nnz-Forum: Gesund und munter?
Donnerstag, 26. August 2010, 14:06 Uhr
Die nnz veröffentlicht in diesem Forum zwei Beiträge zweier Autoren. Was die beiden eint: Sie beleuchten das Gesundheitssystem und sind Liberale. Sie- liebe interessierte Leser der nnz, sind von diesem Versuch nur noch einen Klick entfernt...
Das Problem, als Neupatient bei einem Arzt ohne lange Wartezeiten einen Termin zu bekommen, dürfte den meisten Lesern bekannt sin. Aber haben Sie schon einmal versucht, bei einem Nordhäuser Augenarzt vorgelassen zu werden? Ich meine nicht die Notfallversorgung. Die müssen die Ärzte absichern. Aber so dreist war ich nicht, mich mit vorgeblicher Halbblindheit auf gut Glück in ein Wartezimmer zu setzen. Das nächste Mal werde ich das aber tun. Denn ich habe nun meine Erfahrungen, als biederer Mensch nett telefonisch bei den vier in unserer Stadt vorhandenen Augenarztpraxen anzurufen und einen Termin vereinbaren zu wollen.
Zuerst in der Praxis Dr. Klieme, Bochumer Str. 157. Da war ich noch naiv erstaunt. Die freundliche aber resolute Schwester teilte mir unmissverständlich mit, dass kein Termin zu bekommen sei, dass Neupatienten grundsätzlich nicht angenommen werden. Auch nicht mit Überweisung vom Hausarzt. Aber ich hätte für rund 39 Euro die Möglichkeit, eine Privatsprechstunde zu besuchen. Das habe ich als Kassenpatient dankend abgelehnt.
Mir schwante schon, dass mein Misserfolg vielleicht kein Zufall ist. Und tatsächlich! Beim nächsten Anruf in der Gemeinschaftspraxis Dr. Hoffmann/Dr. Holzwarth, Reichsstraße 26a, bekam ich eine ähnliche Auskunft – keine Annahme von Neupatienten. Jedoch gibt es hier zumindest eine kleine Hoffnung: An einem (!) Tag im Dezember 2010 werden Neupatienten angenommen. Dafür sollte ich ab September – ein genaueres Datum war nicht zu erfahren – noch einmal anrufen. Meine Frage danach, wie denn die Selektion erfolgt, wenn sich mehr Kandidaten anmelden, als an einem Tag von den Ärzten behandelt werden können, wurde leider nicht beantwortet. Ich hoffe, es geht so gerecht zu, dass wer zuerst kommt, auch zuerst mahlt. Für alle Fälle erhielt ich auch hier den Hinweis auf Privatsprechstunden für die schon erwähnten rund 39 Euro.
Nun war mein sportlicher Ehrgeiz geweckt. Ich habe eine Wette mit mir selbst abgeschlossen, dass bei den zwei verbleibenden Augenarztpraxen wohl das gleiche Ergebnis rauskommen wird. Ich bin weit entfernt, den Augenärzten unterstellen zu wollen, sie hätten sich abgesprochen. Das wäre genau so lächerlich wie die bekannte Unterstellung von Preisabsprachen der Mineralölkonzerne an den Tankstellen. Aber, wo ein Monopol ist, sind solche Mutmaßungen nicht weit entfernt, zumindest bei den Benzinpreisen. Und sechs Augenärzte in vier Praxen für gut 45.000 Einwohner sprechen nicht gerade für die Wahlmöglichkeiten des Patienten auf einem funktionierenden Gesundheitsmarkt.
