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Sa, 14:56 Uhr
17.07.2021
Heidelore Kneffel gedenkt des 150. Geburtstages des Künstlers

Erinnerung an Lyonel Feininger

Wir erinnern an Lyonel Feininger, Grafiker und Maler, geboren am 17. Juli 1871 in New York, dessen Wirken auch in Nordhausen Spuren hinterlassen hat. Auf die Spurensuche begab sich für sie nnz Heidelore Kneffel...

Feiningers Nordhausen-Bild im Schaufenster  (Foto: H.Kneffel) Feiningers Nordhausen-Bild im Schaufenster (Foto: H.Kneffel)

Die Stadt Nordhausen am Harz steht in der Lyonel-Feininger-Landschaft Thüringens verzeichnet. Wieso ist das so? Es gibt von ihm vier Natur-Notizen (Skizzen) um die St.-Blasii-Kirche herum und drei Aquarelle von den Türmen dieses Bauwerkes. In der Stadt zeichnete der Künstler am 1. April 1932, dieses Datum steht auf den Blättern verzeichnet.

Erinnern wir uns! Dass der deutsch-amerikanische Maler und Grafiker Lyonel Feininger sich auch in Nordhausen aufgehalten und ein mittelalterliches Kirchenmotiv mehrmals gezeichnet hatte, war Anfand der 1990er Jahre nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Erst als ein Galerist aus Hamburg der Leitung des Meyenburgmuseums unter Claudia Ehser am 23. 10. 1992 ein Aquarell der St.-Blasii-Kirche anbot, „Nordhausen“ betitelt, erinnerten sich einige Bürger, dass man davon schon einmal gehört hatte.

Herbert Gerhardt, jahrelang an der Herausgabe des „Kirchliches Mitteilungsblattes“ für die evangelischen Gemeinden der Stadt Nordhausen beteiligt, wies nach Bekanntwerden des Aquarellangebotes auf die Nr. 8/9 1972 der Publikation hin, auf deren Titelblatt eine schwarz-weiß Reproduktion eines Bildes zu sehen ist, die beiden ungleichen Türme der Blasiikirche darstellend, erblickt durch zwei angeschnittene Häuser. Darunter stand: „Kirche St. Blasii Nordhausen“, Gemälde von Lyonel Feininger (1871 - 1956). In der Zwischenzeit ist bekannt, dass es sich hierbei um das dritte Aquarell dieses Motivs handelt, das Feininger 1947 schuf, als er wieder in den USA lebte. Es hängt in einer öffentlichen Kunstsammlung in den Vereinigten Staaten, und zwar in Chicago.
Auch darüber liegt eine Veröffentlichung vor.

Die „Nordhäuser Nachrichten Südharzer Heimatblätter“, eine 41 Jahre in der BRD herausgegebene Zeitschrift, nach der Vereinigung vom Stadtarchiv Nordhausen fortgeführt, brachte in der Ausgabe Nr. 93 von 1979 eine Abbildung des Blasiikirchen-Bildes von 1947, dazu einen Brief von Achim von Lorne. Er schreibt, dass er auf einer Konzertreise durch die USA bei einem Gang durch das „Art Institute“ in Chicago ein Bild entdeckte, das ihn ins Staunen versetzte. „Erst traute ich meinen Augen nicht, dann erkannte ich sie, die Blasiikirche, in der ich konfirmiert wurde - und dazu gemalt von Lyonel Feininger... Bis dahin wußte ich nicht, daß ein solches existiert, und vielleicht wäre es wissenswert auch für andere Nordhäuser...“

Durch Ruth Volke aus Oldenburg, auch einer ehemaligen Nordhäuserin, wurde eine farbige Postkarte von dieser Version beigesteuert, so dass man eine Ahnung von der Farbgestaltung dieses dritten Aquarelles bekam. Auf der Rückseite steht: Steeples of St. Blaise, Lyonel Feininger, American, 1871 - 1956, Gift of Annie Swan Coburn, The Art Institute of Chicago.

Die Neugier bei Kunstinteressierten in Nordhausen war also Anfang 1993 geweckt, und die Leitung des Meyenburgmuseums und der Förderverein „Forum der Künste“, der sich nach der Wende in Nordhausen gegründet hatte, wandten sich an den Feininger-Experten der Galerie Moritzburg in Halle, Wolfgang Büche. Der sagte seine Hilfe bei der Suche nach dem Termin von Feiningers Aufenthalt in Nordhausen zu, denn der Künstler schuf seine farbigen Ansichten von Bauwerken nur, wenn er vor Ort Skizzen angefertigt hatte, seine Natur-Notizen, sein „Erinnerungsarchiv“. Es gibt davon mehr als 6000 Blätter, aufbewahrt im Busch-Reisinger Museum, Havard University Art Museums, Cambridge, Mass., darunter auch die aus Nordhausen.

