Sarah Kirsch und Gerhard Wolf im literarischen Austausch
Mittwoch, 22. April 2026, 09:19 Uhr
Der Förderverein Dichterstätte Sarah Kirsch lädt am Samstag um 14.30 Uhr zu einer nächsten Veranstaltung in das Schloss nach Heringen ein. Vor 91 Jahren, am 16. April 1935, wurde im damaligen Pfarrhaus in Limlingerode im oberen Stockwerk die Enkelin des Pfarrherrn Paul Bernstein, Ingrid, Hella, Irmelinde Bernstein, geboren…
Eine seiner liebsten Amtshandlungen vor seiner Emeritierung war am 15. 5. 35 die Taufe dieses Kindes mit Hilfe eines geschnitzten barocken Taufengels. Das Mädchen wird sich dann seit etwa 1960 als angehende Dichterin Sarah Kirsch nennen. Sie hatte 1958 den Dichter Rainer Kirsch geheiratet und sie lebten in Halle.
Zu ihrem 90. Geburtstag im vorigen Jahr gab ihr Förderverein Dichterstätte Sarah Kirsch, nach einer umfassenden Präsentation wichtiger Ausstellungsstücke nach 25 Jahren Sammlertätigkeit im Geburtsort Limlingerode in der Kreissparkasse Nordhausen ab April 2025 in der Zeitschrift UNSER HARZ, herausgegeben vom Nationalpark Harz in Clausthal-Zellerfeld, vier Artikel über das künstlerische Tun im Geburtsort Limlingerode ab 1997/98 heraus. Die vier Hefte von 2025 mit zahlreichen Fotos sind in der Stadtbibliothek in Nordhausen vorhanden, auch im Stadtarchiv. Aus Anlass des Geburtstages in diesem Jahr gibt es im Schloss Heringen also am 25. 4. ab 14.30 Uhr die Veranstaltung Sarah Kirsch und Gerhard Wolf im literarischen Austausch.
Der Förderverein möchte darstellen, wer im Laufe der Zeit Einfluss hatte auf die Herausbildung Ingrid Bernsteins zur Dichterin. Daran hat Gerhard Wolf, der am 7. Februar 2023 mit 94 Jahren starb, wichtigen Anteil. Er, der Schriftsteller, Lektor, Verleger, der Freund so manches Literaten und Künstlers, begegnete den Kirschs 1959 in Halle. Geboren wurde er 1928 in Bad Frankenhausen. Im Jahr 1951 heiratete er die Schriftstellerin Christa Wolf, die 2011 verstorben ist. Wolfs Essays über Lyriker, Schriftsteller und Künstler sind legendär. Als fachkundig und warmherzig wird er beschrieben. Er leitete in der Saalestadt einen Zirkel für junge angehende Literaten, den die Kirschs nutzten. Sarah Kirsch hatte sich nach ihrem Biologiestudium in Halle, nachdem sie den Gedichteschreiber Rainer Kirsch geheiratet hatte, der Literatur zugewandt, insbesondere der Lyrik.
Künstlerisches Zeichen des Ehepaares Sarah und Rainer Kirsch aus Halle
Von großer Einprägsamkeit war Wolfs Art, die zukünftigen Poeten behutsam auf die besondere Art des Schreibens hinzuweisen. Man traf sich einmal im Monat für zwei Tage. Sie schrieb darüber: … wenn ich von Anfang an zum Beispiel Germanistik studiert hätte, wäre ich vielleicht zu sehr vorbelastet gewesen … Gerhard Wolf hat uns von den großen philosophischen Themen ferngehalten und uns beigebracht, über die Sachen zu schreiben, die uns umgeben, die wir wirklich kennen, das war der sogenannte ‘kleine Gegenstand‘. Und wir machten Gedichte über ein Frühstück oder über das Aufwaschen, über den Marktplatz von Halle und dergleichen.
Sarah Kirsch hat viele Jahre mit Christa Wolf im Briefwechsel gestanden, auch Gerhard Wolf war darin einbezogen, nachdem die Wolfs 1992 von Halle weggezogen waren, denn sie schätzte seine Hinweise für das Dichten sehr. Sie waren einfühlsam-kritisch und aufbauend. Sie schickte ihm in gewissen Abständen Gedichte, damit er sie einschätzen sollte, manchmal 30 oder sogar 90 Gedichte. 1967 schrieb er ihr z. B.: Ich finde es erstaunlich, was Du in den letzten Jahren gemacht hast … Du gibst genau den richtigen Teil von Dir dazu und hast meistens auch das Empfinden dafür, was in Reserve bleiben muß… Du hast mit einem Schlag alle lieben Freunde, die mit Dir angefangen haben, hinter Dir gelassen, und da ist e i n e Stimme… Warum soll man das nicht alles einmal sagen in einem Brief - Du bist unter unseren deutschen Frauen Deiner Generation allein auf weiter Flur… Nach Ihrer Ausreise 1978 erschienen dann ihre Bücher in BRD-Verlagen. In der DDR waren ihre Werke nicht mehr erlaubt.
