WENDE GUT – ALLES GUT? (1)
Sonntag, 03. Oktober 2010, 14:00 Uhr
Heute begeht das deutsche Volk den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Anlass für nnz-Autor Hans-Georg Backhaus eine Rückschau zu wagen auf den 1. Juli 1990, als die Währungsunion kam, den 3. Oktober 1990, als die Einheit zumindest formal-rechtlich vollzogen wurde und die Folgezeit, in der sich die ehemaligen DDR-Bürger auf eine völlig veränderte Situation einstellen mussten.
Einen gewichtigen Schritt in Richtung Einheit stellte nach der überraschenden Grenzöffnung vom 9. November 1989 für die DDR-Bürger der 1. Juli 1990 dar. An diesem Tag vollzogen DDR und BRD die vereinbarte Währungsunion. Geradezu vehement war dieses Datum von den Menschen in Ostdeutschland herbei gesehnt worden. So manchem Politiker klangen im Vorfeld der Währungsunion die mitunter sehr bedrohlich wirkenden Rufe zehntausender Demonstranten noch im Ohr, die unmissverständlich zu verstehen gegeben hatten: Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr! An solch einer Völkerwanderung konnten die Politiker weder im Osten noch im Westen ein Interesse haben. Deshalb war hier höchste Eile geboten.
Und was den DDR-Deutschen plötzlich alles geboten wurde: Lebens- und Genussmittel in bislang nicht gekannter Menge und Aufmachung, Luxusgüter aller Schattierungen, Designermode, hochwertige technische Konsumgüter, Westautos sämtlicher Klassen und Marken. Und nicht zu vergessen: Traumreisen in alle Welt. Nun schien es also da zu sein – das Paradies auf Erden. Oder besser: auf (ost)deutschen Boden. Niemand schien es anfangs zu bemerken (oder wollte es auch nicht), dass Ostprodukte mehr und mehr aus den Regalen verschwanden und die hinlänglich bekannten Symbole des staatlichen und genossenschaftlichen Einzelhandels durch Schriftzüge westlicher Handelsketten ersetzt wurden.
Der Sommer 1990 ging vorüber und obwohl aus der Bürgerbewegung und von Einzelpersonen der Vorschlag unterbreitet wurde, den 9. November als Tag der Wiedervereinigung festzulegen, hatten Politgrößen sich inzwischen für den 3. Oktober entschieden. Mit einem feierlichen Staatsakt, Volksfesten, Feuerwerken und Glockengeläut wurde dieser Tag dann auch im ganzen Land begangen. Ein Traum war Wirklichkeit geworden – Deutschland war wieder eins.
Doch alsbald kehrte Ernüchterung ein. Der Alltag hatte die Menschen im Osten schnell eingeholt. Sie sahen sich plötzlich mit Problemen konfrontiert, die sie bislang nicht gekannt hatten: Ihre Betriebe waren plötzlich nicht mehr oder nur in eingeschränktem Maße wettbewerbsfähig. Ihre Produkte fanden im eigenen Land keinen Absatz mehr. Schließlich brach im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen in den ehemaligen sozialistischen Staaten der Osthandel weg. Die Folge waren Entlassungen in Größenordnungen.
Von der Arbeitslosigkeit besonders betroffen waren die Frauen. In der DDR galten sie als unverzichtbares Arbeitskräftepotenzial und waren zu über 90 Prozent erwerbstätig. Alsbald macht ein gespenstisches Wort die Runde: Abwicklung! Die Treuhandanstalt, die die Aufgabe hatte, einstige volkseigene Betriebe zu privatisieren oder nach anderen Möglichkeiten des Fortbestehens der Firmen zu suchen, geriet in die Negativ-Schlagzeilen. Verzweifelt suchten Tausende junger Leute nach Ausbildungsplätzen.
Zudem setzten drastische Mieterhöhungen und steigende Lebenshaltungskosten dem gelernten DDR-Bürger arg zu. Nicht wenige bekamen schmerzlich zu spüren, dass es in einer sozialen Marktwirtschaft nicht immer fair zugeht. Sie kamen mit sich und den veränderten persönlichen wie auch gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr zurecht und sahen im Freitod mitunter den einzigen Ausweg. Die Revolution forderte ihre ersten Opfer.
