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Rückblick Naturschutzeinsätze im Landkreis Nordhausen

Ohne Ehrenamt verlieren wir Arten

Montag, 05. Januar 2026, 14:55 Uhr
Der Widerspruch zwischen Wort und Tat seitens der für Naturschutz Zuständigen in Deutschland treibt nnz-Kolumnisten Bodo Schwarzberg um. Gemeinsam mit einigen wenigen anderen Enthusiasten hat er in Nord-Thüringen auch 2025 wieder aktiv dagegengehalten...

Mähen und Harken gehört zu den häufigsten Maßnahmen bei ehrenamtlichen Artenschutzeinsätzen, hier in der Nähe von Bleicherode.  (Foto: B. Schwarzberg) Mähen und Harken gehört zu den häufigsten Maßnahmen bei ehrenamtlichen Artenschutzeinsätzen, hier in der Nähe von Bleicherode. (Foto: B. Schwarzberg)
Manchmal wird mir sprichwörtlich schwindlig, wenn ich sehe, wie sehr die Erhaltung bedrohter Pflanzen- und Tierarten von ehrenamtlich aktiven Menschen abhängt, wie viele Arten allein bei uns im Landkreis sehr wahrscheinlich verlorengingen, wenn man deren Erhaltung allein staatlichen Akteuren überlassen müsste. Es dürfte nur wenige andere Bereiche geben, in denen gesetzlicher Anspruch und Wirklichkeit so sehr auseinanderklaffen, wie im Naturschutz.

Erhaltung der Arten im Gesetz festgeschrieben
Denn eigentlich soll das Arteninventar in Naturschutzgebieten laut rechtsverbindlicher Schutzgebietsverordnungen erhalten werden, und wieder eigentlich gibt es eine Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie), nach der sich der Zustand so genannter Lebensraumtypen von (EU-)gemeinschaftlicher Bedeutung wie zum Beispiel bestimmte magere Bergwiesen, nicht verschlechtern darf.

Auch sie ist rechtsverbindlich. Eigentlich gibt es auch Naturschutzstrategien auf Bundes- und Länderebene und internationale Naturschutzkonferenzen, in denen aller paar Jahre wunderschöne Dinge beschlossen werden, zuletzt auf der Weltnaturkonferenz COP 15 in Montreal. –

Nur an der Umsetzung hapert es fast immer. Papier war schon immer geduldig: 2019 schrieb der Weltbiodiversitätsrat in einer Analyse, dass die Natur weltweit immer weniger in der Lage ist, die für das menschliche Überleben so wichtigen Ökosystemleistungen zu erbringen. Wir aber leben im reichen Deutschland, das zwar blitzschnell hunderte Milliarden Euro in die größte Aufrüstung seit dem Zweiten Weltkrieg steckt, von tropischen Ländern die Erhaltung von Urwäldern verlangt, aber die vergleichsweise geringen Summen für eine Erhaltung seiner im Verhältnis zu manchen Entwicklungsländern wenigen Arten fehlen allzu oft, so dass die Roten Listen gefährdeter Arten immer länger werden. So gibt es in allen vier Gefährdungskategorien von 0 (ausgestorben) bis 3 (gefährdet), zwischen 1998 und 2017 in Deutschland eine Zunahme bei den Gefäßpflanzenarten, also immer mehr Pflanzenarten sind bedroht.

Warum müssen wir es tun?
Viele der zum Teil bundesweit bedrohten, in unserem Landkreis vorkommenden Pflanzenarten siedeln auf kleinen, von uns gepflegten Splitterflächen, die für eine effektive landwirtschaftliche Nutzung uninteressant sind. Laut Schutzgebietsverordnungen müssen sie trotzdem erhalten werden. Ohne Ehrenamt aber wären die darin siedelnden Arten sehr oft verloren, weil sich eine die dringend notwendige Magerkeit erhaltende Bewirtschaftung nicht rechnen würde, weil die Flächen schwer erreichbar sind oder weil ein Schäfer, der sie mit seinen Schafen bewirtschaften könnte, nicht mehr vorhanden ist.

Der Bittere Kranzenzian (Gentianella amarella) ist aktuell wahrscheinlich nur noch an vier Stellen in Deutschland nachgewiesen. Gemeinsam mit der UNB Kyffhäuserkreis erhalten wir ein Vorkommen. (Foto: B. Schwarzberg) Der Bittere Kranzenzian (Gentianella amarella) ist aktuell wahrscheinlich nur noch an vier Stellen in Deutschland nachgewiesen. Gemeinsam mit der UNB Kyffhäuserkreis erhalten wir ein Vorkommen. (Foto: B. Schwarzberg) 1990 habe es in Nord-Thüringen noch 30.000 Schafe gegeben, jetzt seien es noch 3.000, sagte mir einer der letzten Schäfer der Region vor wenigen Jahren. - Oder aber die Pflanzen wachsen auf größeren Flächen, für die sich jedoch niemand findet, der sie kostendeckend naturschutzgerecht, also zum Beispiel durch einschürige Mahd zu bewirtschaften bereit ist. Verbrachung, Verfilzung und Verbuschung sind die Folge.