Ende der 1980er Jahre gab es von Wolf aus dann die Idee, im Aufbau-Verlag in Berlin eine Auswahl ihrer gedruckten Gedichte mit dem Titel Die Flut herauszugeben. Beide begaben sich ans Werk mit einigen Mühen, der Briefwechsel erzählt davon. Unser Exemplar von Die Flut mit Gedichten aus Erdreich, Katzenleben, Irrstern und Schneewärme zeigt Spuren von Wasser, das von der 1. Etage des von einer Ruine auferstandenen Geburtshauses in unsere Vereinsräume herabströmte, ist aber noch lesbar und daraus werden einige der besten Sarah Kirsch Gedichte vorgetragen.
Bereits 1964 war unter Wolfs Herausgeberschaft eine Lyrikanthologie mit Gedichten junger Menschen herausgegeben worden, Sonnenpferde und Astronauten, die Gedichte von 10 jungen Lyrikern beinhaltet, darunter nur eine Frau, die Kirsch. Der blaue Leineneinband mit goldenen Sonnen bedruckt und mehreren Bildern von Ronald Paris und Horst Zickdelbein ausgestattet, wurde sehr gut angenommen und ist nur noch in wenigen Bibliotheken vorhanden. Die Vereinsmitglieder tragen aus ihrem Exemplar Gedichte vor, z. B. von Volker Braun, der Kirsch und von Wolf Biermann.
Dieser Nachmittag zu Sarah Kirschs 91. Geburtstag ist also auch dem Andenken an Gerhard Wolf gewidmet – in der Gewissheit, dass auch er zusammen mit den weiblichen und männlichen Dichtern und Schriftstellen, den bildenden Künstlern, den Musikern, deren Geist und Gemüt noch in dem leuchtenden Fachwerkhaus in Limlingerode schweben, gegenwärtig bleibt.
In Heringen ist eine Ausstellung von der Künstlerin Andrea Ackermann Das Meer, der Fluss, die Stadt aus Halle zu sehen, eingeladen von der Dichterstätte.
Heidelore Kneffel
Autor: redEine seiner liebsten Amtshandlungen vor seiner Emeritierung war am 15. 5. 35 die Taufe dieses Kindes mit Hilfe eines geschnitzten barocken Taufengels. Das Mädchen wird sich dann seit etwa 1960 als angehende Dichterin Sarah Kirsch nennen. Sie hatte 1958 den Dichter Rainer Kirsch geheiratet und sie lebten in Halle.
Zu ihrem 90. Geburtstag im vorigen Jahr gab ihr Förderverein Dichterstätte Sarah Kirsch, nach einer umfassenden Präsentation wichtiger Ausstellungsstücke nach 25 Jahren Sammlertätigkeit im Geburtsort Limlingerode in der Kreissparkasse Nordhausen ab April 2025 in der Zeitschrift UNSER HARZ, herausgegeben vom Nationalpark Harz in Clausthal-Zellerfeld, vier Artikel über das künstlerische Tun im Geburtsort Limlingerode ab 1997/98 heraus. Die vier Hefte von 2025 mit zahlreichen Fotos sind in der Stadtbibliothek in Nordhausen vorhanden, auch im Stadtarchiv. Aus Anlass des Geburtstages in diesem Jahr gibt es im Schloss Heringen also am 25. 4. ab 14.30 Uhr die Veranstaltung Sarah Kirsch und Gerhard Wolf im literarischen Austausch.
Der Förderverein möchte darstellen, wer im Laufe der Zeit Einfluss hatte auf die Herausbildung Ingrid Bernsteins zur Dichterin. Daran hat Gerhard Wolf, der am 7. Februar 2023 mit 94 Jahren starb, wichtigen Anteil. Er, der Schriftsteller, Lektor, Verleger, der Freund so manches Literaten und Künstlers, begegnete den Kirschs 1959 in Halle. Geboren wurde er 1928 in Bad Frankenhausen. Im Jahr 1951 heiratete er die Schriftstellerin Christa Wolf, die 2011 verstorben ist. Wolfs Essays über Lyriker, Schriftsteller und Künstler sind legendär. Als fachkundig und warmherzig wird er beschrieben. Er leitete in der Saalestadt einen Zirkel für junge angehende Literaten, den die Kirschs nutzten. Sarah Kirsch hatte sich nach ihrem Biologiestudium in Halle, nachdem sie den Gedichteschreiber Rainer Kirsch geheiratet hatte, der Literatur zugewandt, insbesondere der Lyrik.
