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Sa, 08:00 Uhr
31.01.2026
Angesehen und zugehört

Alles, außer gewöhnlich

Wer Theater und Oper liebt, kennt Rossinis Meisterwerk „Der Barbier von Sevilla“ – die einzige Oper des 19. Jahrhunderts, die immer auf Spielplänen zu finden war. Was Theater und Loh-Orchester am Freitagabend unter Federführung von Mechthild Harnischmacher da wieder auf die Bühne gebracht haben war einfach grandios und ließ Sabine Schröder gestern vor Begeisterung gar nicht einschlafen...
 
Gelungene Premiere am Nordhäuser Theater (Foto: S. Schröder) Gelungene Premiere am Nordhäuser Theater (Foto: S. Schröder)
Die Inszenierung folgte so gar nicht dem üblicherweise Erwarteten, und gerade das machte den Abend so besonders. Schon die Nutzung der Ouvertüre zur Vorstellung der Figuren und Charaktere ist ein Glücksgriff und macht es wirklich jedem leicht, der Handlung dieser turbulenten musikalischen Komödie und vor allem den Intentionen Harnischmachers zu folgen.

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Und die waren so genial wie auch erkennbar: der mehr als gelungene Spagat zwischen klassisch und modern. Und genau das ist auch Birte Wallbaum mit Bühne und in ganz besonderer Weise auch mit ihren Kostümen herausragend gelungen.
 
„Rossinis Musik war explosiv, vital, von ihr ging eine regelrecht euphorisierende Wirkung aus“ – so die Dramaturgin Juliane Hirschmann. Das Loh-Orchester hat das meisterhaft umgesetzt; dazu die rundum überzeugenden Stimmen der Künstlerinnen und Künstler, die Qualität und Ausdruck souverän vereinten. Zudem war alles mit viel Humor gewürzt; es gab sogar für das Publikum viel zu lachen.

Und man konnte als Zuschauer eben auch dazulernen, zum Beispiel, dass bei Entstehung dieser Oper der Zeitgeist eben den Männern 80% und den Frauen nur 20% der Gesangspartien gehörten. Bei dieser Inszenierung korrespondierte das zwar mit dem Eingesperrtsein Rosinas im Haus durch ihren Vormund, aber der gefühlte Gesangsanteil von Rosina und ihrer Dienerin und besten Freundin Berta auf Augenhöhe war deutlich und beabsichtigt viel höher. Diese Freundschaft, „die viel stärker ist als Hierarchie und Machtpositionen“ steht „deutlich im Kontrast zu den Männern, die sich permanent gegenseitig bestechen, ausspielen und die ihre überlegene Stellung im System ausnutzen“ – so Harnischmacher.

Und während damals bei Frauen eher Schönheit das bestimmende Element war, wird es hier bemerkenswert deutlich ersetzt durch Klugheit und Intelligenz. So sind Rosina und Berta nicht nur freundschaftlich eng miteinander verbunden, was auch in spannender Raffinesse ihres Rollentauschs seinen Ausdruck findet, sondern auch in ihrer Liebe zum Lesen von Büchern.

Dadurch wird diese Inszenierung letztlich zu einem „Plädoyer für mehr Verbundenheit in einer Zeit, in der wir Freundschaften mehr denn je brauchen.“ (aus: Kerstin Schweighöfer: Freundschaft – eine andere Form von Liebe. Geschichten über eine unbezwingbare Kraft).
 
Eigentlich bin ich übervoll von Eindrücken des gestrigen Abends und könnte noch unendliche Zeit von diesem Kunstgenuss erzählen. Jedoch: Wenn die Leserin und der Leser meiner Ausführungen noch mehr von „alles außer gewöhnlich“ erfahren möchten, dann unbedingt sofort Karten für die nächsten Vorstellungen sichern und Sie werden ganz bestimmt genauso begeistert sein wie das gestrige Publikum, dass die Leistungen mit nicht enden wollendem Applaus, sehr häufig schon zwischen den Szenen, mehr als berechtigt honorierte.
Sabine Schröder

Weitere Vorstellungen:
7. Februar (Restkarten), 20. Februar (beide 19.30 Uhr) und 1. März (14.30 Uhr), 20. März (19.30 Uhr) sowie 11. April (19.30 Uhr)
Autor: psg

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Kommentare
ArreeTim
31.01.2026, 10:03 Uhr
Zum großen Wurf fehlt der Blick auf heutige Realitäten, oder?
Die Aufführung bleibt fürs echte, heutige Leben in der Unschärfe des gepflegten Werteverfalls zurück. Denn heute ist die Erosion von Werten, vorsichtig gesagt, kein geschlechtsspezifisches Phänomen und zudem gesellschaftlich längst erstaunlich bereitwillig toleriert. Die Inszenierung zeigt eine moralische Klarheit, seinerzeit begrüßenswert, die man heute aber wiederum fast nur noch im Theater findet — im Leben herrscht längst die Unschärfe des gepflegten Werteverfalls...
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