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Neun Objekte öffnen zum Tag der Architektur

Architektur im Spiegel der Zeit

Donnerstag, 18. Juni 2026, 11:00 Uhr
Architektur ist immer auch ein Spiegel ihrer Zeit, das gilt auch für die Gegenwart. Einen tieferen Blick in diesen Spiegel gewährt seit über 20 Jahren der „Tag der Architektur“, zu dem Bauherren und Architekten ihr Werk der Öffentlichkeit präsentieren. In Nordthüringen sind das in diesem Jahr neun Objekte, vier davon jeweils in Nordhausen und dem Kyffhäuserkreis, die am Samstag und Sonntag kommender Woche zugänglich sein werden…

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Die "Tiny Häuser" auf dem alten Parkdeck in der Bahnhofstraße (Foto: Fotoservice Kötz)

Das Wesen einer Zeit lässt sich mitunter gut an ihrer Architektur festmachen. Der pompöse, überladene Barock und sein Absolutismus, die Wiederentdeckung des Altertums im Klassizismus, der uniformierte und mitunter brachiale Pragmatismus der Nachkriegszeit, die Einfamiliensiedlungen von der Stange in den Nachwendejahren - wie, wo und was der Mensch baut, lässt auch, ein Stück weit wenigstens, auf seine Verfassung schließen.

Ein schönes Fenster in die Moderne ist der jährliche Blick auf die Objekte, die zum „Tag der Architektur“ ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden. Und was sehen wir im Jahr 2026 im Thüringer Norden? Drei weitestgehend touristische Bauwerke, drei mal Pflege und Unterbringung, ein Anbau jeweils an einer Schule und einem Kindergarten, ein Wohnhaus.


In den Worten der Architekten: der private Wohnbau liegt am Boden, es wird eher saniert als neu gebaut und ohne die Aufträge der öffentlichen Hand wäre tote Hose. Offensichtlich ist aber auch: der Pflegebereich boomt weiter und die Region macht zunehmend mutigere Schritte, sich touristisch zu entwickeln.

Der Tag der Architektur am 27. und 28 Juni



Die „Tinies“
Friedrichstraße 11a
Geöffnet: Samstag, 14:00-16:00 Uhr
Führungen: 14:00 und 15:00 Uhr, Treffpunkt ist der Eingang des Hotels

Bild: Bauunternehmer Axel Heck und Architekt Thomas Winkler vor dem ersten der zwölf "Tiny" Häuser
Bauunternehmer Axel Heck und Architekt Thomas Winkler vor dem ersten der zwölf "Tiny" Häuser (Foto: agl)

Einen dieser Schritte hat Unternehmer Axel Heck schon vor einiger Zeit mit der Sanierung des Hotels „Fürstenhof“ am Nordhäuser Bahnhofsplatz getan, als zweiter Schritt folgte zwischen 2024 und 2025 der Bau der „Tinies“ auf dem Oberdeck des angrenzenden Parkhauses. Dabei handelt es sich um 12 Mini-Häuser in Holzbauweise, die zur Erweiterung der Kapazitäten des Hotels auf das Dach gesetzt wurden.

Architektonisch federführend war dabei Tobias Winkler. „Das war schon eine verrückte Idee. Wir haben zwei Jahre lang geplant und allen möglichen Varianten durchgespielt, ehe wir das Optimum gefunden hatten. Eine Blaupause für so etwas gibt es nicht, da konnte man nicht anders, als sich heranzutasten“, erzählt der Architekt. Die „Tiny“ Häuser wurden um einen Wellness-Bereich ergänzt, ein Anbau mit Treppenturm und Aufzug verbindet die Parkebene direkt mit dem Wohnbereich und die Fassade aus Lochblech hat man mit einem Bild der Harzer Dampflok verziert, die ein paar Meter Luftlinie weiter regelmäßig los tuckert. „Wenn man da oben steht, glaubt man nicht das man noch in Nordhausen ist. Es ist schön geworden und wird auch gut angenommen“, meint Winkler und freut sich auf interessierte Gäste, unter denen sich sicher auch neugierige Kollegen finden werden.

27 x 60
Neubau Seniorenwohnen
Parkallee 15b
Geöffnet: Sonntag, 14:00-16:00 Uhr
Führungen: 14:30, 15:30 Uhr
private Wohnungen können nicht besichtigt werden

Deutlich zurückhaltender aber nicht minder interessant könnte ein Blick in das Nordhäuser „Senioren-Viertel“ werden, das sich über die letzten Jahren zwischen Parkallee und Altentor entwickelt. Das Seniorenwerk hat in direkter Nähe zum Stadtpark inzwischen drei große Gebäude errichten lassen, die der Verwaltung, der Pflege und dem altersgerechten Wohnen dienen. Ein medizinisches Versorgungszentrum liegt in direkter Nachbarschaft und gegenüber auf dem Gelände der Rothleimmühle lässt das Jugendsozialwerk bald die Bagger rollen, um ein weiteres Seniorenheim zu errichten.

