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Nach 66 Jahren

Dienstag, 05. April 2011, 16:28 Uhr
Mit zahlreichen Veranstaltungen wird in den kommenden Tagen an die 66. Wiederkehr der Befreiung des damaligen KZ Mittelbau Dora gedacht und erinnert. Hier ein erster Überblick in Ihrer nnz.


Die zentrale Veranstaltung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora zum Jahrestag der Lagerbefreiung findet am Dienstag, dem 12. April 2011, ab 11.00 Uhr in der rekonstruierten Unterkunftsbaracke statt. Ehemalige Häftlinge sowie Angehörige und Hinterbliebene der KZ-Gefangenen aus West- und Osteuropa sowie Australien werden dazu erwartet.

Der inhaltliche Schwerpunkt der diesjährigen Veranstaltungen liegt auf der Zeit nach der Befreiung und dem Thema Heimkehr. Viele westeuropäische KZ-Überlebende konnten noch im April 1945 in ihre Heimat zurückkehren und wurden dort als Widerstandskämpfer empfangen. Für viele ihrer sowjetischen Mithäftlinge gestaltete sich die Rückkehr schwieriger – sie galten in Stalins Sowjetunion als Kollaborateure der Deutschen.

Viele jüdische Überlebende wiederum konnten nicht zurückkehren, weil es für sie nach der Ermordung ihrer Familien und dem Auslöschen ganzer Orte keine Heimat mehr gab. Dieser Problematik ist das Projekt junger Freiwilliger in der KZ-Gedenkstätte gewidmet. Ihre Sonderausstellung Heimkehr? Wege nach der Befreiung wird im Rahmen der Gedenkveranstaltung eröffnet.

Die Gedenkansprache wird – neben einem Grußwort von Prof. Dr. Thomas Deufel, Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur – der ehemalige Häftling Wladislaw Slawski halten.

Wladislaw Slawski
Im Alter von erst 18 Jahren wurde Wladislaw Slawski 1942 aus dem besetzten Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Im Mai 1944 wies ihn die Gestapo in das KZ Buchenwald ein. Von dort brachte ihn die SS wenig später nach Mittelbau-Dora und gegen Ende des Krieges in das KZ Flossenbürg. Er überlebte die Todesmärsche und wurde am 23. April 1945 durch die Amerikaner befreit.

Doch nach Hause zurückkehren konnte und wollte er nicht. Seine ostpolnische Heimat war von der Sowjetunion annektiert worden; hier sah er für sich keine Zukunft. Von den Besatzungsmächten hin- und hergeschoben, irrte er lange auf der Suche nach einer neuen Bleibe durch Polen, die Tschechoslowakei und
Deutschland. Ende 1945 fand Wladislaw Slawski eine Anstellung im Rheinland und heiratete einige Jahre später eine Deutsche. Das Paar hat drei Töchter.

„Displaced Persons“ von Clemens Kalischer
Im Anschluss an die offizielle Kranzniederlegung wird in der ehemaligen Feuerwache des Lagers eine zweite Sonderausstellung präsentiert: „Displaced Persons. New York 1947/48“ ist eine Fotoausstellung der Galerie argus fotokunst mit Arbeiten von Clemens Kalischer.

Ankunft in New York (Foto: Gedenkstätte Mittelbau Dora) Ankunft in New York (Foto: Gedenkstätte Mittelbau Dora)

Der 1921 geborene renommierte Künstler hat seine Kindheit und die ersten Schuljahre in Nordhausen verbracht. Nach seiner Internierung in Arbeitslagern in Frankreich, wohin die jüdische Familie Anfang der 1930er Jahre emigriert war, gelang ihm 1942 mit Unterstützung durch die Hilfsorganisation Eleanor Roosevelts die Ausreise in die USA.

Bald schon wurde Kalischer freier Fotograf bei der New York Times und stellte 1955 erstmals Fotos im Museum of Modern Art aus. In den 1960er Jahren gründete er die Image Gallery und Image Photos und wurde im Jahr 2000 Mitglied in der American Society for Picture
Professional.

Clemens Kalischers Ausstellung „Displaced Persons“ zeigt die Ankunft von aus Europa emigrierten Holocaust-Überlebenden im Hafen von New York – jener Stadt, in der er selbst als Flüchtling im Jahr 1942 amerikanischen Boden betrat. Zur Eröffnung der Ausstellung kehrt der 90-Jährige erstmals nach dem Krieg in seine Heimatstadt Nordhausen zurück.

Gedenkveranstaltungen in Osterode am Harz und Ellrich
Am Mittwoch, dem 13. April 2011, findet eine weitere Gedenkveranstaltung am Südbahnhof in Osterode am Harz statt. Um 17.00 Uhr folgt eine öffentliche Gedenkfeier mit Kranzniederlegung auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte.

Alle Gedenkveranstaltungen sind öffentlich; Interessierte sind herzlich eingeladen.

Hintergrund: Das KZ Mittelbau-Dora
Das Lager „Dora“ wurde im August 1943 als Außenlager des KZ Buchenwald gegründet und im Oktober 1944 zusammen mit weiteren Buchenwalder Außenlagern in der Harzregion zum KZ Mittelbau verselbständigt. Es entwickelte sich zum Zentrum eines großen Lagerkomplexes mit über 40 Außenlagern und Arbeitskommandos in beinahe allen Orten der Region.

Der Südharz sollte in der letzten Kriegsphase zu einem Zentrum der unterirdischen Rüstungsproduktion ausgebaut werden. Die meisten Häftlinge des KZ Mittelbau mussten auf Baustellen arbeiten, andere wurden zur Zwangsarbeit in der V2-Produktion herangezogen. Von 60 000 Häftlingen des KZ Mittelbau-Dora kamen 20 000 ums Leben.

Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bietet Führungen im Lagergelände und in der Stollenanlage an. In der 2006 eröffneten Ständigen Ausstellung wird anhand zahlreicher Dokumente, Fotos und Exponate die Geschichte Mittelbau-Doras als Modellfall der KZ-
Zwangsarbeit erzählt.
Autor: nnz

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