Die Wette habe ich nicht ganz gewonnen. Denn in der Praxis Dr. Voita, August-Bebel-Platz 33, bekam ich zwar auch keinen Termin, aber auch keine Aussicht, je einen zu erheischen. Auch nicht mit Voranmeldung für übernächstes Jahr. Dafür, die Gerechtigkeit gebietet mir, das zu schreiben, gab mir die Sprechstundenhilfe auf meine nun schon gezielte Frage zu den privat bezahlten Sprechstunde eine Abfuhr. Nein, bei Dr. Voita gibt es für Kassenpatienten keine Privatsprechstunden. Da muss ich schon zu anderen Augenärzten gehen. Hab ich gemacht. Die letzte Praxis im Bunde, Dr. Gründel und Dr. Heise, Stolberger Str. 27, ist telefonisch nur zwischen 12 und 13 Uhr zu erreichen. Und auch in dieser Zeit habe ich zwei Tage gebraucht, ehe ich die Schwester am Apparat hatte. Ab Januar könnte ich mich für Juli nächsten Jahres anmelden. Das war die erste halbwegs verbindliche Aussage von einem der Ärztinnen und Ärzte. Allerdings gilt auch hier, wenn ich schneller dran sein möchte: Freitags Vormittag gibt es die schon bekannte Privatsprechstunde.
Wer glaubt, ich will die Augenärzte hier an den Pranger stellen, der irrt. Nichts liegt mir ferner. Sie haben einen schweren und sehr verantwortungsvollen Beruf. Sie gehören dabei nicht zu den Geringverdienern, aber das ist gerecht. Was mich dennoch ausgesprochen verwundert hat, ist, dass bei nüchterner Betrachtung unser Gesundheitssystem in diesem Fall schon voll nach Marktgesetzen funktioniert. Oder auch nicht funktioniert, für diejenigen die ohne ärztliche Versorgung bleiben und sich Privatsprechstunden nicht leisten können. Es gibt soviel Nachfrage nach der Dienstleistung, dass die Ärzte es sich als Dienstleister erlauben können und vielleicht auch müssen, potentielle Patienten abzulehnen.
Das Argument der Überbelastung lasse ich nur teilweise gelten. Denn für die Privatsprechstunden, die wahrscheinlich deutlich größeren wirtschaftlichen Vorteil für die Ärzte bringen, haben sie freie Kapazitäten, sonst wären sie nicht im Angebot. Denn der Arzt ist auch in der Privatsprechstunde vor seinem Patienten verantwortlich. Keiner der Augenärzte würde es sich erlauben können, total ausgelaugt vom allgemeinen Sprechstundendienst und dem gewaltigen Papierkrieg, den er zu schultern hat, Kunden privat auf die Gefahr hin zu behandeln, überlastet Kunstfehler zu machen. Das Risiko wäre zu groß.
Ich habe mich nach meinen Anrufen in den Praxen bei der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringens (KVT) erkundigt, warum die Situation so ist. Die Antwort dort war verblüffend einfach und klar. Laut § 4 der Richtlinien der KVT über die Abhaltung von Sprechstunden müssen die Ärzte mindestens 20 Stunden wöchentliche Sprechstundentätigkeit absichern. Das tun sie. Bedarf wäre für viel mehr da. Und das liegt daran, dass Augenärzte nun mal häufig mit mehr älteren Menschen zu tun haben. Die Schlüssel der Vergütung durch die Krankenkassen ignorieren aber die Altersstruktur. Und je mehr Kassenpatienten ein Arzt behandelt, desto weniger rentabel wird es wirtschaftlich für ihn. Will sagen, dass es bei der demographischen Struktur in Ostdeutschland im vorhandenen Gesundheitssystem einfach diese Lücken geben muss. Wir haben mehr ältere Menschen als vergleichbare Regionen in den Altbundesländern. In Köln z.B. bekommen sie nachweislich innerhalb eines Monats einen Termin beim Augenarzt.
Die Augenärzte verhalten sich innerhalb des Gesundheitssystems also wie Privatunternehmer. Sie werden von den Kassen quasi auch als solche behandelt. Sie tragen das wirtschaftliche Risiko. Warum sollte ich also verlangen, dass sie betriebswirtschaftlich unökonomisch arbeiten? Nun ja, es gibt da noch einen kleinen Unterschied, sagen wir zwischen einem KfZ-Mechaniker und einem Augenarzt. Der Meister ist verantwortlich für die Verkehrssicherheit seiner Arbeit. Er trägt damit Verantwortung für Gut und Gesundheit seiner Kunden und haftet im Zweifelsfall dafür. Der Arzt aber hat im Unterschied zum Handwerker nicht nur die umfangreiche Hochschulausbildung, er hat vor allem den Hippokratischen Eid ablegen müssen.
