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AfD stellt sich vor Nordhäuser Gymnasium

Blau hier, Bunt da

Donnerstag, 23. April 2026, 19:10 Uhr
Anfang April wurden in Nordhausen Pläne des AfD-Kreisverbandes bekannt, einen Infostand vor dem Herder-Gymnasium aufbauen zu wollen. Eltern kündigten daraufhin eine eigene Aktion in direkter Nähe an, beides fand nun heute unter den Augen der Polizei statt…

Es ist schönes Wetter an diesem Nachmittag, wenn auch etwas windig. Vor dem Herder-Gymnasium wehen Deutschlandfahnen, die AfD verteilt Flyer und sucht das Gespräch mit Passanten und Schülern. Man wolle erfahren, was die jungen Leute bewegt und welche Wünsche sie für die Stadt haben, sagt die Landtagsabgeordnete Kerstin Düben-Schaumann, um mehr gehe es nicht.

Auf der anderen Seite der Schule finden sich engagierte Eltern und Bürger mit ganz ähnlichem Anliegen, auch hier will man der Jugend zu hören und schreibt Sorgen wie Wünsche nieder. Was an sich recht einfach klingt und heute auch an sich keine größere Aufregung mit sich bringen sollte, ist so simpel aber dann doch nicht.

Vor dem Herder-Gymnasium in Nordhausen hatte die AfD heute einen Infostand aufgebaut (Foto: agl) Vor dem Herder-Gymnasium in Nordhausen hatte die AfD heute einen Infostand aufgebaut (Foto: agl)

Die schnell zusammengestellte Veranstaltung vor der Wiedigsburghalle war vor allem Reaktion auf das, was die Partei angekündigt hatte. Der Infostand der AfD wiederum darf zumindest als Tabubruch betrachtet werden - direkt vor dem Schultor wird üblicherweise keine Wahlwerbung gemacht, harte Regeln oder Gesetze dagegen gibt es allerdings nicht. Dass die Partei ihre Aktion ausgerechnet für den 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers, geplant hatte, sorgte in der Stadtverwaltung für Irritationen und für die Verschiebung auf den heutigen 23. April. Den Vorwurf, dass man den ersten Termin bewusst gewählt habe, wies Düben-Schaumann in der Presse bereits von sich. Ein gewisses Geschmäckle hat aber auch der gewählte Ort - direkt neben dem Infostand steht das Haus Wiedigsburg Nummer 5, in einschlägigen Kreisen einfach „Die Burg“ genannt, eines der zwei „linken“ Wohnprojekte, die es in Nordhausen noch gibt. Viele Studenten wohnen hier, an den Fenstern hängen regelmäßig Regenbohnenfahnen und daraus, wie die Bewohner zur AfD stehen, wurde heute kein Hehl gemacht.

Bewusste Provokation sei nie das Ziel gewesen, versichert Düben-Schaumann der nnz heute vor der Schule, den Platz habe der Kreisverband ausgewählt. Ihr gehe es ausschließlich darum, mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen. „Wir haben öfter Besuche von Schulklassen im Landtag und begleiten die Schülerinnen und Schüler. Dabei bekommen wir viele Fragen häufiger gestellt, Fragen zu Anliegen, die auch die Jugendlichen in Nordhausen betreffen. Das fängt bei Angeboten wie der Disco im Clubhaus an, die viel zu selten stattfindet und geht bis zum neuen Wehrgesetz“, erläutert die Landtagsabgeordnete. „Die jungen Leute haben kaum Möglichkeiten in der Stadt, da ist auf manchem Dorf mehr los. Deswegen wollen wir wissen, wo es hingeht mit der Jugend. Allein darum geht es.“

Dies vor der Schule zu tun sei erlaubt und es stünde auch den anderen Fraktionen frei, gleiches zu tun, so Düben-Schaumann weiter. Andere, politisch nicht neutrale Gruppierungen und „NGO’s“ suchten zudem den direkten Weg in die Schulen, meint die Abgeordnete, als Partei vor dem Schulhof zu stehen sei da ein legitimes Mittel. Was die Abgeordnete nicht erwähnt, ist der entscheidende Unterschied zu einer Partei: Vereine und „Nichtregierungs-Organisationen“ stehen nicht auf dem Wahlzetteln und können nicht an die Schalthebel des Landes und der Gesellschaft gewählt werden.