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Seniorengerechtes Wohnen am Stadtpark in Nordhausen (Foto: Andreas Hillmann)

Architekt Steffen Klima hat auch am jüngsten Neubau des Seniorenwerks. Von außen mag der quadratische Bau nicht sonderlich beeindrucken - auch wenn man bei der Wahl des Baumaterials an die alte Ziegelei gedacht hat, die hier einst stand. Seine Qualitäten entfaltet der Bau im Innern, erläutert Klima: auf drei Etagen wurden 27 Wohnungen zu je 60 Quadratmeter so angelegt, dass sie sich um einen zentralen Aufgang gruppieren. Interessant ist das vor allem aus Architektur-psychologischer Sicht, erklärt der Architekt. „Ein Treppenhaus ist oft ein anonymer, dunkler Ort und nicht gerade einladend. Man denke an die Treppenhäuser der alten DDR-Wohnblöcke. Wer sich ein bisschen mit Psychologie befasst sieht schnell, das dass tatsächlich Angsträume werden. Der Neubau für das Seniorenwerk soll das Gegenteil erreichen und eine freundliche, offene Atmosphäre mit viel Licht schaffen“. Erreicht wird das neben der Anordnung der Wohnungen durch acht große Oberlichter, die an mehr an ein italienisches Piazzo als an ein Treppenhaus im Wohnblock erinnern. Gestaltet wurde das alles freilich barrierefrei und rollstuhlgerecht. Nebenan stehen ambulante und Kurzzeitpflege sowie ein Hospiz zur Verfügung, sind jedoch keine Pflicht, um hier im Alter wohnen zu können.

Modernisierung im alten Kloster
Neanderplatz 4
Geöffnet: Sonntag, 10:00-12:00 und 14:00-16:00 Uhr,
Führungen: 10:00, 11:00, 14:00, 15:00 Uhr
10:45: Sonderführung und Vortrag „Von der Ewigen Lampe zur Neanderklinik – über 900 Jahre Geschichte Ilfelds“

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Die Fassade der Neander-Klinik wie sich heute zeigt hat ihren Ursprung in den 1860er Jahren (Foto: agl)

Möglichst unsichtbar sollte die Arbeit sein, die Pia Wienrich und Kollegen an der altehrwürdigen Neanderklinik in Ilfeld abgeliefert haben. Das Ensemble geht in seinen Ursprüngen auf das 12. Jahrhundert und Graf Elger zurück, den Stammvater derer von Hohnstein. Die Klosteranlage fungierte mit seinem „Infirmarium“ über Jahrhunderte als „Südharz-Klinikum“. „Die soziale Fürsorge war überregional von Bedeutung und das Prämonstratenserkloster war vom Papst privilegiert, also weitestgehend unabhängig“, erzählt Tim Schäfer, der zum Tag der Architektur in der Klinik noch tiefer in die bewegte Geschichte des alten Hauses führen wird.

Das heutige Gebäude wurde auf den Grundfesten des Klosters Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Nach dem zweiten Weltkrieg und der Nutzung als „Napola“ Nazi-Kaderschmiede wurde die Klinik bis Ende der 70er Jahre wieder zum Kreiskrankenhaus. Mit dem Bau des modernen Südharz-Klinikums begann sich der Fokus zu verschieben, seit der Jahrtausendwende ist die Neanderklinik ein Seniorenheim mit 110 Betten, angeschlossener Dialyse-Station und internistischer Medizin.

Das Alter sieht man dem Ensemble an, für den Betrieb der Einrichtung bedarf es aber moderner Anpassungen. Seit 2015 wurde die Brandschutzertüchtigung geplant und ab 2017 realisiert. Einen Schwerpunkt bildeten zwei Außentreppen für den zweiten Flucht- und Rettungsweg. Sukzessiv wurden Brand- und Rauchschutztüren zum Abschluss der beiden Treppenräume von den Bewohnerfluren aus ergänzt. „Wir bewegen uns hier natürlich im Denkmalschutz. Das Neue musste in das Alte eingebettet werden und das so dezent wie möglich. Von den notwendigen Ergänzungen sollte so gut wie nichts zu sehen sein“, erläutert Wienrich. Zudem wurden vier Zimmer barrierefrei umgebaut. Ein Blick aus dem Fenster der Cafeteria auf die Nebengebäude der raumgreifenden Klosteranlage lässt auch erahnen, dass hier noch lange nicht Schluss ist.

