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So, 08:15 Uhr
04.01.2026
Selbstwert

Wenn wir uns selbst verleugnen

In meiner täglichen Arbeit als Heilpraktikerin begegne ich immer wieder Menschen, die sich in einem Netz aus Anpassung verloren haben. Dieses ständige Zurücknehmen ist jedoch kein Charakterfehler, sondern oft eine tief sitzende Überlebensstrategie.

Wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse verleugnen, stecken meist zwei mächtige psychologische Motive dahinter: Die Sehnsucht nach Bindung oder die Vermeidung von Angst.

Die Wurzeln liegen in der Kindheit

​Diese Verhaltensmuster entstehen meist früh im Leben und verankern sich als feste Glaubenssätze. Damals waren sie lebensnotwendig, um Sicherheit und Zugehörigkeit innerhalb der Familie zu gewährleisten. Wer als Kind lernte, dass Liebe nur bei Wohlverhalten oder Leistung gewährt wird, trägt dieses Programm oft bis ins Erwachsenenalter.

​Der erste Schritt zur Veränderung ist es, diese Glaubenssätze überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Wenn wir erkennen: „Das ist ein altes Programm, das mich früher geschützt hat“, verliert es seine unbewusste Macht. Erst durch dieses bewusste Hinsehen können alte Muster Schritt für Schritt aufgelöst werden.

Selbsttest: Woran erkenne ich, dass ich mich selbst verleugne?

  • Fühle ich mich oft erschöpft, nachdem ich mit anderen zusammen war?

  • ​Fällt es mir schwer, eine eigene Meinung zu äußern, wenn diese von der Mehrheit abweicht?

  • ​Habe ich Angst, dass Menschen mich ablehnen, wenn ich einmal „Nein“ sage?

  • ​Glaube ich, dass ich für die Stimmung anderer verantwortlich bin?

  • ​Fühle ich mich oft innerlich leer, weil ich gar nicht mehr weiß, was ich eigentlich will?


Unterwerfung aus Sympathie: Das Drama des „Geliebt-werden-Wollens“

​Hier ist die Triebfeder die Hoffnung auf Verbundenheit. Man ordnet sich unter, um Zuneigung zu „verdienen".

  • Das Anlieben gegen die Kälte: In Beziehungen wird oft massiv investiert, um Distanz oder Kritik des Partners auszugleichen. Man passt sich bis zur Unkenntlichkeit an, in der Hoffnung, dass die eigene Geduld das Gegenüber irgendwann „erweicht“.


  • Das Aufwachsen im Schatten: Wer neben einem kranken oder sehr fordernden Geschwisterkind aufwuchs, lernte oft, sich unsichtbar zu machen. Dieser „Schattenplatz“ wird oft lebenslang beibehalten, in der Hoffnung, endlich einmal gesehen zu werden.


  • ​Der „Fels in der Brandung“: Die Angst, den Platz im Herzen anderer zu verlieren, führt dazu, dass man niemals „Nein“ sagt. Der eigene Wert wird ausschließlich über die Nützlichkeit für andere definiert.


Unterwerfung aus Angst: Der Preis der Sicherheit

​Hier geht es um die Vermeidung negativer Konsequenzen wie Kritik, Ausschluss oder Druck.

  • Beruflicher Druck: Aus Sorge vor negativen Beurteilungen funktioniert man schweigend weiter, auch wenn die Belastung die psychische Gesundheit längst angreift.


  • Soziale Anpassung: Man verleugnet eigene Werte, nur um nicht als „schwierig“ zu gelten und plötzlich emotional isoliert dazustehen.


  • Häusliche Eskalation: Man gibt bei jedem Konflikt sofort nach, um Lautstärke oder tagelanges Schweigen des Partners zu verhindern. Man opfert die eigene Wahrheit für einen brüchigen Frieden.


Wege zurück in die eigene Mitte: Was Sie für sich tun können

​Wenn wir uns innerlich ständig beugen, verlieren wir den Kontakt zu unserem wahren Kern. Um wieder mehr Selbstwirksamkeit und Selbstachtung zu erfahren, können kleine Übungen helfen:

  • Die „Innehalten“-Pause: Bevor Sie das nächste Mal sofort „Ja“ sagen, atmen Sie dreimal tief durch. Fragen Sie sich kurz: „Möchte ich das gerade wirklich oder möchte ich nur die Erwartung erfüllen?“


  • Kleine Wünsche benennen: Fangen Sie klein an. Äußern Sie Wünsche bei Dingen, die keine Gefahr bergen (z. B. bei der Wahl des Restaurants). Spüren Sie, dass die Welt nicht untergeht, wenn Sie eine eigene Meinung haben.