Wahrscheinlich ist ja am System etwas faul. Ich halte es für meinen Teil für naiv, ein allumfassendes staatliches Gesundheitssystem als Alternative anzubieten. Das gibt es beispielsweise in Großbritannien oder, noch krasser, in Russland. Das Ergebnis ist eine knallharte Klassenmedizin, bei welchem die Armen runterfallen. Welche Konsequenzen das haben kann, zeigen Beispiele von Augenärzten, die aus der Kassenärztlichen Vereinigung ausgetreten sind und somit nur noch privat auf Cash behandeln. Wirtschaftlich scheint das praktikabel zu sein. Ist es von uns auch so gewollt?
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Endlich entbürokratisieren und leistungsgerecht bezahlen!
Klaus-Uwe hat wie immer sehr intensiv recherchiert und ausgewogen formuliert. Seinem Grundtenor ist nicht zu widersprechen. Da ich mich selbst seit 14 Jahren im Gesundheitswesen herumschlage, will ich dennoch ein paar Hinweise geben:
Das von Klaus-Uwe geschilderte Problem ist natürlich kein Einzelfall. Da er ein pfiffiger Nordhäuser ist, wird er für sich eine Lösung finden. Für viele andere Patienten nicht nur bei Augenärzten, die sich nicht an die Öffentlichkeit wagen, bleibt es wie verhext. Ich selbst wich vor zwei Jahren nach Mühlhausen aus, weil ich in Nordhausen keinen Termin beim Facharzt bekam.
Das Problem ist nicht neu. Spätestens seit Exgesundheitsminister Seehofer (CSU) besteht es, mit seinen Nachfolgerinnen Fischer (Grüne) und Schmidt (SPD) hat es sich verschärft: Die Politik verspricht den gesetzlich Versicherten für eine monatliche Flatrate von 0,00 EUR (Familienversicherte Kinder, Hausfrauen und –männer) bis maximal 296,25 EUR eine grenzenlose medizinische Versorgung auf Weltspitzenniveau. Doch im Gesundheitsmarkt – den ich bewusst so nenne, denn alles andere ist Augenwischerei – gelten die Regeln von Angebot und Nachfrage: Bei einem staatlich festgesetzten Höchstpreis (dies sind die Budgets für die verschiedenen Bereiche im Gesundheitswesen, die sich aus der Flatrate nach Abzug der Bürokratiekosten von AOK, BARMER u. s. w. berechnen), der niedriger ist als der Gleichgewichtspreis zwischen Angebot und Nachfrage, ist die Nachfrage weit größer als das Angebot. Das kennen wir aus der DDR doch bestens (z. Bsp. Mieten, Handwerker, Südfrüchte). Da hieß es Mangelwirtschaft mit den Folgen Rationierung und Schwarzmarkt.
Nach den Regeln der deutschen Kassenmedizin bekommt ein niedergelassener Arzt pro Leistungseinheit ein immer geringeres Honorar, je mehr er arbeitet. Ein schlechter Arzt mit wenigen Patienten verdient pro Patient viel mehr als ein guter Arzt mit sehr vielen Patienten. Außerdem bekommen alle Ärzte Honorarkürzungen, wenn die gesetzlich Versicherten öfter krank werden, als von der Staatlichen Plankommission festgelegt. Somit sucht der Arzt, dessen tägliche Leistungsfähigkeit physischen und psychischen Grenzen unterliegt, nach Auswegen, die es ihm erlauben, in seiner Behandlungszeit so viel Umsatz zu erwirtschaften, dass er damit seine Kosten decken und ein angemessenes Einkommen erzielen kann.
Wegen der oben beschriebenen Vergütungsdegression bei Kassenpatienten bleibt bei steigenden Kosten für Personal, Geräte, Miete, Nebenkosten u. s. w. rational nur der Ausweg über die unbudgetierte Privatsprechstunde, die außerdem enorm Zeit spart, weil sie viel weniger Bürokratie verursacht als die Kassenleistung. Täten die Ärzte dies nicht, könnten sie aus wirtschaftlichen Gründen gar keine Kassenpatienten mehr behandeln! Von Typen wie Karl Lauterbach, dem so genannten SPD-Gesundheitsexperten, werden die Ärzte dafür am Nasenring des Hippokratischen Eides durch die Arena getrieben.
