Michael Neander als Literat
Zwischen Volksweisheit und Reformationspädagogie
Samstag, 13. Dezember 2025, 17:49 Uhr
Michael Neander gilt als Reformpädagoge – doch seine Rolle als Literat und Sprichwortsammler ist fast vergessen. Ein Blick auf ein Werk, das deutsche Kulturgeschichte neu beleuchtet, made in Ilfeld von Tim Schäfer...
Michael Neanders 500.Geburtstag 2025 wurde im Rahmen eines großen Festaktes in der Neanderklinik Harzwald in Ilfeld mit vielen Gästen gefeiert. Seine Grabplatte und vieles Mehr kann im Museum Krypta dort in Ilfeld bewundert werden. Michael Neander (1525–1595) gilt als Reformpädagoge von europäischem Rang, als berühmtester Rektor der Klosterschule Ilfeld und unter anderem Autor bedeutender Lehrwerke wie dem Lexicon Graecolatinum. Doch eine Seite seines Schaffens ist bis heute nahezu unbekannt: Neander war auch ein Sammler und Herausgeber deutscher Sprichwörter.
Im 16. Jahrhundert legte er eine umfangreiche Sammlung volkstümlicher Redensarten an, die 1864 von Friedrich Latendorf neu herausgegeben wurde. Diese war frei als Von alten Deutschen Weisen genannt, von Neander in Ilfeld aufgeschrieben und 1585 veröffentlicht worden. Latendorf macht deutlich, dass Neander die Sprichwörter nicht aus bloß antiquarischem Interesse zusammentrug, sondern mit klarer pädagogischer Absicht.
Neander Denkmal (1985), geschaffen von Eckhard Maler, an der ehemaligen Klosterschule vor der Neanderklinik. Vereinigte Kirchen- Klosterkammer Erfurt, in Ilfeld-Harztor, Neanderplatz, Literatur: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10576588?page=,1 (Digitale Bibliothek München MDZ) (Foto: Tim Schäfer)
Sie sollten der Jugend Sprachgefühl und moralische Orientierung vermitteln – ganz im Sinne seines Lehrers Philipp Melanchthon, der die Verbindung von Alltagssprache und Bildung programmatisch vertrat. Damit erscheint Neander nicht nur als Schulreformator, sondern auch als Literat, der die deutsche Sprache ernst nahm und ihre volkstümlichen Formen in den Bildungsprozess integrierte.
Die Sammlung enthält bis heute gebräuchliche Redensarten wie Aller Anfang ist schwer oder Übung macht den Meister. Für Neander waren sie nicht nur Ausdruck volkstümlicher Weisheit, sondern auch didaktische Instrumente, die Schülern Lebensklugheit und sprachliche Sicherheit zugleich vermitteln sollten. Gerade hierin zeigt sich ein fast vergessener Aspekt seines Werkes: Neander als deutscher Literat, der die Volkskultur systematisch erschloss und für die Erziehung fruchtbar machte. Ein Aspekt kann für das Museum Krypta der Neanderklinik von besonderer Bedeutung sein. Neander widmete sich einem Vetter Andres, das fromme, christliche, rechtschaffende Herz, da er sein Haus baute und diesen Reim daran schreiben ließ, Wir bawen alle veste, Und sind doch fremde Geste, Und da wir sollen ewig sein, da bawen wir gar wenig ein (Vgl. Menschenspiegel). Nun, steht Vetters Andres Grabstein im Rücken Neanders im Museum Krypta in Ilfeld, also eines Vetters, der somit Andres Neumann genannt worden sein könnte? Es wird sich in Kürze zeigen. Heute: In einer Zeit, in der Bildung oft auf Fachwissen und ökonomische Verwertbarkeit reduziert wird, erinnert Neanders Sprichwörtersammlung daran, dass Sprache und Kultur ebenso unverzichtbare Bestandteile des Lernens sind. Seine Arbeit zeigt, wie Volksweisheiten zu Trägern von Moral und Identität werden können – und wie ein fast vergessener Literat uns heute mahnt, Bildung wieder als umfassende kulturelle Aufgabe zu begreifen.