Auf die Frage, ob man auch vor weitere Schulen zu ziehen gedenkt, antwortet die Abgeordnete zunächst ausweichend, vor Grundschulen werde man ganz sicher nicht gehen. Zudem sei der Vorschlag einer „Bannmeile“ für parteipolitische Aktionen von 100 Metern rund um die Schulen der Stadt, der im Zuge der vorangegangenen Diskussionen bereits aufkam, auch eine denkbare Kompromisslösung, die sich auch über den Stadtrat umsetzen lassen sollte.

Auf der anderen Seite
Soweit hüben, wie aber drüben? Auch hier steht ein Stand, statt Schwarz-Rot-Gold wehen hier die Regenbogenfahnen im Wind. In der Mittagspause habe man guten Zulauf von Schülerinnen und Schülern gehabt, sagt Organisatorin Jana Urbanek, die Reaktionen auf die eilig zusammen gerufene Aktion mache Hoffnung. „Wir haben viele Anfragen bekommen, ob man nicht noch helfen könne und dann auch viel Unterstützung erhalten, durch die gut organisierten Leute von „Nordhausen zusammen“, durch die „Herzschlagkirche“, andere Eltern und heute dann auch durch Schüler die gefragt haben, ob sie nicht beim Aufbau helfen können. Der erste Zulauf aus der Schule war echt gut, das hat mich wirklich glücklich gemacht.“

Vor der Wiedigsburghalle organisierten Eltern eine eigene Veranstaltung  (Foto: agl) Vor der Wiedigsburghalle organisierten Eltern eine eigene Veranstaltung (Foto: agl)

Urbanek ist in den 90er Jahren im Vogtland aufgewachsen und musste einige einschlägige Erfahrungen mit den Rechtsextremen von damals machen. Der Neonazi „chic“ der 90er - Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, Hakenkreuz - macht sich heute wieder breit, nicht nur aber auch im Nordhäuser Stadtbild. Wo der Stil wieder hochkommt, ist das Gedankengut der „Baseballschlägerjahre“ nicht weit, fürchtet die Mutter. „Ich habe lange gedacht, dass wir das überwunden hätten. Dass das gerade so massiv zurück kommt, hat mich überrascht aber andererseits muss man sich nicht wundern, wenn man sich ansieht, was einem der Algorithmus auf TikTok und Co. so alles auf das Handy spült. Als wir überlegt haben, wie wir reagieren wollen, schwang da auch ein Stück weit die Angst mit, das etwas passieren könnte. Und das will ich so nicht zulassen. Ich will nicht Angst haben müssen, wenn ich mich für das demokratische Miteinander und die Vielfalt der Lebensentwürfe einsetzen will. Wir wollen zeigen, dass man Selbstwirksamkeit entfalten kann und muss. Das hat am Ende den Ausschlag gegeben.“

Eine klassische Demo sollte es aber nicht werden, vielmehr ein Gesprächs- und Informationsangebot, dazu Spiele, Kuchen, Getränke und kostenloses Eis, dass durch Herzschlagkirche organisiert und gesponsert wurde. Auf Karten konnten die Kinder und Jugendlichen kurz und knapp eintragen, was sie bewegt - „Frieden“ ist da öfter zu lesen, „Freiheit“, „Respekt“ aber auch der Satz „Mein Leben soll nicht von Nazis bestimmt werden“. Die gesammelten Wünsche und Aussagen werde man der Schule übergeben, sagt Urbanek.

Mit „Stress“ wurde heute Nachmittag weder hier noch da gerechnet, sicher auch, weil die Polizei in Mannschaftsstärke angerückt war. Frei von Aufregung war der Nachmittag aber dann doch nicht - einer der bereits erwähnten Bewohner der „Burg“ schickte sich an, seinem Protest aus der Krone eines Baumes auf dem Grundstück heraus Luft zu machen, wogegen die Polizei mit Hilfe der Feuerwehr einschritt und den Herrn aus dem Geäst holte.
Angelo Glashagel

Update: Der ausführliche Bericht der Polizei zum Geschehen findet sich hier.
Autor: red

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