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Modellprojekt der Hochschule Nordhausen kämpft um den Erhalt

Auch Studenten verdienen soziale Unterstützung

Mittwoch, 10. Juni 2026, 12:15 Uhr
An den Regelschulen ist die „Schulsozialarbeit“ nach über einem Jahrzehnt nicht mehr wegzudenken und die Politik bemüht sich, die Angebote auch an Grundschulen, Gymnasien und den Berufsschulen zu etablieren. An den Universitäten und Hochschulen ist Sozialarbeit hingegen die Ausnahme, nur ein Projekt gibt es Deutschlandweit und das findet sich auf dem Nordhäuser Campus. Wie die Dinge stehen, allerdings nur noch bis zum Ende des Jahres…

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Drei Damen vom Fach für Studenten-Sorgen auf dem Nordhäuser Campus, v.l.: Marie-Therese Weber, Conny Sander und Ines Jahne (Foto: HSN)

Vor knapp zwei Wochen öffnete die Nordhäuser Hochschule ihre Türen für das interessierte Publikum und potenzielle Studierende. Im Hörsaal stellte Präsident Wagner Campus, Kernkompetenzen und die Region vor, im Publikum manch junges Gesicht, aber auch eine Reihe an ergrauenden Häuptern - wohl Eltern zumeist, welche die Hochschule mit ihren Sprösslingen in Augenschein nehmen wollten.


Auf dem weiteren Weg über den Campus passierte man dabei unweigerlich auch den ebenerdigen Flachbau, der seit 2021 die Räumlichkeiten der Hochschulsozialarbeit beheimatet. Das dreiköpfige Team hilft Studierenden in schwierigen Lebenslagen - von der Immatrikulation bis zum Abschluss. „Wir haben zum Tag der offenen Tür immer wieder Eltern und auch ein paar angehende Studierende hier, die erleichtert aufatmen, dass es so ein Angebot auf dem Campus gibt. Wir haben es mit jungen Erwachsenen zu tun, die häufig zum ersten Mal in ihrem Leben, mitunter weit weg von zu Hause, auf sich allein gestellt sind und völlig neuen Problemen gegenüberstehen. Das hier Unterstützung nötig ist und auch an den richtigen Stellen ankommt, haben die letzten Jahre gezeigt“, sagt Dipl. Pädagogin Conny Sander.

Ende 2024 übernahm Sander das während der Corona-Zeit von Nina Gabriel ins Leben gerufene Projekt zusammen mit ihren Kolleginnen Ines Jahne und Marie-Therese Weber. Insgesamt 1013 Beratungen hat man seit Beginn des Angebotes geführt, darunter 394 Erst- und 619 weiterführende Beratungen sowie 54 „Lerncoachings“, eine breite Palette an Workshops zu Themen wie Studium mit ADHS oder Depressionen, sportliche und kulturelle Angebote oder auch dem „Sprachcafé“, einer lockeren Runde in der man Sprachhemmnisse abbauen will.

Wie es sich für eine akademische Institution gehört, wurde das gesamte Unterfangen minutiös dokumentiert, ausgewertet und evaluiert. „Rund 33 Prozent der Studierenden kommen aufgrund psychischer Belastungen zu uns, 21 Prozent legen uns Probleme mit Bezug zum Studium dar, also etwa Lernhemmnisse, Motivationsschwierigkeiten und Prokrastination und knapp 12 Prozent fallen in den Bereich „multiple Problemlagen“. Da hat man es dann mit Komorbiditäten zu tun, die nicht einfach voneinander zu trennen sind. Finanzielle Nöte gehen dann zum Beispiel einher mit psychischen Problemen, Alkohol- und Drogenkonsum oder Schulden. Ernsthafte finanzielle Sorgen und BAföG Probleme haben etwa neun Prozent der Fälle, den Abschluss der Top 5 bilden internationale Studierende mit rund 8 Prozent, die häufig mit allgemeinen Belastungen wie der sozialen Integration oder der Kommunikation mit den Behörden zu tun haben“, erläutert Ines Jahne, die ihre Erfahrungen auf dem Campus in ihre Dissertation einfließen lassen will.

Vielfach habe man auch noch mit den Folgen der Corona-Zeit zu tun, vor allem jüngere Studierenden hätten häufiger mit Isolation und Einsamkeit zu kämpfen. Mittel und Wege heraus aus derlei Lebenskrisen findet man nur mit Erfahrung, an der es gerade jungen Menschen der Natur nach mangeln muss. Eine helfende Hand am Wegesrand kann dafür sorgen, dass der Pfad zurück zum Ziel schneller gefunden wird und genau das ist die Kernaufgabe der Hochschulsozialarbeit.

