nnz-Serie: WENDE-ZEITEN (3)
Montag, 24. August 2009, 07:00 Uhr
Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus hat nicht nur die Ereignisse des Jahres 1989 aufgearbeitet, sondern blickt in diesem dritten Teil auf eine Szene zurück, die vom Hätschelkind zum Prügelknaben wurde...
Die DDR-Regierung stellte jährlich beträchtliche Summen aus dem Staatshaushalt für Bildung, Sport, Kultur und Kunst bereit. Dem Anspruch als sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern wollte sie unter allen Umständen gerecht werden. Gegenüber der kapitalistischen BRD sollte damit anschaulich demonstriert werden, dass im sozialistischen deutschen Staat die Werktätigen die Früchte ihrer Arbeit auch ernten. Die Politik der Partei- und Staatsführung war darauf gerichtet, möglichst alle Bürger an den kulturellen Errungenschaften teilhaben zu lassen. Kunst und Kultur sollte für alle zugänglich und bezahlbar sein. Und so war es schließlich auch.
Theater, Orchester, Museen, Kabaretts, Galerien, Kulturhäuser und Jugendclubs genossen großzügige staatliche Förderung. Den Kunst- und Kulturschaffenden wurden feste Einkommen garantiert und beispielsweise den bildenden Künstlern kontinuierlich so genannte Auftragswerke verschafft. Unter derlei günstigen Bedingungen entwickelte sich eine breit gefächerte Kunst- und Kulturlandschaft, die jedoch dem staatlichen Dirigismus unterworfen war. Die Funktionäre bestimmten letztlich, welche Art von Kunst dem Volke zustand.
Ein Gespräch mit Erik Neutsch (Hintergrund rechts) über seinen Roman "Spur der Steine" fand am 27.11.1964 in der Berthold-Brecht-Bibliothek in der Berliner Karl-Marx-Allee statt, zu der die Kommission für politische und kulturelle Massenarbeit des Wohngebietes VII Berlin-Mitte eingeladen hatte
Doch mit der verstärkten Hinwendung zur Kultur- und Kunstszene bot sich den Menschen immerhin eine Möglichkeit zur Flucht aus dem oft tristen Alltag. In nicht wenigen Theaterstücken, Fernseh- und DEFA-Spielfilmen wurden auf anschauliche Weise Probleme des Alltags und Widersprüche zwischen den individuellen Erwartungen der Menschen und den tatsächlichen Gegebenheiten dargestellt. So mancher Autor wagte sich dabei schon in den 1960er Jahren sehr weit vor.
Doch Literatur sollte als Produktivkraft wirken. Individuelle Erfahrungen, eine allzu offene Darstellung persönlicher Konflikte oder gar eine Kollidierung mit staatlichen Interessen waren weniger gefragt. Die Folgen waren: Zeitkritische Bücher erschienen nur noch in geringer Auflage oder gar nicht mehr und gleichartige Theaterstücke wurden vom Spielplan genommen oder gar nicht erst aufgeführt.
Doch nach Zeiten der Stagnation weht ab und an auch ein frisches Lüftchen. Neue Hoffnung kam auf, als Erich Honecker, inzwischen 1. Sekretär des ZK (ZK – Zentralkomitee) der SED geworden, auf einem Plenum seiner Partei die Forderung erhob, es dürfe in Kunst und Kultur keine Tabus geben. Tatsächlich trat in der Folgezeit eine gewisse Liberalisierung ein. In hohen Auflagen erschienen Bücher von Christa Wolf, Brigitte Reimann, Stefan Heym, Franz Fühmann, Günter Kunert oder Peter Haacks.
1. Dezember 1989: Der Liedermacher, der nach jahrelangen Auftrittsverboten 1976 während einer BRD-Tournee ausgebürgert worden war, trat zum erstenmal wieder in der DDR auf. In der Messehalle 2 wurde er von den etwa 5.000 Besuchern mit einem Beifallsorkan empfangen
Allerdings sollte diese Periode der Offenheit im kulturellen Leben der DDR nicht lange andauern. Bereits fünf Jahre später fand sie ein jähes Ende. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann bildete den Anfang. Biermann, der für derbe Sprüche bekannt war, hatte während eines Konzerts vor der westdeutschen Gewerkschaftsjugend in Köln u. a. gerufen: Ich bin zu jeder Schandtat bereit. Die DDR-Oberen legten diese Äußerung auf ihre Weise aus und ließen den Sänger nicht wieder in die DDR zurück.
