Norbert Lammerts Wunschpartner:
Lieber Die Linke” als die AfD
Freitag, 12. Dezember 2025, 19:51 Uhr
Der seit diesem Jahr als CDU-Bundestagsabgeordneter die Nordthüringer Region vertretende David Gregosz bringt in den politischen Laden” ein wenig mehr Schwung als der nun in den Ruhestand gegangene Manfred Grund. Am Donnerstagabend hatte er einen profunden Kenner der Berliner Szenerie zu den "Nordhäuser Gesprächen" eingeladen. Es sollte interessant werden…
Norbert Lammert zu Gast bei der CDU in Nordhausen (Foto: nnz)
Gesprächsort war die pro Vita Akademie, der Einladung gefolgt war Norbert Lammert. 77 Jahre alt, katholisch, 37 Jahre Bundestagsabgeordneter, zwölf Jahre Präsident des Bundestages. Seit 2018 Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, für die auch Gregosz einige Jahre in der Welt unterwegs war.
Wer sich ein wenig interessehalber am Rand des politischen Terrains bewegt, der wird Lammert als einen souveränen Leiter der Sitzungen des hohen Hauses” gekannt haben, der nicht nur die deutschen Sprache liebt, sondern so manchen wichtigen Menschen in diesem Gremium entweder auf die Geschäftsordnung oder in die Schranken des guten Benehmens verwies.
Die Vorfreude auf Norbert Lammert war groß. Aber in seinem Vortrag widmete er sich dem Populismus. Der Bochumer, der dem eigenen Bekenntnis zufolge bereits viermal in Nordhausen zu Besuch war, referierte über Brüche, Umbrüche und Aufbrüche”. Das, was die Ostdeutschen initiiert und ganz Deutschland von 1989 bis 1991 möglich machte, das sei die spektakulärste Veränderung”, gewesen, die durchaus als welthistorische Zäsur” betrachtet werden konnte. Die Bürger der DDR brachten sozusagen den Stein in Rollen, der den Sozialismus in Europa pulverisierte.
Die Welt schien damals für den Kapitalismus und die Demokratie mehr als in Ordnung. Siegeszug von Rügen bis Varna. Doch was ist daraus geworden? Wo stehen wir heute? In Europa und in der Welt? Lammert sprach es aus: Die UNO zählt aktuell 193 Mitglieder, jedoch nur zwei Dutzend davon seien Demokratien. Sie repräsentieren gerade mal zehn Prozent der Weltbevölkerung. Für den Vortragenden sind zum Beispiel Indien und die USA nicht mehr voll funktionsfähige Demokratien. Noch schlimmer: führende Politiker seien Populisten - zum Beispiel Orban, Milei, Modi oder Erdogan.
Allerdings: man müsse mit diesem Führern, mit diesen Ländern Beziehungen pflegen, Handel treiben und nicht in Angst und Sorge verfallen. Wichtig sei für Prof. Dr. Lammert die Balance zwischen Gelassenheit und Entschlossenheit” zu wahren. Für Deutschland heißt das, die Zunahme der Wechselwähler zu konstatieren, die Wähler der AfD und des BSW als Wähler gegen die Mitte zu benennen, sie und die von ihnen gewählten Parteien nicht beschimpfen, sondern sich mit ihnen auseinandersetzen. Das gelte übrigens nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere europäische Staaten.
China und USA und 27 Zwerge
Diese saloppe Beschreibung des Status Quo erzwinge aus Sicht des erfahrenen Politikers förmlich die Schaffung einer europäischen Armee und geordnete, für alle EU-Länder gleichermaßen geltende Regelsysteme. Noch immer sei es schwer bis unmöglich, derartige Regeln zu vereinbaren und - vor allem - sie einzuhalten.
