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Sa, 11:09 Uhr
25.10.2014

nnz-Betrachtung: Ich bin dankbar

Ich bin dankbar. Trotz allem. Dankbar dafür, das mutige Menschen 1989 auf die Straße gegangen sind. Dankbar für diesen Mut und froh darüber, das wir die Revolution von 1989 eine friedliche nennen können. Eine Betrachtung von Angelo Glashagel...

Im Oktober 1989 war ich nicht ganz fünf Jahre alt. Meine Erinnerungen an die Zeit der Wende sind entsprechend vage und, bis auf einige Bildfetzen im Kopf, nicht existent. Die Großmutter die sagt, ich solle lieb sein, sie gehe jetzt zur „Demo“. In meiner Erinnerung zucke ich mental mit den Schulten und gucke weiter Die Sendung mit der Maus.

Die Familie wie sie zusammensitzt, gebannt Nachrichten schaut und die Großmutter in Tränen ausbricht. Das war der Mauerfall. Heute weiß ich das, weiß um die Bedeutung dieser Tage. Damals erfreute ich mich kindlicher Unbeschwertheit.

Unsere Welt und mit ihr unser Leben hat sich seitdem radikal gewandelt. Die Gegenwart, die Realität, die wir jeden Tag erleben, hat keinen Mangel an Problemen. NSU, NSA, TTIP, ISIS, Finanzkrisen, Lobbyismus, Kriege, Gier, Heuchelei, Korruption, Hartz IV, Plutokratie, Nationalismus, Rassismus, Apathie – die Liste ließe sich verlängern. Und doch bin ich dankbar. Trotz allem.

Mein Großvater war bei der Stadt angestellt, hat die Bürgermeister Nordhausens fast vier Jahrzehnte herum gefahren. Erst durch die DDR, später durch ganz Europa. Was wäre aus meiner Familie, was wäre aus mir geworden, wenn die Ereignisse 1989 eine andere Wendung genommen hätten? Wenn die „chinesische Lösung“ oder der „Vorbeugekomplex“ gewählt worden wären? 1989 stellte sich die Familie meines Großvaters in etwa so dar: die rebellierende Tochter: hat sich taufen lassen. Der Sohn: gen Westen entschwunden. Die Frau: ganz vorne bei den Demonstrationen mit dabei.

Der gestandene DDR Bürger kann sich ausmalen, wie die Folgen für unsere Familie ausgesehen haben könnten. Ich kann es nur vermuten. Meiner Großmutter wurde später von höchst offizieller Stelle bestätigt, das zumindest ihr Name tatsächlich auf den ominösen Listen der Staatssicherheit auftauchte, die heute verschwunden oder vernichtet sind.

Ich kann nicht wissen, was aus uns geworden wäre, denn es kam anders. Ich habe studieren können. Unabhängig von meinen politischen oder religiösen Ansichten oder denen meiner Familie. Ich habe Orte besuchen dürfen, von denen meine Eltern nur träumen konnten. Ich arbeite als Journalist, ohne das mir jemand mein Denken bestimmen oder mir das Schreiben verbieten könnte. Ich kann schreiben, bloggen, filmen, kommentieren und meine Sicht der Dinge offen kundtun, ohne Repressalien fürchten zu müssen. Ich kann mich mit anderen zusammentun, versuchen Einfluss zu nehmen, kann kritisieren ohne das meine Existenz oder die Zukunft meiner Kinder auf dem Spiel steht. Und dafür bin ich dankbar.

Ich gehöre zu einer Generation, die noch einen Rest an frühkindlich-sozialistischer Prägung in sich trägt, ob wir wollen oder nicht. Und wir sind noch nah dran an unseren Eltern und Großeltern, die den Sozialismus wie auch die Wendejahre tatsächlich erlebt haben. Aber auch meine Generation ist, so bilde ich mir sicherlich mit einem gewissem Grad an Vermessenheit ein, zumindest zum Teil in der Lage zu erkennen was gut war und verloren ging und was heute schlecht ist und verändert werden müsste.

Inwiefern grundlegende Veränderungen in Politik und Gesellschaft heute noch möglich sind, ist eine andere Frage. Es gibt Beispiele, wie die verhinderte Privatisierung der Wasserversorgung in der EU im vergangenen Jahr, die einen hoffen lassen. Und es gibt vieles, vieles, das einen ohnmächtig verzweifeln lässt. 1989 erreichte die Frustration mit dem System einen Grad, der den der Angst vor den möglichen Folgen des eigenen Handelns überstieg. Unsere Sorgen, Ängste und Zwänge sind heute andere als damals, unsere Sedative effizienter.

Aber wir können uns ohne Furcht artikulieren und einmischen. Das ist die Freiheit, die für uns gewonnen wurde. Ob wir in der Lage sind, diese Freiheit zu nutzen wenn es nötig wird, hängt von uns ab. Wer heute, in diesem Land, für eine gerechtere Gesellschaft demonstrieren geht, der muss nicht den gleichen Grad an Mut aufbringen, wie die DDR Bürger anno 1989. Wille, Durchhaltevermögen und Vernetzung angesichts globaler Kräfte
sind die Tugenden, die heute gefragt sind.

Was unsere Eltern und Großeltern in Nordhausen, in Leipzig und anderswo im Land geleistet haben, war mutig. Großartig sogar. Man muss all das, was danach geschehen ist, nicht pauschal gutheißen. Im Gegenteil. Man darf, man muss es kritisieren. Heute dürfen wir das. Und dafür haben die Menschen der DDR im Herbst 1989 meinen tief empfundenen Dank verdient. Trotz allem.
Angelo Glashagel
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Kommentare

25.10.2014, 19.06 Uhr
henry12 | was`n das ?
holla die waldfee, danke dafür, das es nicht so wurde, wie es hätte/ könnte/ würde möglich gewesen sein und danke dafür, das wir heute sprechen dürfen, ohne erschossen zu werden, was natürlich für die wahrheitsliebende presse gleichermaßen gilt.

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25.10.2014, 21.52 Uhr
suedharzia | Hallo henry12
Sie fragen..>was'n das ?<.....ganz einfach,
das ist die Meinung eines Bürgers und diese braucht nicht unbedingt mit Ihrer übereinstimmen !!!
Ich verstehe ja auch nicht,was Ihr Kommentar mit einer Waldfee zu tun hat, aber trotzdem dürfen Sie heute so einen Erguss schreiben.Schönes Wochenende Allen,sagt Suedharzia.

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25.10.2014, 22.46 Uhr
henry12
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