Zudem nahmen auf allen Ebenen Repressalien der Mächtigen gegen Schriftsteller, Liedermacher, Regisseure, Schauspieler und Popgruppen, die der offiziellen Partei-Linie nicht mehr treu ergeben waren, erschreckende Ausmaße an. Bücher wurden nicht mehr verlegt, Theaterstücke und Spielfilme kurzerhand abgesetzt, Sänger und Bands mit Auftrittsverboten belegt. In ihrer Verzweiflung kehrten schließlich zahlreiche Künstler der DDR den Rücken und gingen in den Westen und verließen somit ein Land, dass sie ursprünglich als ihre Heimat wähnten. Unter ihnen die Schriftsteller Jurek Becker, Erich Loest, Karl-Heinz Jakobs, Günter Kunert und Sarah Kirsch. Schauspieler wie Eva-Maria Hagen, Angelikca Domröse, Manfred Krug oder Armin Mueller-Stahl schlossen sich an. Die kulturelle Szene der DDR drohte auszubluten.
Doch mit großem Engagement und nahezu grenzenlosem Idealismus bemühten sich die hier Gebliebenen der Verödung des Kulturlebens zu begegnen. Sie suchten nach Möglichkeiten, den Menschen das im Land gebliebene kritische Potenzial an Kulturschaffenden und Fachleuten näher zu bringen. Besonders auf regionaler Ebene waren nicht wenige bemerkenswerte und vom mutigen Engagement getragene Initiativen zu verzeichnen.
Viele Mitglieder des Nordhäuser Thomas-Mann-Klubs standen republikbekannten Aktionen in keiner Weise nach. In Veranstaltungen wie der Kleinen Galerie oder dem Lesetermin hatten vor allem Künstler, die nicht der offiziellen Parteilinie folgten, die Möglichkeit, ihre Werke einem interessierten Publikum zu präsentieren. Wenn der Gothaer Schriftsteller Hanns Cibulka aus seinen Büchern las, der langjährige Leiter des Instituts für Wirtschaftsgeschichte Berlin, Jürgen Kuczynski, kritisch über die wirtschaftliche und politische Situation in der DDR referierte oder der Publizist Werner Fellmann aus Leipzig Fakten und Hintergründe außenpolitischer Geschehnisse präsentierte, die man so in keiner Tageszeitung der DDR lesen konnte, war das Domizil des Kulturbundes stets bis auf den letzten Platz besetzt.
Doch ob es sich auch um musikalisch-literarische Veranstaltungen, Galerien, Gesprächsabende, Buchlesungen oder Kabarett handelte – es waren stets Vertreter der sich auch für Kultur zuständig fühlenden Abteilung für Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung Nordhausen anwesend. Bis zur Wende stand dieser Abteilung Bernd Kramer vor. Nicht selten mussten auf seine Weisung hin bereits eröffnete Galerien wieder abgebaut werden oder erhielten Schriftsteller wie Cibulka Leseverbot. Das Mitglied des Sekretariats der SED-Kreisleitung setzte im Zusammenspiel mit weiteren Verantwortlichen in Erfurt und Berlin auch durch, dass 1985 die Auslieferung des Buches von Dr. Manfred Schröter Die Zerstörung Nordhausens und das Kriegsende in der Grafschaft Hohenstein 1945 verhindert wurde.
Die Broschüre musste auf Kosten des Rates der Stadt Nordhausen in der Papierfabrik Ilfeld vernichtet werden. Einige wenige Exemplare konnten durch geschicktes Handeln gerettet werden. Das CDU-Mitglied Manfred Schröter bekam nach der Wende Kenntnis von einem Schreiben einer für Kultur zuständigen Sekretärin der SED-Bezirksleitung Erfurt an das ZK der SED in Berlin. Darin wurde erwähnt, dass der Bezirksvorsitzende der CDU Erfurt, Schnieber, sich gegen die Auslieferung der Broschüre ausgesprochen habe. Ein schmählicher Verrat des CDU-Bezirkschefs, der zuvor noch in einem persönlichen Gespräch seinen Nordhäuser Unionsfreund Manfred Schröter jede nur erdenkliche Unterstützung bei der Herausgabe dieser Publikation zugesichert hatte.
