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Do, 12:30 Uhr
02.07.2020
Waldeslust und Waldesfrust

Die Fichte wird es nicht mehr geben

Lars-Kristian Kothe leitet seit 25 Jahren den Forstbetrieb von Knauf in Rottleberode. Doch das, was er in den zurückliegenden zwei Jahren erlebt hatte, das hätte er sich zuvor nicht vorstellen können. Wir waren mit ihm im Alten Stolberg unterwegs…

Dieser Fichtenwald am Reesberg ist gestorben, davor Wiederaufforstung mit Laubhölzern (Foto: nnz) Dieser Fichtenwald am Reesberg ist gestorben, davor Wiederaufforstung mit Laubhölzern (Foto: nnz)
Das Areal, das der Firma Knauf rund um den Alten Stolberg gehört, ist rund 850 Hektar groß. In den Jahren 1990/91 hatte das Unternehmen aus Iphofen ein etwas mehr als 300 Hektar Bergwerksfeld erworben. Genauer gesagt, das Grundrecht am darin liegenden Rohstoff. Bis Mitte der 1990er Jahre kaufte Knauf auch die zum Großteil bewaldete “Oberfläche” von Treuhand und BVVG. Das waren dann nicht nur die 315 Hektar Bergwerksfeld mit Tagebau, sondern insgesamt 850 Hektar. Die setzen sich laut Waldinventur aus
  • Rund 50 Prozent Buche,
  • 10 Prozent Eiche
  • 5 Prozent Edellaubholz,
  • 5 Prozent Weichlaubholz sowie etwa 30 Prozent Fichte und Lärche zusammen.
Ich fahre mit Lars-Kristian Kothe durch den Tagebau, hinein in den Wald, der an vielen Stellen eigentlich keiner mehr ist. Um ihn kümmern sich neben Kothe zwei weitere Forstmitarbeiter sowie Dienstleister, die einen Großteil der Arbeiten, zum Beispiel Holzernte und Aufforstung, erledigen.

„Die Fichte, ja, die gibt es seit 2018 und 2019 nicht mehr, sie hat sich komplett zurückgezogen“, berichtet der Förster. “Die ist einfach weg”, erzählt der Forstbetriebsleiter. “Das große Sterben begann im Januar 2018 mit dem Sturm Friederike. Im Alten Stolberg hinterließ er eine Spur der Verwüstung von 15.000 Festmetern Fichtenholz, das zum Teil wegbrach wie Streichhölzer. Diese Menge an Holz in wenigen Wochen aufzuarbeiten, bevor die Borkenkäfersaison begann, war schlichtweg nicht möglich”.

Dann kam das frühe, warme und trockene Frühjahr und der sich anschließende heiße und lange Dürresommer 2018. Der Borkenkäfer nistete sich zunächst im Sturmholz ein, vermehrte sich und hatte, bedingt durch die Trockenheit, in den noch verbliebenen und eigentlich noch gesunden Fichtenbeständen leichtes Spiel. Denn das natürliche Abwehrverhalten der Fichten, den Käfer durch Harzaustritt an den Einbohrlöchern zu stoppen, war außer Kraft gesetzt: Die Bäume konnten wegen der Dürre kein Harz bilden. Nicht nur das, der Borkenkäfer konnte unter den Bedingungen 2018 drei jeweils exponentiell wachsende Generationen bilden, die dann im darauffolgenden Jahr auch noch die letzten noch lebenden Fichten angriffen. Ähnlich erging es auch der Lärche, der der Lärchenborkenkäfer zusetzte.

Das Resümee der beiden Jahre allein für das Knauf-Revier im Alten Stolberg: Rund 200 Hektar Kahl- und Totholzflächen. Auch betriebswirtschaftlich ein Desaster. Mittlerweile ist der resultierende Holzerlös geringer als die Kosten für das Beräumen der Flächen vom Schadholz. Denn die Holzpreise rauschten drastisch in den Keller, weil fast überall in Deutschland und Mitteleuropa die Situation ähnlich war, so dass ein Überangebot an Fichtenholz den Markt überschwemmte. Vor allem die vielen privaten Waldbesitzer in Thüringen standen vor einer Katastrophe. Zum einen konnten die meisten kaum die Summen aufbringen, um die Sturmschäden zu beseitigen, zum anderen fehlt es an Rücklagen für die notwendige Wiederaufforstung ihrer Wälder.

Lars-Kristian Kothe vor einer Aufforstungsfläche am Reesberg (Foto: nnz) Lars-Kristian Kothe vor einer Aufforstungsfläche am Reesberg (Foto: nnz)
Und an dieser Stelle mahnt Kothe: „Den privaten Waldbesitzern muss jetzt finanziell stark unter die Arme gegriffen werden, die wenigsten Privatforstbetriebe – ob groß oder klein - sind wie Knauf in der Lage ihre Wälder bei der finanziellen Misere wieder aufzubauen“. Denn die gesamte Gesellschaft ist auf unsere Wälder angewiesen, nicht nur als Lieferant des nachwachsenden Rohstoffes Holz und als Erholungsraum, sondern auch als Erbringer der sogenannten Ökosystemleistungen: Unser Wald ist verantwortlich für die Reproduktion unseres Trinkwassers, er dient als Wasserfilter, Wasserspeicher und Wasserpumpe. Er dient erheblich dem Lokalklima, sorgt für saubere Luft, bindet im großen Maße das klimaschädliche Kohlendioxid, schützt vor Bodenerosion sowie Lärm und ist nicht zuletzt Lebensraum für Flora, Fauna und Lebensgemeinschaften.

