Nordhausen ist die am meisten versiegelte Stadt Thüringens. Das erzeugt Lebensgefahr für ihre Bewohner. Wieder werden europaweit tausende Menschen durch die aktuelle Hitzewelle versterben. Wie gut schützt die Stadt ihre Bewohner? Bodo Schwarzberg mit seiner (etwas längeren) Kolumne...
Fast nur Beton und Steine: Hinter dem 2017 mit dem "2. Platz des Thüringer Staatspreises für Ingenieurleistungen" ausgezeichneten Bürgerhaus. (Foto: B. Schwarzberg)
In Paris wurden in den vergangenen Tagen deutlich über 40 Grad im Schatten gemessen. Es gab Berichte über kollabierende Schüler und Lehrer, über Busfahrer, die hitzebedingt die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren und über Menschen, die in Kellern und Tiefgaragen übernachten, um der Hitzehölle ihrer Wohnungen zu entgehen. Und über zahlreiche Hitzetote. Das und künftig immer mehr, glaubt man der Forschung, kommt auch zu uns. Die Hitzeglocken, stationären Omega-Wetterlagen und Hitzedome werden uns nicht verschonen, der kollektiven Verdrängung zum Trotz.
Eindeutiger Temperaturtrend
Heute und morgen bekommen wir einen nur kleinen Vorgeschmack auf das, wonach Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber seinen Bestseller benannt hat: Selbstverbrennung; in den Nachrichten hört man plötzlich Höchstwerte von bis zu 42 Grad. Völlig undenkbar war das noch vor wenigen Jahren im als eigentlich überwiegend kühl und nass bekannten Deutschland.
Der Nordhäuser Lehrer und Wetterkundler Josef Tauchmann hatte in seiner Heimatstadt gemeinsam mit Schülern über Jahrzehnte das Wetter beobachtet und dem Wetterdienst der DDR Daten zur Verfügung gestellt: Zwischen 1955 und 1980 gab es pro Jahr durchschnittlich sieben Tropentage, also Tage mit 30 Grad und mehr. Der Deutsche Wetterdienst ermittelte für die letzten zehn Jahre 11,1 bis knapp 13 Tropentage. Allein 2018 waren es 20 und auch aktuell sind die für 1961 bis 1990 ermittelten durchschnittlich 4-5 Tropentage wieder einmal weit überschritten
Bereits am Freitag wurde in Saarbrücken mit 41,3 Grad ein neuer deutscher Allzeit-Temperaturrekord gemessen, und das nicht einmal im Hochsommermonat August, sondern bereits im Juni. Heute, am Sonnabend, kommt eventuell schon der nächste, neue Allzeitrekord. Und das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren noch auf uns zukommen dürfte.
Hitze: die stille Katastrophe
Hitzeperioden mit Temperaturen jenseits der 30 oder 35 Grad sind menschgemachte Umweltkatastrophen, die im Gegensatz beispielsweise zur Hochwasserkatastrophe im Ahrtal keine Sensationsbilder erzeugen und daher auch viel leichter verdrängt und vergessen werden: Durch Hitze aber sterben in Mitteleuropa alljährlich Tausende, und das ist meist ein stilles Sterben in den eigenen vier Wänden, die ja nach dem Tod ihrer Bewohner nicht fotogen von einer Hochwasserwelle hinweggefegt werden, sondern auch nach dem Kollabieren ihrer Bewohner noch schön anzusehen sind.
In vielen Städten sind die Krankenhäuser längst am Limit, man rechnet auch aktuell, wie schon in früheren Jahren, mit vielen hitzebedingten Notfällen und Toten. Aber nächste Woche wird es wieder kühler. Dann geben die Wetterdienste Entwarnung und alles ist mal wieder der kognitiven Dissonanz zum Opfer gefallen.
Deswegen schreibe ich diese Kolumne auch heute, wenn Nordhausen mit 38 Grad rechnen muss und nicht am Dienstag, wo sie angesichts von vorausgesagten 27 Grad vielleicht nicht mehr gelesen wird.