Im März 1993 hielt Büche im Meyenburgmuseum einen Vortrag über Feiningers berühmte Kirchenturmbilder und man erfuhr, dass der Künstler am 1. April 1932 in Nordhausen gewesen sein muß, denn mit diesem Datum hatte er vier Natur-Notizen gekennzeichnet, die das Viertel um „St. Blasii“ und besonders die ungleichen Türme dieser mittelalterlichen Kirche zeigen.

Bereits kurze Zeit danach schuf Feininger zwei Aquarelle von diesem Motiv, und zwar am 23. und 30. Mai 1932. Das vom 23. 5. ist dasjenige, das Nordhausen angeboten wurde. Es hat das Format 46 x 34,5 cm, ist signiert, betitelt und datiert. Der Farbauftrag bei den beiden angeschnittenen Häusern im Vordergrund ist impressionistisch, die Farbgebung spielt vom Gelbocker, über Brauntöne ins Schwarz. Die beiden ungleichen Türme sind linear aufgefasst, in Blautönen sparsam getuscht, mit weißgelassenen Stellen dazwischen.

Im Aquarell Nummer zwei wird das Lineare in der gesamten Komposition deutlicher betont, die Farbe Ocker herrscht vor, flächenhaft aufgetragen. Es hat den Titel „Sankt Blasius in Nordhausen“.
Das dritte Bild, wie eingangs dargelegt, entstand 15 Jahre späte. Feininger lebte seit 10 Jahren wieder in den USA, die Nationalsozialisten hatten ihn mit seiner Kunst als „entartet“ eingestuft und seine Bilder aus den Museen entfernen lassen. Die Abstraktion des Motivs der beiden ungleichen Türme ist intensiviert, es herrschen blaue und graue Farbtöne vor.
Wolfgang Büche zeigte auch Fotos der vier Natur-Notizen Feiningers und von den drei bekannt gewordenen Aquarellen von Nordhausen.
Es war klar, die Stadt Nordhausen konnte den Kaufpreis nicht allein auf ihre Schultern nehmen. Deshalb wurde ein Spendenkonto eingerichtet. Aber die Bürgerschaft der Rolandstadt war damals für den ideellen und materiellen Wert von Weltkunst noch nicht genug sensibilisiert. Die Kunstschenkung der Künstlerin Ilsetraut Glock, geb Grabe, hatte die Kunstlandschaft Nordhausens noch nicht verändert, die Kreissparkasse begann erst mit ihrem bemerkenswerten Kunstsponsoring.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Nordhausen seit 2002 einen Feininger in seiner städtischen Kunstsammlung besitzt, geschenkt von der gebürtigen Nordhäuserin Ilsetraut Glock: „Lagebesprechung bei Tisch“, farbige Zinkätzung, signiert in der Platte, 1916. Der Förderverein des Kunsthauses erwarb 2017 ein Blatt der „Naturnotizen“ und schenkte es dem Museum.

Im Feiningerjahr 2006 am 27. Mai fand in Nordhausen abends in und an der Blasiikirche der Abschluss des Festivals der Künste und Sinne, „Erlebnis Feininger“, initiiert von der Landesmusikakademie Sondershausen, statt. Die Veranstaltung in der Kirche stand unter dem Motto: „Kirche - Kunst Ė Musik“, mit Hans-Jürgen Grönke, der das Bauwerk und einige Kunstwerke vorstellte, und Eckhard Bürger an der Orgel. Die drei ausgestellten reproduzierten Feiningeraquarelle erläuterte Heidelore Kneffel, die bereits mehrfach über die Beziehung Feiningers zu Nordhausen publiziert hat. Als es dunkel war, begann eine farbige Lichtinszenierung an dem Gotteshaus mit Musik, dargeboten von Silke Gonska.
Am Pfarrhaus von St. Blasii weist ein auffallender Ständer auf die Beziehungen Nordhausens zu Feininger hin.
Heidelore Kneffel, Mitglied des Denkmalbeirates der Stadt Nordhausen
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