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v.l.: Steffen Klima, Pia Wienrich, Silvia Böhme vom Neander-Klinikum und Tobias Winkler (Foto: agl)

Mitunter heißt zeitgenössische Architektur eben auch, das Alte zu erhalten. Nicht immer gelingt das, die Gebäude im Lindenhof in Nordhausen etwa, sind nicht mehr zu retten. Dafür bietet das Areal in der Oberstadt aber großes Potential, architektonische Zeichen unserer Zeit zu setzen und der Bereich ist nicht der Einzige, der in Nordhausen entwickelt werden könnte. Ob das immer Wohn- oder Gewerbebau sein muss, das steht im Angesicht sinkender Bevölkerungszahlen aber immer mehr zur Disposition. „Die Situation, die der kommende Leerstand mit sich bringt, wird spannend und man wird clevere Lösungen finden müssen“, sagt Steffen Klima. Auf die Politik müsse man dabei nicht immer warten, das Entwicklung auch aus der Bürgerschaft heraus gelingen kann, zeige zum Beispiel die „Kleine Freiheit“. Tobias Winkler sieht in der Zukunft mehr Grün- und Parkflächen und die Umnutzung leerstehender Flächen. Außerdem sollte das Engagement privater Bauherren wie Axel Heck und Silvio Wagner nicht unterschätzen. „ In anderen Städten, wie Heiligenstadt, gab es das nicht. Auch wenn sie oft geprügelt werden, ohne sie sähe es hier ganz anders aus.“, meint Winkler.

Was sonst noch zu sehen ist


Der Hexenbesen
Rothesütte, Alte Nordhäuser Straße 26
Führung am Turm, Samstag und Sonntag, 14.00 Uhr
Eintritt: 12,- Euro

Bild: Unter dem weltgrößten Hexenbesen wird es in den nächsten Wochen sportlich.
Das "Hex" soll zur überregional Touristen locken (Foto: agl)

Ganz und gar neu ist der „Hexenbesen“. Der Aussichtsturm bildet die Hauptattraktion der HEX-Erlebniswelt in Rothesütte. Sein Erscheinungsbild prägt eine Konstruktion aus dynamisch verwundenen Stahlrohren in Form eines asymmetrischen Rotationshyperboloids. Die weiße Beschichtung aller Stahlbauteile verleiht ihm im wahrsten Sinne eine prägnante Fernwirkung und verbindet Turm und integrierte Erlebnisrutschen zu einer skulpturalen Einheit. Ein dynamisches Außenlichtkonzept ergänzt die Fernwirkung. Der in den monolithischen Sockel aus Schwerbeton integrierte Ausstellungs- und Shopbereich ermöglicht einen Ganzjahresbetrieb. Aus dem Sockel erwächst eine Stahlröhre, die den Aufzug aufnimmt und zur überdachten Aussichtsplattform in 44 Meter Höhe führt. Eine spiralförmig um den Kern gewundene Stahltreppe dient der fußläufigen Erschließung.

Ein neuer Baustein für das Ensemble
Berufsschulzentrum Sondershausen
Salzstraße 16
Führungen: Samstag, 13.30 bis 14.30 Uhr; 15.00 bis 16.00 Uhr

Im Februar 2025 wurde nach einer Bauzeit von nur 21 Monaten der Erweiterungsbau am Berufsschulzentrum in Sondershausen im Kyffhäuserkreis fertiggestellt und in Betrieb genommen. Ziel des Entwurfs war es, durch Hinzufügen eines nachhaltigen „Bausteins“ ein funktionales und schlüssiges Gesamtensemble zu schaffen, das sich in dem industriell geprägten städtebaulichen Umfeld klar und eigenständig positioniert. Der neue, dreigeschossige Baukörper wurde als Hybridkonstruktion aus Brettsperrholzelementen und weitgespannten Betonfertigteil-Decken errichtet. Insgesamt bleibt das Gebäude innen wie außen eher „rauer Kerl“ als „feine Dame“ und wird so den Anforderungen des Schulbetriebes über lange Zeit gewachsen bleiben.