Ein kleiner Gang durch Nordhausens Innenstadt
Wie reagieren die Verantwortlichen, die Politiker und die Behörden? Viel zu langsam, meine ich, oder aber der katastrophalen Situation nicht angemessen:
Heute warnte der Deutsche Städte- und Gemeindebund in einer aktuellen Stellungnahme davor, dass die meisten Kommunen auf die hohen Temperaturen, insbesondere mangels Verschattung und Begrünung, schlecht eingestellt seien.
Keine Luft zum Atmen, zu wenig Versickerungssfläche. Bäume mit Minibaumscheiben und Eisenrosten in der Nordhäuser Bahnhofstraße. (Foto: B. Schwarzberg)Wo steht Nordhausen? Schützen Rathaus und Landratsamt die von ihnen verwalteten Bürger? – Gehen Sie durch die Kreisstadt, dann sehen Sie nur wenige positive Antworten: In der Arnoldstraße wurden vor dem Werksgelände von Nordbrand noch vor wenigen Monaten mehrere große Bäume für einen Parkplatz abgesägt, es waren fast die einzigen großen Bäume in diesem Teil der Straße.
Was interessiert da die Entscheider und Zustimmer, dass sie damit Anwohnern und Passanten eine kleine Oase der Kühle entzogen haben? Eine nur zehn Meter hohe Linde beispielsweise verdunstet an heißen Tagen über 300 Liter Wasser und erzeugt je nach Luftbewegung zwischen 3 und 10 Grad Abkühlung unter ihrem Blätterdach. Geschenkt und egal.
Geht man dann in Richtung Rautenstraße und Rathaus, so sieht man in enge Korsetts gepresste Bäume mit Minibaumscheiben. Nicht einmal offener Boden wird zugelassen: Gitterroste überdecken das lästige Stück Natur.
Stellen Sie sich vor, jemand würde ihren Hals über Jahrzehnte leicht zusammendrücken, während Sie nach Luft schnappen. So etwa dürfte es so manchem Baum zwischen HO-Kreuzung und Kino gehen. Viele Bäume zeigen ihr nicht vorhandenes Wohlbefinden deutlich mit kahlen Ästen und nicht mehr frisch grün erscheinenden Blättern.
Im Netz finden man unterschiedliche Angaben zur notwendigen Baumscheibengröße. Ich fand aber keine, die so minimale Maße, wie im angegebenen Bereich gesehen, rechtfertigen würden: Die Stadt Halle (Saale) zum Beispiel nennt offene Baumscheiben von mindestens 6 m², also ca. 2,45 m x 2,45 m. Das ist in den besagten Straßen kaum mal realisiert. Viele wurden mit Gitterrosten versehen, die den Wurzelraum gewiss noch zusätzlich aufheizen.
Wie aber sollen die Bäume so ihre stadtklimatisch wirksamen und unter Umständen für die Menschen überlebenswichtigen Möglichkeiten entfalten?
Schauen sie sich den Bereich um das Bürgerhaus an. Warum hat man hinter dem Bürgerhaus so gut wie alles zubetoniert, statt in dieser baumarmen Zone einen Minipark mit Linden zu schaffen, unter denen sich die Menschen bei extrem hohen Temperaturen eine Auszeit gönnen können? Wer setzt sich denn an den dort befindlichen Pool und steckt seine Füße ins Wasser, wenn sein Oberkörper 50 Grad in der Sonne aushalten muss?
Es fehlt an begrünten Fassaden und Dächern in Nordhausen, die in den Innenräumen Temperaturabsenkungen von 1 bis 5 Grad erzeugen können. Das kann in einer alternden Gesellschaft über Leben und Tod entscheiden, liebe Verantwortliche.
Und nur an wenigen Bäumen sah ich überhaupt Aktivitäten zu deren überlebenswichtigen Bewässerung. Hat die Stadt, wie andere Kommunen zu Baumpatenschaften zwecks Gießens aufgerufen? Bitte korrigieren Sie mich gern, wenn ich etwas überlesen haben sollte.
