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Mi, 12:15 Uhr
23.09.2020
Dichterstätte "Sarah Kirsch" Limlingerode

Im Gedenken an Friedrich Hölderlin

Detail aus "Die Unbekannte" von Karin Kisker (Foto: H.Kneffel) Detail aus "Die Unbekannte" von Karin Kisker (Foto: H.Kneffel)
Meine geliebten / Tale lächeln mich an
Nach Corona- und Sommerpause lädt die Dichterstätte Sarah Kirsch am Sonnabend um 14:30 Uhr alle Interessierten zu ihrer ersten Herbstlesung nach Limlingerode in die Lange Reihe 11 ein...

Es geht in unserer Septemberveranstaltung um Friedrich Hölderlin, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr, am 20. März, zum 250. Male jährte. Sarah Kirsch verehrte den Dichter Friedrich Hölderlin sehr, weil sie wie er in der Natur jene höchste Kraft verehrte, aus der sich aller Sinn des Lebens speist. 1994 erhielt Sarah Kirsch den Hölderlin-Preis der Stadt Homburg.

„Meine geliebten /Tale lächeln mich an“. Diese Hölderlin Verse des Dichters, „An den Frühling“ adressiert, stellte die Kirsch ihrem Gedicht „Die Ebene“ voran eine Liebeserklärung an die unverstellte Natur - ein unprätentiöser, aber eindringlich-leidenschaftlicher Appell für ihren Erhalt: „Wie gelassen wäre der Abschied/Könnten wir in leichter Gewissheit/Dass diese Erde noch/ Dauert gerne doch gehen.“

2013 ist Sarah Kirsch gegangen. Ob sie gern gegangen ist? Der Konjunktiv stellt die Leichtigkeit einer solchen Gewissheit vielleicht infrage. Wir jedenfalls stehen immer noch da, stehen da in einer Welt, in der heute nichts so ungewiss scheint wie die Gewissheit selbst. Hölderlin betrat die Bühne seiner Welt zu einem Zeitpunkt, da der Mensch begann, sich der Wärmekraftmaschinen nutzbringend zu bedienen. Die Natur wurde so zur Ressource technisch automatisierter Schaffenskraft. Damit setzte der grundlegende Wandel im soziokulturellen Lebensraum des Menschen ein, welcher bis heute andauert und zu immer komplexeren Verbindungen zwischen Natur und Technik führt. Nichts bleibt künftig, was es ist, alles wird, was es sein soll. Wahr ist nur, was da steht, was der Dichter Strich für Strich über die Hand gefühlt und mit dem Herzen notiert hat. „Was aber bleibet, stiften die Dichter“, so der Schlussvers jener Elegie, mit der Hölderlin die südliche Natur Aquitaniens beschreibt. Er nannte es „Andenken“. Wer die elegischen Worte liest, hört ein Selbstgespräch, das mehr ist als bloße Erinnerung an den winterlichen Aufenthalt in Bordeaux 1801. Die Sprache denkt etwas an, das in exotischer Schönheit die Ruhe eines ewigen Bestandes andeutet, aber Gleichzeitig diesen Bestand auch als bedroht empfindet.

Hölderlin ist ein Dichter, der stets nach der Verkörperung des Absoluten strebt, nach der Idee des Reiches Gottes in der Natur, in Schönheit und Liebe empfunden. Vorbild sind ihm dabei immer wieder seine geliebten Griechen.

Der Kompromiss ist seine Sache nicht. Aber die schön zarte Gestalt des Dichters verkörpert in ihrer heldenhaften Unbedingtheit etwas Tragisches, das der modern transformierten Welt von heute in ihrer eigenen Dualität den Narrenspiegel vorhalten könnte. Die Dichtkunst war dem jungen Hölderlin schon früh zur Berufung geworden und das, obwohl die Mutter ihn lieber im Pfarramt gesehen hätte. Im Tübinger Stift absolvierte er das theologische Examen. Seine Zimmergenossen waren keine Geringeren als Hegel und Schelling. Aber weder Philosophie noch Dichtung boten Hölderlin ausreichend materielle Sicherheit. Für´s Pfarramt konnte er sich allerdings nicht erwärmen. Wechselnde Anstellungen als Hofmeister bedingten forthin seine prekäre Lebenssituation. Sein Landsmann Friedrich Schiller, der Hölderlin schätzte und förderte, vermittelte ihm eine Stelle als Erzieher bei Charlotte von Kalb. 1895 trat er beim Frankfurter Bankier Jakob Friedrich Gontard und dessen Gattin in Stellung. Hier entwickelt sich die tragische Liebesgeschichte zu Susette Gontard, der Mutter des ihm anvertrauten Zöglings. Eine Amour fou, die Literaturgeschichte schrieb und gleichzeitig die tragische Wende im Leben des Dichters einleitete. Susette gehört in der Dichtung forthin zu Hölderlin wie Beatrice zu Dante oder Laura zu Petrarca.
Allein war Hölderlin nie. Immer hatte er Kümmerer um sich. Doch das schützt ihn nicht vor der Einsamkeit, die ihm sein selbstgewählter Anspruch immer wieder beschert. Er galt seinen Mitmenschen als Sonderling. Eingeschränkt durch seine materielle Bedürftigkeit, mit der er sein Leben durch die Wirren der Zeit bringen musste, vereinsamt er als ein mit seiner Welt Unverbundener im Geist.

Der Weg nach Bordeaux, den er hin und zurück zu Fuß begeht, um vor Ort eine Hauslehrerstelle anzutreten, mutet an wie eine Pilgerreise, von der Hölderlin aus der Sicht der Anderen als ein Anderer gleichsam verrückt zurück kehrt.

Er arbeitet als Bibliothekar in Homburg, als im September 1804 der psychische Zusammenbruch eintritt. Gewaltsam erfolgt die Einlieferung in die Authenriethsche Anstalt, bevor der Dichter im Mai 1807 sein Tübinger Turm-Asyl beim Schreinermeister Zimmer „in lieblicher Bläue“ mit Blick auf den dahinfließenden Neckar bezieht. Von dort hat er Einsicht auf sein erfolgreiches Scheitern. Lange Zeit vermittelte sich dieses Scheitern dem Betrachter als ein äußeres Bild des Jammers. Doch vielleicht ist dieser Blick von außen ja nur die Sicht auf den eigenen Zustand, den wahrhaftig zu beschreiben eigentlich jede Absicht und Einsicht fehlt.

Noch 36 Frühlinge sieht Hölderlin in jenem seltsamen Zustand an sich vorüberfließen. Rätselnamen legt er sich jetzt zu, unterschreibt mit Buonarotti, später nur noch mit Scardanelli. Wenige Tage vor seinem Tod am 7.Juni 1834 entstehen die letzten Gedichte „Der Frühling und die Aussicht“.

Zu den wohl berühmtesten seiner Werke zählt das Gedicht „Hälfte des Lebens“. Visionär und emotional genau betrachtet es die Zweiteilung seiner Lebenswirklichkeit im Vorfeld aller Ereignisse.
Sie sind wie immer herzlich eingeladen, sich das Programm zu Friedrich Hölderlin am kommenden Samstag in der Dichterstätte zu Limlingerode anzuhören: 14:30Uhr, Lange Reihe 11.
Karin Kisker
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