Neuer Holzbau für den Nachwuchs
Alexander-Puschkin-Promenade 22
Geöffnet: Samstag, 10 bis 12 Uhr
Führung: 10 und 11 Uhr

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Südansicht mit Neubau Abstellbox (Foto: Tobias Winkler)

Realisiert wurde in Sondershausen der Umbau und die Erweiterung eines bestehenden Kindergartens für ca. 90 Kinder. Das zweigeschossige Gebäude wurde in den 1950er-Jahren errichtet und wies nach Jahren intensiver Nutzung zahlreiche bauliche und funktionelle Mängel auf. Somit war neben zahlreichen Sanierungsmaßnahmen auch der Anbau eines neuen Gruppenraums in Holzbauweise erforderlich. Durch die umfangreichen Baumaßnahmen entstanden großzügige und offene Gruppenräume, ergänzt durch energetische Maßnahmen wie den Einbau von Fußbodenheizungen und gedämmte Dachkonstruktionen. Die historische Fassade des Gebäudes blieb erhalten und wurde renoviert. Zu der Baumaßnahme zählten auch die Neuanlage der Außenspielflächen sowie der Neubau eines Gerätehauses und einer Außentreppe.

Wohnen mit Weitblick
Großfurra, Schlossstraße 49
Geöffnet: Sonntag, 13:00-16:00 Uhr
Führungen: alle 30 Minuten

Das Wohnhaus einer vierköpfigen Familie wurde barrierefrei umgebaut. Der Bau in zweiter Reihe, untypisch für die dichte Dorfstruktur, bot die Chance zur Neuordnung. Ein Wohnhof mit Pool erweitert das Haus und stärkt die Beziehung zum Straßenraum. Ein Aufzug in der Zufahrt erschließt drei Geschosse über das Treppenhaus. Der Zugang erfolgt über den Hof. Im Erdgeschoss ergänzt ein schmales Wohnzimmer den offenen Grundriss. Die Küche ist in den größten Raum nach Norden verlegt und über ein Fenster in der Gebäudemitte zusätzlich belichtet. Im Obergeschoss liegen Kinderzimmer, Arbeitsbereich und barrierefreies Bad, im Dachgeschoss der Elternbereich mit Terrasse. Die Materialien folgen der Nutzung: unten robust mit Naturstein, Fliesen und Holz als Kontrast, oben weicher durch das Wechselspiel von Esche und Eiche.

Ein Pavillon für das Kloster
Klosterstraße 4, Göllingen
Geöffnet: Sonntag, 10:00 - 17:00 Uhr
Führungen: 11:00, 12:00 Uhr

Der Empfangspavillon auf dem Grundstück des ehemaligen Parkplatzes im Eingangsbereich des Klostergeländes dient als neues Besucherzentrum der historischen Klosteranlage. Der eingeschossige Baukörper gliedert sich in zwei funktional getrennte Bereiche: einen Empfangsraum mit Aufenthaltsmöglichkeiten, Tresen- und Küchenbereich für Serviceleistungen sowie einen Sanitärbereich mit drei WC-Anlagen für Besuchende, davon eine barrierefrei, sowie einen Hausanschlussraum. Gestaltprägend ist die großzügige Überdachung, die die einzelnen Raumzellen zusammenfasst und ein Wechselspiel zwischen Innen- und Außenraum erzeugt. Ergänzt wird dies durch eine grün lasierte Holzfassade mit großformatigen Verglasungen.

Licht für das Lebensende
Bauernfreiheit 14, Mühlhausen
Geöffnet: das Hospiz ist aufgrund der Nutzung nicht zugänglich
Führungen: Samstag, 13:00 und 14:00 Uhr
Treffpunkt: oberer, zentraler Parkplatz vor dem Hospiz

Das Hospiz Evelyn, umgeben von viel Grün, besitzt einen zentralen Innenhof. Der Gemeinschaftsbereich mit offener Küche gliedert sich in die Abfolge der Flure ein, die umlaufend um den Innenhof das Gebäude erschließen und wechselnde Blickbezüge bieten. Die Zimmer wurden als Aufenthaltsräume in ruhigen, warmen Tönen gestaltet und sind lichtdurchflutet. Sie besitzen einen starken Bezug zum Außenraum mit überdachter Terrasse, sodass dort bei Bedarf auch ein Pflegebett aufgestellt werden kann. Die sich aus dem Einbaumöbel mit Schrank und Schreibtisch entwickelnde Sitznische ist bereits beim Betreten raumprägend wahrnehmbar und steht dem Gast als Sitz- und Liegefläche mit Blick in die grüne Umgebung und in das Zimmer zur Verfügung. Sie kann auch als zusätzliche Schlafmöglichkeit genutzt werden.
Autor: red

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