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Hat die Lessing-Schule ein Gewaltproblem?

Show-Kämpfe auf dem Schulhof

Freitag, 03. April 2026, 12:00 Uhr
Wenn die Glocke an der Lessing-Schule zur Pause läutet, wird es voll auf dem Schulhof. Rund 500 Kinder besuchen die größte Regelschule der Region. Konflikte bleiben da nicht aus, was sich vergangene Woche in der Pause zugetragen haben soll, ging aber über das normale Maß hinaus und hat sowohl Eltern als auch das Kollegium erschüttert…

An der Lessing-Schule kam es vergangene Woche zu mehreren problematischen Vorfällen (Foto: agl) An der Lessing-Schule kam es vergangene Woche zu mehreren problematischen Vorfällen (Foto: agl)

Den Anfang macht eine kurze Mitteilung der stellvertretenden Schulleiterin, Kathrin Siebert, die eigentliche Hauschefin, Kati Flöder, ist krankgeschrieben und nicht vor Ort. Auf dem Schulhof spielten sich Situationen ab, die „an Fight Club Filmszenen“ erinnerten, schreibt die Stellvertreterin, „Schüler prügeln sich, teilweise auch noch wenn einer bereits am Boden liegt, und drumrum formiert sich Publikum, das anfeuert und johlt“, heißt es in der kurzen Mitteilung weiter. Der Hofaufsicht gelänge es kaum, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Gegen aggressiv agierende Schüler und ihre Unterstützer werde man mit Ordnungsmaßnahmen vorgehen, schrieb Siebert und bittet die Eltern abschließend darum, die Erziehungsarbeit und Einsatz für den Schulfrieden zu unterstützen.

Versendet wird die Mitteilung am Mittwoch vergangener Woche über das interne Schulnetz „EduPage“, für die Lessing-Schule noch ein vergleichsweise neues Programm. Und was sich konkret an die Elternhäuser der 5. und 6. Klassen richten soll, geht an knapp 500 Haushalte raus. Nach gut einer Stunde ist die Nachricht wieder verschwunden, gelöscht von der Einstellerin selbst und ohne weitere Erklärung. Das Wiederrum macht die Runde in einer Eltern-Chatgruppe, in der nun auch andere Vorkommnisse ausgetauscht werden. Es steht bald der Vorwurf im Raum, dass die Schule nicht genug gegen Gewalt unter den Schülerinnen und Schüler unternehme, dass es systemische Probleme gibt.

Hervorgehoben wird unter anderem ein Vorfall, der sich ebenfalls am vergangenen Mittwoch gegen halb acht in der Nähe der Schule ereignet haben soll und für zwei Beteiligte - ein Mädchen, dass die Lessing-Schule besucht und ihren Freund, der sie zur Schule begleitet, diese selber aber nicht besucht - im Krankenhaus geendet haben soll. Das Mädchen habe sich einen Tag in Beobachtung befunden, der Junge habe zwei Tage mit Verdacht auf Schädelhirntrauma im Krankenhaus verbringen müssen, teilt die Mutter des Jungen der nnz mit. Beschuldigt wird ein Schüler der Lessing-Schule, gegen den nun polizeilich wegen Verdachts auf Körperverletzung auch ermittelt wird. Weitere Angaben kann die Polizei auf Nachfrage nicht machen, da alle Beteiligten noch minderjährig sind.

Die Aufregung unter den Eltern ist ob solcher Nachrichten verständlicherweise groß. Wie weit Wille und Befugnisse der Lehrer gehen hier bei Gewaltakten einzuschreiten, ab wann und wo die Polizei eingeschaltet werden müsse, ob man nicht selber handeln sollte und inwieweit die Erziehung zu Hause eine Rolle spielt, wird in der Chatgruppe diskutiert.

