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Der Wetterbeobachter und Lehrer Josef Tauchmann

Mehr als ein Wettermann

Dienstag, 06. Januar 2026, 15:00 Uhr
Heute erinnert nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg an den Nordhäuser Lehrer und Wetterbeobachter Josef Tauchmann...

Thermometer (Foto: Elmira Ashirova auf Pixabay) Thermometer (Foto: Elmira Ashirova auf Pixabay)
Viele Nordhäuserinnen und Nordhäuser werden noch den Salzaer Lehrer und langjährigen Wetterbeobachter Josef Tauchmann kennen. Der Wert seiner Daten ergibt sich insbesondere aus der Tatsache, dass Nordhausen heute als weißer Fleck auf der Karte amtlicher Wetterstationen gilt. Auch in der nnz wurde er regelmäßig im Zusammenhang mit Wetter und Heimatkunde erwähnt.

Als „VK Tauchmann“ (VK=Volkskorrespondent) konnte man den Namen des 1920 in Niederlangenau im Riesengebirge geborenen Josef Tauchmann über mehrere Jahrzehnte in der früheren Tageszeitung „Das Volk“ unter Artikeln lesen, die sich mit dem Wetter, aber auch mit heimatkundlichen Themen befassten. Nach der Wende auch in der "Nordhäuser Zeitung".

Gemeinsam mit Schülern seiner Schularbeitsgemeinschaft „Junge Metereologen“ erfasste er auf dem Gelände der Polytechnischen Oberschule „Albert Kuntz“ ab 1955 fünf Jahrzehnte lang lückenlos dreimal täglich Nordhäuser Wetterdaten, die auch den jeweiligen Meteorologischen Diensten von DDR und Bundesrepublik zugingen. Im Sommer lasen seine Schüler bereits früh um 7 Uhr die zahlreichen Messgeräte ab. Auch die erste große Pause wurde dafür genutzt.

1982 veröffentlichte Josef Tauchmann im Heft 7 der „Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen“ eine Zusammenfassung der ersten 25 Wetterbeobachtungsjahre.

Darin lesen wir zum Beispiel von – 25 Grad niedrigste von ihm gemessenen Temperatur am 2.2.1956 und von 38,0 Grad am 10. und 11. Juli 1959 als höchste von ihm gemessenen Temperatur.

Für den besonders weißen Winter 1970/71 registrierten die Schüler und ihr Lehrer 44 Schneefalltage und insgesamt 129,7 Zentimeter Schnee, im Durchschnitt der 25 Beobachtungsjahre aber immer noch sagenhafte 53 Zentimeter pro Jahr. Zudem maßen die überwiegend sehr jungen Meteorologen im langjährigen Mittel 24 Eistage.

Dass es mit der Anzahl der Eistage klimawandelbedingt bergab geht, ist nachgewiesen: So veröffentlicht der Wetterkanal für die Wetterstation Potsdam eine „Hitliste“ der Eistage seit 1950. Von den elf aufgeführten Jahren mit nur ein bis vier Eistagen liegen sechs nach dem Jahre 2000. Damit ist die aktuelle kühle Wettersituation mit mehreren Frost- und Eistagen am Stück heute schon etwas Besonderes.

Josef Tauchmann übergab im Jahr 2008 seine Aufzeichnungen an das Nordhäuser Stadtarchiv (Foto: nnz/Stadt Nordhausen) Josef Tauchmann übergab im Jahr 2008 seine Aufzeichnungen an das Nordhäuser Stadtarchiv (Foto: nnz/Stadt Nordhausen)
Natürlich blieb auch dem langjährigen Wetterbeobachter Tauchmann die zunehmende Klimaänderung nicht verborgen: 2007 publizierte er „Dem Klimawechsel auf der Spur; Nordhausens Wetterrekordjahr 2007.“

Die Leistungen Josef Tauchmanns gehen aber weit über das bloße Erfassen von Wetterdaten hinaus: Denn das regelmäßige Ablesen der Wetterdaten durch ihn und seine Schüler erforderte ein großes Maß an Disziplin und Genauigkeit, und natürlich an Wissen: „Die Schüler registrierten täglich Luftdruck, Windrichtung und Windstärke, Luftfeuchte und Bewölkung“, schrieb er in der oben genannten Publikation. Zudem schrieben sie phänologische Daten nieder, die die Entwicklung der Natur in Abhängigkeit vom Jahreslauf beinhalten.