Übrigens arbeiten Ärzte in Thüringen nach Erhebungen der LÄK ca. 63 Stunden/Woche, wovon mindestens 20 % für die Kassenbürokratie anfallen. Das Einkommen der Ärzte ist in absoluten Zahlen immer noch hoch, doch rechnen Sie mal auf die tatsächlichen Arbeitsstunden um! Außerdem muss ein niedergelassener Arzt aus seinem Einkommen noch Renten- u. Krankenversicherung (ohne steuerfreien Arbeitgeberzuschuss) finanzieren. Hinzu kommen die Steuern, im Unterschied zu Arbeitnehmern ohne steuerfreie Zuschläge für Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeit. Für die Urlaubszeit gibt’s gar nichts, aber die Kosten laufen weiter und Lohnfortzahlung bei Krankheit kennt der niedergelassene Arzt nur für seine Mitarbeiter. Laut Erhebung von Stern, Stat. Bundesamt und Hans-Böckler-Stiftung (DGB) sank das Bruttoeinkommen der Ärzte von 1990 bis 2008 nach Abzug der Inflation um 50 %, das der Verwaltungsfachleute, dazu gehören auch die Mitarbeiter der gesetzlichen Krankenversicherungen, stieg dagegen nach Abzug der Inflation um 19 %. Allein diese Statistik zeigt, worauf sich Gesundheitspolitik in Deutschland in den letzten 20 Jahren konzentriert hat: Immer mehr staatliche Regulierung, immer mehr Bürokratie!
Und die Bürokratie kostet: Der Vorstandsvorsitzende der Techniker-Krankenkasse erhielt 2008 beispielsweise 246.000 EUR Vergütung und eine Leistungsprämie von 50.000 EUR angesichts der Fusion seiner Krankenkasse mit der Innungskrankenkasse (IKK) Direkt. Bei der Barmer erhalten Vorstandsmitglieder nach einer Veröffentlichung im Bundesanzeiger 198.000 EUR. Bei der Deutschen Angestellten-Krankenkasse erhält der Vorstandsvorsitzende ein Jahressalär von 231.000 EUR. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern brachte es 2008 auf 221.000 EUR und der Ex-Vorstandschef des BKK-Bundesverbandes auf 268.000 EUR. Und auch die Gegenseite greift zu. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung lässt sich mit 260.000 EUR von den niedergelassenen Ärzten bezahlen. Diese Vergütung liegt immerhin über dem Verdienst von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eine Arzthelferin in Thüringen kommt etwa auf 18.000 EUR brutto im Jahr.
- Ist die AOK eigentlich auch für die Abrechnung beim Friseur zuständig und wie hoch ist der Beitrag der Friseure zur Kassenfriseurlichen Bundesvereinigung? – Nur mal so, als Frage!
Wenn man sich als Arzt in Nordhausen mit leichter Arbeit dumm und dämlich verdienen könnte, dann müsste es diese Spezies doch wie Sand am Mehr geben. Doch vergleichen Sie mal, wie viele Bewerber sich auf eine Stelle als Arzt, Krankenschwester oder Pfleger melden, mit der Zahl der Interessenten für eine freie Stelle in der öffentlichen Verwaltung! Welcher Job scheint der lukrativere zu sein?
Wer die Probleme angehen will, muss weg von immer mehr staatlicher Regulierung und hin zu mehr Transparenz und Marktwirtschaft im Gesundheitswesen. Herr Rösler – so scheint es – ist mit besten Ansätzen (siehe Koalitionsvertrag) nicht sehr weit auf diesem Weg gekommen. So wird das von Klaus-Uwe geschilderte Problem schon wegen der demographischen Entwicklung immer größer werden. Leider.
