenigen, gerade im Ostharz nach dem Ende der DDR noch verbliebenen gastronomischen Einrichtungen verdienen, so meine Meinung, unsere große Wertschätzung. Denn leider sind Gasthöfe, Restaurants und Kneipen im Harz heute in vielen Ortschaften keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern sie müssen mittlerweile auf Grund vieler Herausforderungen in der Gastronomie als kostbare Besonderheiten betrachtet werden. Unser herzlicher Dank geht an das Team vom Haus Druidenstein und auch an jenes vom Harzer Erlebnishof in Grillenberg (unsere dritte Einkehr auf 147 km), in dem wir Wanderer seit Jahren Stammgäste sind.
Während der Nacht regnete es nur selten und hinter Dankerode (km 107) genossen wir einen herrlichen, aber trügerischen Sonnenaufgang. Morgenrot, schlecht Wetter droht lautet eine alte Bauernregel, die in diesem Fall zutraf. Denn etwa sieben Kilometer vor unserer nächsten Einkehr im Harzer Erlebnishof Grillenberg öffnete der Himmel, verbunden mit stürmischen Böen, erneut seine Schleusen. Der Schlamm auf den Wegabschnitten zwischen Wippra und Grillenberg wurde insbesondere durch den kilometerweit von Wildschweinen aufgewühlten Boden noch verstärkt. Hinzu kamen stellenweise umgestürzte Bäume.
Am östlichen Harzende nach 137 Kilometern westlich von Hergisdorf und weiter bis ans Ziel Eisleben war es dann fast niederschlagsfrei. Dr. Christian Richter aus Jena erreichte den Bahnhof pünktlich gegen 16:50, Antje Otte-Hartig und ich (beide aus Nordhausen), machten das Zielfoto am Eisleber Bahnhofs-Lutherdenkmal gegen 17:25.
Kristofer Kurbjuhn beendete seine Wanderung nach 72 Kilometern in Trautenstein, Dirk Scherlies in Altenau nach 28 Kilometern. Jedoch wanderte er unabhängig von uns noch weiter bis zum Torfhaus (km 37).
Die Harzquerung von West nach Ost geht auf eine erfolgreiche private Versuchs- bzw. Erkundungstour im Sommer 2002 von Seesen über den Brocken nach Eisleben zurück, die vermutlich die erste Querung des Harzes entlang seiner größten Ausdehnung war.
Seit 2005 findet sie mit begrenzter Teilnehmerzahl fast jährlich auf der traditionellen Route als Nonstop-Langstreckenwanderung statt (Seesen-Lautenthal-Altenau-Torfhaus-Brocken-Schierke-Elend-Königshütte-Trautenstein-Stiege-Güntersberge-Straßberg-Dankerode-Wippra-Grillenberg-Hergisdorf-Wimmelburg-Lutherstadt Eisleben). Bis 2022 wurde mit zwei Nächten ohne Schlaf und im Sommer gewandert. Mit der Verlegung der Startzeit in Seesen auf 6 Uhr am Samstag seit 2024, kommen wir bei 147 Kilometern noch mit einer Wandernacht aus.
Auch 2026 wird es den Harz-Hunderter Extrem wieder geben.
Bodo Schwarzberg
Autor: redDas Wort "extrem" ist natürlich hinsichtlich seiner Aussagekraft stets relativ. Beim Harz-Hunderter Extrem sind die Streckenlänge von 147 Kilometern das relativ extreme, oder das im Vergleich zu beliebten Massen-Hundertern extrem niedrige, da freiwillige Startgeld und die auf Dutzende km fehlenden "Verpflegungsstellen".
Manchmal ist auch das Wetter relativ extrem. Bis 2022 fand die Wanderung im Sommer statt und damals war oft das schwüle Sommerwetter relativ extrem, das sich ab um 2020 durch den dann fehlenden Wald noch stärker, als in den Jahren mit Wald auswirkte. Und nun hatten wir beim deswegen in den Herbst verlegten 19. Harz-Hunderter Extrem trotzdem wieder RELATIV extremes Wetter: Extrem war es sicher vor allem, weil wir es im Gegensatz zu hunderten anderen Harz-Wanderern an diesem Wochenende nicht nur zwei oder drei, sondern rund 37 Stunden ertragen und dabei weit wandern mussten bzw. wollten. Extrem war, damit verbunden, sicher auch die Anzahl der notwendigen Kleidungswechsel, das wetterbedingt häufige Anhalten zwecks Aus- und Einpackens von Schirmen oder Regenbekleidung, der Wechsel von Auskühlen und Erwärmen und so weiter.
Ich würde sagen, der 19. Harz-Hunderter Extrem hat seinen Namen diesmal relativ zu Recht. Als wir am vergangenen Sonnabend gegen 6 Uhr am Bahnhof Seesen starteten, war noch nicht abzusehen, was dann kam. Denn die Wetter-Apps kündigten zu diesem Zeitpunkt nicht so große Regenmengen und vor allem keinen Dauerregen an. Nur die Windvorhersage stimmte mit der in den folgenden 37 Stunden vorgefundenen Realität weitestgehend überein. Dass es jedoch praktisch während der gesamten Tour, also auch im Ostharz windig bis stürmisch sein würde, ahnten wir auch nicht wirklich.