Während Jahne auch die wissenschaftliche Begleitung übernimmt, kann Weber systemische Beratung bieten, Sander ist zudem „Lerncoach“ und hilft auch dabei, Schreibblockaden und Verzögerungstaktiken zu überwinden. Das geschieht häufig im bereits erwähnten Flachbau mitten auf dem Campus, im Beratungszimmer herrscht gedämpftes Licht, das Mobiliar ist zurückhaltend aber einladend und der Blick geht aus großen Fenstern direkt hinaus ins Grüne - die intendierte Wirkung ist auch dem Laien sofort klar und immanent spürbar. Die Infrastruktur ist das, das Team ist fachlich breit aufgestellt, direkt im Lebensumfeld der Studierenden präsent und auch bei der Hochschul-Leitung wohlgelitten.

Die Studienerfolgsstrategie
„Seit das Angebot eingerichtet wurde, hat die Hochschulsozialarbeit vielen unserer Studierenden nachhaltig geholfen. Wir sehen täglich, wie niedrigschwellige Beratung und Begleitung dazu beitragen, dass Studierende kritische Phasen überstehen und ihr Studium erfolgreich abschließen.“, sagt Hochschul-Präsident Prof. Jörg Wagner. Lob kommt auch vom Landrat, das Konzept des Projektes würden eine Zielgruppe erreichen, die man in klassischen Strukturen nicht oder nur unzureichend ansprechen könne. Bestehende soziale System würden so entlastet und langfristige soziale und gesundheitliche Folgekosten vermieden, heißt es in einem Schreiben aus dem Landratsamt, die Hochschulsozialarbeit sollte dauerhaft gesichert, weiter verankert und gezielt ausgebaut werden.

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Im dezent eingerichteten Beratungsraum geht der Blick direkt ins Grüne (Foto: agl)

Das Problem nur: wie viele gute Ansätze in der sozialen Arbeit ist auch das Nordhäuser Projekt befristet, nach dem Stand der Dinge wäre Ende 2026 Schluss mit dem Vorzeigevorhaben. Die Hochschule selbst hat keinen direkten Einfluss auf die Finanzierung, denn die kommt vom Bildungsministerium. Dem in Deutschland in dieser Form einzigartigem Projekt - bis nach Wien müsse man reisen, um ähnliche Unterstützungsangebote zu finden, berichten die drei Sozialarbeiterinnen - droht damit das Aus. Dabei geht es rein rechnerisch in Summe um gerade einmal zwei Vollzeitstellen, was für das Hochschul-Budget des Freistaates ein Nachgedanke sein dürfte.

„Es war immer klar, dass das Projekt befristet sein würde. Im Moment verwenden wir viel Energie darauf, dass es weitergeht und suchen das Gespräch mit den entsprechenden Stellen, vom Präsidium der Hochschule über das Ministerium bis zu den Landtagsabgeordneten und den Medien“, berichtet Sander.

Hoffnung macht der Umstand, dass es die Hochschulsozialarbeit bis in den Thüringer Koalitionsvertrag geschafft hat, wenn auch nur im Konjunktiv als politische Absichtserklärung im Rahmen der „Studienerfolgstrategie“ der Landesregierung. Hier steht zu lesen, dass das Nordhäuser-Modell der Hochschulsozialarbeit auf dem Campus nach Evaluation dem Studierendenwerk angegliedert werden könnte. Eine Lösung, aber nicht das, was man sich wünschen würde, meint man am Weinberghof. Die Studentenorganisation besorgt die Mensa, Angebote zur Kinderbetreuung, studentisches Wohnen und bietet auch eine generelle soziale Beratung, allerdings nur in begrenztem Maße. „Die Kollegen vom Studierendenwerk sind alle zwei Wochen hier und haben ein begrenztes Kontingent an Beratungsterminen, dass sich an der Größe der Universität bemisst. Das wäre mit dem Ansatz, dass wir direkt auf dem Campus jederzeit präsent und ansprechbar sind, nur dann funktionieren, wenn wir das Angebot des Studierendenwerks komplementieren könnten. Aus unserer Sicht wäre es die beste Lösung, die Konzeption mit einer zentralen Koordination in Kooperation mit dem Studierendenwerk mit je einer halben Stelle an allen Thüringer Hochschulen zu etablieren.“, erläutert Sander.

So sieht es auch der Präsident, das Modellprojekt würden man gerne erhalten und hofft auf Unterstützung der Finanzierung durch das Land oder gar ein generelles Ausrollen der Hochschulsozialarbeit, teilt Wagner mit. Je nach Rechnung käme man so auf rund fünf Vollzeitstellen, auch dazu gibt es schon eine Erhebung, für ein landesweites Programm immer noch ein überschaubarer Kostenpunkt.

In trockenen Tüchern ist die Sache aber nicht, im August erwartet man hohen Besuch aus dem Ministerium und will bis dahin alle Möglichkeiten ausloten. Unter anderem hat man eine Petition zum Erhalt der Hochschulsozialarbeit gestartet, die der geneigte Leser hier findet. Wer einen Blick in die Projektevaluation werfen will, kann das hier tun.
Angelo Glashagel
Autor: red

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