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Ein Stück Südharzer Industriegeschichte

Freitag, 14. Januar 2011, 10:32 Uhr
Genzel-Katalog (Foto: Michael Reinboth) Genzel-Katalog (Foto: Michael Reinboth) Mit einem bemerkenswerten, vor über 30 Jahren zu Ende gegangenen Kapitel der Südharzer Industriegeschichte begann der Nordhäuser Geschichtsverein seine Themenabende im neuen Jahr.

Michael Reinboth aus Walkenried berichtete über die Entstehung, die Entwicklung und den Niedergang der Walkenrieder Seifenfabrik von Karl Genzel, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Hauptlieferant von Seifen, Waschpulver, Bohnerwachs, Schuhcreme und anderen Produkten vor allem für die ländliche Bevölkerung in Thüringen und namentlich in den Dörfern rund um Nordhausen war.

1896 gegründet, entwickelte sich die zunächst handwerkliche Herstellung von Gallseife bis 1910 zu einem beachtlichen Unternehmen, welches in seiner Blütezeit rund 500 Menschen Lohn und Brot gab, darunter sehr vielen Handelsvertretern, die Mittel- und Ostdeutschland bereisten und die Genzel-Produkte anboten. Die Walkenrieder Firma engagierte sich sehr früh im Versandhandel und richtete ihre Produktpalette vollständig am Bedarf der Landbevölkerung aus; sie bot unter anderem eine vielfältige Gefäßpalette für ihre Schmierseife an, die nach Verbrauch in Küche und Keller weiterverwendet werden konnte.

Genzel bediente auch den Markt der Feinseifen und produzierte Waschpulver aller Art. Die vor allem in den fünfziger Jahren entstandenen Verpackungen des Grafikers Karl Helbing stellten sehr oft das Kloster Walkenried dar und sind heute durchaus begehrte Sammelobjekte. Das Aufkommen synthetischer Waschmittel aus künstlich hergestellten Ölen und Fetten, der Siegeszug der Waschmaschine und der Verlust beträchtlicher Kundenkreise durch die Grenzziehung nach 1945 trugen ebenso wie die erlahmende Investitionstätigkeit der Nachkommen – Genzel hatte fünf Töchter, Schwiegersohn Brodthage trat nach dem Tod des Firmengründers 1931 die Nachfolge in der Geschäftsführung an – zum Niedergang der Firma bei. Das Unternehmen musste 1977 Insolvenz anmelden, überlebte aber noch weitere 10 Jahre in Gestalt einer Filiale der Firma „Dreiturm“.
Heute künden in Walkenried nur noch zwei bemerkenswerte Bauten des Nordhäuser Architekten Gustav Ricken, die Friedhofskapelle, ein Straßenname und eine leere Fläche im Ortskern von der Existenz dieses einst wichtigsten Arbeitgebers in Walkenried.

In seinem Vortrag ging Michael Reinboth auch auf den eigentlichen Herstellungsprozess von Seifen und Waschpulvern ein und konnte einige auch nach gut 50 Jahren noch durchaus funktionsfähige Produkte aus dem Hause Genzel präsentieren. „Im Archiv des Vereins für Heimatgeschichte in Walkenried (Vereinshaus Geiersberg) sind bis auf weiteres viele Schaustücke aus der einst bedeutenden Seifenfabrik Karl Genzel ausgestellt. Das Archiv ist jeden Dienstag von 15 bis 17 Uhr geöffnet“. so der aus Kehmstedt stammende Referent, dessen Vortrag sehr interessant und kurzweilig war.
Autor: rh

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