Die Befugnisse der Schule enden am Eingang zum Schulgelände. Zu dem Vorfall, der sich vor den Toren ereignet hat, kann sich die Siebert denn auch nicht weiter äußern. Es habe nach ihren Angaben einige Schüler gegeben, die wohl gesehen haben, was sich zugetragen hat, sie selber war keine Zeugin. Der beschuldigte Schüler falle im Haus nicht mit Hang zur Gewalt auf, sagt die stellvertretende Schulleiterin und auch die Klassenlehrerin und die Schulsozialarbeiterin teilen die Einschätzung. Der junge Mann habe mitunter ein etwas zu loses Mundwerk und neige zu „Macho-Gehabe“, falle aber sonst nicht weiter aus dem Rahmen. Dass die Eltern die Polizei eingeschaltet und Anzeige erstattet haben, sei in diesem Fall konsequent und der richtige Weg, meint Siebert.

Die Polizei kommt, wenn sie gerufen wird, sagt Kriminalhauptkommissar Ritschel. Seit vier Jahren kümmert er sich um die Beratungsstelle der Polizei und damit auch um die Präventionsangebote, die von Schulen gebucht werden können. Ein spezifisches Angebot zu Gewaltprävention gibt es nicht, wohl aber Schnittmengen mit dem Thema „Cybermobbing“. „Wir raten immer dazu, Straftaten auch zur Anzeige zu bringen, die Polizei wird tätig, aber nur dann, wenn sie auch Kenntnis erhält. Mit Problemen sollten Schulen offen umgehen, nichts verschweigen und den Schülerinnen und Schülern zeigen, dass auch etwas passiert.“, sagt Ritschel. Anzeigen würden von der Polizei aufgenommen und sogenannte „Gefährderansprachen“ durchgeführt. Im Bereich außerhalb der Strafmündigkeit, also bei Kindern unter 14 Jahren, mag das Gesetz noch nicht greifen, entfalte ein Besuch der Polizei aber auch so schon Wirkung, sagt Ritschel, „man macht deutlich: wir sind da und wir klopfen euch auf die Finger.“ Mit den Netzwerk der Schulsozialarbeiter steht man im engen Kontakt, meistens sind sie es, die Informationsveranstaltungen und Workshops bei der polizeilichen Beratung buchen. Darüber hinaus könne man auch an andere Stellen auf Landesebene vermitteln, etwa wenn es um Krisenintervention oder Extremismus gehe, so Ritschel.

Gibt es Vorfälle im Haus oder auf dem Hof und werden diese auch von den Lehrkräften gesehen, dann haben Schulen auch eigene Handhabe. Hier darf man, qua Gesetz, mit Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen reagieren. Erstere kommen etwa dann zum Einsatz, wenn man etwa bei Fällen von Vandalismus die Verursacher zu Reparatur oder Reinigung heranzieht, also einen erzieherischen Effekt erzielen will. Ordnungsmaßnahmen beginnen beim Verweis durch den Lehrer und reichen von hier über die Versetzung in andere Klassen über den Ausschluss vom Unterricht für bis zu vier Wochen (in Absprache mit dem Schulamt) bis hin zur Versetzung auf eine andere Schule. Diese gesetzlichen Möglichkeiten schöpfe man auch aus, sagt Siebert.

Die Verrohung nimmt zu
Die Kampfrunde auf dem Schulhof habe man fürs Erste unterbinden können, schockierend sei die Entwicklung aber dennoch. „Diese Hahnenkämpfe haben unter den fünften und sechsten Klassen stattgefunden und wir vermuten, dass hier „Challenges“ nachgespielt werden, die die Kinder auf sozialen Medien wie TikTok und YouTube sehen“, sagt die stellvertretende Schulleiterin. Das erste Mal wäre es nicht, in der Vergangenheit hatte man mit wiederholtem Vandalismus auf den Toilettenanlagen der Schule zu tun, später stellte sich heraus, dass einige Schüler hier einen TikTok-Trend ausgelebt hatten.