Steffen Liesegang, ein frustrierter Liberaler
P.S.: Zitat aus § 12 SGB V Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.Wer erinnert sich noch, welche Schulnote ausreichend war? Dass der Leistungsanspruch der gesetzlich Versicherten auf ausreichend beschränkt ist, erzählen weder AOK noch Lauterbach, Seehofer
Das Problem, als Neupatient bei einem Arzt ohne lange Wartezeiten einen Termin zu bekommen, dürfte den meisten Lesern bekannt sin. Aber haben Sie schon einmal versucht, bei einem Nordhäuser Augenarzt vorgelassen zu werden? Ich meine nicht die Notfallversorgung. Die müssen die Ärzte absichern. Aber so dreist war ich nicht, mich mit vorgeblicher Halbblindheit auf gut Glück in ein Wartezimmer zu setzen. Das nächste Mal werde ich das aber tun. Denn ich habe nun meine Erfahrungen, als biederer Mensch nett telefonisch bei den vier in unserer Stadt vorhandenen Augenarztpraxen anzurufen und einen Termin vereinbaren zu wollen.
Zuerst in der Praxis Dr. Klieme, Bochumer Str. 157. Da war ich noch naiv erstaunt. Die freundliche aber resolute Schwester teilte mir unmissverständlich mit, dass kein Termin zu bekommen sei, dass Neupatienten grundsätzlich nicht angenommen werden. Auch nicht mit Überweisung vom Hausarzt. Aber ich hätte für rund 39 Euro die Möglichkeit, eine Privatsprechstunde zu besuchen. Das habe ich als Kassenpatient dankend abgelehnt.
Mir schwante schon, dass mein Misserfolg vielleicht kein Zufall ist. Und tatsächlich! Beim nächsten Anruf in der Gemeinschaftspraxis Dr. Hoffmann/Dr. Holzwarth, Reichsstraße 26a, bekam ich eine ähnliche Auskunft – keine Annahme von Neupatienten. Jedoch gibt es hier zumindest eine kleine Hoffnung: An einem (!) Tag im Dezember 2010 werden Neupatienten angenommen. Dafür sollte ich ab September – ein genaueres Datum war nicht zu erfahren – noch einmal anrufen. Meine Frage danach, wie denn die Selektion erfolgt, wenn sich mehr Kandidaten anmelden, als an einem Tag von den Ärzten behandelt werden können, wurde leider nicht beantwortet. Ich hoffe, es geht so gerecht zu, dass wer zuerst kommt, auch zuerst mahlt. Für alle Fälle erhielt ich auch hier den Hinweis auf Privatsprechstunden für die schon erwähnten rund 39 Euro.
Nun war mein sportlicher Ehrgeiz geweckt. Ich habe eine Wette mit mir selbst abgeschlossen, dass bei den zwei verbleibenden Augenarztpraxen wohl das gleiche Ergebnis rauskommen wird. Ich bin weit entfernt, den Augenärzten unterstellen zu wollen, sie hätten sich abgesprochen. Das wäre genau so lächerlich wie die bekannte Unterstellung von Preisabsprachen der Mineralölkonzerne an den Tankstellen. Aber, wo ein Monopol ist, sind solche Mutmaßungen nicht weit entfernt, zumindest bei den Benzinpreisen. Und sechs Augenärzte in vier Praxen für gut 45.000 Einwohner sprechen nicht gerade für die Wahlmöglichkeiten des Patienten auf einem funktionierenden Gesundheitsmarkt.
Die Wette habe ich nicht ganz gewonnen. Denn in der Praxis Dr. Voita, August-Bebel-Platz 33, bekam ich zwar auch keinen Termin, aber auch keine Aussicht, je einen zu erheischen. Auch nicht mit Voranmeldung für übernächstes Jahr. Dafür, die Gerechtigkeit gebietet mir, das zu schreiben, gab mir die Sprechstundenhilfe auf meine nun schon gezielte Frage zu den privat bezahlten Sprechstunde eine Abfuhr. Nein, bei Dr. Voita gibt es für Kassenpatienten keine Privatsprechstunden. Da muss ich schon zu anderen Augenärzten gehen. Hab ich gemacht. Die letzte Praxis im Bunde, Dr. Gründel und Dr. Heise, Stolberger Str. 27, ist telefonisch nur zwischen 12 und 13 Uhr zu erreichen. Und auch in dieser Zeit habe ich zwei Tage gebraucht, ehe ich die Schwester am Apparat hatte. Ab Januar könnte ich mich für Juli nächsten Jahres anmelden. Das war die erste halbwegs verbindliche Aussage von einem der Ärztinnen und Ärzte. Allerdings gilt auch hier, wenn ich schneller dran sein möchte: Freitags Vormittag gibt es die schon bekannte Privatsprechstunde.