In der anschließenden Fragerunde stand - erwartungsgemäß - die Partei im Mittelpunkt, mit der niemand aus der CDU in Berlin oder in Erfurt irgendetwas zu tun haben will. An der Basis, ja, da ist das anders. Wie also weiter zwischen CDU und AfD wollte das Auditorium wissen? Und da kam der erste bemerkenswerte Satz von Lammert: Ja, die Linke mit ihrer SED-PDS-Vergangenheit, die ist auf dem Weg in das demokratische System, die AfD hingegen bewege sich immer mehr aus diesem System heraus.
Die zweite Antwort folgte sogleich auf die Frage, ob denn noch der Nichtvereinbarkeitsbeschluss in Richtung AfD und Linke für die CDU gelte? Entweder, so Lammert, wage die CDU eine Minderheitsregierung oder sie muss den Anschluss auf der linken Seite suchen, weil die heutige Linke grundlegende Regularien unserer Gesellschaft akzeptiert und mitträgt.”
Kurze Stille im Publikum: Nachfrage: Im Programm der Linken stehe doch der Sozialismus als Ziel und die Überwindung des Kapitalismus? Antwort: Herr Ramelow will den Sozialismus nicht, Frau Wagenknecht aber schon!”
Immer engagiert in der Diskussion mit dem Publikum (Foto: nnz)
Das saß, auch Norbert Lammert hielt kurz inne. Zeit, um zum Ende der Veranstaltung zu kommen und einen Nachtrag in Richtung AfD loszuwerden: Gegen Verfassungsfeinde ist keine Demokratie gefeit. Die Verantwortung, wohin dieses Land steuert, liegt bei jedem einzelnen Wahlberechtigten.”
Auch bei seinem vierten Besuch in Nordhausen bekam Norbert Lammert die wohlfeile Wegzehrung mit auf den Weg. Der Zuhörer und Autor dieser Zeilen ist gespannt, wie sich die kleine deutsche und die große Weltpolitik bei einem nächsten Besuch darstellen wird? Norbert Lammert hat ehrlich geantwortet, er ist keiner Parteidisziplin, keiner Hierarchie mehr verpflichtet. In die Ostdeutschen hineinversetzen, deren Seele” und Denken zu erkunden oder zu verstehen, vermochte er bislang nicht oder nur sehr schwer. Dennoch und vielleicht gerade deshalb: Eine Fortsetzung haben diese Nordhäuser Gespräche” auf jeden Fall verdient.
Peter-Stefan Greiner
Autor: psg
Norbert Lammert zu Gast bei der CDU in Nordhausen (Foto: nnz)
Gesprächsort war die pro Vita Akademie, der Einladung gefolgt war Norbert Lammert. 77 Jahre alt, katholisch, 37 Jahre Bundestagsabgeordneter, zwölf Jahre Präsident des Bundestages. Seit 2018 Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, für die auch Gregosz einige Jahre in der Welt unterwegs war.
Wer sich ein wenig interessehalber am Rand des politischen Terrains bewegt, der wird Lammert als einen souveränen Leiter der Sitzungen des hohen Hauses” gekannt haben, der nicht nur die deutschen Sprache liebt, sondern so manchen wichtigen Menschen in diesem Gremium entweder auf die Geschäftsordnung oder in die Schranken des guten Benehmens verwies.
Die Vorfreude auf Norbert Lammert war groß. Aber in seinem Vortrag widmete er sich dem Populismus. Der Bochumer, der dem eigenen Bekenntnis zufolge bereits viermal in Nordhausen zu Besuch war, referierte über Brüche, Umbrüche und Aufbrüche”. Das, was die Ostdeutschen initiiert und ganz Deutschland von 1989 bis 1991 möglich machte, das sei die spektakulärste Veränderung”, gewesen, die durchaus als welthistorische Zäsur” betrachtet werden konnte. Die Bürger der DDR brachten sozusagen den Stein in Rollen, der den Sozialismus in Europa pulverisierte.