Erst im Jahre 1988 konnte die nun mit einem Vorwort des Nordhäuser Bürgermeisters Peter Heiter (SED) versehene Publikation innerhalb der Reihe Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen erstmals erscheinen. Kramer und einige seiner Hintermänner, darin eingeschlossen auch willfährige Zuträger und Verräter aus den Blockparteien, konnten zeitkritische und couragierte Autoren, Künstler und Klubmitglieder aus der Stadt Nordhausen zwar maßregeln, sie gänzlich aus dem kulturellen Leben auszuschließen gelang ihnen jedoch nicht.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnzDie DDR-Regierung stellte jährlich beträchtliche Summen aus dem Staatshaushalt für Bildung, Sport, Kultur und Kunst bereit. Dem Anspruch als sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern wollte sie unter allen Umständen gerecht werden. Gegenüber der kapitalistischen BRD sollte damit anschaulich demonstriert werden, dass im sozialistischen deutschen Staat die Werktätigen die Früchte ihrer Arbeit auch ernten. Die Politik der Partei- und Staatsführung war darauf gerichtet, möglichst alle Bürger an den kulturellen Errungenschaften teilhaben zu lassen. Kunst und Kultur sollte für alle zugänglich und bezahlbar sein. Und so war es schließlich auch.
Theater, Orchester, Museen, Kabaretts, Galerien, Kulturhäuser und Jugendclubs genossen großzügige staatliche Förderung. Den Kunst- und Kulturschaffenden wurden feste Einkommen garantiert und beispielsweise den bildenden Künstlern kontinuierlich so genannte Auftragswerke verschafft. Unter derlei günstigen Bedingungen entwickelte sich eine breit gefächerte Kunst- und Kulturlandschaft, die jedoch dem staatlichen Dirigismus unterworfen war. Die Funktionäre bestimmten letztlich, welche Art von Kunst dem Volke zustand.
Ein Gespräch mit Erik Neutsch (Hintergrund rechts) über seinen Roman "Spur der Steine" fand am 27.11.1964 in der Berthold-Brecht-Bibliothek in der Berliner Karl-Marx-Allee statt, zu der die Kommission für politische und kulturelle Massenarbeit des Wohngebietes VII Berlin-Mitte eingeladen hatte
Doch mit der verstärkten Hinwendung zur Kultur- und Kunstszene bot sich den Menschen immerhin eine Möglichkeit zur Flucht aus dem oft tristen Alltag. In nicht wenigen Theaterstücken, Fernseh- und DEFA-Spielfilmen wurden auf anschauliche Weise Probleme des Alltags und Widersprüche zwischen den individuellen Erwartungen der Menschen und den tatsächlichen Gegebenheiten dargestellt. So mancher Autor wagte sich dabei schon in den 1960er Jahren sehr weit vor.
Doch Literatur sollte als Produktivkraft wirken. Individuelle Erfahrungen, eine allzu offene Darstellung persönlicher Konflikte oder gar eine Kollidierung mit staatlichen Interessen waren weniger gefragt. Die Folgen waren: Zeitkritische Bücher erschienen nur noch in geringer Auflage oder gar nicht mehr und gleichartige Theaterstücke wurden vom Spielplan genommen oder gar nicht erst aufgeführt.
Doch nach Zeiten der Stagnation weht ab und an auch ein frisches Lüftchen. Neue Hoffnung kam auf, als Erich Honecker, inzwischen 1. Sekretär des ZK (ZK – Zentralkomitee) der SED geworden, auf einem Plenum seiner Partei die Forderung erhob, es dürfe in Kunst und Kultur keine Tabus geben. Tatsächlich trat in der Folgezeit eine gewisse Liberalisierung ein. In hohen Auflagen erschienen Bücher von Christa Wolf, Brigitte Reimann, Stefan Heym, Franz Fühmann, Günter Kunert oder Peter Haacks.
1. Dezember 1989: Der Liedermacher, der nach jahrelangen Auftrittsverboten 1976 während einer BRD-Tournee ausgebürgert worden war, trat zum erstenmal wieder in der DDR auf. In der Messehalle 2 wurde er von den etwa 5.000 Besuchern mit einem Beifallsorkan empfangen
Allerdings sollte diese Periode der Offenheit im kulturellen Leben der DDR nicht lange andauern. Bereits fünf Jahre später fand sie ein jähes Ende. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann bildete den Anfang. Biermann, der für derbe Sprüche bekannt war, hatte während eines Konzerts vor der westdeutschen Gewerkschaftsjugend in Köln u. a. gerufen: Ich bin zu jeder Schandtat bereit. Die DDR-Oberen legten diese Äußerung auf ihre Weise aus und ließen den Sänger nicht wieder in die DDR zurück.