Wieder andere Flächen werden zwar aufopferungsvoll von Landwirten bewirtschaftet, jedoch drohen die schutzwürdigen, bedrohten Arten trotzdem zu verschwinden, zum Beispiel, weil die Bewirtschaftung durch zu hohen Tierbesatz oder fehlende Weidepflege nicht ausreichend naturschutzgerecht ist. Auch dort sind wir, ohne dass uns wegen der Gefahr der Doppelförderung auch nur ein Cent zustehen würde, im Einsatz.

Um das zu ändern, bräuchte es mehr Geld für Landwirte, damit sie art- und lebensraumtypgerecht bewirtschaften können und eine bessere Anleitung durch die Behörden. Nicht zuletzt sind Naturschutzprojekte, wie das Millionenschwere Hotspot-Projekt des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser eines war, zeitlich befristet.

Laufen Naturschutzprojekte aus und es gibt, was nicht selten vorkommt, keine Folgepflege, so verbuschen mühsam freigestellte Magerrasen erneut, und die Arten, die vielleicht gerade eine positive Entwicklung zu nehmen begannen, werden zum Opfer der Diskontinuität. Auch das ist im Landkreis Nordhausen zu beobachten.

Ohne Kontinuität kein wirksamer Artenschutz
Die Kontinuität aber ist ein wesentliches Merkmal des ehrenamtlichen Naturschutzes, ja ein Schatz für bedrohte Arten, den es zu erhalten gilt und die ansonsten zu selten gegeben ist. Manche Orchideenarten beispielsweise benötigen viele Jahre kontinuierlicher Pflege, um in ihrer Bestandsgröße zuzunehmen. Es hat zum Beispiel 22 Jahre gebraucht, um einen kleinen Restbestand der in Thüringen stark gefährdeten Orchidee Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) in einem Naturschutzgebiet des Landkreises Nordhausen durch alljährliche kontinuierliche Entfilzung bzw. einschürige Mahd von drei (2003) auf die bisherige Höchstzahl von 68 blühenden Pflanzen (2025) zu bringen.

850 Maßnahmen in 22 Jahren
Seit 2003 führten wir Ehrenamtler insgesamt über 850 Einzelmaßnahmen durch, die meisten davon auf so genannten NALAP-Flächen, für die wir vom Land Thüringen eine (viel zu) kleine Aufwandsentschädigung erhalten. Seit 2010 gibt es Gruppeneinsätze.

2025 waren es genau 97 Maßnahmen. Darunter fallen meist Mahd, Harken, Beräumung, Entbuschung, punktuelle Entfilzung und Bodenverwundungen. Bei manchen Einsätzen mähten und harkten wir an einem einzigen Tag bis zu zehn Stunden. Auf einer Fläche bei Buchholz waren wir neunmal im zurückliegenden Jahr, an Wochenenden oder nach Feierabend, aktiv.

Das notwendige Aufsuchen der Bestände bedrohter Arten, um deren Entwicklung zu verfolgen und die Erhaltungsmaßnahmen notwendigenfalls nachzujustieren, sind bei den 97 Maßnahmen noch gar nicht mitgerechnet.

Leider gehört zunehmend auch das Gießen von Beständen besonders bedrohter Bestände zu den Erhaltungsmaßnahmen: 2025 musste elfmal an mit letzten Beständen des Keulen-Bärlapps (Lycopodium clavatum), des Gips-Fettkrautes (Pinguicula vulgaris var. gypsophila) und des Feld-Enzians (Gentianella campestris) gegossen werden, mit maximal 40 Litern pro Aktion.

Die 2025 wahrscheinlich einzigen Thüringer 28 Exemplare des einst häufigen und heute vom Aussterben bedrohten Feld-Enzians (Gentianella campestris) sind nach dem drei Wochen lang regenfreien August nur deswegen nicht vertrocknet, sie blühten und bildeten so wichtige Samen, weil wir sechsmal Wasserkanister zum Gießen hinfuhren und dann noch Dutzende Meter schleppten.

Von den 97 Maßnahmen wurden 34 mit insgesamt mindestens zwei Teilnehmenden durchgeführt, alle anderen in Eigenregie. An die Mitstreiterinnen und Mitstreiter geht mein herzlichster Dank!

Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Kyffhäuserkreis. Denn auch dort pflegen wir zwei Vorkommen hochgradig bedrohter Pflanzenarten und werden von der Behörde sogar personell bei der Erhaltung unterstützt.

