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90 Jahre Felsenkeller

Die dritte Generation feiert großes Jubiläum

Montag, 01. Dezember 2025, 15:07 Uhr
Elke und Torsten John zum großen Jubiläum (Foto: Cornelia Wilhelm ) Elke und Torsten John zum großen Jubiläum (Foto: Cornelia Wilhelm )
Am vergangenen Wochenende feierte die Gaststätte „Zum Felsenkeller“ in Urbach bei Nordhausen ihr 90-jähriges Bestehen – ein Jubiläum, das mit viel Dankbarkeit und großem Stolz begangen wurde...

Der Samstag begann mit einem Bildervortrag durch Klaus Simon, der 90 Jahre Felsenkeller Revue passieren ließ, die Bläsergruppe machte den musikalischen Auftakt.

Wer es am Samstag nicht schaffte, hatte am Sonntagnachmittag noch einmal die Gelegenheit für einen Ausflug in die Geschichte. Um 20.00 Uhr folgte ein zünftiger Kneipenabend mit der Bozz-Rock-Band aus Sömmerda. Speisen und Getränke unter dem Motto „Damals trifft Heute“ gab es für das leibliche 
Wohl. Im Außenbereich brannte der Grill. Es gab Glühwein und Bratwurst.

Auch der Sonntag war gut besucht. Am Nachmittag kamen zahlreiche Gäste zu Kaffee und Kuchen, den die Landfrauen mit viel Liebe gebacken haben. Der Saal der Gaststätte war bis auf den letzten Platz belegt.

Elke John stand mit ihrem Mann Torsten neben dem Board mit den vielen Geschenken und war sichtlich überwältigt: „Mit so vielen Geschenken habe ich nicht gerechnet“, freute sich die Gastwirtin über Lob und Anerkennung ihrer Arbeit. Als besonderes Geschenk fiel auch ein Stehtisch ins Auge, den sie von der Urbacher Feuerwehr geschenkt bekam und der in den Sommermonaten sicher einen schönen Platz im Biergarten hinter dem Haus gekommt.

Um 16.00 Uhr brachte Leander Torge als der „Jazz Musiker“ eine tolle Stimmung in den Saal. Die Band Merci und Alexander John gaben ihr Debut. Im Anschluss spielte der Chor „Rhythmus 22“ stimmungsvolle Musik und rundete das musikalische Programm ab. Als besonderes Highlight zum Abschluss inszenierte Dietmar Engelhardt eine Lichtershow unter dem Namen „Dreams of Light & Fire“ und ließ den Himmel erstrahlen. Familie John bedankt sich auch bei den Servicekräften für die tatkräftige Unterstützung.

Die Firmengeschichte

Im Vorfeld habe ich mich mit Elke John, der derzeitigen Chefin, über die Geschichte der Gaststätte unterhalten. Die Gastronomin erzählte mir von
Höhen und Tiefen und gab eindrucksvolle Einblicke in die Firmengeschichte über mehrere Zeitepochen hinweg.

Die Geschichte des Felsenkellers beginnt im Jahr am 30. November 1935, als die Großeltern aus Kehmstedt nach Urbach kamen: „Meine Großeltern kamen mit ihren Sachen nach Urbach gereist und begannen sofort, die Gaststätte zu bewirtschaften. Nebenher, bis in die Nachkriegs-zeit hinein, gab es auch einen Kolonialwarenladen, mit dem sie die regionale Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgten“, berichtet Elke John.

Die Vorkriegszeit

In den 30er Jahren leitete Elke Johns Großmutter, Erna Gerlach, den Felsenkeller. Sie zählte in erster Linie die Arbeiter des Dorfes zu ihren Gästen. Gern kamen sie nach getaner Arbeit auf ein Feierabendbier herein. In geselliger Runde wurde bis in die späten Abendstunden beisammengesessen und es wurde Musik, zum Beispiel auf dem Akkordeon gespielt.

Das alte Instrument durfte zur großen Jubiläumsfeier nicht fehlen und wurde neben zahlreichen weiteren Erinnerungsstücken in den Räumlichkeiten der Gaststätte ausgestellt.

Auch die Speisekarte war zur damaligen Zeit eine andere als in der Neuzeit. „Auf dem Tisch standen neben marinierten Heringen auch Halberstädter Würstchen und andere Spezialitäten“, erzählt John.

Otto, der Mann meiner Großmutter, fiel 1943 bei Kämpfen nahe Weißrussland. „Das war ein Einschnitt. Danach musste sich meine Großmutter allein behaupten“, erzählt John. Unterstützung bekam die Familie nicht viel und alles war zur damaligen Zeit knapp.