Spitzenreiter der Versiegelung
Die VdS Schadensverhütung hatte 2023 den Versiegelungsgrad von 134 deutschen Städten im Auftrag der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) untersucht. Mit einem Versiegelungsgrad von 55 Prozent ist die Stadt an der Zorge die am meisten zubetonierte, asphaltierte und zugepflasterte Stadt Thüringens: Versiegelte Flächen verhindern das Versickern des Regenwassers. Dies kann bei extremen Regenfällen zu Überschwemmungen mit erheblichen Schäden führen, so der damalige GDV-Geschäftsführer.
Durch ihren erheblichen Versiegelungsgrad dürfte Nordhausen damit auch einen kleinen Anteil an den schlimmen Auswirkungen des Helme-Hochwassers vom Dezember 2023 in Windehausen und nachgelagerten Dörfern gehabt haben. Zudem kann das abgeflossene, nicht im Boden gespeicherte Wasser die Stadt selbst und damit die Menschen nicht mehr vor unter Umständen lebensgefährlicher Hitze bewahren. Allein das Wasser aber, das ein einzelner Baum verdunstet, sorgt für eine Abkühlung wie sie mehrere teure Klimaanlagen erzeugt.
Bekanntlich werden in zubetonierten Innenstädten wie in Nordhausen 5 bis 10 Grad höhere Temperaturen erreicht, als außerhalb. Das aber müsste nicht so sein, wenn die Stadt mehr gegen ihr Negativimage als Betonstadt tun würde. Und welcher Tourist würde sich bei 35 Grad schon in ein Nordhäuser Café setzen, das nicht von Grün, sondern von 70 Grad heißen Steinen umgeben ist? Apropos Cafés: Auch die Kletterkiefer vor dem Blasii-Pfarrhaus und mehreren nahegelegenen Cafés steht ja nun auf der Abschussliste.
Was ist mit den Parks?
Und es gäbe weitere Stellschrauben: Stellen Sie sich an einem heißen Sommerabend mal vor das Kutscherhaus im Park Hohenrode: Sie spüren einen leichten, aber kühlen Luftzug: Der dürfte aus den beiden oberhalb liegenden, mit mehr als einem Meter hohem Gras bestandenen Wiesen kommen, die nur einmal oder zweimal statt fünf oder siebenmal im Jahr gemäht werden. Langrasige Wiesen durchwurzeln den Boden stärker als kurz gehaltene, sie können daher mehr Wasser aufnehmen und sie geben es langsam über die viel größere Laubfläche ab, was wiederum Kühle erzeugt. Und zudem den gebeutelten Insektenpolulationen mitten in der Stadt einen Rückzugsraum bieten. Der Park Hohenrode machts vor.
Andernorts in der Stadt, so im Stadtpark, betreibt man einen erheblichen und teuren Aufwand, um die Wiesen permanent kurz zu halten, und man beraubt sie so ihren ökologischen und stadtklimatischen Möglichkeiten. Sucht man im Internet nach Maßnahmen der Stadt Nordhausen bezüglich einer Veränderung dieser Situation, so ist die Ausbeute nicht all zu groß, dafür aber überwiegend energielastig, ohne das Kleinreden zu wollen:
Was steht im Internet zum Thema Nordhausen und Hitzeanpassung?
Zwar gibt es ein Klimaschutzkonzept 2050, in dem es aber kaum Passagen zum Thema Stadtbegrünung, Wasserspeicherung oder Entsiegelung gibt. Es geht überwiegend um die so genannten erneuerbaren Energien und um Energieeffizienz. Das aber sorgt zunächst nicht für menschenverträglichere Temperaturen.
