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Di, 12:57 Uhr
16.06.2026
Horizont schließt zwei Werkstätten und "Harz Rigi"

Horizont 2.0

Nach über 30 Jahren im sozialen Gewerbe muss sich der Nordhäuser Horizont-Verein neu erfinden, um weiter bestehen zu können. Warum und wo dabei der Rotstift angesetzt wird und wie es in Zukunft weiter gehen soll, darüber hat heute Horizont-Chef René Kübler informiert…

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Horizont-Geschäftsführer René Kübler: "Wir werden den Kopf nicht hängen lassen." (Foto: agl)

In den Horizont-Werkstätten in Heringen und Ellrich gehen die Lichter aus, das Schullandheim Harz-Rigi wird auf ganz kleiner Flamme nur noch punktuell genutzt und der ökologische Gartenbau harrt noch der Dinge, die da kommen könnten - beim Horizont ist man im Moment dabei, die Weichen neu zu stellen und sich „gesund zu schrumpfen“. Die Konsolidierung werde nötig, weil die Grundlagen in der Sozialpolitik gerade verschoben werden, sagt Geschäftsführer René Kübler, der den Verein 1991 mitbegründet hat. „Wir sehen eine Entwicklung vom passiv sorgenden hin zu einem aktivierenden aber auch restriktiverem und reduziertem Sozialstaat, mindestens auf die nächsten 10 bis 15 Jahre hinaus. Auf diese gesellschaftliche Entwicklung müssen wir reagieren. Noch geht es uns finanziell gut, damit das so bleibt, müssen jetzt verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen werden.“, so Kübler im Pressegespräch.

Die Zeichen der Zeit
Die Zuschüsse im Sozialbereich sinken, die Verhandlungen mit den Kostenträgern werden härter und auf europäischer Ebene wird die Förderstruktur der letzten Jahrzehnte auf den Kopf gestellt. Der bis dato eigenständige europäische Sozialfonds „ESF“ soll in einen größeren Fördertopf überführt werden, in dem auch andere Bereiche wie etwa die Landwirtschaft bedient werden, berichtet Kübler. Die drei großen, roten Lettern des „ESF“ prangen heute landesweit auf einer Vielzahl an großen und kleinen Projekten, an manchen Stellen kommen bis zu 80 Prozent der Finanzierung von der europäischen Ebene, der Rest von Bund, Land, Kommune oder aus Eigenmitteln. „Die reguläre Reduzierung der ESF-Mittel haben wir in der Vergangenheit schon erlebt, das hat jetzt aber noch einmal eine andere Qualität. Vieles wird es in ein paar Jahren schlicht nicht mehr geben. Die sozialen Träger und damit auch uns wird das spätestens ab 2028 hart treffen. Wir können da schreien und schimpfen, oder wir können der Entwicklung nüchtern begegnen, analysieren und entsprechend handeln und genau das tun wir gerade.“, so der Vereins-Chef.

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Die Analyse: rund 400.000 Euro gibt der Verein im Jahr intern an Querfinanzierungen aus. Das war an sich keine schlechte Sache, man leistet sich Projekte, wie den Werkstatt-Hof in Heringen, die Sinn stiftend für die Teilnehmer sind, aber defizitär arbeiten. Mit dem Bau von Holzbänken und Waldschenken, wie man sie in der Tischlerwerkstatt in Ellrich gefertigt hat, lässt sich für problembeladene Menschen ein geregelter Tages- und Arbeitsablauf organisieren und ein Weg zurück in den Arbeitsmarkt ebnen, Gewinn macht man damit nicht. „Das Soziale ist ein Volksgut und sollte eigentlich gar nicht gewinnorientiert arbeiten müssen. Man ist hierzulande einen anderen Weg gegangen, der freie Wettbewerb der Träger sollte Kosteneinsparung bringen, was aber nie wirklich gut funktioniert hat. Uns stellt das jedes Jahr vor die Abwägung zwischen Gewinn und Mensch. Wir wollen den Menschen Gutes tun, da war immer unser Ansatz. Aber wir brauchen Gewinn um das tun zu können, denn ohne Gewinn würden wir, wie jedes andere Unternehmen auch, in die Insolvenz gehen und könnten niemanden mehr helfen“, sagt Kübler. Eine Vollfinanzierung, wie man sie in den 90er Jahren kannte, wäre wünschenswert, allein die Vorzeichen sind andere. In den letzten vier Jahren habe man knapp 50 Mitarbeitern kündigen müssen, der Vorstand wurde von fünf auf drei Stellen reduziert, aus dem Ehrenamt in das Hauptamt gebracht und einem Aufsichtsrat unterstellt. Druck sieht man auch auf der Haben-Seite: an den Stellen, an denen Gewinn erwirtschaftet wird, wie dem „Kochhaus“, wird es das Geschäft schwieriger.