Wer glaubt, ich will die Augenärzte hier an den Pranger stellen, der irrt. Nichts liegt mir ferner. Sie haben einen schweren und sehr verantwortungsvollen Beruf. Sie gehören dabei nicht zu den Geringverdienern, aber das ist gerecht. Was mich dennoch ausgesprochen verwundert hat, ist, dass bei nüchterner Betrachtung unser Gesundheitssystem in diesem Fall schon voll nach Marktgesetzen funktioniert. Oder auch nicht funktioniert, für diejenigen die ohne ärztliche Versorgung bleiben und sich Privatsprechstunden nicht leisten können. Es gibt soviel Nachfrage nach der Dienstleistung, dass die Ärzte es sich als Dienstleister erlauben können und vielleicht auch müssen, potentielle Patienten abzulehnen.
Das Argument der Überbelastung lasse ich nur teilweise gelten. Denn für die Privatsprechstunden, die wahrscheinlich deutlich größeren wirtschaftlichen Vorteil für die Ärzte bringen, haben sie freie Kapazitäten, sonst wären sie nicht im Angebot. Denn der Arzt ist auch in der Privatsprechstunde vor seinem Patienten verantwortlich. Keiner der Augenärzte würde es sich erlauben können, total ausgelaugt vom allgemeinen Sprechstundendienst und dem gewaltigen Papierkrieg, den er zu schultern hat, Kunden privat auf die Gefahr hin zu behandeln, überlastet Kunstfehler zu machen. Das Risiko wäre zu groß.
Ich habe mich nach meinen Anrufen in den Praxen bei der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringens (KVT) erkundigt, warum die Situation so ist. Die Antwort dort war verblüffend einfach und klar. Laut § 4 der Richtlinien der KVT über die Abhaltung von Sprechstunden müssen die Ärzte mindestens 20 Stunden wöchentliche Sprechstundentätigkeit absichern. Das tun sie. Bedarf wäre für viel mehr da. Und das liegt daran, dass Augenärzte nun mal häufig mit mehr älteren Menschen zu tun haben. Die Schlüssel der Vergütung durch die Krankenkassen ignorieren aber die Altersstruktur. Und je mehr Kassenpatienten ein Arzt behandelt, desto weniger rentabel wird es wirtschaftlich für ihn. Will sagen, dass es bei der demographischen Struktur in Ostdeutschland im vorhandenen Gesundheitssystem einfach diese Lücken geben muss. Wir haben mehr ältere Menschen als vergleichbare Regionen in den Altbundesländern. In Köln z.B. bekommen sie nachweislich innerhalb eines Monats einen Termin beim Augenarzt.
Die Augenärzte verhalten sich innerhalb des Gesundheitssystems also wie Privatunternehmer. Sie werden von den Kassen quasi auch als solche behandelt. Sie tragen das wirtschaftliche Risiko. Warum sollte ich also verlangen, dass sie betriebswirtschaftlich unökonomisch arbeiten? Nun ja, es gibt da noch einen kleinen Unterschied, sagen wir zwischen einem KfZ-Mechaniker und einem Augenarzt. Der Meister ist verantwortlich für die Verkehrssicherheit seiner Arbeit. Er trägt damit Verantwortung für Gut und Gesundheit seiner Kunden und haftet im Zweifelsfall dafür. Der Arzt aber hat im Unterschied zum Handwerker nicht nur die umfangreiche Hochschulausbildung, er hat vor allem den Hippokratischen Eid ablegen müssen.