Wir erhalten erfolgreich extrem seltene Arten
Mit unseren ehrenamtlichen Maßnahmen, die auch die Zusammenarbeit mit Botanischen Gärten, also die gärtnerische Erhaltungskultur bedrohter Pflanzenarten sowie mit weiteren Spezialisten einschließt, haben wir die Verantwortung für die Erhaltung von Beständen mehrerer Pflanzenarten übernommen, die in Deutschland sehr stark bedroht und teilweise extrem selten geworden sind. Hierzu gehören die Klebrige Miere im Saalekreis bei Halle (ein ostdeutsches Vorkommen, drei deutschlandweit), der Bittere Kranzenzian (wahrscheinlich maximal fünf deutsche Vorkommen), das Gips-Fettkraut (zwei Vorkommen weltweit), die Alpen-Gänsekresse (ein bis zwei ostdeutsche Vorkommen), der Feld-Enzian (wahrscheinlich nur noch ein Thüringer Vorkommen), die Borstige Glockenblume (in Ostdeutschland kaum fünf Vorkommen), die Schmalblättrige Miere (wahrscheinlich keine fünf ostdeutsche Vorkommen) und das Spätblühende Brand-Knabenkraut (drei ostdeutsche Bestände). Diese Auflistung ist nicht vollständig.

Es muss auch noch darauf hingewiesen werden, dass wir mit Hilfe des botanischen Artenschutzes zugleich zahlreiche stark rückläufige Insektenarten erhalten helfen. Viele Tag- und Nachtfalterarten, Wildbienen, Fliegen und Heuschrecken haben auf den von uns gepflegten Magerrasen Rückzugsgebiete. Eine besondere Verantwortung tragen wir und die Behörden zum Beispiel für die Erhaltung des Skabiosen-Scheckenfalters und des Thymian-Ameisenbläulings. Mehrfach konnten wir auch die Zauneidechse auf den von uns gepflegten Magerrasen nachweisen.

Durch ein lückenloses Monitoring von Beständen bedrohter Pflanzenarten im Landkreis Nordhausen und durch gezielte, auf die Ansprüche von Arten abgestimmte Maßnahmen gelang es uns, alle uns bekannten und von uns betreuten Bestände bedrohter Pflanzenarten im Landkreis zu erhalten. Nur bei der Alpen-Gänsekresse gingen ein, vielleicht zwei Vorkommen, mutmaßlich durch die zunehmende Erwärmung, bisher verloren. Die Kulturen in Erhaltungsgärten sind aber erfolgreich.

Forderungen an Politik und Behörden
Von der Politik und von den Behörden wünschen wir uns deutlich mehr finanzielle Unterstützung, in erster Linie aber mehr Geld für die Erhaltung bedrohter Arten und Ökosysteme insgesamt, mehr Unterstützung für die Landwirte, um sie zur Durchführung wirklich für die Arterhaltung geeigneter Maßnahmen zu befähigen, insbesondere auch für hütende Schäfer, und für die Mahd von Bergmähwiesen. Auch sollten die Naturschutzbehörden in Thüringen personell gestärkt werden.

Unser Landschaftspflegeverband sollte sich zudem, wie im Landkreis Harz realisiert, einen eigenen Technikpark zulegen und diesen auch einsetzen.

Und es sollte nicht so sein, dass wir die Behörden des Freistaates Thüringen wie manchmal schon geschehen, darauf hinweisen müssen, wenn es durch falsche oder fehlende Entscheidungen bzw. Kontrollen zu vermeidbaren Bedrohungen für ganze Magerrasenkomplexe kommt oder flächendeckend Naturschutzgebietsschilder fehlen.

Nicht zuletzt wünschen wir uns vom Naturschutzbeirat deutlich mehr Einsatz bei der Beseitigung von Missständen im Natur- und Artenschutz in Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde.

Wir haben den zuständigen Nordhäuser Behörden und auch dem Landschaftspflegeverband immermal wieder unsere Hilfe angeboten, auf diese Angebote sollte aber noch besser eingegangen werden.

Ein guter und lobenswerter Kontakt besteht mit dem Thüringer Forstamt Bleicherode-Südharz, wenn es um den Schutz bedrohter Arten in Waldgebieten geht.

Gerade in einer Zeit, in der der Heimatbegriff eine gewisse Renaissance erfährt, sollte die Politik daran arbeiten, diesen auch wieder verstärkt auf unsere natürliche Umgebung zu fokussieren.

Dünne Personaldecke
Leider sind wir nur noch wenige aktive Enthusiasten und wir benötigen dringend auch mehr menschliche Unterstützung für unsere Einsätze. Selbige können durchaus das Workout im Fitnessstudio ersetzen und sie bieten ganzjährig und mitten im Alltag eine wunderbare Auszeit – und das noch für einen guten Zweck.

Wer uns ehrenamtlich tätige Menschen aktiv unterstützen möchte, kann sich gern und jederzeit bei mir melden (bodo_schwarzberg@yahoo.de).
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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