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Gedenken an die Bombardierung Nordhausens

Das Vergangene ist niemals tot

Samstag, 04. April 2026, 12:24 Uhr
Vor dem Nordhäuser Rathaus wurde heute der Bombardierung der Stadt vor 81 Jahren gedacht. Eindringliche Worte fand dabei nicht nur der Oberbürgermeister, sondern auch eine Dame, die die „Tage des Gerichts“ selber mit erlebt hat…

Da kam ein Tag, wie Tage des Gerichtes.
Und Sie zerbrach. Das Scheiden seines Lichtes
Bedeckte einen Sturz, der ungeheuer.

Ihr Leib zerfiel. Ihr Odem schied.
Den Rest fraß Feuer.


- Auszug aus „Schwermütig Lied“, Rudolf Hagelstange, 1945

Gedenken zum 81. Jahrestag der Bombardierung Nordhausens auf dem Rathausplatz (Foto: agl) Gedenken zum 81. Jahrestag der Bombardierung Nordhausens auf dem Rathausplatz (Foto: agl)

Die Bombardierung Nordhausens im zweiten Weltkrieg jähren sich heute zum 81. mal. Aus der Zerstörung der Stadt ist Geschichte geworden, sagt am Vormittag Oberbürgermeister Kai Buchmann auf dem Rathausplatz, „die Geschichte bringt Erinnerung, aus der Erinnerung ergibt sich die Verantwortung.“ Die Altlasten des Krieges haben die Stadt lange nicht mehr beschäftigt, die letzte Entschärfung eines Blindgängers liegt inzwischen fünf Jahre zurück, aber anderswo treten die Zeichen des Krieges immer noch zu Tage. Der Akt des Erinnerns an die Geschehnisse des 03. und 04. April bleibe von Bedeutung, auch als Zeichen der Verbundenheit mit denen, die heute im Krieg leiden müssen.

In wacher Erinnerung bleiben die Erfahrung dieser Tage bei Carla Buhl. Bereits im vergangenen Jahr hatte Buhl auf dem Rathausplatz gesprochen und war an die Orte ihrer Kindheit zurückgekehrt, die heute aus dem Stadtbild verschwunden sind. Heute wandte sich Buhl den Menschen zu, die sie verloren hat.

Carla Buhl war zehn Jahre alt, als die Bomben fielen (Foto: agl) Carla Buhl war zehn Jahre alt, als die Bomben fielen (Foto: agl) Im Alter von zehn Jahren lebte sie und ihre Familie auf dem Petersberg und blickte von dort gerne auf die Stadt hinab. Buhl berichtet von der alten Nachbarin, die sich aufgrund eines Gebrechens nicht vor den Bomben retten konnte, von der Familie des Bäckermeistesr Wenkel, seiner Frau und den beiden Töchtern, von denen nur die jüngste überlebt, von den Schulfreundinnen, mit denen sie früher die „Schlunztreppe“ auf dem Weg zur Schule hinabstieg, von der sieben Köpfe starken Familie Kowiak, die ausgelöscht wird, von den Eltern einer Freundin, die mit ansehen müssen wie vier ihrer Kinder von Trümmern begraben werden und vom Glück und Unglück des Zufalls. Überlebt haben in Buhls Erzählung nur die, die sich als die Bomben fielen nicht auf dem Petersberg aufgehalten haben. „Und in der Erinnerung heute denke ich manches mal: Hast du das nicht gerade erst gesehen? War das nicht in der Ukraine? Im Libanon? In Gaza?“, sagt Buhl und schließt mit einem Zitat Hannah Arendts: „Das Vergangene ist niemals tot, es ist nicht einmal vergangen“
Angelo Glashagel
Autor: red

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