Wahrscheinlich ist ja am System etwas faul. Ich halte es für meinen Teil für naiv, ein allumfassendes staatliches Gesundheitssystem als Alternative anzubieten. Das gibt es beispielsweise in Großbritannien oder, noch krasser, in Russland. Das Ergebnis ist eine knallharte Klassenmedizin, bei welchem die Armen runterfallen. Welche Konsequenzen das haben kann, zeigen Beispiele von Augenärzten, die aus der Kassenärztlichen Vereinigung ausgetreten sind und somit nur noch privat auf Cash behandeln. Wirtschaftlich scheint das praktikabel zu sein. Ist es von uns auch so gewollt?
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Endlich entbürokratisieren und leistungsgerecht bezahlen!
Klaus-Uwe hat wie immer sehr intensiv recherchiert und ausgewogen formuliert. Seinem Grundtenor ist nicht zu widersprechen. Da ich mich selbst seit 14 Jahren im Gesundheitswesen herumschlage, will ich dennoch ein paar Hinweise geben:
Das von Klaus-Uwe geschilderte Problem ist natürlich kein Einzelfall. Da er ein pfiffiger Nordhäuser ist, wird er für sich eine Lösung finden. Für viele andere Patienten nicht nur bei Augenärzten, die sich nicht an die Öffentlichkeit wagen, bleibt es wie verhext. Ich selbst wich vor zwei Jahren nach Mühlhausen aus, weil ich in Nordhausen keinen Termin beim Facharzt bekam.
Das Problem ist nicht neu. Spätestens seit Exgesundheitsminister Seehofer (CSU) besteht es, mit seinen Nachfolgerinnen Fischer (Grüne) und Schmidt (SPD) hat es sich verschärft: Die Politik verspricht den gesetzlich Versicherten für eine monatliche Flatrate von 0,00 EUR (Familienversicherte Kinder, Hausfrauen und –männer) bis maximal 296,25 EUR eine grenzenlose medizinische Versorgung auf Weltspitzenniveau. Doch im Gesundheitsmarkt – den ich bewusst so nenne, denn alles andere ist Augenwischerei – gelten die Regeln von Angebot und Nachfrage: Bei einem staatlich festgesetzten Höchstpreis (dies sind die Budgets für die verschiedenen Bereiche im Gesundheitswesen, die sich aus der Flatrate nach Abzug der Bürokratiekosten von AOK, BARMER u. s. w. berechnen), der niedriger ist als der Gleichgewichtspreis zwischen Angebot und Nachfrage, ist die Nachfrage weit größer als das Angebot. Das kennen wir aus der DDR doch bestens (z. Bsp. Mieten, Handwerker, Südfrüchte). Da hieß es Mangelwirtschaft mit den Folgen Rationierung und Schwarzmarkt.
Nach den Regeln der deutschen Kassenmedizin bekommt ein niedergelassener Arzt pro Leistungseinheit ein immer geringeres Honorar, je mehr er arbeitet. Ein schlechter Arzt mit wenigen Patienten verdient pro Patient viel mehr als ein guter Arzt mit sehr vielen Patienten. Außerdem bekommen alle Ärzte Honorarkürzungen, wenn die gesetzlich Versicherten öfter krank werden, als von der Staatlichen Plankommission festgelegt. Somit sucht der Arzt, dessen tägliche Leistungsfähigkeit physischen und psychischen Grenzen unterliegt, nach Auswegen, die es ihm erlauben, in seiner Behandlungszeit so viel Umsatz zu erwirtschaften, dass er damit seine Kosten decken und ein angemessenes Einkommen erzielen kann.
Wegen der oben beschriebenen Vergütungsdegression bei Kassenpatienten bleibt bei steigenden Kosten für Personal, Geräte, Miete, Nebenkosten u. s. w. rational nur der Ausweg über die unbudgetierte Privatsprechstunde, die außerdem enorm Zeit spart, weil sie viel weniger Bürokratie verursacht als die Kassenleistung. Täten die Ärzte dies nicht, könnten sie aus wirtschaftlichen Gründen gar keine Kassenpatienten mehr behandeln! Von Typen wie Karl Lauterbach, dem so genannten SPD-Gesundheitsexperten, werden die Ärzte dafür am Nasenring des Hippokratischen Eides durch die Arena getrieben.
