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„Wie sieht der 100. Jahrestag aus?“

Dienstag, 12. April 2011, 07:00 Uhr
Im Bürgersaal des Neuen Rathauses stellte der Verein „Jugend für Dora“ am Montagabend das Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ vor. Ein Auftakt für zahlreiche Veranstaltungen, die in den nächsten Tagen an die Befreiung des KZ Mittelbau Dora vor 66 Jahren erinnern. Von der Veranstaltung berichtet Tobias Wendehost…

500 Euro übergeben (Foto: T. Wendehost) 500 Euro übergeben (Foto: T. Wendehost)

Mit jedem weiteren Jahrestag zum Gedenken an die Befreiung des KZ Mittelbau Dora reift die Gewissheit, dass die Zahl der Zeugen der damaligen Ereignisse immer weniger wird. Durch den zeitlichen Abstand zum Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust verblasst somit die Erinnerung weiter. Und jedes Gedenken wird abhängig von geschriebenen, vertonten und visualisierten Zeitzeugenberichten.

Das Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ stellt sich diesem Dilemma und versucht, neben der Dokumentation von Erinnerungen, einen Blick auf die zukünftige Verarbeitung der Ereignisse im KZ Mittelbau Dora zu wagen. Die Inhalte des Projektes stellten die Mitglieder am Montagabend im Neuen Rathaus vor.

Bevor sie einen Überblick der erarbeiteten Dokumentationen und Erkenntnisse vorstellten, überreichte Birgit Keller (DIE LINKE) eine Spende über 500 Euro an die Mitglieder von Jugend für Dora. Hinter der Spende steht der Verein ALTERNATIVE 54, der von Abgeordneten der Thüringer Landtagsfraktion DIE LINKE gegründet wurde. Die Abgeordneten spenden ihre Mehrbezüge aus Diätenerhöhung an die ALTERNATIVE 54, die damit gemeinnützige Projekte unterstützt.

„Jugend für Dora“ nutzt das Geld, um laufende Projektkosten abzudecken und weiter Erinnerungsarbeit zu leisten. Das Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ ist ein Baustein in dieser wichtigen Aufarbeitung. Die engagierten Jugendlichen führten Interviews mit 15 Überlebenden des nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers. Dafür reisten sie nach Belgien, Frankreich, Israel, Italien, Polen sowie in die Ukraine und filmten die einzelnen Gespräche.

Zeitzeugen befragt (Foto: T. Wendehost) Zeitzeugen befragt (Foto: T. Wendehost)

Einige zentrale Erkenntnisse, die sie hierbei gewannen, beziehen sich vor allem auf die unterschiedlichen Erinnerungskulturen in den verschiedenen Ländern. „Die Erinnerung an die Ereignisse unterscheidet sich teilweise sehr stark in West- und Osteuropa. Ein Grund hierfür ist der Grad der Institutionalisierung der Opfergruppen.“ Im Vergleich seien die Überlebenden in Osteuropa und Israel skeptischer bezüglich eines zukünftigen Gedenkens an die nationalsozialistischen Verbrechen als in Westeuropa.

Daneben sei mit den Jahren eine Art „Opferkonkurrenz“ zwischen den Überlebenden entstanden. Politische Gefangene grenzen sich in ihren Erinnerungen von jüdischen Überlebenden oder anderen Opfergruppen ab. Letztlich teilen sie aber die Gedanken an die Gräuel. Diese Erfahrung möchten sie auch der heutigen Generation vermitteln, damit trotz aller Skepsis die Erinnerung am Leben erhalten wird.

In den nächsten Tagen kommt es zu weiteren Gedenkveranstaltungen, die an die Befreiung des KZ Mittelbau Dora erinnern. Die zentrale Veranstaltung findet heute ab 11.00 Uhr in der rekonstruierten Unterkunftsbaracke statt. Ehemalige Häftlinge sowie Angehörige und Hinterbliebene der KZ-Gefangenen aus West- und Osteuropa sowie Australien werden dazu erwartet.
Tobias Wendehost
Autor: nnz

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