Ilse, die Mutter von Elke John war damals neun Jahre alt. Sie wuchs von klein auf mit der Gaststätte auf, die sie später einmal leiten sollte. Mutter Erna nahm im Saal Flüchtlinge auf und gab ihnen eine vorübergehende Bleibe. Sie sollte nicht allein bleiben: „Nach dem Krieg heiratete meine Großmutter erneut“, erzählt Elke John. Willi Striebeck, der seine Familie im Rahmen von Kriegshandlungen in Nordhausen ebenfalls verloren hatte, kam als neues Familienmitglied dazu. Und die Not förderte den Zusammenhalt.

Die Jahre nach dem Krieg und die DDR

In den Jahren nach dem Krieg fanden in der Gaststätte zum Felsenkeller viele Veranstaltungen und unterschiedliche Vereinstreffen statt. Die Gaststätte war Dreh- und Angelpunkt für das kleine Dorf Urbach. „Wir gehen zu Striebecks“, hallte es durch die Gassen.
In den 50er Jahren wurde die Gaststätte durch die Konsum-genossenschaft Nordhausen übernommen. Der Kolonialwarenladen wurde gesondert betrieben. Der Sozialismus brachte einige Veränderungen und auch Hürden mit sich, die es zu überwinden galt.
Erschwerend hinzu kam, dass der Bruder von Ilse Gerlach, der Onkel von Elke John, in die damalige Bundesrepublik übersiedelte. Daraufhin wurde sein Anteil am Grundstück kurzerhand verstaatlicht. Allerdings wusste die Familie zu dieser Zeit nichts davon. „Meine Großmutter hat erst erfahren, dass uns drei Achtel vom Grundstück nicht mehr gehören, als wir 1974 mit Renovierungsarbeiten beginnen wollten“, erinnert sich Elke John.

Es war fast unmöglich, die notwenigen Baustoffe zu beschaffen. Aber Fritz Gerlach, der neue Ehemann von Mutter Ilse Gerlach, der einen kleinen Fuhrbetrieb führte, fand eine Lösung. Er war zur damaligen Zeit Kommissionär des VEB Kraftverkehrs Nordhausen und verfügte über die notwendigen Kontakte um die damals sehr maroden Giebel des Hauses abzustützen. „Hätten wir damals das Material nicht bekommen, würde es die Gaststätte heute nicht mehr geben“, ist sich Elke John sicher.

Elke John wurde 1958 geboren und ist zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. Eigentlich wollte die junge Frau gerne studieren, aber da sie aus einem Unternehmerhaushalt kommt, blieb ihr das zur damaligen Zeit vorenthalten. Im Anschluss an ihre Ausbildung zur Kellnerin gelang es ihr auf Umwegen schließlich doch noch, ihren Traum zu verwirklichen und ein Studium zur Ökonompädagogin für Gastronomie in Aschersleben aufzunehmen.

Dann führte sie ihr beruflicher Weg für einige Jahre zur Konsum-genossenschaft in Nordhausen. Bis sie dann 1992 schließlich die Gaststätte von ihrer Mutter übernahm.

Die Nachwendezeit

Auch die Coronazeit ging nicht spurlos an der Gastwirtschaft vorbei. Speisen und Getränke durften nur ausser Haus verkauft werden. 
Ein Verzehr im Innenbereich der Gaststätte war nicht erlaubt. „Ich bin heute noch unendlich dankbar dafür, dass uns die Urbacher so unterstützt und durch diese Zeit geholfen haben, indem sie sich Verpflegung bei uns geholt haben,“, blickt Elke John zurück.

Auch der Biergarten hinter dem Haus, der im Zuge einer großen Renovierungsaktion in der Nachwendezeit entstand, zählt zu einem beliebten Aufenthaltsort für Alt und Jung. Genutzt werden kann er ganzjährig und auch bei schlechtem Wetter bietet ein kleines Festzelt dort die Möglichkeit, zu verweilen. Der Garten ist zu allen Jahreszeiten hübsch hergerichtet und ein direkt daran vorbeiführender Radweg von der Alten Leipziger Straße her lockt so manchen hungrigen und durstigen Gast herein. In den warmen Monaten des Jahres gibt es auch einen Straßenverkauf für Kugeleis, was Elke John den Spitznamen „Eis-Elke“ einbrachte.

Der Felsenkeller ist tatsächlich noch eine der wenigen Gaststätten, die ihren historischen Charme behalten hat. Man kann auch heute noch lebendige Geschichte erleben, wenn man ihn besucht. Und das Lebenswerk der drei starken Frauen Erna, Ilse und Elke bewundern und kennenlernen. Ob es eine vierte Generation geben wird, ist noch unklar. Aber Elke John denkt auch noch lange nicht ans Aufhören. „Wir machen weiter bis 14 Tage vorm Sterben“, schmunzelt die Gastwirtin. Ihr Herz hängt einfach an ihrer Gaststätte und ein Leben ohne diese kann sie sich überhaupt nicht vorstellen. Ihrem Mann Torsten geht es übrigens ebenso.

Cornelia Wilhelm
Autor: red

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