Unterhalb Torfhaus (km 35) fing es zu regnen an, was sich bis zum Brocken weiter verstärkte. Laut Vorhersage gab es auf dem Brocken Windböen bis 90 km/h, und die HSB-Züge dampften hinauf, also war der Sturm nicht als Orkan eingestuft. Auf dem wolkenverhangenen Gipfelplateau stemmten sich einige Wanderer gegen den Wind; ganz normales Brockenwetter also, wie oft mit einem gewissen alpinen Einschlag. Wir machten nach 48 Kilometern eine kurze Pause im 1736 erbauten Wolkenhäuschen, der wahrscheinlich ältesten Schutzhütte des Harzes.
Das Eckerloch empfing uns eher als Eckerlochbach mit viel fließendem und in kleinen Wasserfällen von Stein zu Stein plätscherndem Wasser. Bei den meisten von uns waren die Klamotten und auch die Schuhe längst bis auf die Haut durchnässt. Schirme waren wegen der hohen Windgeschwindigkeiten zunächst nicht ihrem Verwendungszweck entsprechend verwendbar.
Das vielleicht größte körperliche Problem, das uns beschäftigte, war neben der Müdigkeit während der durchwanderten Nacht die auf Grund der durchnässten Kleidung in Verbindung mit dem starken Wind drohende Auskühlung vor allem im Brockengebiet. Einige joggten ein Stück zwecks Wärmegewinn durch Regen und Sturm, andere zogen nach dem Zwiebelschalenprinzip ein weiteres T-Shirt unter die Regenjacke. Ging es dann ein längeres Stück bergauf, begann man dann zu schwitzen. Dann wurde wieder eine Schale entfernt, bis man wieder fror. Und so weiter.
In Schierke kehrten und kauften wir ein, ein wenig konnte die Bekleidung abtrocknen. Es folgte eine rund zwölfstündige Wandernacht, ohne dass uns das regen- und windreiche Wetter allzu lange verlassen hätte.
Der Regen hielt sich mit Unterbrechungen standhaft zwischen Torfhaus und Trautenstein (km 72), also mit Pause gerechnet bis dahin ca. 10 Stunden.
In Trautenstein hatten wir gegen 23 Uhr eine kleine Einkehr im Hotel und Restaurant Druidenstein. Die Inhaber und Betreiber öffneten extra für uns vier Wanderer, so dass wir unsere Sachen ein wenig trocknen und den Flüssigkeitsspiegel auffüllen konnten. Die wenigen, gerade im Ostharz nach dem Ende der DDR noch verbliebenen gastronomischen Einrichtungen verdienen, so meine Meinung, unsere große Wertschätzung. Denn leider sind Gasthöfe, Restaurants und Kneipen im Harz heute in vielen Ortschaften keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern sie müssen mittlerweile auf Grund vieler Herausforderungen in der Gastronomie als kostbare Besonderheiten betrachtet werden. Unser herzlicher Dank geht an das Team vom Haus Druidenstein und auch an jenes vom Harzer Erlebnishof in Grillenberg (unsere dritte Einkehr auf 147 km), in dem wir Wanderer seit Jahren Stammgäste sind.
Während der Nacht regnete es nur selten und hinter Dankerode (km 107) genossen wir einen herrlichen, aber trügerischen Sonnenaufgang. Morgenrot, schlecht Wetter droht lautet eine alte Bauernregel, die in diesem Fall zutraf. Denn etwa sieben Kilometer vor unserer nächsten Einkehr im Harzer Erlebnishof Grillenberg öffnete der Himmel, verbunden mit stürmischen Böen, erneut seine Schleusen. Der Schlamm auf den Wegabschnitten zwischen Wippra und Grillenberg wurde insbesondere durch den kilometerweit von Wildschweinen aufgewühlten Boden noch verstärkt. Hinzu kamen stellenweise umgestürzte Bäume.
Am östlichen Harzende nach 137 Kilometern westlich von Hergisdorf und weiter bis ans Ziel Eisleben war es dann fast niederschlagsfrei. Dr. Christian Richter aus Jena erreichte den Bahnhof pünktlich gegen 16:50, Antje Otte-Hartig und ich (beide aus Nordhausen), machten das Zielfoto am Eisleber Bahnhofs-Lutherdenkmal gegen 17:25.
Kristofer Kurbjuhn beendete seine Wanderung nach 72 Kilometern in Trautenstein, Dirk Scherlies in Altenau nach 28 Kilometern. Jedoch wanderte er unabhängig von uns noch weiter bis zum Torfhaus (km 37).
Die Harzquerung von West nach Ost geht auf eine erfolgreiche private Versuchs- bzw. Erkundungstour im Sommer 2002 von Seesen über den Brocken nach Eisleben zurück, die vermutlich die erste Querung des Harzes entlang seiner größten Ausdehnung war.
Seit 2005 findet sie mit begrenzter Teilnehmerzahl fast jährlich auf der traditionellen Route als Nonstop-Langstreckenwanderung statt (Seesen-Lautenthal-Altenau-Torfhaus-Brocken-Schierke-Elend-Königshütte-Trautenstein-Stiege-Güntersberge-Straßberg-Dankerode-Wippra-Grillenberg-Hergisdorf-Wimmelburg-Lutherstadt Eisleben). Bis 2022 wurde mit zwei Nächten ohne Schlaf und im Sommer gewandert. Mit der Verlegung der Startzeit in Seesen auf 6 Uhr am Samstag seit 2024, kommen wir bei 147 Kilometern noch mit einer Wandernacht aus.
Auch 2026 wird es den Harz-Hunderter Extrem wieder geben.
Bodo Schwarzberg