Die Schüler, die sich im Kreis der anderen anfeuern lassen, tun das laut eigener Aussage erst einmal freiwillig, was die Sache an sich nicht besser macht, die Einordnung aber erschwert. Eingreifen müsse man in jedem Fall, meint Siebert. Die Grenze zwischen dem was noch „Spaß“ ist und was schon Bedrängnis oder Gewalt sei nicht immer leicht zu ziehen, heißt es auch von Seiten der Polizei. Nicht jeder Schubser auf dem Schulhof ist gleich eine Körperverletzung. Wann das Maß überschritten wird, müsse man im Einzelfall möglichst objektiv betrachten, sagt Polizeipressesprecherin Vanessa Lundershausen, spätestens aber dann, wenn es zu Verletzungen kommt und diese willentlich zugefügt werden, höre „Spielerei und Flax“ auf.

Nach den Ferien werde man den Stundenplan ändern, um eine vierte Aufsichtsperson auf den Schulhof stellen zu können, kündigt Siebert an. Aber selbst dann werde man bei 500 Kindern auf dem Platz nicht alles sofort sehen können. Umso wichtiger sei es, auch die Elternhäuser in die Pflicht zu nehmen und die Probleme mit den Schülern aufzuarbeiten. Wenn die Grenzen schon für die Erwachsenen nicht einfach zu fassen sind, muss das gerade für jüngere Schüler umso mehr gelten und was richtig und was falsch ist, lernen Kinder nicht nur im Klassenzimmer.

Die Aufarbeitung in der Schule gehört unter anderem zu den Aufgaben der Schulsozialarbeiterin Julia Lahlou. In der Regel werde zunächst mit den beteiligten Schülern, deren Eltern und den Lehrkräften gesprochen, fallen Probleme im Klassenverband auf, gibt es verschiedene Herangehensweisen, um die Schüler und Schülerinnen für problematische Verhaltensweisen zu sensibilisieren, etwa mit Workshops zu Mobbing, konfliktfreier Kommunikation und Gewalt. Über die Jahre hat sich die Schulsozialarbeiterin ein Netz an Partnern aufgebaut, die ebenfalls unterstützen oder zu Rate gezogen werden können, etwas das Familienzentrum oder auch die Polizei. Allen Bemühungen zum Trotz müsse sie aber feststellen, dass die Hemmschwellen unter den Schülerinnen und Schülern insgesamt niedriger geworden sind, sagt Lahlou. „Das fängt bei der Sprache an, die man sich gegenseitig an den Kopf wirft und geht weiter zu körperlichen Auseinandersetzungen, bei den Verletzungen offenbar in Kauf genommen werden. Wir beobachten da in den letzten Jahren eine massive Verrohung.“

Die ist nicht zwingend ein Problem der Lessing-Schule, sondern eines der Gesellschaft an sich, schätzt Siebert ein. Die beobachtete „Verrohung“ in den Klassenräumen wird auch an anderen Schulen so oder so ähnlich erlebt und mancher Konflikt der weiten Welt landet auch im Klassenzimmer oder im Elterngespräch. In ihren 12 Jahren im Haus habe sie aber nicht den Eindruck gewonnen, dass es an der Lessing-Schule außergewöhnlich hart zugehen würde.

Die Außenwahrnehmung bestimmter Ereignisse und Verfahrensweisen sei naturgemäß oft subjektiv, werde man Zeuge von Verstößen oder werde von Kindern über solche informiert, gehe man auch dagegen vor, versichert die stellvertretende Leiterin. Gleiches gelte für das Lehrpersonal. Entstehe der Eindruck, dass Kollegen nicht adäquat reagieren, werde dies intern thematisiert und wenn nötig nachgebessert, geschult oder belehrt. Da nimmt sich Siebert selber nicht heraus, die falsch adressierte Nachricht ohne Erklärung wieder zu löschen, nachdem es bereits Reaktionen aus der Elternschaft gegeben hatte, sei in der Nachbetrachtung nicht der beste Schritt gewesen.

So Schülerinnen und Schüler von Problemen in der Schule berichten, sollten sich Eltern an die Klassenlehrer oder an Schulsozialarbeiterin Lahlou wenden, die sowohl über „EduPage“ als auch via E-Mail und Telefon erreichbar ist, unterstreicht Siebert. Sie hoffe, dass nach den Ostern-Ferien wieder Ruhe in der Lessing-Schule einkehrt.
Angelo Glashagel
Autor: red

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