In den ersten 25 Jahren besuchten 250 Schülerinnen und Schüler die AG Junge Meteorologen, manche blieben der AG von der vierten bis zur zehnten Klasse treu.

Eine besondere Bedeutung erlangte die Arbeit des Lehrers aber auch durch die von ihm geforderte analytische Bewertung der gesammelten Daten: „Die täglichen Messergebnisse werden an den AG-Nachmittagen ausgewertet, verglichen und analytisch betrachtet“, schrieb er. Für „Das Volk“ verfasste Tauchmann in diesen 25 Jahren zudem 295 monatliche Wetterberichte, jeweils unterzeichnet mit „VK Tauchmann“, bis zum Ende seiner Zeit als Meteorologe waren es sicher doppelt so viele.

An dieser Stelle möchte ich die Frage aufwerfen, ob unser heutiges Bildungssystem einen Lehrer wie Josef Tauchmann eher wahrscheinlicher oder eher unwahrscheinlicher machen würde, als vor 1990. Eigene Kontakte mit im öffentlichen Schuldienst befindlichen Lehrern zeichnen ein nicht repräsentatives Bild: Heute wäre ein solcher Lehrer demnach zumindest unwahrscheinlicher: Nach dem, was ich hörte, liegen die Gründe darin, dass ein DDR-Lehrer vor allem Lehrer im Unterricht mit klaren Strukturen und Lehrplänen zu sein hatte und weniger mit zeitintensiven bürokratischen Anforderungen bzw. mit sich häufig ändernden Regeln konfrontiert wurde.

Auch die früher auf Grund der größeren Lehrerautorität deutlich weniger vorhandenen Lehrer-/Elternkonflikte und Probleme mit undisziplinierten Schülern würden heute viel mehr Zeit und Nerven kosten, was ihnen für den eigentlichen Schuldienst vor der Klasse oder gar für zusätzliche Aufgaben wie Arbeitsgemeinschaften aus Sicht der von mir befragten Lehrer oft das mentale Potenzial nähme.

Ein Lehrer sagte mir, dass es nach seiner Beobachtung seit 1990 weniger Kolleginnen und Kollegen gäbe, die bereit, gewillt und zeitlich in der Lage wären, zusätzlich zu den arbeitsintensiven Anforderungen noch mehr zu machen, wie zum Beispiel die in der DDR selbstverständlichen Arbeitsgemeinschaften.
Zudem scheint nach Gesprächen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern an Universitäten deutlich zu werden, dass die stark naturwissenschaftliche Ausrichtung der Lehrerausbildung vor 1990, gerade mit konkretem Bezug zur unmittelbaren Schülerumgebung, seit der Wende, auf Grund auch der nun internationalisierten Forschungsmöglichkeiten der Universitäten, eine zunehmend geringere Rolle spiele.

Und ich selbst sage als ausgebildeter Biologie- und Chemielehrer: die heute gezielt propagierte und politisch gewollte Verengung des DDR-Bildungssystems auf Marxismus-Leninismus, Klassenkampf und Staatsbürgerkunde, wird seinen Bildungsleistungen und Bildungsergebnissen nicht gerecht und ist einseitig.

Die bemerkenswerte, jahrzehntelange Leitung einer Schülerarbeitsgemeinschaft mit einem ganz konkreten, sich über solch lange Zeiträume nicht ändernden Bezug und mit wissenschaftlicher Ausrichtung, durch einen Lehrer wie Josef Tauchmann, ist daher heute sicher nicht mehr so leicht möglich. - Vielleicht haben dazu ja Lehrer aus der Region eine Meinung, die sie als Kommentar äußern möchten? Liege ich vielleicht völlig falsch mit dieser Einschätzung?

Abschließend noch einmal zu seiner Biografie:
Josef Tauchmann selbst hatte das Sudetenland mit seiner Familie nach dem Krieg verlassen müssen und lebte laut nordhausen-wiki seit dem 31.12.1945 in der Rolandstadt. 40 Jahre lang war Tauchmann an seiner Salzaer Schule Geografie- und Astronomielehrer. Im Jahre 2008 erschien im Selbstverlag ein Rückblick auf 50 Jahre Wetterbeobachtungen.

In zahlreichen weiteren Arbeiten befasste er sich mit heimatkundlichen und heimatgeschichtlichen Themen und er brachte seinen Schülern ihre nähere Umgebung auf unzähligen Exkursionen näher. Josef Tauchmann, der verheiratet war und zwei Kinder hatte, verstarb am 10. Februar 2009 in Leipzig.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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