Wir lassen den Kopf nicht hängen
Die Zeichen der Zeit haben sich auch in „Harz Rigi“ niedergeschlagen. Ein Minus von knapp 130.000 Euro habe das alte Schullandheim zuletzt eingefahren, jetzt wurde die Reissleine gezogen, zum Ende des Jahres soll der Betrieb heruntergefahren werden. Harz Rigi steht dabei nicht allein da, das Landheim „Schneckenhengst“ in Bleicherode hatte man schon vor fünf Jahren schließen müssen und auch die Kollegen im Jugendsozialwerk, die mit der Rothleimmühle ein großes Haus in bester Lage inmitten der Stadt haben, müssen sich mit Konsolidierungsfragen auseinandersetzen.

Beim Horizont soll die jährliche Querfinanzierung auf rund 100.000 Euro begrenzt werden. Möglich macht das die Schließung von zwei der sechs Werkstätten und die Finanzierung der Bleicheröder Werkstatt über das Arbeitsmarktprojekt des Landkreises für junge Bürgergeldempfänger, dass die Region wie auch den Horizont in den letzten Monaten wiederholt in die Schlagzeilen gebracht hatte.

In Summe hat der Kreis für die Durchführung der Maßnahme 150.000 Euro in den Haushalt eingestellt, in der nächsten Runde soll der „aufsuchende Ansatz“ in Begleitung uniformierter Mitarbeiter des Vollzugsdienstes auf weitere Altersgruppen ausgeweitet werden. „Das ist der aktivierende, fürsorgliche aber auch fordernde Sozialstaat, den wir brauchen. Ich habe als Heimerzieher angefangen, gerade junge Leute brauchen mitunter den Anstoß und sollten nicht auf Wochen und Monate hin allein gelassen werden. Auf der anderen Seite hat auch der Landrat gesehen, dass die ‚klare Ansage‘ allein bei einigen Leuten nicht reicht und es bei Personen mit vielschichtigen Problemen die Wege in die Beschäftigung mitunter nicht so leicht sind, wie man sich das als Außenstehender vielleicht vorstellt.“ Für die Unterstützung von Seiten des Landratsamtes und des Jobcenters sei man dankbar, sagt Kübler. Heringen und Ellrich werde man nicht völlig aufgeben, statt des festen Standortes sollen alle zwei Wochen „mobile Arbeitsgelegenheiten“ vor Ort angeboten werden, Gespräche mit den Bürgermeistern habe es bereits gegeben.

Eine Zukunft sieht man auch für den ökologischen Gartenbau in Herreden. Der steht ebenfalls mit 60.000 Euro im Jahr in der Kreide, könnte in den Plänen des Horizont aber noch eine Rolle spielen. Zurzeit prüfe man die Ausgründung eines eigenständigen „Inklusions-Unternehmens“, erläutert Kübler, ein Dienstleister, der vor allem Menschen mit Behinderung beschäftigen soll. Anders als etwa bei den Werkstätten der Lebenshilfe solle den Mitarbeitern hier mehr als ein Handgeld gezahlt werden, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Sinne des 1. Arbeitsmarktes werde das Ziel sein, so Kübler. „Nicht jeder Mensch, der eine Behinderung hat, passt in eine Werkstatt und viele können, mit ein wenig Begleitung, geregelter Arbeit nachgehen. In Thüringen gibt es bereits einige solche Betriebe, aber nicht bei uns im Norden.“ Hier könnte vielleicht auch der Gartenbau angebunden werden und eine neue Heimat finden, in trockenen Tüchern ist die Idee aber noch nicht, man sei noch im Entstehungsprozess.

Essenziell wichtige Projekte wie die Schulsozialarbeit, die Jugendgerichtshilfe oder die direkte Beratung vor Ort Sozialraum über Angebote wie „ThINKA“ und „Agathe“ werde man weiter halten und auch eine Institution wie das „Haus der Generationen“ stehe nicht zur Disposition, sagt Kübler. Die Idee, mit der man in den 90er Jahren gestartet ist, will er fortführen, gerne bis er selber seine 40 Jahre im Horizont voll hat, erzählt Kübler. Der „Horizont 2.0“ werde dann anders aufgestellt sein als damals, aber die Kernaufgabe den Menschen Gutes zu tun, werde die gleiche bleiben.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Warren
16.06.2026, 13:50 Uhr
Monika Schnitzer, die Chefwirtschaftsweisee
sprach es vor kurzem schon öffentlich an:
"Müss der Staat seinen Bürgern überhaupt etwas Gutes tun ?"
Die Aufgaben werden neu verteilt
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