  • Glaubenssätze entlarven: Schreiben Sie Sätze auf wie „Ich bin nur wertvoll, wenn ich helfe“. Fragen Sie sich ehrlich: „Ist das heute noch wahr? Wer wäre ich ohne diesen Gedanken?“


  • ​Selbstmitgefühl praktizieren: Behandeln Sie sich selbst wie eine gute Freundin. Würden Sie von ihr verlangen, sich bis zur Erschöpfung aufzuopfern?


​Sich aus alten Verstrickungen zu lösen, ist ein Prozess, der Zeit erfordert. Doch mit jedem Mal, in dem Sie zu sich selbst stehen, wächst Ihr inneres Fundament und Ihre Selbstliebe.

Helene Kempe, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Autor: red

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Kommentare
Lautaro
04.01.2026, 10:38 Uhr
Naja Frau Kempe....
Als Filialleiterin bei Boss haben sie sicher etwas weniger Verständnis für die menschliche Psyche gezeigt.
der_böhse_onkel
04.01.2026, 14:05 Uhr
Mit wissenschaftlichen Versuch,
die Brandmauer auch von dieser Seite zu untermauern??!
(woran man das erkennt:
"Die Wurzeln liegen in der Kindheit" usw.)
Dabei widerspricht sie sich oft selbst, ihre Home-Seite ist noch schlimmer!!
Soviel zur Meinungs-Manipulation, die hier behandelt wird wie eine Krankheit.
Schönen Sonntag.
JuK
04.01.2026, 15:07 Uhr
Ein Text, der stärkt...
Ein sehr einfühlsamer und klarer Text. Besonders wohltuend ist, wie Sie Selbstverleugnung nicht bewerten, sondern als frühere Überlebensstrategie verstehbar machen. Das nimmt Schuld und öffnet Raum für Mitgefühl. Die Beispiele aus Alltag und Beziehungen sind gut nachvollziehbar, der Selbsttest lädt sanft zur ehrlichen Reflexion ein. Auch die kleinen Impulse am Ende wirken stärkend und realistisch. Ein Text, der sich gesehen fühlen lässt und Mut macht.
diskobolos
04.01.2026, 17:39 Uhr
Selbstverleugnung und Unterwerfung . . .
sind wohl das Gegenteil von Narzissmus und Egozentrik.

Wie so oft sind Extreme für ein gedeihliches Miteinander in Familie und Gesellschaft eher hinderlich . . .
Leser X
04.01.2026, 18:34 Uhr
Interessanter Beitrag...
... zu dem ich auch noch meinen unmaßgeblichen Senf hinzufügen möchte. Ich habe nämlich im Laufe meines Lebens feststellen müssen, dass Selbstverleugnung mitunter belohnt wird. Und das finde ich ungerecht.

Ich kenne Leute, die permanent die Meinung ihres Gesprächspartners vertreten. Dann sind sie natürlich everybodys darling und allseits wohlgelitten.

Trotzdem bin ich für mich froh, dieser Versuchung widerstanden zu haben. Klar, man hat dann weniger Freunde. Dafür aber mehr echte!
ManuSch
04.01.2026, 21:29 Uhr
Anregung zur Selbstreflexion!
Was für ein gelungener und ansprechender Artikel!
Die Empfehlung alte Muster zu überprüfen, die nicht hilfreich oder sogar hinderlich sind, um ein gutes Leben zu führen, sind eine gute und vielleicht sogar notwendige Möglichkeit aktiver das eigene Leben nach vorne zu gestalten.
Er beschreibt mit großer Klarheit und gleichzeitig viel Mitgefühl, wie leicht wir uns selbst verlieren, um dazuzugehören oder Konflikte zu vermeiden. Besonders wertvoll fand ich, dass die beschriebenen Muster nicht bewertet werden, sondern als das gesehen werden, was sie oft sind: früh erlernte Strategien zum Überleben.
Die Beispiele sind nah am Leben, der Selbsttest regt ehrlich zur Selbstreflexion an und die kleinen Übungen fühlen sich machbar und stärkend an. Ein wohltuender, kluger Text, der Mut macht, sich selbst wieder ernster zu nehmen und Schritt für Schritt zu sich zurückzufinden. Vielen Dank!
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