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Mi, 12:45 Uhr
08.09.2021
historischer Schutzgraben soll erhalten bleiben

Tiefe Einblicke in Nordhausens Unterwelt

Ende 2019 machte Fotograf Michael Garke einen überraschenden Fund in der Nordhäuser Altstadt - unter dem Spendekirchhof trat ein Relikt aus dem zweiten Weltkrieg zu Tage. Der „Splitterschutzgraben“ gab einen Blick in die „Nordhäuser Unterwelten“ und den möchte Garke gerne erhalten und zugänglich machen…

Rund 200 Menschen sollten im Graben am Spendekirchhof Schutz und Zuflucht finden (Foto: Michael Garke) Rund 200 Menschen sollten im Graben am Spendekirchhof Schutz und Zuflucht finden (Foto: Michael Garke)


Exakt 1,40 Meter breit und 2,10 Meter hoch, Platz für 200 Personen - so sahen es die Spezifikationen für die „Splitterschutzgräben“ vor, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges die Zivilbevölkerung der Stadt vor den Bomben schützen sollten. Über die Jahre und Jahrzehnte sind die Spuren der Zerstörung, die der Krieg in Nordhausen hinterließ, beseitigt worden und weniger deutlich zu erkennen. Gerade für die jüngeren Generationen dürfte es schwierig sein, die Zeichen der Zeit noch zu deuten, vom verstehen oder gar nachempfinden ganz zu schweigen.

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Mit dem gut erhaltenen Bodendenkmal im Herzen der Altstadt hätte man die Möglichkeit, zumindest eine Ahnung der Zustände zu vermitteln, meint Michael Garke, der den gut drei mal 15 Meter langen Deckungsgang im September 2019 erstmals betreten und dokumentieren konnte. „Die Anlage war für bis zu 200 Personen gedacht aber es reicht schon, wenn man hier mit zehn bis 15 Leuten drin steht, um einem eindringlich vor Augen zu führen, was hier damals los war. Das ist einfach etwas anderes als an der Stele vor dem Rathaus zu stehen und nur zuzuhören“, meint der umtriebige Lokalhistoriker.

Aktuell liegt das Denkmal verschlossen und wird auch am kommenden Sonntag, zum Tag des offenen Denkmals, nicht geöffnet werden. Einen Blick hinein wird man trotzdem werfen können, zumindest wenn man in der nahe liegenden Bohlenstube in der Domstraße vorbeischaut oder ein Handy mit QR-Scanner dabei hat. Auf der fest verschlossenen Eingangstür zum Unterwelt-Tunnel hat Garke ein Plakat mit entsprechendem Code angebracht. Wird der gescannt, kann sich der geneigte Spaziergänger eines der Panorama-Bilder ansehen, die Garke während seiner ersten Expedition gemacht hat und so einen Blick hinter die Tür werfen. Wer danach mehr sehen und wissen will, kann den Lokalhistoriker am Sonntag in der Bohlenstube antreffen.

Er wolle das Thema jetzt unter die Leute und ins Bewusstsein der Stadt rücken, weil jetzt noch Zeit sei Pläne zum Erhalt der Anlage anzuschieben, erzählt der Fotograf mit Blick auf den Bau des Mensa-Gebäudes für das Humboldt-Gymnasium. Dieser dritte Bauabschnitt der Sanierung des Schulareals liegt noch ein Stück in der Zukunft, würde aber den historischen Graben tangieren. „Der zweite, im Moment verschüttete Zu-, bzw. Ausgang aus dem Tunnel würde den momentanen Plänen nach irgendwo in der Jungstoilette liegen“, erklärt Garke und das würde eine Nutzung unmöglich machen. Es wäre gut, wenn man das Stück Geschichte in den Neubau integrieren und vielleicht auch zugänglich machen könnte, so seine Hoffnung. Der Bau sei in gutem Zustand und könne mit vergleichsweise wenig Aufwand fit gemacht werden. Dass habe man auch der Nachlässigkeit der Nordhäuser zu verdanken, denn die hatten entgegen der Befehle der Sowjets die Anlage zu verfüllen, nur ein einzelnes Loch gebohrt und notdürftig mit Erde gefüllt. Der übersichtliche Erdhaufen müsste raus und ein bisschen Elektrik hinein, meint Garke. Eine entsprechende Anpassung der Neubaupläne sollte ohne größere Probleme möglich sein, schätzt Garke. Und wenn man einmal dabei ist, sollte man sich gleich die Stützmauer des Spendekirchhofes entlang der Barfüßer Straße kümmern, die dringend etwas Aufmerksamkeit bedürfe.

Seine Expeditionen in die Nordhäuser Unterwelt hat Michael Garke 2019 in Buchform festgehalten, nun will er das Stück Stadtgeschichte für die kommenden Generationen retten (Foto: agl) Seine Expeditionen in die Nordhäuser Unterwelt hat Michael Garke 2019 in Buchform festgehalten, nun will er das Stück Stadtgeschichte für die kommenden Generationen retten (Foto: agl)


Neben den „tiefen Einblicken“ zum Denkmaltag sind zusätzlich mindestens zwei Vorträge in der Traditionsbrennerei geplant. Am 23. September will Garke hier mit dem Publikum einen Blick in die Nordhäuser Unterwelten allgemein werfen und dabei auch die Anlage am Spendekirchhof näher beleuchten. In seiner vorangegangenen Vortragsreihe zur Geschichte unter unseren Füßen war das noch nicht möglich, weil der „Fund“ damals noch frisch war.

Wer es lieber oberirdisch mag und historisch interessiert ist, der kann sich den 21. Oktober vormerken, an dem Garke, ebenfalls in der „Tradi“, über die „Sieben Wunder“ der Stadt sprechen wird. Die Personenzahl ist coronabedingt limitiert, Karten gibt es im Vorverkauf in der Traditionsbrennerei unter 03631/63 63 63.
Angelo Glashagel
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Kommentare

08.09.2021, 17.46 Uhr
Rob2000 | Sehr interessant
und vorallem eine gute mit dem Erhalt.
Die Altstadt hat sonst großartig nichts mehr mit Alt zutun, ich finde das wäre eine sinnvolle Investition für die Geschichte...
Und vorallem, hat es Sinn!

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