Bereits 1997 verpflichtete sich die Stadt Nordhausen zudem zur Umsetzung der Leitlinien der Lokalen Agenda 21. Ziel ist die Gestaltung einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Entwicklung für heutige und nachfolgende Generationen in Nordhausen. Aus der Agenda 21 wurde die Agenda 2030. Eines ihrer Ziele beinhaltet
Sofortmaßnahmen,…um den Klimawandel und seine Auswirkungen zu bekämpfen.
Welche Sofortmaßnahmen ergriff die Stadt in den vergangenen 29 Jahren?
Was tat die Stadt Nordhausen bisher, um in diesem Sinne mit nachprüfbaren Ergebnissen zu handeln, vor allem in Bezug auf Wasserspeicherung, Verhinderung von Wasserabflüssen, Verschattung durch mehr Bäume, Fassadenbegrünung usw..? Alles Maßnahmen also, die extreme Temperaturen senken und Leben und Gesundheit der Bewohner schützen können? Inwieweit konnte sie die Auswirkung der Hitze für uns Bewohner also messbar verringern?
Allein das Industriegebiet Goldene Aue aber wird irgendwann bis zu 100 Hektar neue Versiegelungsfläche produzieren und für noch mehr Hitze und geringeren Wasserabfluss sorgen, - wenn hier nicht neue Wege beschritten werden. Das Industriegebiet könnte hier neue Maßstäbe setzen und Nordhausen als eine Stadt bekannt machen, die ihr Negativimage als zubetonierteste Stadt Thüringens abschütteln will.
Und auch das im Klimaschutzkonzept hochgelobte Klimagerechtes Quartier Nordhausen-Nord, enthält nur wenige Informationen zur Stadtbegrünung. Auch hier geht es etwas einseitig um Suffizienz, Effizienz und Konsistenz bezogen auf Infrastruktur und Energie, wie die Seite IBA Thüringen informiert. Das Stadtumbauprojekt Stadtloop in Nordhausen Nord, bei dem u.a. 80 Bäume gepflanzt wurden ist allenfalls ein Anfang, wenn man sich zum Beispiel die leidenden Bäume zwischen Bahnhof und Kino ansieht, die vielen wenig oder unbepflanzten Straßen, die rund 70 seit Jahren freien Baumscheiben in der Straße An der Bleiche, die Fällung großer, alter Bäume in der Arnoldstraße und auch im Park Hohenrode.
Man sollte sich mehr Mühe geben, die alten Bäume zu erhalten und deren Fällung nicht immer sogleich mit der Verkehrssicherungspflicht begründen. Ein wenig mehr Einsatz, die alten Bäume zu erhalten, wäre auf Grund ihrer großen stadtklimatischen Bedeutung angebracht.
Andere Städte sind da längst viel weiter: Leipzig hat sich zur künftigen Schwammstadt erklärt: Flächen werden entsiegelt, um das schnelle Abfließen des Niederschlagswassers zu verhindern. Durch mehr Grünflächen und unterirdische Zisternen soll es in der Stadt gehalten und nur langsam, also kühlend, an die Stadtluft abgegeben werden, und das nicht nur in einzelnen Stadtteilen.
In anderen Städten wurden Tiny-Forests zum Programm erklärt: In Ingelheim am Rhein, in Herford, Eberswalde und Kassel beispielsweise: Das Prinzip: Auf mehreren hundert Quadratmetern werden dichte Baumpflanzungen mit heimischen Arten angelegt: Die Bäume wachsen konkurrenzbedingt sehr schnell und brauchen schon nach kurzer Zeit nicht mehr gegossen zu werden. Sie sind natürliche Klimaanlagen, speichern Wasser und kühlen ihre Umgebung ab.
Bei 38 Grad im Schatten leiden die Nordhäuser Innenstadtbewohner und ein großer Teil weiterer Bürger weiter extrem unter dem sich immer weiter verschärfenden Klimawandel und den weithin fehlenden Maßnahmen. Die Stadt Nordhausen läuft der Entwicklung hinterher. Offenbar ohne Chance auf Besserung. Bodo Schwarzberg