Künstlerisches Zeichen des Ehepaares Sarah und Rainer Kirsch aus Halle
Von großer Einprägsamkeit war Wolfs Art, die zukünftigen Poeten behutsam auf die besondere Art des Schreibens hinzuweisen. Man traf sich einmal im Monat für zwei Tage. Sie schrieb darüber: … wenn ich von Anfang an zum Beispiel Germanistik studiert hätte, wäre ich vielleicht zu sehr vorbelastet gewesen … Gerhard Wolf hat uns von den großen philosophischen Themen ferngehalten und uns beigebracht, über die Sachen zu schreiben, die uns umgeben, die wir wirklich kennen, das war der sogenannte ‘kleine Gegenstand‘. Und wir machten Gedichte über ein Frühstück oder über das Aufwaschen, über den Marktplatz von Halle und dergleichen.
Sarah Kirsch hat viele Jahre mit Christa Wolf im Briefwechsel gestanden, auch Gerhard Wolf war darin einbezogen, nachdem die Wolfs 1992 von Halle weggezogen waren, denn sie schätzte seine Hinweise für das Dichten sehr. Sie waren einfühlsam-kritisch und aufbauend. Sie schickte ihm in gewissen Abständen Gedichte, damit er sie einschätzen sollte, manchmal 30 oder sogar 90 Gedichte. 1967 schrieb er ihr z. B.: Ich finde es erstaunlich, was Du in den letzten Jahren gemacht hast … Du gibst genau den richtigen Teil von Dir dazu und hast meistens auch das Empfinden dafür, was in Reserve bleiben muß… Du hast mit einem Schlag alle lieben Freunde, die mit Dir angefangen haben, hinter Dir gelassen, und da ist e i n e Stimme… Warum soll man das nicht alles einmal sagen in einem Brief - Du bist unter unseren deutschen Frauen Deiner Generation allein auf weiter Flur… Nach Ihrer Ausreise 1978 erschienen dann ihre Bücher in BRD-Verlagen. In der DDR waren ihre Werke nicht mehr erlaubt.
Ende der 1980er Jahre gab es von Wolf aus dann die Idee, im Aufbau-Verlag in Berlin eine Auswahl ihrer gedruckten Gedichte mit dem Titel Die Flut herauszugeben. Beide begaben sich ans Werk mit einigen Mühen, der Briefwechsel erzählt davon. Unser Exemplar von Die Flut mit Gedichten aus Erdreich, Katzenleben, Irrstern und Schneewärme zeigt Spuren von Wasser, das von der 1. Etage des von einer Ruine auferstandenen Geburtshauses in unsere Vereinsräume herabströmte, ist aber noch lesbar und daraus werden einige der besten Sarah Kirsch Gedichte vorgetragen.
Bereits 1964 war unter Wolfs Herausgeberschaft eine Lyrikanthologie mit Gedichten junger Menschen herausgegeben worden, Sonnenpferde und Astronauten, die Gedichte von 10 jungen Lyrikern beinhaltet, darunter nur eine Frau, die Kirsch. Der blaue Leineneinband mit goldenen Sonnen bedruckt und mehreren Bildern von Ronald Paris und Horst Zickdelbein ausgestattet, wurde sehr gut angenommen und ist nur noch in wenigen Bibliotheken vorhanden. Die Vereinsmitglieder tragen aus ihrem Exemplar Gedichte vor, z. B. von Volker Braun, der Kirsch und von Wolf Biermann.
Dieser Nachmittag zu Sarah Kirschs 91. Geburtstag ist also auch dem Andenken an Gerhard Wolf gewidmet – in der Gewissheit, dass auch er zusammen mit den weiblichen und männlichen Dichtern und Schriftstellen, den bildenden Künstlern, den Musikern, deren Geist und Gemüt noch in dem leuchtenden Fachwerkhaus in Limlingerode schweben, gegenwärtig bleibt.
In Heringen ist eine Ausstellung von der Künstlerin Andrea Ackermann Das Meer, der Fluss, die Stadt aus Halle zu sehen, eingeladen von der Dichterstätte.
Heidelore Kneffel

