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„Der Tunnel“

Montag, 09. Mai 2011, 17:03 Uhr
Am kommenden Sonntag findet unter dem Motto „Museen, unser Gedächtnis“ der Internationale Museumstag statt. Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora beteiligt sich am Museumstag mit Sonderführungen durch Archiv und Sammlung sowie mit einer Ausstellung, die ein einzigartiges Exponat vorstellt – den „Tunnel“ des polnischen Häftlings Edmund Polak...

Dokumente (Foto: KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora) Dokumente (Foto: KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora)

Die Sonderausstellung „Der Tunnel“ präsentiert ein Original-Kunstwerk aus dem Jahr 1944, das die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der unterirdischen Stollenanlage des KZ Mittelbau-Dora darstellt. Es handelt sich um eine aus Papier gefaltete Stollen-Nachbildung, die mit Texten und Zeichnungen über das Leiden und Sterben im Tunnel versehen ist und heimlich vom polnischen Häftling Edmund Polak angefertigt wurde.

Zu sehen sind in der Ausstellung das Original, das aus konservatorischen Gründen nur kurzzeitig gezeigt werden kann, sowie eine Reproduktion, die vom Besucher aufgefaltet werden kann. Zusätzlich wird ein virtuelles Modell des „Tunnels“ präsentiert, das von der TU Darmstadt entwickelt wurde. An einem Touchscreen werden Texte und Zeichnungen interaktiv zugänglich gemacht. Daneben werden Dokumente zum Leben des ehemaligen KZ-Häftlings Edmund Polak und die Historie des Papierfaltobjekts erstmals öffentlich ausgestellt.

Ab 12 Uhr bietet die Gedenkstätte für Interessierte stündlich Führungen durch Archiv und museale Sammlung an. Das Archiv beherbergt zahlreiche Dokumente aus der Zeit des Konzentrationslagers, darunter Unterlagen aus der SS-Verwaltung und mehrere Hundert Häftlingsberichte. In der komplett inventarisierten Sammlung lagern etwa 4500 Objekte. Eine Auswahl aus dem persönlichen Besitz von Häftlingen und Gegenstände des täglichen Gebrauchs während der Zwangsarbeit, etwa Werkzeuge oder Ausrüstungsfragmente, wird bei den Führungen durch die Sammlung zu sehen sein.

Programm am Sonntag (15 . Mai)
  • 11 Uhr, Kinosaal im Museumsgebäude: Eröffnung der Ausstellung „Der Tunnel“ in Anwesenheit des Kanzlers der Technischen Universität Darmstadt, Dr. Manfred Efinger
  • Begrüßung durch Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora
  • Edmund Polak und der „Tunnel“ - Kurzvortrag von Torsten Heß, wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • 12 bis 17 Uhr, Treffpunkt im Foyer des Museumsgebäudes: Stündliche Sonderführungen durch Archiv und museale Sammlung
  • Letzte Führung startet um 16 Uhr. Anmeldung ist an der Besucherinformation möglich. Das gesamte Programm ist kostenfrei. Alle Interessierte sind herzlich willkommen!
Hintergrund
Entstanden ist die Idee für die Digitalisierung und virtuelle Rekonstruktion des
Papierkunstwerks Tunel (so die polnische Originalschreibweise) 2003 an der TU Darmstadt, als sich Bruno Arich-Gerz, damals Juniorprofessor am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft, und Marc Grellert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Informations- und Kommunikationstechnologie in der Architektur, über Potentiale und Einsatzmöglichkeiten von neuen Medien im Feld von kulturellem Gedächtnis und seiner Vermittlung austauschten.

Ein mit digitalelektronischen Medien bearbeitetes Modell des Tunels konnte man als online zugängliches Exponat konzipieren: das war die Spezialität von Marc Grellert. Oder man konnte es in der universitären Lehre als e-learning-tool einsetzen: das Anliegen von Bruno Arich-Gerz. Unterstützt vom e-learning-center an der TU Darmstadt wurde das Papierkunstwerk in Nordhausen detailgenau fotografiert und in Darmstadt weiterverarbeitet zu einer Animation für den Computerbildschirm. Die charakteristischen Faltungen des Tunel-Originals blieben dabei erhalten und eine interaktive Navigation durch seine zwölf Seiten war möglich.

Die Besonderheit des 2004 in der literaturwissenschaftlichen Lehre eingesetzten und mit dem Best E-Teaching Award der TU Darmstadt ausgezeichneten „Lern- und Dokumentationsraums Tunnel“: Er basiert auf einer besonders zerfallsgefährdeten Quelle – dem lichtempfindlichen
Papierartefakt im Depot der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora – und spiegelt so die derzeitige Situation vieler Überlebender der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager wider.

In absehbarer Zeit werden auch die Letzten von ihnen nicht mehr leben, können also kein direktes Zeugnis über die Geschehnisse ablegen, die sie in den Lagern (üb)erlebt haben. Umso wichtiger ist es, jetzt ihre Zeugnisse aufzuzeichnen, zu erhalten und für zukünftige Generationen aufzubereiten: über technische Schwellen und Medienumbrüche wie die von der analogen Papier- und Buchdruckkultur hin zur digitalen Datenverarbeitungswelt des Computerzeitalters hinweg.

Die Digitalisierung des Tunnels steht exemplarisch für den Erhalt von Originalzeugnissen mit anderen, neuen medientechnischen Mitteln. Der virtuelle Tunel schärft so bei seinem Einsatz in der akademischen Lehre und seiner Verwendung als Ausstellungsexponat das Bewusstsein für zentrale erinnerungskulturelle Belange der Gegenwart.
Autor: nnz

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