Zu verzeichnen war darüber hinaus ein erschreckender Anstieg der Kriminalität, der sich bis in die heutige Zeit – von wenigen Ausnahmen abgesehen – fortgesetzt hat. Polizei und Justiz fühlten sich – trotz massiver Hilfe aus dem Westen – völlig überfordert. Und einige inzwischen demokratisch gewählte Politiker, zuweilen Wortführer der friedlichen Revolution, begingen auf unterschiedliche Weise Verrat am Volk. (Wird fortgesetzt)
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnzEinen gewichtigen Schritt in Richtung Einheit stellte nach der überraschenden Grenzöffnung vom 9. November 1989 für die DDR-Bürger der 1. Juli 1990 dar. An diesem Tag vollzogen DDR und BRD die vereinbarte Währungsunion. Geradezu vehement war dieses Datum von den Menschen in Ostdeutschland herbei gesehnt worden. So manchem Politiker klangen im Vorfeld der Währungsunion die mitunter sehr bedrohlich wirkenden Rufe zehntausender Demonstranten noch im Ohr, die unmissverständlich zu verstehen gegeben hatten: Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr! An solch einer Völkerwanderung konnten die Politiker weder im Osten noch im Westen ein Interesse haben. Deshalb war hier höchste Eile geboten.
Und was den DDR-Deutschen plötzlich alles geboten wurde: Lebens- und Genussmittel in bislang nicht gekannter Menge und Aufmachung, Luxusgüter aller Schattierungen, Designermode, hochwertige technische Konsumgüter, Westautos sämtlicher Klassen und Marken. Und nicht zu vergessen: Traumreisen in alle Welt. Nun schien es also da zu sein – das Paradies auf Erden. Oder besser: auf (ost)deutschen Boden. Niemand schien es anfangs zu bemerken (oder wollte es auch nicht), dass Ostprodukte mehr und mehr aus den Regalen verschwanden und die hinlänglich bekannten Symbole des staatlichen und genossenschaftlichen Einzelhandels durch Schriftzüge westlicher Handelsketten ersetzt wurden.
Der Sommer 1990 ging vorüber und obwohl aus der Bürgerbewegung und von Einzelpersonen der Vorschlag unterbreitet wurde, den 9. November als Tag der Wiedervereinigung festzulegen, hatten Politgrößen sich inzwischen für den 3. Oktober entschieden. Mit einem feierlichen Staatsakt, Volksfesten, Feuerwerken und Glockengeläut wurde dieser Tag dann auch im ganzen Land begangen. Ein Traum war Wirklichkeit geworden – Deutschland war wieder eins.
Doch alsbald kehrte Ernüchterung ein. Der Alltag hatte die Menschen im Osten schnell eingeholt. Sie sahen sich plötzlich mit Problemen konfrontiert, die sie bislang nicht gekannt hatten: Ihre Betriebe waren plötzlich nicht mehr oder nur in eingeschränktem Maße wettbewerbsfähig. Ihre Produkte fanden im eigenen Land keinen Absatz mehr. Schließlich brach im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen in den ehemaligen sozialistischen Staaten der Osthandel weg. Die Folge waren Entlassungen in Größenordnungen.
Von der Arbeitslosigkeit besonders betroffen waren die Frauen. In der DDR galten sie als unverzichtbares Arbeitskräftepotenzial und waren zu über 90 Prozent erwerbstätig. Alsbald macht ein gespenstisches Wort die Runde: Abwicklung! Die Treuhandanstalt, die die Aufgabe hatte, einstige volkseigene Betriebe zu privatisieren oder nach anderen Möglichkeiten des Fortbestehens der Firmen zu suchen, geriet in die Negativ-Schlagzeilen. Verzweifelt suchten Tausende junger Leute nach Ausbildungsplätzen.
Zudem setzten drastische Mieterhöhungen und steigende Lebenshaltungskosten dem gelernten DDR-Bürger arg zu. Nicht wenige bekamen schmerzlich zu spüren, dass es in einer sozialen Marktwirtschaft nicht immer fair zugeht. Sie kamen mit sich und den veränderten persönlichen wie auch gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr zurecht und sahen im Freitod mitunter den einzigen Ausweg. Die Revolution forderte ihre ersten Opfer.
Zu verzeichnen war darüber hinaus ein erschreckender Anstieg der Kriminalität, der sich bis in die heutige Zeit – von wenigen Ausnahmen abgesehen – fortgesetzt hat. Polizei und Justiz fühlten sich – trotz massiver Hilfe aus dem Westen – völlig überfordert. Und einige inzwischen demokratisch gewählte Politiker, zuweilen Wortführer der friedlichen Revolution, begingen auf unterschiedliche Weise Verrat am Volk. (Wird fortgesetzt)
Hans-Georg Backhaus