Zudem nahmen auf allen Ebenen Repressalien der Mächtigen gegen Schriftsteller, Liedermacher, Regisseure, Schauspieler und Popgruppen, die der offiziellen Partei-Linie nicht mehr treu ergeben waren, erschreckende Ausmaße an. Bücher wurden nicht mehr verlegt, Theaterstücke und Spielfilme kurzerhand abgesetzt, Sänger und Bands mit Auftrittsverboten belegt. In ihrer Verzweiflung kehrten schließlich zahlreiche Künstler der DDR den Rücken und gingen in den Westen und verließen somit ein Land, dass sie ursprünglich als ihre Heimat wähnten. Unter ihnen die Schriftsteller Jurek Becker, Erich Loest, Karl-Heinz Jakobs, Günter Kunert und Sarah Kirsch. Schauspieler wie Eva-Maria Hagen, Angelikca Domröse, Manfred Krug oder Armin Mueller-Stahl schlossen sich an. Die kulturelle Szene der DDR drohte auszubluten.
Doch mit großem Engagement und nahezu grenzenlosem Idealismus bemühten sich die hier Gebliebenen der Verödung des Kulturlebens zu begegnen. Sie suchten nach Möglichkeiten, den Menschen das im Land gebliebene kritische Potenzial an Kulturschaffenden und Fachleuten näher zu bringen. Besonders auf regionaler Ebene waren nicht wenige bemerkenswerte und vom mutigen Engagement getragene Initiativen zu verzeichnen.
Viele Mitglieder des Nordhäuser Thomas-Mann-Klubs standen republikbekannten Aktionen in keiner Weise nach. In Veranstaltungen wie der Kleinen Galerie oder dem Lesetermin hatten vor allem Künstler, die nicht der offiziellen Parteilinie folgten, die Möglichkeit, ihre Werke einem interessierten Publikum zu präsentieren. Wenn der Gothaer Schriftsteller Hanns Cibulka aus seinen Büchern las, der langjährige Leiter des Instituts für Wirtschaftsgeschichte Berlin, Jürgen Kuczynski, kritisch über die wirtschaftliche und politische Situation in der DDR referierte oder der Publizist Werner Fellmann aus Leipzig Fakten und Hintergründe außenpolitischer Geschehnisse präsentierte, die man so in keiner Tageszeitung der DDR lesen konnte, war das Domizil des Kulturbundes stets bis auf den letzten Platz besetzt.
Doch ob es sich auch um musikalisch-literarische Veranstaltungen, Galerien, Gesprächsabende, Buchlesungen oder Kabarett handelte – es waren stets Vertreter der sich auch für Kultur zuständig fühlenden Abteilung für Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung Nordhausen anwesend. Bis zur Wende stand dieser Abteilung Bernd Kramer vor. Nicht selten mussten auf seine Weisung hin bereits eröffnete Galerien wieder abgebaut werden oder erhielten Schriftsteller wie Cibulka Leseverbot. Das Mitglied des Sekretariats der SED-Kreisleitung setzte im Zusammenspiel mit weiteren Verantwortlichen in Erfurt und Berlin auch durch, dass 1985 die Auslieferung des Buches von Dr. Manfred Schröter Die Zerstörung Nordhausens und das Kriegsende in der Grafschaft Hohenstein 1945 verhindert wurde.
Die Broschüre musste auf Kosten des Rates der Stadt Nordhausen in der Papierfabrik Ilfeld vernichtet werden. Einige wenige Exemplare konnten durch geschicktes Handeln gerettet werden. Das CDU-Mitglied Manfred Schröter bekam nach der Wende Kenntnis von einem Schreiben einer für Kultur zuständigen Sekretärin der SED-Bezirksleitung Erfurt an das ZK der SED in Berlin. Darin wurde erwähnt, dass der Bezirksvorsitzende der CDU Erfurt, Schnieber, sich gegen die Auslieferung der Broschüre ausgesprochen habe. Ein schmählicher Verrat des CDU-Bezirkschefs, der zuvor noch in einem persönlichen Gespräch seinen Nordhäuser Unionsfreund Manfred Schröter jede nur erdenkliche Unterstützung bei der Herausgabe dieser Publikation zugesichert hatte.
Erst im Jahre 1988 konnte die nun mit einem Vorwort des Nordhäuser Bürgermeisters Peter Heiter (SED) versehene Publikation innerhalb der Reihe Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen erstmals erscheinen. Kramer und einige seiner Hintermänner, darin eingeschlossen auch willfährige Zuträger und Verräter aus den Blockparteien, konnten zeitkritische und couragierte Autoren, Künstler und Klubmitglieder aus der Stadt Nordhausen zwar maßregeln, sie gänzlich aus dem kulturellen Leben auszuschließen gelang ihnen jedoch nicht.
Hans-Georg Backhaus


