nnz-online

Nutten an der Wassertreppe

Donnerstag, 10. März 2011, 08:11 Uhr
Das älteste Gewerbe der Welt hinterließ auch in der Geschichte Nordhausens seine Spuren. Bei einer besonderen Stadtführung kam die Sache zur Sprache, auch wenn niemand gerne darüber spricht. Doch dies war längst nicht alles, was „Frauen on Tour“ zu bieten hatte.

Frauen on Tour (Foto: M. Daniel) Frauen on Tour (Foto: M. Daniel)
Michaela Lindner erklärte als Hübschnerin gekleidet die mittelalterlichen Spuren der Prostitution in Nordhausen

Die Vorbereitung hat sich gelohnt. Gruppen von Frauen pilgerten an ihrem Ehrentag durch die Nordhäuser Altstadt, als „Frauen on tour“ mit grünen Bändchen erkennbar. Doch ohne Sponsoren und die mitwirkenden Akteure, die vielen engagierten ehrenamtlichen Helfer, Geschäfte und gastronomischen Einrichtungen hätte sich ein solches Programm nicht auf die Beine stellen lassen. Darüber herrschte im nachhinein Einigkeit bei den fleißigen und zu recht ein wenig stolzen Veranstaltern. Das Frauennetzwerk zog mit all seinen Verbündeten an den Organisationsfäden für das Programm und die vierzehn verschiedenen Angebote anlässlich des einhundertsten Frauentages.

Bereits in der vormittäglichen Festveranstaltung im Audimax der Fachhochschule brillierte der Mehrgenerationenchor mit einer teils selbstironischen Gesangseinlage, in dessen Repertoire „Das bisschen Haushalt macht sich von allein“ nicht fehlen durfte. Zeigt der Titel doch eine zu seiner Entstehungszeit übliche männliche Sicht auf die häuslichen Aufgaben. Am Abend kümmerte sich dann das Catering der Menümanufaktur von LIFT um Sektempfang und anschließende Versorgung während des Kabaretts im Tabakspeicher.

Gut gelaunte und von den letzten Strahlen der Abendsonne verwöhnte Damen verteilten sich kurz nach 18 Uhr im Umkreis auf die anderen Veranstaltungsorte. Die lockten mit Kunst, Torte, Blumen, Mode, Cocktails, kulinarischem Vergnügen und Musik. Die beiden Stadtführungen unter Feder- und Anführung von der ehrenamtlich und sichtlich vergnügt wirkenden Michaela Lindner wandelten mit einer riesigen Schar Neugieriger auf den Spuren von Nonnen, Nutten und Trümmerfrauen.

Dabei brachten die historisch gewandeten sechs Frauen unter anderem ihre Ausbeute über Fakten zum ältesten Gewerbe, das natürlich bereits auch vor Jahrhunderten in der Rolandstadt vertreten war, zur Sprache. Die als Hübschnerin – also mittelalterliche Prostituierte – in gelb und für heutige Verhältnisse mehr als züchtig gekleidete Michaela Lindner erklärte: „Es ist unglaublich schwierig, darüber etwas in Erfahrung zu bringen. Über dieses Thema wurde und wird einfach nicht gerne geredet.“ Trotzdem überraschte sie mit interessanten Details aus der gesellschaftlichen Stellung und Arbeit der Prostituierten und deren Spuren in der Nordhäuser Geschichte.

Bis in die späten Abendstunden herrschte am Dienstag ein reges Treiben. Geschätzte 300 Damen ließen sich dieses Angebot nicht entgehen. Auf einen solchen Zuspruch für eine Frauentagsveranstaltung, die es so bisher noch nicht gab, hatte man zwar gehofft, doch nicht unbedingt damit gerechnet. Das brachte viel Leben in die Altstadt, die sich in romantisches Licht getaucht den Feiernden bestens empfohlen hat.

Und alle Ehrenamtlichen, Organisatoren und Mitwirkende registrierten mit Freude den überaus regen Zuspruch der holden Weiblichkeit an einem durchaus nicht ganz gewöhnlichen Dienstag.
Mathias Daniel
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de