Ein Kommentator unter dem Text über die Feierstunde schrieb es: Ja, auf den Fotos ist das wichtigste Objekt der Veranstaltung, die zum Nationalerbe-Baum gekürte Flehmüller-Eiche, nie in Gänze zu sehen. Nach den vermuteten 650 Jahren Lebenszeit, und dem Anlass entsprechend, wäre das aber angebracht gewesen … oder werden bei einem Geburtstag immer nur die Gäste in Szene gesetzt? Bodo Schwarzberg mit seiner Kolumne...
Die gestern gekürte Fleh-Müller-Eiche im Juni 2010 - noch mit dem später abgebrochenen Ast ganz links. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Wichtiger als das aber ist die Zukunft dieses Baumes. Und die liegt glücklicherweise nun nicht mehr in den Händen der Stadt Nordhausen, die noch zwischen 2010 und 2012 zuließ, dass ein Drittel der Laubmasse trotz Vorwarnung mit einem ca. 70 cm dicken Ast abbrechen konnte. Trotz der von ihr viel beschworenen Verkehrssicherungspflicht, trotz des Status' der Eiche als Naturdenkmal.
Professor Roloff drückte es gut aus: "Doch die deutsche Gründlichkeit bei der Verkehrssicherungspflicht sei für solch alte Bäume wie diesem in Krimderode tödlich." – So weist die Eiche trotz ihres Naturdenkmalstatus zahlreiche Verstümmelungen auf. Warum überhaupt hat sie dann seit 1935 diesen Status? Müsste dann nicht das Naturdenkmal als Ganzes erhalten werden und sich die Umgebung an den alten Baum anpassen, statt umgekehrt? Statt also genauso zu verfahren, wie an anderen Bäumen in unseren Städten?
Beim Abbruch des 70 cm-Asts um 2012 hatte die deutsche Gründlichkeit ja zudem zweimal versagt: Einmal, weil er mangels ausreichender Sicherung auch hätte Menschen erschlagen können und weil man zweitens nicht so gründlich war, dem Baum entsprechend seinem Status als Naturdenkmal optimal gerecht zu werden und nicht versuchte, den vollbelaubten Ast zu retten.
Und so mahnt wenigstens die riesige ehemalige Abbruchstelle, bedrohlich zu sehen auf den Fotos 10, 12, 14,16 und 17, die nun Verantwortlichen, mit dem Baum anders zu verfahren, als geschehen. Das soll ja nun geschehen.
Den Protagonisten der erfolgreichen Bewerbung, Antragstellerin Birgit Scholz, und dem Initiator des National-Erbe-Baum-Projekts Professor Andreas Roloff, sei herzlich für ihren Einsatz gedankt. Nun bekommen zahlreiche Uralt-Bäume in Deutschland noch mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung. Angesichts des miserablen Zustandes unserer Wälder, vieler Kriege und Wetterunbilden, die hinter den Methusalems liegen, erscheinen sie umso mehr als geradezu ikonische Überlebenskünstler. Unzählige Menschen, die einst unter ihrem Blätterdach Schatten und Zerstreuung suchten, sahen sie kommen und gehen.
Ob Andreas Roloff auch Zeit fand, zu den rund 30 auf Grund falscher forstlicher Maßnahmen abgestorbenen Schneitel-Hainbuchen in der Rüdigsdorfer Schweiz zu gehen, der nächsten sehenswerten Station am Karstwanderweg in Richtung Osten, weiß ich noch nicht. Ich hatte ihm den Weg dorthin per Mail gezeigt.
Mich als Botaniker überkommt beim Anblick der Flehmüller-Eiche übrigens großer Respekt vor der Leistungsfähigkeit der Pflanze als Lebewesen, ohne die unser eigenes Leben nicht möglich wäre.
Möge der Baum eine gute Zukunft haben. Bodo Schwarzberg