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Meine Meinung

Ministerpräsident KI?

Montag, 15. Juni 2026, 10:00 Uhr
Was passiert, wenn angehende Abiturienten beim Abitur-Aufsatz nicht etwas selbst Erdachtes schreiben, sondern vom Nachbarn abkupfern oder sonst wie betrügen? – Dann dürfte es schwierig werden, mit dem Bestehen. Kann Mario Voigt aber Thüringer Ministerpräsident bleiben, wenn er mutmaßlich seine Doktorarbeit plagiiert und einen unter seinen Namen veröffentlichten Zeitungsartikel von KI schreiben lässt?

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Ministerpräsident Mario Voigt, KI generiert oder nicht? (Foto: )

Die Erwachsenen sollen Vorbild für ihre Kinder sein. Ehrliches Lernen, ehrliches Studieren, ehrliches Arbeiten. Denn, so hörten wir es schon von unseren Großeltern: „Ehrlich währt am längsten“, und „Lügen haben kurze Beine.“ Das gehörte zur DNA des Erwachsenwerdens. Gehörte?

Denn was sollen unsere heutigen Kinder und Jugendlichen von ihrem gegenwärtigen Landesvater lernen, wenn dieser einen mit seinem Namen unterzeichneten Aufsatz nicht selbst geschrieben hat?

Voigt hatte bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) einen Gastbeitrag über Altersgrenzen zum Handygebrauch durch Kinder- und Jugendliche eingereicht, den die Zeitung veröffentlichte. Eine Überprüfung mittels spezieller Software ergab jedoch, dass unter dem Text nicht „Mario Voigt“, sondern „KI“ hätte stehen müssen. In einem Deutschlandfunk-Interview sprach der FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube von einem „Produktirrtum“.

Nur Stunden später schossen zwei ähnliche Meldungen in die Schlagzeilen: Bundesdigitalminister Karsten Wildberger wollte als zuständiger Fachminister für KI offenbar die Leistungsfähigkeit dieser Software am eigenen Beispiel demonstrieren. Die Wochenzeitung „Zeit“ berichtete laut „Spiegel“ über per KI verfasste Reden und Zeitungsartikel. https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-06/karsten-wildberger-bundesdigitalminister-reden-ki-generierung

Pikant: Auch ein Zeitungsmacher verstieß offenbar gegen die guten Sitten des Journalismus‘: So habe laut Spiegel der frühere Chefredakteur und Herausgeber des Tagespiegel, Stephan-Andreas Casdorff, seinen Meinungsartikel zwar mit seinem Namen unterzeichnet, Selbige aber mittels Künstlicher Intelligenz erstellt ohne dies anzugeben.

Vom Tagesspiegel erhielt er erst einmal Schreibverbot.

Offensichtlich ist das Texten mittlerweile landauf landab vom Stilllegen des eigenen Kopfes und vom Auslagern der eigenen Meinung an eine nicht lebende Materie infiltriert. Und damit von „Halluzinationen, seltsamen Metaphern“ und „schrägen Vergleichen“, wie der FAZ-Mitherausgeber im DLF über den Gastbeitrag von Mario Voigt sagte.

Natürlich weiß jeder, dass unsere Politiker ihre Reden schon immer nicht selbst verfassten, sondern auf Grund ihrer vollen Terminkalender Redenschreiber mit derartigen Aufträgen betrauen. Aber diese Redenschreiber sind menschliche Individuen, die ihre Texte mit ihren jeweiligen Chefs absprechen und abgleichen und die, für etwaige Fehler geradestehen müssen. Die KI macht all das nicht.

Ist Künstliche Intelligenz also auch in den Texten und Reden maßgeblicher Entscheider das neue Normal? Verbessern Politiker so ihre Glaubwürdigkeit gegenüber Jenen, von denen sie gewählt wurden und wieder werden möchten? - Zumal sie nicht selten auch noch durch gebrochene Wahlversprechen und durch Überforderung im Umgang mit den zahllosen selbst geschaffenen, auch systembedingten Problemen auffallen?

Meiner Meinung nach hat sich Ministerpräsident Voigt von den Thüringerinnen und Thüringern mit seinem KI-erstellten Text und nach der vermutlich plagiierten Dissertation in Sachen Glaubwürdigkeit und Authentizität ein weiteres Stück entfernt.

Wie soll man denn Worten des Ministerpräsidenten auch Glauben schenken und ihn ernst nehmen, wenn man beim Lesen oder Hören seiner Auffassungen nun erst überlegen muss, ob er diese tatsächlich als Mario Voigt vertritt oder als jene eines digitalen, unpersönlichen Geistes? Ob Voigt also selbst vor einem steht, wenn er spricht?

Wie sollen Lehrer gegenüber den Kindern reagieren, wenn sie eine Schülerarbeit als KI-generiert identifiziert haben, der zur Rede gestellte Schüler sich aber damit verteidigt, dass der oberste Thüringer das ganz genauso macht?

Verlernen wir so nicht das Lernen, das Vergleichen, das Reflektieren, ja die dem Menschen erst zum Menschen machende Kognition?

Und schließlich: Müssen Politiker, die tagtäglich folgenreiche Entscheidungen treffen, nicht permanent ihre geistigen Fähigkeiten und ihre Empathie trainieren, statt diese im wahrsten Wortsinne entscheidenden menschlichen Eigenschaften an die Künstliche Intelligenz abzugeben? Mit der möglichen Folge von folgenreichen Fehlentscheidungen in einer explosiven Gegenwart?

Die Thüringer Staatskanzlei sollte sich bei "großen" deutschen Zeitungen einmal über deren Richtlinien zum KI-Einsatz informieren: Grundtenor: KI als ein Rechercheinstrument von mehreren, aber niemals als alleiniger „Autor“.

Die Staatskanzlei reagierte übrigens laut FAZ-Mitherausgeber Kaube schulterzuckend auf die Kritik der Zeitung, die übrigens nie wieder einen Text des Thüringer Ministerpräsidenten veröffentlichen wird.

„Wo soll das Problem sein?“, sei in etwa die Reaktion aus Erfurt auf die Erkenntnisse der FAZ gewesen.
Bodo Schwarzberg

PS Das Foto von Mario Voigt, ist dem Medienbereich der Thüringer Staatskanzlei entnommen. Die Redaktion hat bei der Bearbeitung keine KI eingesetzt.
Autor: psg

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