Übrigens arbeiten Ärzte in Thüringen nach Erhebungen der LÄK ca. 63 Stunden/Woche, wovon mindestens 20 % für die Kassenbürokratie anfallen. Das Einkommen der Ärzte ist in absoluten Zahlen immer noch hoch, doch rechnen Sie mal auf die tatsächlichen Arbeitsstunden um! Außerdem muss ein niedergelassener Arzt aus seinem Einkommen noch Renten- u. Krankenversicherung (ohne steuerfreien Arbeitgeberzuschuss) finanzieren. Hinzu kommen die Steuern, im Unterschied zu Arbeitnehmern ohne steuerfreie Zuschläge für Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeit. Für die Urlaubszeit gibt’s gar nichts, aber die Kosten laufen weiter und Lohnfortzahlung bei Krankheit kennt der niedergelassene Arzt nur für seine Mitarbeiter. Laut Erhebung von Stern, Stat. Bundesamt und Hans-Böckler-Stiftung (DGB) sank das Bruttoeinkommen der Ärzte von 1990 bis 2008 nach Abzug der Inflation um 50 %, das der Verwaltungsfachleute, dazu gehören auch die Mitarbeiter der gesetzlichen Krankenversicherungen, stieg dagegen nach Abzug der Inflation um 19 %. Allein diese Statistik zeigt, worauf sich Gesundheitspolitik in Deutschland in den letzten 20 Jahren konzentriert hat: Immer mehr staatliche Regulierung, immer mehr Bürokratie!
Und die Bürokratie kostet: Der Vorstandsvorsitzende der Techniker-Krankenkasse erhielt 2008 beispielsweise 246.000 EUR Vergütung und eine Leistungsprämie von 50.000 EUR angesichts der Fusion seiner Krankenkasse mit der Innungskrankenkasse (IKK) Direkt. Bei der Barmer erhalten Vorstandsmitglieder nach einer Veröffentlichung im Bundesanzeiger 198.000 EUR. Bei der Deutschen Angestellten-Krankenkasse erhält der Vorstandsvorsitzende ein Jahressalär von 231.000 EUR. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern brachte es 2008 auf 221.000 EUR und der Ex-Vorstandschef des BKK-Bundesverbandes auf 268.000 EUR. Und auch die Gegenseite greift zu. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung lässt sich mit 260.000 EUR von den niedergelassenen Ärzten bezahlen. Diese Vergütung liegt immerhin über dem Verdienst von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eine Arzthelferin in Thüringen kommt etwa auf 18.000 EUR brutto im Jahr.
- Ist die AOK eigentlich auch für die Abrechnung beim Friseur zuständig und wie hoch ist der Beitrag der Friseure zur Kassenfriseurlichen Bundesvereinigung? – Nur mal so, als Frage!
Wenn man sich als Arzt in Nordhausen mit leichter Arbeit dumm und dämlich verdienen könnte, dann müsste es diese Spezies doch wie Sand am Mehr geben. Doch vergleichen Sie mal, wie viele Bewerber sich auf eine Stelle als Arzt, Krankenschwester oder Pfleger melden, mit der Zahl der Interessenten für eine freie Stelle in der öffentlichen Verwaltung! Welcher Job scheint der lukrativere zu sein?
Wer die Probleme angehen will, muss weg von immer mehr staatlicher Regulierung und hin zu mehr Transparenz und Marktwirtschaft im Gesundheitswesen. Herr Rösler – so scheint es – ist mit besten Ansätzen (siehe Koalitionsvertrag) nicht sehr weit auf diesem Weg gekommen. So wird das von Klaus-Uwe geschilderte Problem schon wegen der demographischen Entwicklung immer größer werden. Leider.
Steffen Liesegang, ein frustrierter Liberaler
P.S.: Zitat aus § 12 SGB V Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.Wer erinnert sich noch, welche Schulnote ausreichend war? Dass der Leistungsanspruch der gesetzlich Versicherten auf ausreichend beschränkt ist, erzählen weder AOK noch Lauterbach, Seehofer
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnzDie im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