Die Welt schien damals für den Kapitalismus und die Demokratie mehr als in Ordnung. Siegeszug von Rügen bis Varna. Doch was ist daraus geworden? Wo stehen wir heute? In Europa und in der Welt? Lammert sprach es aus: Die UNO zählt aktuell 193 Mitglieder, jedoch nur zwei Dutzend davon seien Demokratien. Sie repräsentieren gerade mal zehn Prozent der Weltbevölkerung. Für den Vortragenden sind zum Beispiel Indien und die USA nicht mehr voll funktionsfähige Demokratien. Noch schlimmer: führende Politiker seien Populisten - zum Beispiel Orban, Milei, Modi oder Erdogan.
Allerdings: man müsse mit diesem Führern, mit diesen Ländern Beziehungen pflegen, Handel treiben und nicht in Angst und Sorge verfallen. Wichtig sei für Prof. Dr. Lammert die Balance zwischen Gelassenheit und Entschlossenheit” zu wahren. Für Deutschland heißt das, die Zunahme der Wechselwähler zu konstatieren, die Wähler der AfD und des BSW als Wähler gegen die Mitte zu benennen, sie und die von ihnen gewählten Parteien nicht beschimpfen, sondern sich mit ihnen auseinandersetzen. Das gelte übrigens nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere europäische Staaten.
China und USA und 27 Zwerge
Diese saloppe Beschreibung des Status Quo erzwinge aus Sicht des erfahrenen Politikers förmlich die Schaffung einer europäischen Armee und geordnete, für alle EU-Länder gleichermaßen geltende Regelsysteme. Noch immer sei es schwer bis unmöglich, derartige Regeln zu vereinbaren und - vor allem - sie einzuhalten.
In der anschließenden Fragerunde stand - erwartungsgemäß - die Partei im Mittelpunkt, mit der niemand aus der CDU in Berlin oder in Erfurt irgendetwas zu tun haben will. An der Basis, ja, da ist das anders. Wie also weiter zwischen CDU und AfD wollte das Auditorium wissen? Und da kam der erste bemerkenswerte Satz von Lammert: Ja, die Linke mit ihrer SED-PDS-Vergangenheit, die ist auf dem Weg in das demokratische System, die AfD hingegen bewege sich immer mehr aus diesem System heraus.
Die zweite Antwort folgte sogleich auf die Frage, ob denn noch der Nichtvereinbarkeitsbeschluss in Richtung AfD und Linke für die CDU gelte? Entweder, so Lammert, wage die CDU eine Minderheitsregierung oder sie muss den Anschluss auf der linken Seite suchen, weil die heutige Linke grundlegende Regularien unserer Gesellschaft akzeptiert und mitträgt.”
Kurze Stille im Publikum: Nachfrage: Im Programm der Linken stehe doch der Sozialismus als Ziel und die Überwindung des Kapitalismus? Antwort: Herr Ramelow will den Sozialismus nicht, Frau Wagenknecht aber schon!”
Immer engagiert in der Diskussion mit dem Publikum (Foto: nnz)
Das saß, auch Norbert Lammert hielt kurz inne. Zeit, um zum Ende der Veranstaltung zu kommen und einen Nachtrag in Richtung AfD loszuwerden: Gegen Verfassungsfeinde ist keine Demokratie gefeit. Die Verantwortung, wohin dieses Land steuert, liegt bei jedem einzelnen Wahlberechtigten.”
Auch bei seinem vierten Besuch in Nordhausen bekam Norbert Lammert die wohlfeile Wegzehrung mit auf den Weg. Der Zuhörer und Autor dieser Zeilen ist gespannt, wie sich die kleine deutsche und die große Weltpolitik bei einem nächsten Besuch darstellen wird? Norbert Lammert hat ehrlich geantwortet, er ist keiner Parteidisziplin, keiner Hierarchie mehr verpflichtet. In die Ostdeutschen hineinversetzen, deren Seele” und Denken zu erkunden oder zu verstehen, vermochte er bislang nicht oder nur sehr schwer. Dennoch und vielleicht gerade deshalb: Eine Fortsetzung haben diese Nordhäuser Gespräche” auf jeden Fall verdient.
Peter-Stefan Greiner