Autor: redMichael Neanders 500.Geburtstag 2025 wurde im Rahmen eines großen Festaktes in der Neanderklinik Harzwald in Ilfeld mit vielen Gästen gefeiert. Seine Grabplatte und vieles Mehr kann im Museum Krypta dort in Ilfeld bewundert werden. Michael Neander (1525–1595) gilt als Reformpädagoge von europäischem Rang, als berühmtester Rektor der Klosterschule Ilfeld und unter anderem Autor bedeutender Lehrwerke wie dem Lexicon Graecolatinum. Doch eine Seite seines Schaffens ist bis heute nahezu unbekannt: Neander war auch ein Sammler und Herausgeber deutscher Sprichwörter.
Im 16. Jahrhundert legte er eine umfangreiche Sammlung volkstümlicher Redensarten an, die 1864 von Friedrich Latendorf neu herausgegeben wurde. Diese war frei als Von alten Deutschen Weisen genannt, von Neander in Ilfeld aufgeschrieben und 1585 veröffentlicht worden. Latendorf macht deutlich, dass Neander die Sprichwörter nicht aus bloß antiquarischem Interesse zusammentrug, sondern mit klarer pädagogischer Absicht.
Neander Denkmal (1985), geschaffen von Eckhard Maler, an der ehemaligen Klosterschule vor der Neanderklinik. Vereinigte Kirchen- Klosterkammer Erfurt, in Ilfeld-Harztor, Neanderplatz, Literatur: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10576588?page=,1 (Digitale Bibliothek München MDZ) (Foto: Tim Schäfer)
Sie sollten der Jugend Sprachgefühl und moralische Orientierung vermitteln – ganz im Sinne seines Lehrers Philipp Melanchthon, der die Verbindung von Alltagssprache und Bildung programmatisch vertrat. Damit erscheint Neander nicht nur als Schulreformator, sondern auch als Literat, der die deutsche Sprache ernst nahm und ihre volkstümlichen Formen in den Bildungsprozess integrierte.
Die Sammlung enthält bis heute gebräuchliche Redensarten wie Aller Anfang ist schwer oder Übung macht den Meister. Für Neander waren sie nicht nur Ausdruck volkstümlicher Weisheit, sondern auch didaktische Instrumente, die Schülern Lebensklugheit und sprachliche Sicherheit zugleich vermitteln sollten. Gerade hierin zeigt sich ein fast vergessener Aspekt seines Werkes: Neander als deutscher Literat, der die Volkskultur systematisch erschloss und für die Erziehung fruchtbar machte. Ein Aspekt kann für das Museum Krypta der Neanderklinik von besonderer Bedeutung sein. Neander widmete sich einem Vetter Andres, das fromme, christliche, rechtschaffende Herz, da er sein Haus baute und diesen Reim daran schreiben ließ, Wir bawen alle veste, Und sind doch fremde Geste, Und da wir sollen ewig sein, da bawen wir gar wenig ein (Vgl. Menschenspiegel). Nun, steht Vetters Andres Grabstein im Rücken Neanders im Museum Krypta in Ilfeld, also eines Vetters, der somit Andres Neumann genannt worden sein könnte? Es wird sich in Kürze zeigen. Heute: In einer Zeit, in der Bildung oft auf Fachwissen und ökonomische Verwertbarkeit reduziert wird, erinnert Neanders Sprichwörtersammlung daran, dass Sprache und Kultur ebenso unverzichtbare Bestandteile des Lernens sind. Seine Arbeit zeigt, wie Volksweisheiten zu Trägern von Moral und Identität werden können – und wie ein fast vergessener Literat uns heute mahnt, Bildung wieder als umfassende kulturelle Aufgabe zu begreifen.