„All diese Funktionen drohen mit dem neuen Waldsterben verloren zu gehen, es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, unsere geschädigten Wälder wieder aufzubauen“, meint Kothe. Dafür werden nicht Millionen von Euro benötigt, sondern Milliarden. Offiziell sind jetzt bereits 240.000 ha Wald deutschlandweit in Folge der Jahre 2018 und 2019 zerstört. Rund 10.000 Euro je Hektar wird man zur Wiederherstellung des Waldes und seiner Funktionen benötigen. Und so wird das Sterben weitergehen…

Zurück zum Alten Stolberg. Hier gibt bereits einen Wiederaufbauplan für das Knauf-Revier und Kothe ist zuversichtlich, dass sich der Wald wieder gut entwickeln wird. Innerhalb von zehn Jahren sollen die 200 Hektar Schadfläche wieder mit Baumarten bestockt werden, die dem Klimawandel trotzen und gleichzeitig in Zukunft in der Lage sein werden, den wertvollen Rohstoff Holz zu liefern. Dazu werden, so der Plan, jährlich 20 Hektar wiederaufgeforstet. Aus den einstigen Fichten- und Lärchenforsten wird so ein bunter Mix unterschiedlichster Baumarten entstehen. Die heimische Buche und Edellaubgehölze, wie Berg- und Spitzahorn oder Wildkirsche sowie Linde, Speierling und Elsbeere werden darin genauso Platz finden wie Baumarten, die aufgrund ihrer Herkunft für den Klimawandel gerüstet scheinen. Dies sind zum Beispiel Roteiche, Douglasie und Küstentanne. Wichtig dürfte dabei sein, eine ausgeglichene Mischung zu finden, die kleinflächig angelegt wird. So kann unter Umständen der Ausfall einzelner Baumarten in Zukunft besser kompensiert werden als dies durch die „Monokulturen“ gegeben ist. Dreißig Hektar sind es bereits, die auf diese Weise neu angepflanzt sind.

Freilich weiß Kothe auch, das andere Strategien besagen, den Wald einfach sich selbst zu überlassen. Dort würden Wälder sich sicher stabil entwickeln, aber das bräuchte viel mehr Zeit als unsere Gesellschaft für die drängenden Probleme wie die zügige Bindung von Kohlenstoff und die Produktion von Holz heute hat. Aber dennoch wird es auch im Knauf-Revier 3-5 Hektar geben, die man in der Entwicklung sich selbst überlässt. Auch daran kann für zukünftiges Handeln gelernt und beobachtet werden. Zum Beispiel welche Baumarten stellen sich ein, wie lange dauert es, bis auf den Standorten im Alten Stolberg wieder von Wald die Rede sein kann.

Weiterhin wünscht sich Kothe, dass jeder Forstbetrieb seine eigene Philosophie entwickeln und umsetzen solle. So könne eine Diversität entstehen, die sich für die kommenden Generationen als sehr hilfreich erweisen könne. Einige Entwicklungen werden durchaus auch in eine Sackgasse führen, aber insgesamt werde es einen Lernprozess geben.

Die 120 Jahre alte Elsbeere hat bislang alle Unbilden getrotzt (Foto: nnz) Die 120 Jahre alte Elsbeere hat bislang alle Unbilden getrotzt (Foto: nnz) “Trotz aller Diversität und Kleinteiligkeit, muss es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten gelingen, die Sichtweisen von Waldbesitzern und Gesellschaft in eine Bahn zu lenken. Der Wald wird auch weiterhin für Deutschland unverzichtbar sein. Im privaten Bereich werden wirtschaftliche Aspekte im Mittelpunkt stehen, der Bund und die Länder werden Naturschutzthemen favorisieren und die Kommunen auf den Erholungsfaktor setzen. Und als Werkstoff hat Holz aus deutschen Wäldern schon mehrere Jahrhunderte hinter sich, hat Milliarden von Tonnen an Kohlenstoff gebunden und wird das hoffentlich auch weiterhin tun”, sagt Kothe.

Und was wird mit der Fichte? „Die hat aller Wahrscheinlichkeit nach in unserer Region keine Chance mehr. Trotzdem nutzen wir auch sie untergerordnet und kleinflächig, um den Süden des Revieres zügig wieder in Bestockung zu bringen. Sie wird als ergänzendes Füllholz genutzt, um die Waldfunktionen schnell wieder zu erfüllen und den Markt an anderen derzeit wenig verfügbaren Baumarten zu entlasten“. Aber länger als 30 Jahre – so mutmaßt der Experte – wird sie nicht durchhalten, dann aber werden die begleitenden Mischbaumarten in der Lage sein, sie gänzlich zu ersetzen.
Peter-Stefan Greiner
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